Praxistest in Weimar

Raus aus dem Lockdown dank Luca-App?

24.04.2021, 12:29 Uhr

Eine Frau zeigt einen QR-Code in der Luca-App: Die App eines Berliner Start-ups soll Gesundheitsämtern die Nachverfolgung von Kontakten erleichtern. (Quelle: Karina Hessland/Reuters)

Die Check-in-App Luca soll die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Kontakten von Corona-Infizierten unterstützen. Kritiker haben Zweifel, ob das in der Praxis funktioniert. Die Stadt Weimar hat es ausprobiert. 

Trotz anhaltender Kritik und Sicherheitsbedenken wollen viele Bundesländer am Einsatz der Luca-App zur Bewältigung der Corona-Pandemie festhalten. Damit Geschäfte, Kinos, Hotels, Restaurants und Konzerthallen möglichst gefahrlos öffnen können, soll das System Besucher am Eingang digital erfassen und deren Kontaktdaten im Infektionsfall an die zuständigen Gesundheitsämter weiterleiten. 

Die Stadt Weimar in Thüringen hat im Rahmen ihres Modellprojekts ausprobiert, wie gut die von dem Musiker Smudo beworbene App funktioniert. Das Fazit nach einem Monat im Testbetrieb fällt durchwachsen aus. 

So funktioniert der Check-in in der Corona-Warn-App

Das langersehnte Update der Corona-Warn-App des Bundes ist da. Die neue Version beinhaltet nun auch eine Check-in-Funktion. (Quelle: t-online)

Wer ein Treffen oder eine Veranstaltung plant, kann nun einen QR-Code erstellen. Dieser wird von den Teilnehmern gescannt. (Quelle: t-online)

Wird nach der Veranstaltung jemand positiv getestet, erhalten alle anderen eine Warnung und können sich beim Gesundheitsamt melden. Anders als die Luca-App funktioniert die Corona-Warn-App anonym. (Quelle: t-online)

Die Funktion findet sich nach dem Öffnen der App direkt unter den aktuellen Fallzahlen. (Quelle: t-online)

Hier sind alle bisherigen Check-ins und QR-Codes abgelegt. Mit einem Klick auf den Plus-Button kann man einen neuen Code erzeugen. (Quelle: t-online)

Der Ersteller kann eine Kategorie auswählen. Hier wird deutlich, dass sich die Check-in-Funktion in ganz verschiedenen Situationen als nützlich erweisen kann – von der privaten Feier, über Kulturveranstaltungen und Vereinsaktivitäten bis hin zum Büro-Meeting. (Quelle: t-online)

Im nächsten Schritt gibt der Ersteller einen Veranstaltungstitel, einen Ort und Zeitraum an. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist vor allem in der Gastronomie oder dem Einzelhandel sinnvoll, wenn Besucher kommen und gehen. (Quelle: t-online)

Nutzer müssen ein Datum und eine Uhrzeit angeben. (Quelle: t-online)

Anders als bei der Luca-App sind die Angaben nicht für Dritte einsehbar. Nutzer können beliebige Orte angeben. Eine Überprüfung von Namen, Adressen oder Telefonnummern findet nicht statt. (Quelle: t-online)

Der QR-Code für die Privatfeier wurde erstellt und kann jetzt in der Ablage aufgerufen werden. (Quelle: t-online)

Nutzer können den Code ausdrucken und beispielsweise am Eingang zum Veranstaltungsort aufhängen. Oder Teilnehmer scannen ihn direkt vom Bildschirm ein. (Quelle: t-online)

Jetzt können sich alle selbst einchecken. Wurde eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer angegeben, wird der Besucher nach Ablauf automatisch ausgecheckt. Andernfalls erfolgt der Check-out mit dem Ende der Veranstaltung. (Quelle: t-online)

Erstellte QR-Codes und vergangene Besuche lassen sich jederzeit aus dem Gerätespeicher löschen. (Quelle: t-online)

So sieht es aus, wenn Sie irgendwo eingecheckt haben: Eine rote Zahl erinnert den Nutzer an noch aktive Check-ins, damit sie nicht vergessen, sich wieder auszuchecken. Andernfalls bleiben sie virtuell anwesend und werden unnötigerweise auch dann noch alarmiert, wenn ein Infizierter den gleichen Ort lange nach ihnen aufgesucht hat. (Quelle: t-online)

Shoppen nur mit Registrierung?

