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Corona-Lage: "Ein Impfbeginn heißt nicht, dass die Pandemie zu Ende ist"

INTERVIEWVirologe Kekulé  

"Es sind experimentelle Impfstoffe – kann es nicht oft genug sagen"

Von Nicole Sagener, Melanie Weiner

25.11.2020, 12:42 Uhr
Corona-Lage: "Ein Impfbeginn heißt nicht, dass die Pandemie zu Ende ist". Alexander Kekulé: Der Corona-Experte zeigt sich angesichts der Impfstoffe gegen das Coronavirus optimistisch. (Quelle: imago images/Müller-Stauffenberg)

Alexander Kekulé: Der Corona-Experte zeigt sich angesichts der Impfstoffe gegen das Coronavirus optimistisch. (Quelle: Müller-Stauffenberg/imago images)

Die Corona-Impfstoffe sind ein großes Glück für uns alle, ist sich Virologe Kekulé sicher. Wann er mit einem Impfstart rechnet und wie lange die Maßnahmen dann noch andauern könnten, verrät er im Interview.

Die Aussicht auf einen baldigen Impfstoff gegen Covid-19 macht vielen Menschen Hoffnung – doch noch sind nicht alle Fragen geklärt, sagt der Virologe Alexander Kekulé. Warum auch mit einem Impfstoff die Corona-Pandemie nicht vorüber ist und wie lange die Maßnahmen in Deutschland bestehen bleiben könnten, erklärt er im Interview mit t-online.

t-online: Biontech hat gerade die Zulassung für den ersten Impfstoff in den USA beantragt. Auch der Moderna-Wirkstoffkandidat zeigt laut ersten Daten eine hohe Wirksamkeit. Wie zuversichtlich sind Sie angesichts solcher Meldungen?

Alexander Kekulé: Das stimmt mich schon zuversichtlich. Das sind experimentelle Impfstoffe – man kann es nicht oft genug sagen. Diese RNA-Impfstoffe hat es noch nie zuvor gegeben. Es wurde nie bewiesen, dass sie überhaupt funktionieren. Dass jetzt bei den ersten Studien zum Corona-Impfstoff alles so gut läuft und die Wirksamkeit bei über 90 Prozent zu liegen scheint, ist ein sehr gutes Zeichen. Ich würde jetzt aber nicht direkt die 95 Prozent bei Biontech unterschreiben. 

Wie kommt man denn genau auf diese Prozentzahl?

An der Biontech-Pfizer-Studie haben etwa 45.000 Probanden teilgenommen. Die Hälfte davon hat den Impfstoff bekommen, die andere Hälfte ein Placebo. Das Ergebnis: Etwa 160 Menschen haben sich infiziert. Dann rechnet man aus, wie viele von denen in der Impfstoffgruppe waren und wie viele in der Placebogruppe. Das ist statistisch sauber gemacht worden, aber natürlich noch nicht in Stein gemeißelt. 

Das bedeutet, das Ergebnis kann sich noch ändern?

Die Prozentzahl kann sich ohne Weiteres noch um einige Prozent nach oben oder unten verändern. Das Ergebnis bleibt dennoch hervorragend. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine Grenze von 60 Prozent Wirksamkeit empfohlen. In den USA reichen sogar 50 Prozent. 


Das heißt, wir haben damit brauchbare Impfstoffe für die Beendigung der Pandemie. Wenn ein paar Menschen durch die Impfung dann doch nicht geschützt sind, ist das nicht so schlimm. 

Und dass diese Wirkstoffe bei allen Menschen gleichermaßen wirksam sind, ist gesichert?

Bei den Studien waren auch schon ältere Personen dabei. Wir haben hier kein Signal, dass die Impfstoffe bei ihnen weniger gut wirken würden. Das ist ein sehr gutes Resultat, weil ja für alte Menschen Covid ein besonders hohes Risiko darstellt und andere Impfstoffe, etwa gegen Grippe, hier schlechter wirken. Es wurden auch verschiedene Ethnien getestet. Der Großteil der Untersuchungen fand in den USA statt – dort wurden auch Afroamerikaner und Asiaten getestet. 

Man könnte sagen: Es läuft wie am Schnürchen. Das Experiment hat soweit auf Anhieb geklappt, das ist ein großes Glück für uns alle.

