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Ausnahmezustand an Silvester – Notarzt fordert Böller-Verbot

dpa, t-online, Gisela Gross

Aktualisiert am 27.12.2018Lesedauer: 4 Min.
Ein Mann startet eine Feuerwerksrakete aus der Hand: Viele Ärzte wĂŒnschen sich ein Verbot von Feuerwerk fĂŒr Privatpersonen.
Ein Mann startet eine Feuerwerksrakete aus der Hand: Viele Ärzte wĂŒnschen sich ein Verbot von Feuerwerk fĂŒr Privatpersonen. (Quelle: Sebastian Willnow/dpa-bilder)
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Möglichst laut und bunt soll es sein: Feuerwerk gehört fĂŒr viele Menschen einfach zu Silvester dazu. Die Kehrseite zeigt sich alljĂ€hrlich in Kliniken. Ärzte berichten von typischen und kuriosen UnfĂ€llen.

Sie feuern Raketen aus der Hand ab. Werfen Böller aus dem Fenster. Importieren sprengstarke Pyrotechnik aus dem Ausland. Sammeln am Neujahrsmorgen BlindgÀnger auf. Oder halten Böller als Mutprobe extra lange in der Hand. Nicht nur alkoholisierte Knallerfreunde kommen an Silvester auf Ideen.

"Der mĂ€nnlichen Experimentierfreude sind da keine Grenzen gesetzt", sagt Angela Kijewski, Sprecherin des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB). Sie spricht aus bitterer Erfahrung: AlljĂ€hrlich sorgt Silvester fĂŒr volle Notaufnahmen.

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Kinder sind oft Zufallsopfer

Ärzte behandeln dabei nicht nur Hobby-Pyrotechniker nach UnfĂ€llen, sondern auch Zufallsopfer. Das sind vor allem Kinder. Ihr Anteil unter den Silvesterverletzten habe in den vergangenen Jahren bei Augen- und Ohrenverletzungen zugenommen, sagt der leitende Oberarzt der Notaufnahme am Virchow-Klinikum der Berliner CharitĂ©, Tobias Lindner.

Grund seien etwa KnallerwĂŒrfe, die zu Explosionen nahe dem Gesicht oder dem Ohr fĂŒhren. Opfer hĂ€tten in solchen FĂ€llen keine Chance, sagt der Mediziner. Deutsche Augenkliniken meldeten rund um Silvester der beiden Vorjahre jeweils weit mehr als 800 Augenverletzungen durch Pyrotechnik, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft mitteilt.

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Die ersten Unfallopfer sehen die Notaufnahme-Teams schon vor dem 31. Dezember – sobald Feuerwerk zum Verkauf steht, wie Lindner sagt. An Silvester reißt der Zustrom an Verletzten von kurz nach Mitternacht an so schnell nicht mehr ab. An Neujahr schleppen sich dann noch viele in die Rettungsstelle, die ihre Verletzung in der Nacht noch unterschĂ€tzten. Doppelte Besatzung in der Chirurgie und bei den PflegekrĂ€ften stehen dann etwa am Virchow-Klinikum bereit.

Tote durch mÀnnliches "Gehabe"

Dass Menschen den Rutsch ins Neue Jahr nicht ĂŒberleben, kommt in Deutschland immer wieder einmal vor – allein in Brandenburg gab es voriges Silvester zwei Tote durch Feuerwerk. Neben selbst gebautem Feuerwerk haben auch nicht frei verkĂ€ufliche Produkte wie Kugelbomben, die fĂŒr professionelle Feuerwerke gedacht sind, hierzulande schon zum Tod oder zu erheblichen Verletzungen bei relativ jungen MĂ€nnern gefĂŒhrt.

Feuerwekrsraketen liegen in einem Kaufhaus: Wer Raketen aus der Hand startet, riskiert Verletzungen.
Feuerwekrsraketen liegen in einem Kaufhaus: Wer Raketen aus der Hand startet, riskiert Verletzungen. (Quelle: Lino Mirgeler/dpa-bilder)

"Die schweren Verletzungen passieren fast ausschließlich mit illegalen Böllern, sogenannten Polenböllern, oder selbstgebasteltem Feuerwerk", betont Kijewski.

