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Impfskeptiker: Deshalb wollen sie sich nicht impfen lassen

Impfskeptiker im Gespräch  

"Wer gegen die Impfung ist, hat seine Gründe"

Von Sandra Simonsen und Melanie Rannow

10.08.2021, 10:08 Uhr
Impfskeptiker: Deshalb wollen sie sich nicht impfen lassen. Corona-Impfung: Während in Bremen schon mehr als 60 Prozent der Menschen geimpft sind, sind es in Sachsen noch nicht einmal die Hälfte.  (Quelle: imago images/ITAR-TASS)

Corona-Impfung: Während in Bremen schon mehr als 60 Prozent der Menschen geimpft sind, sind es in Sachsen noch nicht einmal die Hälfte. (Quelle: ITAR-TASS/imago images)

Mittlerweile sind etwas mehr als die Hälfte der Deutschen gegen Corona geimpft. Das heißt aber auch: Fast die Hälfte ist es noch nicht. Zwei Menschen erzählen nun, warum sie sich (noch) nicht impfen lassen.

Eine Million Impfungen gegen Covid-19 täglich: Das war einmal. Mittlerweile gibt es in Deutschland zwar mehr als genug Impfstoff, doch nicht mehr so viele Menschen, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen wollen.

Etwa, weil sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können und andere, weil sie es aus unterschiedlichen Gründen nicht möchten. Einige ihrer Beweggründe haben zwei Leser im Interview mit t-online erklärt.

Harte Diskussionen um Impfpflicht und Impfgegner

Rund 18 Millionen Erwachsene in Deutschland sind bisher noch nicht geimpft, viele davon, weil sie nicht wollen. "Vergleicht man die Verweigerer mit dem Rest der Ungeimpften, haben die Verweigerer eher Sicherheitsbedenken und halten die Impfung für überflüssig, da Covid-19 in ihrer Wahrnehmung keine Bedrohung darstellt", besagt eine aktuelle Cosmo-Studie.

Nicht nur Wissenschaftler wie der Verhaltensökonom Armin Falk von der Leopoldina haben sich mittlerweile besonders hart gegen Impfskeptiker gewandt: "Sich nicht impfen zu lassen, hat nichts mit Rationalität zu tun, sondern einfach nur mit Eigennutz", sagte der Bonner der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Allgemeinheit muss hier zahlen für die Trägheit und die Dummheit der Impfgegner." Er plädiert sogar für eine bevorzugte Behandlung Geimpfter, sollte im Krankenhaus die Frage der Triage wieder aufkommen.

Auch der Vorsitzende des Bundesverbands der Katholiken, Josef Ridders, wird im "Tagesspiegel" sehr drastisch zitiert: Für Christen sei die Impfung eine "moralische und ethische" Pflicht, da sie "nicht nur uns, sondern auch unsere Mitmenschen" schütze.

Ungeimpfte kritisieren die Spaltung der Gesellschaft

t-online hat mit zwei Menschen gesprochen, die sich bisher noch nicht gegen das Coronavirus haben impfen lassen – und es auf absehbare Zeit auch nicht möchten. Ihre Gründe sind unterschiedlich, in einigen Argumenten überschneiden sie sich allerdings auch: 

67-Jähriger aus Brandenburg: "Ich wäre im Grunde bereit, mich impfen zu lassen, finde es aber sehr schwer einzuschätzen, was aktuell das Richtige ist. Besonders kritisch finde ich, dass die Langzeitfolgen noch nicht untersucht sind. Meine Frau war schwer an Krebs erkrankt und hat panische Angst, nach der Impfung an Spätfolgen sterben zu können. Ich möchte hinter ihr stehen und möchte nicht, dass ich dann vielleicht Vorteile durch eine Impfung habe, die sie nicht hätte. Zudem ist unsere Hausärztin absolute Impfgegnerin: Wir bekommen von ihr kaum Aufklärung.

Ich habe den Eindruck, dass die ganze Entwicklung aktuell auch eher von der Politik als von der medizinischen Seite diktiert wird. Ich bin zum Beispiel auch skeptisch, ob wir eine Herdenimmunität überhaupt noch brauchen. So lange wir ohne Impfung normal durchs Leben gehen können, werden wir uns erst einmal nicht impfen lassen. Klar gibt es Druck von der Gesellschaft oder auch bestimmte Anreize, sich impfen zu lassen. Aber ich denke, das ist ein ganz falscher Ansatz: Wer gegen die Impfung ist, hat seine Gründe und lässt sich auch nicht von irgendwelchen Boni beeinflussen."