Im Einzelhandel etwa biete die Nutzung der App so gut wie keinen Mehrwert, da das Ansteckungsrisiko durch das Gesundheitsamt ohnehin als gering eingeschätzt wird, heißt es im ersten Evaluationsbericht. Die Kontaktnachverfolgung im Einzelhandel sei "unterm Strich wirklich Blödsinn", sagt Weimars Oberster Bürgermeister Peter Kleine im Gespräch mit t-online. Dafür sei die App schlicht nicht gemacht. In Weimar etwa fielen in drei Testabfragen 655 Datensätze ab. Kein einziger Kontakt war es aus Sicht des Gesundheitsamtes der Rede wert, nachverfolgt zu werden. 

Kritikerinnen wie die Linken-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg fühlen sich durch solche Zahlen bestätigt. Die App produziere Unmengen an nutzlosen Daten für die Gesundheitsämter, während auf der anderen Seite ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelt werde. "Das ist wie Zuckerpillen einzuwerfen", kritisiert Domscheit-Berg. "Diese App ist ein Placebo, sie hat gar keine Wirkung." 

Luca wurde auf Drängen der Landesregierung eingeführt

Weimars Bürgermeister Kleine sieht das anders: Bei Sport- und Kulturveranstaltungen könne Luca durchaus gute Dienste leisten, glaubt er. Dass Luca in Weimar schon im ersten Öffnungsschritt eingeführt wurde, sei auf Drängen der Landesregierung geschehen. Das Modellprojekt im Einzelhandel hätte sonst nicht starten können. "Wir sind vom Freistaat Thüringen dazu verpflichtet worden, die digitale Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten", sagt Kleine.

Die Luca-App lag als Lösung nahe – sie sei zu diesem Zeitpunkt bereits "in aller Munde" gewesen. "Das war mit Sicherheit auch ein Stück weit Marketing", räumt Kleine ein. Nachdem aber Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg die App bereits erworben und deren Unbedenklichkeit indirekt bescheinigt hatten, habe man sich auch in Weimar gedacht: "Das kann ja dann gar nicht so schlecht sein."

Die App soll den Weg aus dem Lockdown ebnen

Einige Wochen später tut sich der Bürgermeister "schwer damit, eine Empfehlung auszusprechen – im positiven wie im negativen Sinn". Im Modellversuch hätten sich einige ungeklärte Fragen ergeben.  

So konnte die von Luca beworbene Warnfunktion auf Nutzerseite im Test kein einziges Mal ausgelöst werden. Unklar ist, ob es sich dabei um einen Fehler hält – oder ob das System bestimmte Warnungen absichtlich unterdrückt, um keine unnötige Panik zu verbreiten. In ihrem Evaluationsbericht hält die Stadt fest: "In der öffentlichen und direkten Kommunikation werden von Luca Informationen und Funktionen benannt, welche durch uns nicht bestätigt werden können." 

Die Nutzer in Weimar hingegen freuten sich darüber, dank Luca endlich wieder shoppen gehen zu können. Laut einer Umfrage war die Mehrheit der Anwender sehr zufrieden mit der App. Die Installation und Einrichtung sei in wenigen Minuten erledigt, die Bedienung "intuitiv", lobt die Stadt in ihrem Bericht. QR-Code scannen und shoppen gehen – zumindest aus Sicht der Bürger tut die Luca-App genau das, was sie soll: den Weg aus dem Lockdown ebnen. 

Keine Warnung – kein Problem

Die fehlende Warnfunktion findet das örtliche IT-Amt zunächst nicht weiter tragisch. Diese Rolle könne schließlich auch die Corona-Warn-App übernehmen. Viel wichtiger sei, dass das Gesundheitsamt von Luca "korrekte Daten" geliefert bekomme, sagt Abteilungsleiter Christian Adolph. Dabei gilt: "Die Datenqualität steht und fällt mit dem korrekten Ein- und Auschecken."

