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Hetze im Netz: Das haben Hass-Tweets und Hundekot gemeinsam

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Was Hass-Tweets und Hundekot gemeinsam haben

Von Nicole Diekmann

15.07.2021, 12:32 Uhr
Hetze im Netz: Das haben Hass-Tweets und Hundekot gemeinsam. Hier dürfen Hunde nicht ihr Geschäft machen (Symbolbild): Mit Analysen von Hundekot will Tel Aviv ein Problem mit nicht eingesammelten Haufen lösen. Daran können sich soziale Netzwerke ein Beispiel nehmen.  (Quelle: imago images/Arnulf Hettrich)

Hier dürfen Hunde nicht ihr Geschäft machen (Symbolbild): Mit Analysen von Hundekot will Tel Aviv ein Problem mit nicht eingesammelten Haufen lösen. Daran können sich soziale Netzwerke ein Beispiel nehmen. (Quelle: Arnulf Hettrich/imago images)

In Tel Aviv sollen Hundebesitzer künftig DNA-Proben ihrer Tiere abgeben, um ein großes Problem in der Stadt zu lösen. Daran müssen sich auch Facebook und Co. ein Beispiel nehmen.

Seit zwei Wochen habe ich mal wieder einen Mitbewohner. Kalle. Kalle ist der Hund meiner Nachbarn, die ihn mir während ihrer Urlaube überlassen. Kalle ist Niedlichkeit auf vier Pfoten. Ein anderthalbjähriger Zwergdackel mit dem süßesten Gesicht, dem wildesten Temperament, dem reinsten Herzen und dem größten Kuschelbedürfnis der Welt. Wenn ich in der Küche stehe und Gemüse schneide, legt Kalle sich auf meine Füße. Jede Sekunde ohne Körperkontakt ist eine verlorene Sekunde, so lautet Kalles Lebensmotto. Wer Kalle nicht liebt, hat ein Herz aus Stein.

Kürzlich dackelten Kalle und ich durch den Kiez. Kalle erledigte, was Hunde so erledigen, und ich tat, was brave Dackel-Sitterinnen tun: Ich knotete das mitgebrachte Tütchen von der Leine ab und entsorgte Kalles Geschäft. Und was tat der? Legte noch mal nach. Damit hatte ich nicht gerechnet und musste es liegen lassen. Ich trug ein Kleid ohne Taschen und sonst nichts bei mir. Eine Passantin mit zwei kleinen Kindern sah das und wurde deutlich – wir leben hier ja in Berlin: "Das find ich das Allerletzte, wissen Se, schämen sollten Se sich!", fuhr es mir entgegen. Abgesehen vom Ton: Die Frau hatte recht. Es ist ja wirklich widerlich.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

In Tel Aviv macht man aus Scheiße Geld

Würde ich in Tel Aviv wohnen und wäre jemand vom Ordnungsamt in der Nähe gewesen, hätte mich das Ganze 190 Euro gekostet. Wird ein Hundehalter dort auf frischer Tat beim Nicht-Wegräumen ertappt, klingelt die Kasse der Stadt. In Tel Aviv macht man, ich zitiere hier nur ein Sprichwort, also verzeihen Sie mir dies, aus Scheiße Geld.

Da aber nun mal nicht ständig eine offizielle Person anwesend ist, liegen trotzdem laut einer Pressemitteilung der dort Zuständigen 500 Kilo Hundekot uneingesammelt auf Straßen, in Parks, am Strand. Pro Monat. Also plant man jetzt, die Leute enger an die Leine zu nehmen, berichtet die "Jüdische Allgemeine": Kauft man einen Hund oder verlängert dessen Ausweis (einmal pro Jahr ist das fällig), soll man künftig eine DNA-Probe von Bello abgeben müssen. Und wird dann etwas auf der Straße gefunden, was dort nicht hingehört, wird's teuer. Wie teuer, ist noch nicht raus, aber der aktuelle Preis ist ja schon nicht von schlechten Eltern, und die Kosten für die DNA-Analyse sollen noch obendrauf geschlagen werden.