Leser aus Thüringen: "Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich mich nicht impfen lassen, weil mein Bauchgefühl mir einfach sagt, dass die Impfstoffe zu kurz erprobt wurden. Natürlich kann sich meine Meinung in der Zukunft ändern. Aber muss ich mir jetzt einen neuen Impfstoff zumuten, wenn ich das Virus auch mit Hygienemaßnahmen umgehen kann? Ich denke einfach, aktuell ist die Impfung noch nicht so sicher.

Genveränderte Lebensmittel sollen wir beispielsweise nicht essen, aber ein neuer Impfstoff mit mRNA-Technologie wird uns empfohlen. Altbekannten Impfstoffen gegenüber bin ich völlig offen, ich war auch schon gegen die Grippe geimpft. Ich habe allerdings auch 22 Jahre lang in der DDR gelebt und erlebt, wie es ist, wenn niemand danach fragt, ob man geimpft werden möchte oder nicht. Dieses Schwarz-Weiß-Denken habe ich schon einmal erlebt. Und Druck erzeugt immer Gegendruck, ich glaube nicht, dass das förderlich für die Impfkampagne ist.

Und natürlich habe ich Angst, mich zu infizieren und schwer zu erkranken. Aber ich habe auch Angst vorm Radfahren ohne Helm. Und auch da kann jeder selbst entscheiden, ob er einen Helm trägt oder nicht. Das Leben ist gefährlich. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist sicher mehr als die Hälfte mittlerweile geimpft, aber niemand wirklich aus Überzeugung. Die einen wollten in den Urlaub, die anderen auf ein Konzert. Sie haben sich nicht aus Angst impfen lassen, sondern aus Bequemlichkeit. Gesellschaftliche Ächtung oder auch eine Bratwurst werden allerdings keinen von der Impfung überzeugen. Für uns arbeitet die Zeit: Wir würden uns ja gerne überzeugen lassen, dass es gute Impfstoffe sind."

Expertin: Corona-Impfstoffe kann man eigentlich nicht mehr als "neu" bezeichnen

Laut der Epidemiologin Prof. Ulrike Haug müsse jeder und jede Einzelne eine Entscheidung für oder gegen die Corona-Impfung treffen. "Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, sie betrifft die persönliche Gesundheit, und – das lässt sich nicht ändern – sie betrifft auch die anderen und damit die Gesellschaft", so Haug.

"Die Tatsache, dass es ein neuer Impfstoff ist, scheint viele zu verunsichern. Im Dezember 2020, als die Impfung neu zugelassen war, ließ sich das in gewisser Weise nachvollziehen. Aber mittlerweile könne man den Corona-Impfstoff nicht mehr wirklich als 'neu' bezeichnen. Er wurde mehrere Hundertmillionen Mal angewendet, in unterschiedlichsten Menschen und Altersgruppen", erklärt die Epidemiologin. Die Erkenntnis daraus sei, dass er tatsächlich sehr sicher und wirksam ist. Schwere Nebenwirkungen würden nur sehr, sehr selten vorkommen. Und: Eine so breite Anwendungserfahrung gebe es nur für wenige andere Arzneimittel.

 (Quelle: Ulrike Haug/Leibniz-Institut) (Quelle: Ulrike Haug/Leibniz-Institut)
Ulrike Haug ist Professorin für Klinische Epidemiologie und Pharmakoepidemiologie an der Universität Bremen und Abteilungsleiterin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Untersuchung der Sicherheit von Arzneimitteln nach deren Zulassung basierend auf Routinedaten.

Ist die Angst vor Langzeitfolgen begründet?

Bei einigen Menschen bleibt jedoch die Angst vor Langzeitfolgen der Impfung. Dafür gibt es Prof. Haug zufolge bisher aber keine Anhaltspunkte. "Stattdessen gibt es aber mittlerweile zahlreiche Belege, dass eine Corona-Erkrankung nicht nur akut eine Bedrohung darstellt, sondern auch schwere Spätfolgen haben kann. Das Virus greift an verschiedensten Stellen im Körper an und selbst bei milden Verläufen kommt es erschreckend häufig zu Spätfolgen", sagt die Expertin.

