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Infektion besser als Impfung? Wer den höchsten Schutz hat

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 28.03.2022Lesedauer: 4 Min.
Menschen sind in der MĂĽnchner Innenstadt unterwegs (Symbolbild): Das Virus greift weiter um sich.
Menschen sind in der MĂĽnchner Innenstadt unterwegs (Symbolbild): Das Virus greift weiter um sich. (Quelle: Wolfgang Maria Weber/imago-images-bilder)
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Noch immer steigen die Zahlen der Corona-Infektionen. Doch wie sieht es mit unserem Schutz aus? Kann die vierte Impfung helfen? Ein Immunologe erklärt den Forschungsstand.

Das haben viele Experten so nicht vorausgesagt: Eigentlich sollte der Peak der Corona-Inzidenzen Mitte Februar bis Anfang März erreicht sein. Doch die sechste Welle nahm in den vergangenen Tagen wieder Fahrt auf. Was steckt dahinter? Und wie gut ist unser Schutz gegen Infektion und Erkrankung? t-online fragte den Immunologen Andreas Radbruch.


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t-online: Herr Radbruch, warum infizieren sich jetzt plötzlich so viele Menschen mit Corona?

Andreas Radbruch: Das hat in erster Linie mit unseren Impfstoffen zu tun. Auch bei Geboosterten lässt der Schutz vor einer Infektion relativ schnell nach. Dort, wo das Virus in den Körper gelangt – auf den Schleimhäuten –, lässt der Antikörperschutz, der das Virus abfangen soll, recht schnell nach. Wir wissen nicht wirklich, warum das so ist. Der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf bleibt aber sehr stabil – das ist die gute Nachricht.

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Das heißt, die Impfstoffe können das Virus auf seinem Vormarsch im Körper stoppen?

Ja, nun ist es bei Omikron sowieso so, dass das Virus offenbar nicht so tief in die Lunge eindringt. Aber auch bei den Varianten davor konnte man gut sehen, dass die Impfung in den allermeisten Fällen verhindern konnte, dass das Virus sich im Körper ausbreiten kann, was dann zu schweren Krankheitsverläufen führen würde.

Denn durch die Impfung bekommen wir schützende Antikörper und Immunzellen im Blut und im Gewebe, die das Virus dort ausschalten. Auch wenn im Verlauf der Immunreaktion gegen den Impfstoff die Menge der Antikörper über ein halbes Jahr hinweg absinkt, bleibt danach die Menge stabil, und diese Antikörper binden besonders stark. Wir haben ein immunologisches Gedächtnis entwickelt, das uns langfristig schützt.

Andreas Radbruch
Andreas Radbruch (Quelle: Gero Breloer)


Dr. Andreas Radbruch ist Immunologe und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin. Er berät u. a. auch den Gesundheitsausschuss des Bundestages.

Wer ist denn nun eigentlich besser vor einer Infektion geschĂĽtzt: Geimpfte oder Genesene?

Die Kombination aus beidem. Eine englische Arbeitsgruppe hat gezeigt: Bei Genesenen oder Geimpften sinkt der Schutz vor einer Infektion nach etwa sechs Monaten auf rund 50 Prozent. Waren Menschen jedoch genesen und dann geimpft, blieb der Schutz vor Infektion auch nach einem Jahr noch bei etwa 90 Prozent.

Die Kombination aus Impfung und durchgemachter Infektion schützt also am zuverlässigsten vor einer erneuten Infektion und damit auch davor, andere anzustecken. Sie bietet einen langfristigen Fremdschutz.

Wie sieht es mit dem Eigenschutz aus?

Die Impfung bietet einen eindrucksvollen Eigenschutz, also den Schutz davor, bei einer Infektion schwer zu erkranken. Hier liegt die Wirksamkeit bei über 95 Prozent, schon nach zwei Impfungen, über Zeiträume von sechs Monaten und voraussichtlich weit darüber hinaus.

Wenn der Schutz vor einer Infektion wenige Monate nach der Impfung nur noch gering ist, brauchen wir dann alle die vierte Impfung?