Gerade beim Auschecken gibt es bei Luca aber oft Probleme: Einige Nutzer vergessen schlicht, sich beim Verlassen eines Ortes abzumelden. Bei fehlender Internetverbindung schlägt das Check-out ebenfalls fehl. Und wer die Luca-App gar nicht nutzt, kann sich zwar in ein Webformular eintragen oder einen Schlüsselanhänger mit einem QR-Code scannen lassen – hat aber keine Möglichkeit, sich hinterher wieder abzumelden.

Das führt dazu, dass Nutzer unter Umständen stunden- oder tagelang als "anwesend" erfasst sind und fälschlicherweise als Kontaktperson an das Gesundheitsamt gemeldet werden. "Da warten wir noch auf die konkreten Ideen von Luca, wie man das lösen kann", sagt Adolph.

Scherzanmeldungen verursachen nutzlosen Datenmüll

Hinzu kommt, dass sich das System leicht austricksen lässt. Wer anonym bleiben will, kann falsche Kontaktdaten angeben oder eine Fake-App nutzen, die den Check-in nur vortäuscht. Auf der anderen Seite reicht schon ein Foto eines QR-Codes in den sozialen Medien, um zu massenhaften Scherzanmeldungen an einem weit entfernten Ort aufzurufen. Anfang April checkten sich Dutzende Luca-Nutzer nachts im Zoo Osnabrück ein, nachdem der Satiriker Jan Böhmermann auf die "Schwachstelle" aufmerksam gemacht hatte.

Die virtuellen Gäste wurden am nächsten Morgen vom Betreiber aus dem System gefegt. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie will ein Gesundheitsamt im Ernstfall die relevanten Kontaktpersonen aus einem potenziellen Berg von Datenmüll herausfiltern und qualifizierte Quarantäneanweisungen erteilen? 

Der Bürgermeister von Weimar findet es nicht fair, solche Probleme alleine Luca anzulasten. Letztendlich müsse man eben darauf vertrauen, dass sich alle Beteiligten verantwortungsvoll verhalten. Ob die Nutzer ordnungsgemäß ein- und auschecken, könne niemand kontrollieren. 

Eine Filter- und Sortierfunktion landete dennoch ganz oben auf der Wunschliste des örtlichen Gesundheitsamts, um die Flut an irrelevanten Daten über das Luca-System einzudämmen. Das gewünschte Update wurde vom Hersteller inzwischen nachgereicht: Jetzt lassen sich die Besuchsprotokolle gezielt durchsuchen und angepasste Datenabfragen starten. "Das ist eine Verbesserung", sagt Adolph.

Kein Telefonsupport und mangelhafte Kommunikation 

Allerdings sei die Kommunikation mit dem Start-up während des Modellprojekts nicht ganz einfach gewesen. Einen telefonischen Support, wie er in der Branche üblich ist, gibt es bei Luca nicht. Auf viele Fragen erhielt die Stadt von dem Luca-Anbieter entweder gar keine, unzureichende oder "widersprüchliche" Antworten, heißt es in dem Bericht. Von anderen Herstellern "im selben Preissegment" sei man "bessere Kommunikationsformen" gewohnt.

"Das hängt sicherlich auch mit der Anfragenflut zusammen, die Luca jetzt deutschlandweit bekommt und bewältigen muss", vermutet Adolph. Das Start-up habe Besserung versprochen. "Man muss definitiv die technischen Prozesse überarbeiten und ein Ticketsystem einführen", rät der IT-Fachmann aus Weimar.

Trotz allem will die Stadt die Luca-App auch in "Phase 2" ihres Modellprojekts einsetzen, wenn Kulturstätten und Außengastronomie wieder öffnen dürfen. Nach dem Test im Einzelhandel sei es "nur fair, wenn man der App noch mal eine Chance gibt, wenn es um kulturelle Veranstaltungen oder Gastronomie geht", sagt Kleine. Für diesen Zweck sei sie schließlich entwickelt worden.

