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Unterwegs im Wendland: Ohne Netz – ohne Chance!


Ohne Anschluss geht auf dem Land das Licht aus

Ein Gastbeitrag von Inga Höltmann

22.08.2019Lesedauer: 3 Min.
Meinung
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Sonnenaufgang bei Lüchow-Dannenberg: Ohne bessere technische Infrastruktur werden noch mehr Menschen die ländlichen Regionen verlassen, befürchtet unsere Gastautorin.Vergrößern des Bildes
Sonnenaufgang bei Lüchow-Dannenberg: Ohne bessere technische Infrastruktur werden noch mehr Menschen die ländlichen Regionen verlassen, befürchtet unsere Gastautorin. (Quelle: Archivbild/imageBROKER/Georg Stelzner/imago-images-bilder)

Ein Internetanschluss bedeutet Teilhabe an der Gesellschaft. In vielen ländlichen Regionen in Deutschland ist das jedoch graue Theorie – mit schwerwiegenden Folgen für die Bevölkerung und lokale Wirtschaft. Die Journalistin Inga Höltmann berichtet für t-online.de aus ihrer von Funklöchern zerfressenen Heimat.

Ich war am Wochenende auf einer Hochzeit im Wendland.

Das Wendland ist eine schöne, aber sehr ländliche Region in einem (nord-)östlichen Zipfel von Niedersachsen, der nach Sachsen-Anhalt reinragt, etwa eine Zugstunde von Hamburg entfernt. Ich bin von Berlin mit dem Zug durch Brandenburg nach Salzwedel in Sachsen-Anhalt gefahren und habe mich dort abholen lassen.

Wir haben in einem alten Landgut in der Nähe von Lüchow gefeiert, Kreisstadt des Landkreises Lüchow-Dannenberg, etwa 10.000 Einwohner, Tendenz fallend. Ich hatte keinen Telefonempfang mehr, nachdem wir Spandau verlassen hatten (kein Witz) und war von Freitag bis Sonntag nahezu komplett offline. Es gab im Landgut zwar WLAN, aber es war so schwach, dass es nicht einmal ausreichte, um abends Musik über Spotify zu spielen. Und auch nicht einmal WhatsApp-Nachrichten gingen durch.

Gefühlt steht jedes zweite Haus leer

Der Breitbandausbau ist in vielen Bereichen von Lüchow-Dannenberg nahezu zum Erliegen gekommen. Die Telekom hat alles so weit ausgebaut, wie sie sich etwas davon verspricht beziehungsweise daran verdienen kann. Um den Rest anzuschließen, wäre der Landkreis zuständig, der aber kein Geld hat.

Das Landgut liegt – zusammen mit einer Schule, einem Betrieb und ein paar hingeworfenen Häusern – hinter einem alten, überwucherten Bahnübergang. Weil es wohl 10.000 Euro extra kosten würde, drunter durchzubohren, um die Leitungen zu verlegen, wird das Landgut wohl erst einmal nicht an das schnellere Internet angeschlossen.


Derweil steht in Dannenberg (die zweite namensgebende Kleinstadt im Landkreis, ebenfalls knapp 10.000 Einwohner) mittlerweile gefühlt jedes zweite Haus leer. Winzige, uralte Fachwerkhäuser, wunderschön, aber leer.

Die Gemeinde hat ein Programm aufgesetzt, um Geschäfte, die zumachen, möglichst schnell zu ersetzen, damit die Stadt nicht immer schneller verödet. Meine Freundin, die dort lebt, versucht viel lokal zu kaufen, um zu helfen, die Infrastruktur vor Ort zu erhalten, aber man bekommt dort vieles gar nicht mehr, das über den Bedarf des täglichen Lebens hinausgeht.

Eine Spirale, die sich nach unten dreht

Und ich befürchte, dass das ein sich gegenseitig verstärkender Prozess sein wird: Ohne technische Infrastruktur – wie schnelles Internet – werden immer mehr Menschen gehen. Es gibt dort ja nur sehr limitiert Jobs. Schon wer Abitur gemacht hat, geht mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit. Nur wenige kehren zurück. Und je weniger Menschen in diesem Landstrich leben, umso weniger Anreiz und Ressourcen gibt es, ihnen etwas anzubieten.

Das ist die Lebensrealität für viele Menschen in Deutschland, einer der reichsten Nationen der Welt. Eine Nation, die gerade dabei ist, ihre Zukunftsfähigkeit zu verspielen, weil sie das nicht ernst genug nimmt und zu wenig investiert. Weil wir schnelles Internet als "nice to have", aber nicht als notwendige Infrastruktur wie Strom oder Wasser ansehen.

In 20 Jahren hat sich nichts getan – beschämend!

Doch wenn wir ländliche Räume entwickeln und erhalten wollen, brauchen wir dort Internetzugang! Gerade entstehen einige Co-Working- und Co-Living-Konzepte abseits der urbanen Räume in solchen Gebieten und ich glaube, dass da viele Chancen drinstecken, um Stadt und Land wieder miteinander zu verknüpfen und ländliche Räume wieder zum Leben zu erwecken – aber nutzbares Internet ist auch dafür unabdingbar.

Ich bin gelegentlich im Wendland und weiß, wie wenig Empfang man dort hat, doch ich bin erstaunt und zunehmend auch etwas erzürnt darüber, wie wenig sich tut. Eigentlich hat sich, seit ich dort vor 20 Jahren wegzog, gefühlt nicht viel getan, und das versetzt mich in allergrößte Unruhe.


Es ist mir einfach komplett schleierhaft, warum man im Jahr 2019 mitten in Deutschland nicht einmal ein Lied über Spotify abspielen kann, weil die Internetverbindung zu schwach ist. Und es ist mir auch komplett schleierhaft, warum wir das hinnehmen, als sei es nicht zu ändern.

Es ist beschämend.

Dieser Gastbeitrag ist zuerst hier erschienen.

DIE AUTORIN

Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Gründerin der "Accelerate Academy", einer Plattform für Neues Arbeiten und neues Lernen, und Macherin der New Work Masterclass, einem innovativen Format für die Aus- und Fortbildung in der Arbeitswelt. Sie ist außerdem ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und der Deutschlandfunk Kultur. Twitter: @ihoelt

Verwendete Quellen
  • Dieser Gastbeitrag ist zuerst hier erschienen.
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