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Vergleich zu 2020: Warum Corona-Impfungen trotz höherer Infektionszahlen wirken

Erstaunlicher Vergleich zu 2020  

Steigende Inzidenzen: Warum die Corona-Impfungen trotzdem wirken

30.08.2021, 18:19 Uhr
Vergleich zu 2020: Warum Corona-Impfungen trotz höherer Infektionszahlen wirken. Corona-Intensivstation: Warum liegen aktuell mehr Covid-Patienten in den Krankenhäusern, als es noch 2020 der Fall war?  (Quelle: imago images/Reichwein)

Corona-Intensivstation: Warum liegen aktuell mehr Covid-Patienten in den Krankenhäusern, als es noch 2020 der Fall war? (Quelle: Reichwein/imago images)

Trotz der Corona-Impfungen steigen aktuell die Inzidenzen und auch die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern – sogar stärker als noch genau vor einem Jahr. Was bedeuten die Zahlen? 

Eigentlich erleben wir in der Corona-Pandemie gerade eine Art Déjà-vu – der Sommer war von Lockerungen und Freiheiten geprägt. Hochzeiten konnten wieder gefeiert, Freunde wieder getroffen, Restaurants und Hotels wieder besucht werden. Auch Reisen waren in viele Länder und auch im Inland wieder problemlos möglich. Zusätzlich sorgen die Corona-Impfungen für ein Gefühl der Sicherheit.

Doch die Zahlen zeigen etwas anderes: Trotz der Impfungen gibt es aktuell höhere Inzidenzen, höhere Patientenzahlen und sogar höhere Covid-Todeszahlen als noch vor genau einem Jahr. Wie kann das sein? Eine Analyse mit Vergleich zum Jahr 2020. 

Wie haben sich die Inzidenzen im Vergleich zu 2020 entwickelt? 

Vor einem Jahr hat das Robert Koch-Institut für Deutschland eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 9,6 vermeldet. Damals galt diese Inzidenz als "beunruhigend". Deutlich über dem Bundesdurchschnitt lagen damals Bayern, Baden-Württemberg, Bremen, Berlin und Hessen. Bereits Ende August 2020 fiel allerdings auf, "dass sich in den letzten Wochen
vermehrt jüngere Personen infizieren, sodass die Sieben-Tage-Inzidenz in jüngeren Altersgruppen deutlich höher ist als in höheren Altersgruppen." Die Ausbrüche standen häufig im Zusammenhang mit Familienfeiern und Freundeskreisen sowie Reiserückkehrern.

Im aktuellen Situationsbericht des RKI vom 30. August sieht die Situation deutlich anders aus: Insgesamt hat es mehr als 4.500 Neuinfektionen an einem Tag gegeben, die Inzidenz liegt aktuell bei 75,8. Besonders betroffen sind Städte wie Wuppertal (Inzidenz: 258), Rosenheim (217), Leverkusen (216) oder auch Krefeld (187), aktuell auch Nordrhein-Westfalen mit einer Inzidenz von 127,7. Vergleichbare Inzidenzen wurden im vergangenen Jahr erst im Herbst erreicht. 

Wie ist die Lage auf den Intensivstationen im Vergleich zu 2020? 

Die Zahl der bundesweit auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten ist am Wochenende erstmals wieder auf mehr als 1.000 gestiegen. Im Divi-Register-Tagesreport vom Sonntag wurden 1.008 Covid-19-Patienten auf Intensivstation gemeldet, 485 davon mussten beatmet werden. Am Montag sind es bereits 1.068 und 522 beatmete Fälle. Zuletzt war ein Wert von über 1.000 im Tagesreport vom 18. Juni erfasst worden (1.011). Der Tiefstand vor dem Aufflammen der vierten Welle hatte bei 354 im Report vom 22. Juli gelegen, seither nimmt die Belegung wieder zu.

Auffällig ist vor allem: Am 31. August vergangenen Jahres hatte die Zahl der Covid-Intensivpatienten bei gerade einmal 244 gelegen, erst Ende Oktober 2020 war sie zu Beginn der zweiten Welle auf mehr als 1.000 gestiegen. Noch den gesamten September 2020 über lagen die Zahlen allerdings unter 300, also sogar niedriger als zum diesjährigen Tiefpunkt Ende Juli.

Wie hoch sind die Corona-Todeszahlen im Vergleich? 

Auch die Todeszahlen liegen aktuell höher als noch vor einem Jahr. So gab es am 31. August 2020 laut RKI drei neue Todesfälle, für diesen Montag, den 30. August 2021, waren es zehn neue Todesfälle. Die Grafik zeigt den direkten Vergleich der Kurven, die die durchschnittlichen Todeszahlen der jeweils vergangenen sieben Tage vergleichen. 


Dieser Unterschied ist allerdings nicht so deutlich wie der der Intensivpatienten oder Inzidenzen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Impfungen viele Todesfälle verhindern. Denn betrachtet man im Vergleich die Todeszahlen vom Oktober 2020, als die Intensivbettenbelegung ähnlich hoch war wie jetzt, zeigt sich: Bei einer Inzidenz von 56,2 lagen am 22. Oktober 1.116 Covid-Patienten auf den Intensivstationen und 30 Menschen starben innerhalb eines Tages – dreimal so viele wie aktuell. Diese damals als niedrig aufgefasste Anzahl an Todesfällen wurde zudem damit begründet, dass zu dieser Zeit vor allem Jüngere an Covid-19 erkrankten. 