Ob Luca tatsächlich zu einer Entlastung des Gesundheitsamts beitragen kann, ist zwar längst nicht sicher. Man will es aber zumindest versucht haben – und verweist auf die Vorgaben des Landes, das auf eine elektronische Kontakterfassung drängt.

"Da wird ein unfassbares Monopol aufgebaut"

Das Land Mecklenburg-Vorpommern war das erste, das sich dabei auf die Luca-App festgelegt hat: Es sei das einzige System, das die Anforderungen der Corona-Schutzverordnung erfülle, hieß es damals. Dieser Einschätzung scheinen alle anderen Länder nun weitgehend zu vertrauen. Mittlerweile haben mehrere Bundesländer angekündigt, die Luca-App einsetzen zu wollen oder haben bereits Verträge abgeschlossen. Laut Recherchen von netzpolitik.org sollen sich die Gesamtkosten auf mindestens 20 Millionen Euro belaufen.

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"Da wird ein unfassbares Monopol aufgebaut mit staatlichen Mitteln", warnt Anke Domscheit-Berg von den Linken. Anders als bei der Corona-Warn-App haben die Länder nämlich nur eine Lizenz erworben – das System selbst bleibt in privater Hand. "Wir reden von einer App, die von zig Millionen Menschen genutzt werden soll, die Sozialprofile und Bewegungsprofile sichtbar macht. Da sollte man hohe Ansprüche erheben."

Laut dem Hersteller werden alle Daten sicher verschlüsselt. Doch das Misstrauen bleibt groß. 

Experten weisen auf Sicherheitsrisiken hin

Die App steht eindeutig unter kritischer Beobachtung: Sowohl das Sicherheitskonzept als auch der bisher veröffentlichte Quellcode der Luca-App wurde bereits von verschiedenen Experten regelrecht zerpflückt. Die Hackervereinigung Chaos Computer Club (CCC) zählt in einem Blogbeitrag eine ganze Reihe an handwerklichen und sicherheitstechnischen Mängeln auf und fordert einen sofortigen Stopp der Luca-App. Auch die Landesdatenschutzbeauftragten äußern zum Teil Bedenken

Doch was bleibt als Alternative? Die Corona-Warn-App verfügt zwar inzwischen über eine Check-in-Funktionerfasst aber keinerlei persönliche Daten. Niemand – vor allem nicht der Staat – kann kontrollieren, wer sich mit wem getroffen hat, und ob sich Nutzer nach einem Risikokontakt beim Gesundheitsamt melden, testen lassen oder isolieren. Dafür erfolgt die Warnung schnell und ohne Umweg über das Gesundheitsamt. 

Die Länder wollten eine schnelle Lösung 

Laut den Corona-Verordnungen der Länder müssen Betreiber von Restaurants und Veranstaltungsorten zur Not aber auch die Namen und Kontaktdaten der Betroffenen zur Verfügung stellen können. Bisher vertraute der Staat bei der Erhebung vor allem auf Papierlisten – und jetzt offiziell auch auf Luca. Aus Sicht der Kritiker stellt sich allerdings die Frage, womit sich Luca dieses Vertrauen überhaupt verdient hat. 

"Die Leute sind so pandemiemüde, dass sie jeden Strohhalm ergreifen", vermutet die Linken-Abgeordnete Domscheit-Berg. Auch die Politik habe sich von falschen Hoffnungen auf baldige Öffnungen und Marketingversprechen leiten lassen. 

Dass die Einführung der Luca-App in jedem Bundesland vorher gewissenhaft geprüft wurde, scheint nicht der Fall zu sein. In einem ARD-Interview hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sogar offen eingeräumt, die App bestellt zu haben, "ohne die technischen Details zu kennen". 

Die Länder strebten offenbar nach einer schnellen, unbürokratischen und möglichst einheitlichen Lösung. Jetzt zeigt sich, dass das eingesetzte System im Detail nicht so funktioniert wie erhofft. Als Werkzeug für eine schnelle Normalisierung scheint Luca – zumindest derzeit – nicht geeignet zu sein.

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