 (Quelle: imago/Future Image) (Quelle: imago/Future Image)
Prof. Dr. Alexander S. Kekulé
ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale).
Seine Forschungsschwerpunkte sind Infektionskrankheiten, Pandemieplanung und Bevölkerungsschutz.

Einige Fragen bleiben dennoch offen. Zum Beispiel zur Langzeitwirkung von Impfstoffen, die auf der neuen RNA-Technologie basieren. 

Das ist richtig. Erstens wissen wir noch nicht genau, wie die Langzeitwirkung aussieht. Da es sich um eine komplett neue Technologie handelt, muss man das natürlich im Auge haben. Ich sehe darin aber kein großes Problem, weil man auch mit einem nur für ein paar Monate wirkenden Impfstoff die Pandemie sehr effektiv unterbrechen kann. Und zweitens wissen wir noch nicht, wie diese Impfstoffe bei Kindern wirken. Denn unter 12-Jährige werden bei solchen Studien nicht getestet. 

Wie steht es um mögliche Nebenwirkungen?

Die Nebenwirkungen sind noch nicht ganz geklärt. Es sind zwar viele Menschen getestet worden. Bei beiden Impfstoffen zusammen mehr als 35.000 Menschen. Aber trotzdem würde eine Nebenwirkung, die auch nur bei 1 zu 10.000 auftritt, gefährlich sein – wenn man dann Milliarden von Menschen damit impft. Man sollte daher genau verfolgen, was mit den Geimpften passiert, also ob es unerwünschte Effekte gibt. 

Außerdem haben wir einige logistische Fragen zu klären. Der Biontech-Impfstoff etwa muss ultratiefgekühlt werden, was logistisch anspruchsvoll ist. Ich bin mir sicher, dass man gerade dabei ist, zu prüfen, ob die Kühlung auf Minus 70 Grad wirklich nötig ist. Der Moderna-Impfstoff kann dagegen bei minus 20 Grad transportiert und dann einige Tage bei Kühlschranktemperatur gelagert werden. 

Ab wann kann Ihrer Meinung nach mit den Impfungen gegen Covid-19 in Deutschland begonnen werden?

Wenn alles klappt und keine weiteren Probleme auftreten, werden wir bereits Ende des Jahres mit der Impfung der Risikogruppen beginnen. Danach kommt das medizinische Personal an die Reihe. Bis schließlich auch die Normalbevölkerung in großem Stil geimpft wird, könnte es April werden. Das ist natürlich toll – ein Licht am Ende des Tunnels.

Letztlich kommen ein oder vielleicht sogar mehrere Impfstoffe deutlich schneller, als viele Experten vermutet hatten …

Schon im Januar haben die Wissenschaftler gesagt: Coronaviren sind für einen Impfstoff kein besonderes Problem. Bei Hepatitis C oder Aids ist das anders, da gibt es grundsätzliche, biologische Probleme. Es gab ja auch einen Impfstoff gegen MERS, der gut funktioniert hat. Darum war eigentlich klar, dass man gegen Covid-19 im Prinzip gut impfen kann. Das hat sich jetzt bewahrheitet.

Trotzdem müssen wir noch eine ganze Weile die Einschränkungen im Alltag durchhalten, richtig?

Ja. Ein Beginn der Impfungen heißt nicht, dass die Pandemie zu Ende ist. Während der ganzen Zeit, in der geimpft wird, müssen wir weiter die Schutzmaßnahmen beachten. Wie wir das ohne weitere Lockdowns schaffen können, habe ich ja in meinem Buch "Der Corona-Kompass" beschrieben, das gerade erschienen ist.

Wie lange werden die Maßnahmen denn bleiben?

Die müssen so lange bestehen bleiben, bis die Herdenimmunität zu greifen beginnt. Und das dauert noch Monate – höchstwahrscheinlich noch bis in den Sommer hinein. Bis dahin müssen wir durchhalten. Ich hoffe sehr, dass alles gut geht und wir im nächsten Herbst keine erneute Corona-Welle haben.

Aber dass wir einen Impfstoff haben, ist kein Grund, jetzt schon locker zu werden – im Gegenteil. Weil wir jetzt Licht am Ende des Tunnels sehen, sollten wir möglichst niemanden mehr auf der Strecke lassen. Das Ende ist in Sicht, deshalb müssen wir uns umso besser an die Maßnahmen halten.

Wir danken für das Gespräch, Herr Kekulé!

Verwendete Quellen:
  • Eigenes Interview per Telefon mit Alexander Kekulé 

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