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach weist auf Twitter allerdings darauf hin, dass es eine "enge Korrelation der Inzidenz und der Todesfälle" gebe.

Wer sind die Menschen, die heute erkranken – wer ist vor einem Jahr erkrankt? 

Das RKI berichtet, dass vor allem in der Altersgruppe der Zehn- bis 24-Jährigen aktuell hohe Inzidenzen verzeichnet werden. "Die vierte Welle nimmt insbesondere durch Infektionen innerhalb der jungen erwachsenen Bevölkerung weiter an Fahrt auf und breitet sich zunehmend auch in höhere Altersgruppen aus", erklärt das Institut im aktuellen Wochenbericht. In der zweiten Welle über den Jahreswechsel seien demnach vor allem Hochaltrige ab 80 Jahren betroffen gewesen, jetzt trifft es wie schon im Frühjahr vor allem Kinder und Jugendliche. "Im Vergleich zu den Monaten Juni / Juli 2020, in denen die Altersgruppe 0-5 Jahre lediglich 27 Prozent der beteiligten Fälle ausmachte, waren es in den Monaten Juni / Juli 2021 48 Prozent", heißt es vom RKI.

Anders als im Vorjahr sind auch von schweren Verläufen inzwischen längst nicht mehr vor allem Senioren betroffen: Knapp jeder zehnte derzeit auf der Intensivstation behandelte Covid-19-Patient ist den Daten des Divi-Registers zufolge 30 bis 39 Jahre alt, knapp jeder fünfte 40 bis 49 Jahre (Stand 26.08., Aktualisierung jeweils donnerstags).

Die 50- bis 59-Jährigen stellen gut ein Viertel der Patienten, die 60- bis 69-Jährigen gut ein Fünftel. Zumeist sind von schweren Verläufen und Todesfällen Ungeimpfte betroffen. Aktuell sind demnach mehr als 90 Prozent der Patienten auf den Intensivstationen nicht gegen das Virus geimpft. 

Wie lassen sich die Zahlen erklären?

Mittlerweile sind mehr als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland gegen SARS-CoV-2 geimpft. Das sollte eigentlich dazu führen, dass auch Inzidenzen, Krankenhausbelegungen und Todeszahlen sinken oder zumindest nicht stark ansteigen. Doch bei aller Freude über die Impfungen sollte auch betrachtet werden, dass weiterhin rund 40 Prozent der Bevölkerung noch nicht geimpft sind und die Impfungen auch nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion oder einem schweren Verlauf schützen können. Impfdurchbrüche tragen somit ebenso zu höheren Inzidenzen bei wie die Zahl der infizierten Ungeimpften. 18.333 Impfdurchbrüche hat das RKI demnach seit Beginn der Impfkampagne gezählt. Die Zahlen auf den Intensivstationen zeigen aber auch: Mehr als 90 Prozent der Patienten dort sind nicht geimpft, die Impfungen schützen also gut vor einem schweren Verlauf. Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis erklärt allerdings auch auf Twitter, die "Wochen der Wahrheit" erwarte er für Oktober und November. 

Eine weitere mögliche Erklärung ist natürlich das Auftreten von Mutationen: Mittlerweile dominiert in Deutschland die Delta-Variante des Virus. Der Anteil der Delta-Variante liegt hierzulande laut RKI mittlerweile bei knapp 99,3 Prozent, zu sehr geringen Anteilen sind auch die Alpha-Variante und vereinzelt andere Varianten noch vertreten. Die Delta-Mutante soll deutlich ansteckender und auch gefährlicher als das Ursprungsvirus sein, das noch vor einem Jahr dominierte. 

Hinzu kommt die Weiterentwicklung von Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Behörden beim Umgang mit dem Virus: Mittlerweile sind Testmöglichkeiten leichter zugänglich, die Zahlen zu Infizierten, Intensivpatienten und Verstorbenen werden genauer und teilweise auch anders als noch vor einem Jahr dokumentiert. Auch so entstehen andere Werte. Zudem wurde der Lockdown schneller und früher aufgehoben als noch 2020 und auch viele Menschen haben sich – abgesichert durch Tests oder Impfungen – weniger vorsichtig verhalten als noch 2020.

Auch für Experten kommen verschiedene Faktoren zusammen. So erklärt der Intensivmediziner Uwe Janssens laut "Rheinische Post", die ins Stocken geratene Impfkampagne sei ebenso ein Grund wie die Sommerferien. Reiserückkehrer spielten eine große Rolle und er befürchte eine "zunehmende Sorglosigkeit der Bevölkerung". 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Divi-Intensivregister
  • Robert Koch-Institut: Wochen- und Situationsberichte
  • Impfdashboard
  • Dashboard des RKI
  • Twitter Profile Christian Karagiannidis, Karl Lauterbach
  • Rheinische Post: "NRW bundesweit mit Corona-Spitzenwert von über 100", 23. August 2021
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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