Schön wäre es, wenn eine vierte Impfung dann alles wieder richtet. Aber leider sind die Daten eher ernüchternd. Die jüngsten Daten aus Israel zeigen: Die vierte Impfung verbesserte den Schutz vor einer Infektion bei Moderna um elf Prozent, bei Biontech um etwa 30 Prozent. Und unerfreulicherweise hatten 40 Prozent unangenehme Nebenwirkungen.

Also hat die vierte Impfung kaum Vorteile?

Doch, bei bestimmten Risikogruppen kann sie vorteilhaft sein. Kollegen aus Marburg und Gießen haben nachgewiesen, dass über 80-Jährige oft sehr schwach auf die ersten Impfungen reagieren, sozusagen mit Verzögerung. Da hilft dann vielen eine Impfung mehr. Auch sogenannte "Low-Responder" in anderen Altersklassen, also Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine gute Immunantwort auf die ersten Impfungen entwickelt haben, könnten von ihr profitieren.

Wie sieht es mit einer vierten Impfung mit einem speziellen Omikron-Impfstoff aus?

Leider auch nicht besser. Studien haben gezeigt, dass es im Grunde keinen großen Unterschied macht, ob zu Verstärkungsimpfungen der bislang bekannte oder ein speziell auf Omikron zugeschnittener Impfstoff benutzt wird.

Unser Immunsystem ist da sehr anpassungsfähig. Wir sprechen hier von Affinitätsreifung, einem Prozess, in dem die Qualität der Antikörper während der Immunreaktion immer weiter verbessert wird, so lange, bis kein Antigen mehr da ist, das kann sechs Monate und länger dauern. Dann binden die Antikörper so fest, dass sie auch die Varianten noch gut erkennen. Sogar Varianten, die es noch gar nicht gibt. Wir nennen das eine "breite Immunität".

Wenn schon die vierte Impfung für das Gros der Menschen kaum mehr einen Effekt hat, dann brauchen wir uns auch nicht sorgen, dass wir noch zur fünften gebeten werden könnten, oder?

Ich sage voraus: Nach der fünften Impfung wird gar nichts mehr passieren. Dann hat sich unser Immunsystem an den Impfstoff gewöhnt. Wir haben dauerhaft so viele Antikörper im Blut, dass der Impfstoff, bzw. das Antigen, das er kodiert, abgefangen wird, bevor es zu einer neuen Immunreaktion kommt. Dauerndes Nachboostern mit dem gleichen Impfstoff in der gleichen Konzentration hat dann keinen Effekt mehr.

Die derzeitigen Zahlen legen nahe, dass wir uns alle früher oder später infizieren werden ...

Ja, davon muss man ausgehen. Wir haben dem im Grunde nichts entgegenzusetzen. Wenn man von einer Anzahl Genesener von zurzeit etwa 20 Millionen ausgeht, mit höherer Dunkelziffer, sind wir ja schon auf dem Weg in die Durchseuchung.

Das ist kein Konzept, es passiert eben, wenn wir uns nicht in einen permanenten Lockdown begeben wollen. Unser Glück ist ja, dass wir Impfstoffe haben, die die Krankheitslast so drastisch senken, dass wir heute mit Inzidenzen leben können, die vor einem Jahr das Gesundheitssystem hoffnungslos überfordert hätten.

Wenn die Impfstoffe nicht dauerhaft vor der Infektion und der Weitergabe des Virus schützen, lässt sich dann mit ihnen eine Impfpflicht rechtfertigen?

Wenn das der Hauptzweck der Impfpflicht sein soll, dann nicht, denn dafĂĽr sind sie nicht geeignet.

Wie stehen Sie zu den Plänen der Länder-Regierungen, die Anti-Corona-Maßnahmen am 2. April weitgehend fallenzulassen?

Wir haben eine hohe Impfquote von mindestens 90 Prozent bei den über 60-Jährigen, die grundimmunisiert sind, also zweimal geimpft, und damit über einen robusten, langfristigen Schutz vor schwerer Erkrankung verfügen.

Wir haben neue, wirkungsvolle antivirale Medikamente und therapeutische Antikörper, um schwere Krankheitsverläufe bei denjenigen zu verhindern, die nicht geimpft werden können, oder die auf die Impfungen nicht ansprechen. Ich persönlich halte die angekündigten Änderungen damit für vertretbar.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Laura Stresing, Cem Ă–zer, Sandra Simonsen
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