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Facebook-Chef Zuckerberg ging es nie um Redefreiheit

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

01.07.2020Lesedauer: 5 Min.
Facebook und Mark Zuckerberg (Symbolbild): Der Facebook-Chef zögerte, bei Hassreden durchzugreifen.
Facebook und Mark Zuckerberg (Symbolbild): Der Facebook-Chef zögerte, bei Hassreden durchzugreifen. (Quelle: photothek/Fotomontage/Privat/imago-images-bilder)
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Lange schaute Facebook weg, wenn auf der Plattform Hass und Hetze verbreitet wurden. Erst jetzt – als viele Werbekunden kündigen – reagiert das Netzwerk. Das ist viel zu spät.

Ich bin Gütersloherin. Dort geboren und aufgewachsen. Natürlich wusste ich, wie alle, was bei Tönnies los ist. Wie die Leute da arbeiten. Die armen Schweine, die Schweine schlachten und/oder zerlegen.


Diese Postings hat Facebook nicht gelöscht

Reconquista Internet hat Beiträge an Facebook gemeldet, die aus Sicht der Organisatoren Hassrede waren. Das sind Beispiele, in denen Facebook keinen Verstoß gegen seine Standards gesehen hat. Dieses hier ist beispielsweise kein Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards bei Facebook. Zum Test hatte ...
... Reconquista Internet im Februar 153 Text-, Bild- und Videobeiträge an Facebook gemeldet. Bei jedem einzelnen war die Initiative überzeugt, ...
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Während meiner Abizeit, Ende der Neunziger, stand ich einmal neben einem Schweinetransporter an einer Ampel. Alltag in Gütersloh. Es war heiß, der Transporter randvoll. Die Schweine steckten ihre Schnäuzchen zwischen den Gittern hervor. Vielleicht ahnten sie, was ihnen bevorstand. Ich wusste es. Weinend beschloss ich, kein Fleisch mehr zu essen. Und das tat ich auch. Für anderthalb Jahre. Dann wurde es mir zu unbequem. Ich wohnte nicht mehr in Gütersloh, sah also keine Transporte mehr; ich mochte Fleisch, also aß ich es auch wieder. Wir Menschen sind super im Verdrängen.

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So ähnlich verfahren wir auch mit Social Media. Wir und die Politik.

#StopHateForProfit

Es liest sich ganz wunderbar: Unilever, Coca Cola und andere, inzwischen fast 100 Unternehmen, schalten keine Werbung mehr auf Facebook. Ihnen reicht's. Die USA erleben gerade eine Corona-Schockwelle entsetzlichen Ausmaßes. Ende nicht in Sicht. Und gleichzeitig eine Rassismus-Schockwelle. Die Polarisierung schreitet weiter voran, und Facebooks Anteil daran, so argumentieren die Firmen – und sie haben Recht – sei immens: Aus Gier habe Facebook Hass und Hetze keine Grenzen gesetzt. Der Hashtag zum Boykott lautet folgerichtig: #StopHateForProfit.

Dass dieses Jahr in den USA gewählt wird, heizt die Stimmung weiter an. Denn der prominenteste und mächtigste Scharfmacher – Präsident Donald Trump – will im Weißen Haus bleiben, und er pumpt dafür Unmengen Geld in Facebook. Wie so viele Populisten hat auch er früh das Potenzial von Social Media erkannt, speziell das der Riesenmaschine Facebook. Da sind die Älteren unterwegs. Potenzielle Wähler, die er erreichen will.

Laut Tommaso Valletti, Professor fĂĽr Ă–konomie am Imperial College in London, setzt Facebook dieses Jahr allein 800 Millionen Dollar mit Wahlwerbung um. Acht-hun-dert Millionen.

Plötzlich will Facebook gegen Lügen vorgehen

Von den oben genannten Firmen und vielen anderen jedoch kommt jetzt für's Erste nichts mehr rein. Die Folge: Die Facebook-Aktie brach ein, der Facebook-Chef, bis dato ein sehr engagierter und aufrechter Kämpfer für die Redefreiheit – so verkaufte er zumindest sein sensationell laxes Vorgehen gegen Hass und Hetze – knickte ein. Zumindest ein bisschen.

Noch vergangenen November hatte Mark Zuckerberg erklärt, Wahlwerbung nicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Als Twitter erst kürzlich einen mal wieder mit Falschbehauptungen gespickten Tweet von Trump mit einem Link zu einem Faktencheck versah, erklärte Zuckerberg flugs, so was würde bei Facebook ganz sicher nicht passieren.