Das Geschlecht eint die allermeisten Opfer: Mutproben und Angeben mit Feuerwerk sowie mangelnde Sicherheitsvorkehrungen sind den Experten zufolge eher MĂ€nnersache. Lindner bezeichnet auch den "Straßenkampf" mit Böllern und Raketen in manchen Berliner Ecken als rein mĂ€nnliche DomĂ€ne.

Von "Gehabe" gerade bei mĂ€nnlichen Jugendlichen sprechen mehrere Mediziner. Frauen wĂŒrden, wenn ĂŒberhaupt, durch von anderen abgefeuerte Knaller verletzt, bestĂ€tigt auch das UKB.

HĂ€ufig kommen die Menschen nach Lindners Erfahrung mit kleineren Verletzungen wie Verbrennungen in die Notaufnahme. Diese können durch Unaufmerksamkeit beim Hantieren mit Feuerwerk entstehen, wenn die ReaktionsfĂ€higkeit durch Alkohol eingeschrĂ€nkt ist und wenn gegebenenfalls auch noch KĂ€lte fĂŒr weniger GefĂŒhl in den Fingern sorgt.

Zu tiefergehenden Verbrennungen oder auch KnochenbrĂŒchen kann es kommen, wenn Raketen Gesicht oder Körper treffen. "Die Leute beugen sich noch mal ĂŒber die Feuerwerkskörper – 'huch, hat ja gar nicht gezĂŒndet'", erklĂ€rt Kijewski.

Amputationsverletzungen durch Böller

Der PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Unfallchirurgie, Joachim Windolf, nennt Verletzungen durch Böller typisch fĂŒr Silvester. Manche Patienten trĂŒgen trotz mehrwöchiger Behandlung bleibende SchĂ€den davon, sagt er. Es gehe um dauerhafte BewegungseinschrĂ€nkungen der Hand und gebrochene sowie ganz oder in Teilen abgesprengte Finger. Auch Narben im Gesicht können an die Missgeschicke erinnern.

Die Druckwelle einer Böller-Explosion nahe der Hand muss nicht zwangslÀufig blutende Wunden oder verbrannte Haut hinterlassen. Es könne auch innerlich Gewebe zerstört werden, warnt Windolf. Darauf wiesen etwa Schwellungen hin.

Ein ausgebrannter Feuerwerkskörper brennt in unmittelbarer NÀhe eines gepanzerten Polizeifahrzeugs: Die Polizei bereitet sich schon auf EinsÀtze an Silvester vor.
Ein ausgebrannter Feuerwerkskörper brennt in unmittelbarer NÀhe eines gepanzerten Polizeifahrzeugs: Die Polizei bereitet sich schon auf EinsÀtze an Silvester vor. (Quelle: Andreas Arnold/dpa-bilder)

Zeitnah zum Experten zu gehen, sei dann wichtig, sagt der Direktor der Klinik fĂŒr Unfall- und Handchirurgie am Uniklinikum DĂŒsseldorf. Ein Teil der Patienten habe aber "dann doch irgendwie GlĂŒck", sagt er.

Daneben sorgen sogenannte Knalltraumata bei HNO-Ärzten fĂŒr Arbeit: "Ein gewisses Pfeifen im Ohr, TaubheitsgefĂŒhl – und man weiß nicht, ob es in ein, zwei Stunden weggeht, was hĂ€ufig ist, oder ob es doch eine schwerwiegendere Verletzung ist, die behandelt werden muss", erlĂ€utert Lindner.

Üblicherweise deuteten Schmerzen im Ohr zum Beispiel auf eine Trommelfellverletzung hin – abwarten bis zu deren Abklingen sei dann die schlechtere Wahl.

Gezielte Angriffe auf RettungskrÀfte mit Böllern

Lindner findet, dass Feuerwerkskörper schon allein wegen gezielter Angriffe auf RettungskrĂ€fte wie im Vorjahr in Berlin nicht in die HĂ€nde einer breiten Öffentlichkeit gehören. "Man sollte sich auf schöne Feuerwerke konzentrieren, die der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht werden, so dass man das gemeinsame Erlebnis hat", sagt er. Den "Straßenkampf" hingegen solle man unterbinden.


Mediziner Windolf hingegen hĂ€lt ein Feuerwerksverbot in einer "freien Gesellschaft" nicht fĂŒr zielfĂŒhrend: Womöglich griffen die Leute dann erst recht zu gefĂ€hrlichen illegalen Knallern, mit schlimmeren Folgen, befĂŒrchtet er – und setzt auf AufklĂ€rung.

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