Auch über das Prinzip der mRNA-Impfung, das bei einigen für Unbehagen sorge, sollte mehr aufgeklärt werden. "Ich bin mir nicht sicher, ob allen klar ist, dass jedes Virus – egal ob Erkältungs-, Magen-Darm-, Corona- oder ein anderes Virus – DNA oder RNA in die menschlichen Zellen einschleust und sich dann der dort vorhandenen Strukturen bedient, um sich zu vermehren. Das Prinzip der Impfung ist also nahe an der Natur dran", erklärt Haug. Es sei daher einleuchtend und naheliegend, mit dem Impfstoff auf dieser Ebene anzusetzen.

mRNA steht für messenger-Ribonukleinsäure, auch als Boten-RNA bezeichnet. Das Prinzip stammt aus der Krebsforschung, wo seit Jahren an personalisierten Impfstoffen gearbeitet wird. Bei mRNA-Impfstoffen werden keine Krankheitserreger oder deren Bestandteile benötigt wie bei herkömmlichen Impfstoffen. Vielmehr werden einigen wenigen Körperzellen mit dem Impfstoff Teile der Erbinformation des Virus als RNA mitgegeben – geliefert wird also der Bauplan für einzelne Virusproteine, die auch als Antigene bezeichnet werden. Diese Antigene aktivieren das Immunsystem und sollen so die schützende Immunantwort erzeugen.
Warum die Sorge, dass mRNA das Erbgut der Geimpften verändern könnte, unbegründet ist, lesen Sie in diesem Faktencheck.

Skepsis gegenüber mRNA-Impfung – besser auf Totimpfstoff warten?

Auf einen Totimpfstoff zu warten, weil dieser ein älteres Prinzip nutze, hält Prof. Haug nicht für ratsam: "Es wird dauern, bis Totimpfstoffe gegen Corona in der großen Breite erprobt sind, da hat man für die jetzt verfügbaren Corona-Impfstoffe einen deutlichen Erfahrungsvorsprung. Wer weiß, ob es dann wieder Diskussionen wegen der Wirkverstärker geben wird, die bei den Totimpfstoffen häufig eingesetzt werden, und wie wirksam die Impfung im Vergleich zu den anderen Impfungen sein wird."

Ein Argument, das die Expertin unverständlich findet: Man lasse sich nicht impfen, weil man auch trotz Impfung noch jemanden anstecken oder selbst erkranken könne. "Natürlich kommt das mal vor, aber eben deutlich seltener als ohne Impfung", sagt Haug.

"Jeder und jede der bisher Ungeimpften entscheidet, wie es ab Herbst für alle weitergeht"

Prof. Haug macht auch deutlich, wie stark die Entscheidung des Einzelnen für oder gegen die Impfung die gesamte Gesellschaft betrifft: "Es gibt in Deutschland noch zu viele Ungeimpfte, um aus der Pandemie rauszukommen. Die bisherigen Maßnahmen sind einschränkend, wirtschaftlich und gesellschaftlich belastend, und dennoch – selbst wenn sie verschärft werden – nur begrenzt wirksam, wie wir im Winter gesehen haben."

Jetzt eine Durchseuchung der bisher Ungeimpften zuzulassen, sei sehr riskant. Denn je öfter sich das Virus vermehre, desto wahrscheinlicher sei es, dass sich noch ansteckendere und möglicherweise noch gefährlichere Virusvarianten entwickelten. Diese könnten dann auch wieder Geimpfte bedrohen. Auch die Spätfolgen von Corona und die damit einhergehende Last für das Gesundheitssystem seien unkalkulierbar.

Sollte ein erneuter Lockdown unumgänglich werden, werde er uns alle reinreißen, nicht nur diejenigen, die sich nicht impfen lassen, weil sie sich selbst im Alltag gut schützen können, weil die Pandemie sie wirtschaftlich nicht betrifft, oder weil sie sich für unverwundbar halten. "Wir sitzen alle in einem Boot. Jeder und jede der bisher Ungeimpften entscheidet, wie es ab Herbst für alle weitergeht, und trägt damit auch Verantwortung für die anderen. Mit der Entscheidung für oder gegen das Tragen eines Fahrradhelms ist das ganz und gar nicht vergleichbar", sagt Haug.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräche mit Betroffenen und Prof. Haug
  • Impfdashboard (Stand: 5. August 2021)
  • Tagesspiegel: "Allgemeinheit muss zahlen für Trägheit und Dummheit der Impfgegner", 31. Juli 2021. 
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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