Nun. Was passiert ist: Zuckerbergs Unternehmen, an dem er über 50 Prozent der Anteile hält, verlor durch den aktuell laufenden Boykott mal eben 53 Milliarden Euro an der Börse. Drei-und-fünfzig Milliarden. Und siehe da: Ganz so aufrecht und engagiert war Zuckerberg plötzlich gar nicht mehr hinter der Redefreiheit her. Man werde künftig stärker gegen Hate Speech UND LÜGEN vorgehen, sagte er plötzlich. Es geht, man ahnte es ja bereits und weiß es nun definitiv, Zuckerberg also nie um Redefreiheit. Es geht schlicht und einfach ums Geld.

Die Wunden in der Gesellschaft sind kaum heilbar

Bevor wir uns jetzt aber alle zurücklehnen, weil die Welt nun ein besserer Ort wird – dank kapitalistischer Unternehmen – halten wir uns zweierlei vor Augen: Es scheint erstens zu gehen, wenn Zuckerberg nur will. Das, was die Politik seit Jahren nicht hin bekommt und aus Angst vorm Scheitern nicht mal mehr richtig anpackt, könnte klappen.

Zweitens: Es ist doch längst zu spät. Das Zögern der Politik, Zuckerbergs Raffsucht, seine Salamitaktik (eine weitere Parallele zu Tönnies), immer nur dann ein bisschen durchzugreifen, wenn die Hütte wirklich brennt, haben schon dermaßen tiefe Wunden in unsere Gesellschaft gerissen, dass sie kaum noch heilbar scheinen. Die Demokratie wurde quasi jahrelang mit dem Schlachtermesser malträtiert.

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Was Pizzagate mit Facebook und Twitter zu tun hat

Und damit sind wir bei der Pizza. Genauer: bei Pizzagate, einer Verschwörungstheorie aus dem Jahr 2016 – dem Jahr, in dem Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. Im Zentrum von Pizzagate steht Hillary Clinton, die für die Demokraten gegen ihn antrat. Sie soll, so die völlig irrsinnige Mär, in Verbindung stehen zu einer Pizzeria in Washington D.C., die wiederum mit Kinderpornografie zu tun hat.

Klingt fĂĽr Sie verrĂĽckt? FĂĽr mich auch. FĂĽr viele andere aber nicht. Ende 2016 zum Beispiel drang ein Mann mit einem Gewehr bewaffnet in die besagte Pizzeria ein: Er wollte die angeblich im Keller festgehaltenen Kinder befreien. Zum GlĂĽck wurde niemand verletzt. Ihm zur Seite sprang jĂĽngst Robbie Williams. Seine Interview-Aussage, Pizzagate sei bis heute nicht widerlegt, ging vergangene Woche viral.

Aber Pizzagate feiert auch ohne Robbies Hilfe ein Comeback: bei Tiktok. Da, wo die jungen Leute gerade alle sind. (Gut, Dieter Bohlen tummelt sich da neuerdings auch, das heißt der Countdown läuft, bald ziehen die Jüngeren weiter. Noch aber sind sie da.) Auf der chinesischen Plattform kursiert zurzeit Pizzagate in abgewandelter Form. Und jetzt raten Sie mal, über welche Kanäle Pizzagate damals, 2016, erst wirklich das große Publikum erreichte? Richtig: Facebook und Twitter. Und zu wessen Wahlkampfteam gehörte ein Mann, der daran bedeutenden Anteil hatte? Wieder richtig: zu Trumps Wahlkampfteam.

Pizzagate ist in der Welt, und selbst wenn Trump wiedergewählt werden sollte, dürfte Pizzagate sich länger halten als er: Nach seiner zweiten Amtszeit wäre für ihn definitiv Schluss. Für Pizzagate und anderen Irrsinn, der durchs Netz wabert, gelten keine Gesetze.

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Warum es trotzdem schön ist, auf Facebook zu sein

Aber wissen Sie was? Ich bin trotzdem bei Facebook. Und bleibe da auch. Es gibt Menschen quer über den Erdball verstreut, denen ich keine Mail schicken würde, weil wir uns dafür nicht nah genug stehen und mir die Zeit fehlt. Wenn ich aber in der Tram sitze oder beim Friseur und durch meinen Feed scrolle, dann sehe ich, dass Dipika aus Neu-Delhi ihrer Tochter einen Geburtstagskuchen gebacken hat. Oder Maud in Brüssel mit ihrem Freund zusammenzieht. Das finde ich schön und klicke dafür gerne den Daumen in der Hoffnung, dass sie sich darüber freuen. Ich werde Facebook nicht boykottieren. Ich kann super verdrängen.

Mir und den anderen Anständigen unter den rund drei Milliarden Facebook-Nutzern auf der Welt bleibt nur die Hoffnung, dass die Politik sich jetzt nicht zurücklehnt und sagt: "Der Markt regelt". Denn der darf Demokratie nicht regeln. Das müssen schon andere tun. Diejenigen, die eine Mehrheit von uns gewählt hat.

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