Find ich super. Und ein tipptopp Vorbild für Facebook, Twitter und alle anderen und alle, die ebenfalls aus Scheiße Geld machen. Beziehungsweise aus Hass.

Affensymbol für schwarze Fußballer

Ich weiß, das ist keine appetitliche Kolumne diese Woche, aber: Wie sonst sollte man das nennen, was nach dem EM-Finale los war in den sozialen Netzwerken? Nachdem Bukayo Saka, Marcus Rashford und Jadon Sancho, drei schwarze Mitglieder der englischen Nationalelf, ihre Elfmeter verschossen hatten und so Italien Europameister wurde?

Da war, und das meine ich wortwörtlich, die Hölle los. Das Instagram-Profil des 19-jährigen Bukayo Saka wurde geflutet mit Kommentaren, die das Affensymbol zeigten. Nazis und andere Denkbefreite verwenden es gern für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Das N-Wort wurde auf Twitter dermaßen oft benutzt, dass es trendete, also zu den meistgenutzten Schlagwörtern zählte. (Man verwendet dort sogenannte Hashtags, das heißt, man setzt das #-Zeichen vor Schlagwörter. So werden Inhalte leichter auffindbar – und so lassen sich Debatten drehen. Man muss nur genug Leute finden, die bei der Verbreitung des Hashtags mitmachen.)

Es schien so, als ob es mit der Zivilisation vorbei sei

Am Sonntag nach der englischen Niederlage fanden sich genug Leute, die nur allzu bereitwillig völlig inakzeptable Inhalte verbreiteten. Als Twitter versuchte, den Shitstorm (übersetzen Sie mal, hier passt das deutsche Äquivalent perfekt) zu drehen, indem es den Hashtag "SayNoToRacism" – "Sag Nein zu Rassismus" unterstützte, also mit schierer Masse dagegenzuhalten, schämten sich sehr viele Menschen überhaupt nicht dafür, den Gegentrend zu starten: "SayYesToRacism" ploppte vielfach auf.

Das sind nur zwei Beispiele für mehrere, schier nicht enden wollende Stunden voller Hass, Hetze und Diffamierungen. Wer dem Treiben zusah, und es wütete mehrere Stunden, der konnte auf die Idee kommen, mit der Zivilisation sei es vorbei. Sämtliche Errungenschaften unserer aufgeklärten, offenen und toleranten Welt weggespült von einer widerlichen braunen Flut.

Als ich am Montagabend auf Twitter darauf hinwies, dass die Tech-Riesen sich zu den Verbrechen noch gar nicht geäußert hätten, die sich auf ihren Plattformen ereignet hatten, wiesen einige Leute auf den Versuch Twitters hin, #SayNoToRacism zu verbreiten.

Soziale Netzwerke müssen härter durchgreifen

Und das ist doch wirklich schlimm. Mehr erwarten wir schon gar nicht mehr? Ein kläglicher Versuch Twitters, die eigenen Algorithmen auszuhebeln, indem man das Bein hob und ein eigenes Revier markieren wollte? Mit denselben Mitteln wie der Mob, also auf Augenhöhe mit ihm? Dafür sollen wir Twitter jetzt noch ein Belohnungsleckerli geben? Mhm. Genau.

Nein. Twitter und die Megamächtigen aus dem Silicon Valley, allen voran das gerade in einem aufsehenerregenden Buch analysierte Facebook, müssen härter durchgreifen. Sie oder die Politik, die sie dazu zwingt.

Es braucht ein Äquivalent zu den DNA-Tests für Hunde in Tel Aviv. Es muss einen Weg für Strafermittlungsbehörden geben, denen auf die Spur zu kommen, die dort hetzen. Hundehaufen verschwinden im Schnitt nach rund 5 Tagen. Was da in den sozialen Netzwerken geschieht, verschwindet nicht. Im Gegenteil: Es ist giftig. Und es ist gefährlich.

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