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Plastikpanorama Schweiz: Darum hat der Alpenstaat ein Müllproblem


Die unsichtbare Ölpest in der Schweiz

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 09.01.2023Lesedauer: 5 Min.
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Das verschneite Gais in der Ostschweiz: Dass die Schweiz nicht zur Europäischen Union gehört, macht sich beim Müll ziemlich negativ bemerkbar.
Das verschneite Gais in der Ostschweiz: Dass das Land nicht zur Europäischen Union gehört, hat Konsequenzen für die Umwelt. (Quelle: IMAGO/imageBROKER/Stefan Huwiler)
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Klare Bäche, strahlender Schnee und saftige Wiesen prägen das Bild der Schweiz. Das Land ist stolz auf seinen Ruf. Doch so reinlich geht es dort längst nicht zu.

Wieso ist die Schweiz so sauber? Das ist eine der häufigsten Fragen, mit der man sich zu diesem Land in Deutschland an die Google-Suche wendet. Ist es die Umweltliebe oder der Kontrollzwang der Eidgenossen? Der Zürcher "Tagesanzeiger" schwankt in seinem Erklärungsversuch. In jedem Fall gehöre Sauberkeit zum Schweizer Selbstbild "wie Pünktlichkeit und Diskretion". Doch zwischen Genf, Lugano und St. Gallen kann man auch anders.

Denn die Schweiz ist auch der zweitgrößte Verursacher von Plastikabfall pro Kopf in ganz Europa. Auf jeden Bewohner der Alpenrepublik entfallen jährlich knapp 109 Kilogramm Kunststoffreste, wie US-amerikanische Forscher in einer Vergleichsstudie herausfanden.

Nur 10 Prozent landen im Recycling

Nur in Luxemburg sind die Müllberge der Menschen demnach noch höher. Zwei der reichsten Länder Europas kämpfen mit ihrem Wohlstandsmüll. Luxemburg geht das Problem zumindest mithilfe von EU-Recyclingquoten an, rund ein Drittel der Kunststoffabfälle wird wiederverwertet. In der Schweiz hingegen herrscht Apathie.

Statt die eigene Plastikflut zu recyceln, wird der allergrößte Teil verfeuert: Mehr als 85 Prozent der Kunststoffe enden in Schweizer Müllverbrennungsanlagen oder Industrieöfen. Dort produzieren sie rund 5 Prozent aller Treibhausgasemissionen des Landes, 2,1 Millionen Tonnen CO2. Weniger als 10 Prozent der Wertstoffe gelangen ins Recycling, so das eidgenössische Bundesumweltamt.

Eine Sammelstelle für Plastikabfälle in der Schweiz: Dass das Land nicht zur Europäischen Union gehört, macht sich auch beim Müll bemerkbar. Und das ziemlich negativ.
Eine Sammelstelle für Plastikabfälle in der Schweiz: Der größte Teil wird verbrannt. Nur bei einer kleinen Untergruppe läuft es besser. 95 Prozent der PET-Flaschen werden recycelt. (Quelle: Manuerl Geisser/ Imago)

Auch in Deutschland ist beim Plastikrecycling noch viel Luft nach oben, doch lag die Quote zuletzt immerhin bei 46 Prozent. Verbrannt wurden noch 53 Prozent, der Rest anderweitig verwertet oder deponiert. Der Grund für den großen Unterschied zwischen den Ländern? Die Freiheitsliebe der Schweizer.

Ohne Vorschriften, ohne Erfolg

"Das ist dieser liberale Geist, der in der Schweiz sehr stark ausgeprägt ist. Bloß nichts über Gesetze regeln, alles soll freiwillig funktionieren", kritisiert Fabienne McLellan, Geschäftsführerin der Meeresschutzorganisation OceanCare. Die einflussreiche Verpackungsindustrie, die Aufwand, Kosten und verbindliche Vorgaben scheue, bremse zusätzlich.

Das Ergebnis: Plastikabfälle zu sammeln und zu recyceln, ist in der Eidgenossenschaft, anders als in der Bundesrepublik, freiwillig. Weder gibt es gesetzliche Quoten für die Verwertung des Mülls noch ein Pfandsystem. Gegen Letzteres wehrt sich die Recyclingbranche der Schweiz recht vehement – das aktuelle System funktioniere gut.

Die Wahl, die dieses System den Verbraucherinnen und Verbrauchern lässt: Sie können Plastikabfälle und -flaschen im Restmüll entsorgen, der abgeholt wird, oder diese separat sammeln und selbst zu Annahmestellen privater Firmen fahren. Für McLellan bestätigt der unrühmliche zweite Platz im Plastikmüllranking, dass der Umweltverschmutzung mit Eigenverantwortung für Bürger und Hersteller nicht beizukommen ist. Sehnsüchtig erwähnt sie das EU-weite Verbot von leichten Plastiktüten, das seit Anfang 2022 gilt sowie das Aus für Wattestäbchen, Einwegbesteck und Strohhalme aus Plastik aus dem Jahr 2021.

Das Schweizer Bundeshaus in Bern: Hier sitzen sowohl das Parlament als auch die Regierung, der siebenköpfige Bundesrat. Bisher ignoriert die Exekutive das Plastikproblem größtenteils.
Das Schweizer Bundeshaus in Bern: Hier sitzen Parlament und Regierung, der siebenköpfige Bundesrat. Bisher ignoriert die Exekutive das Plastikproblem vorwiegend. (Quelle: IMAGO/Kerstin Bittner)

Die Schweiz kennt keine Entsprechung, obwohl das Parlament wiederholt darauf gedrängt hat. "Mehr als 70 Vorstöße im Parlament haben bereits ganz konkrete Schritte gegen die zunehmende Plastikvermüllung unseres Landes gefordert. Aber der Bundesrat bremst immer ab", so McLellan. Auch versuche die Exekutive, die Umweltschäden durch Plastikverschmutzung infrage zu stellen. Wissenschaftler aus aller Welt sind jedoch längst sicher: Kunststoffmüll wirkt in der Natur als Gift. Je kleiner die Bruchstücke, desto gefährlicher.

Von der Take-away-Gabel zu toxischem Müll

Es mag inmitten der Klimakrise ohnehin bizarr scheinen, Wegwerfprodukte und Verpackungen aus fossilen Brennstoffen herzustellen. Doch abgesehen von den Treibhausgasen, die bei Produktion und Verbrennung entstehen, bergen deren Überreste große Gefahren für Tiere, Pflanzen und den Menschen.

Die Umwelt ist so durchsetzt von kleinsten Plastikpartikeln unter fünf Millimeter, dass diese bereits zu uns zurückkommen: "Es gilt als gesichert, dass Mikroplastik in Lebensmitteln vorkommt", schreibt das deutsche Bundesamt für Risikoforschung (BfR). Luft und Wasser tragen das Material beispielsweise in Fische, Muscheln, Salz, Honig, Möhren, Äpfel und Bier.

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Über den Verdauungstrakt gelangt es von dort in den menschlichen Körper – sogar bis in die Plazentas schwangerer Frauen, wie italienische Forscher 2021 herausfanden. Im vergangenen Jahr schafften Wissenschaftler es dann, die Plastikfremdkörper im Blut nachzuweisen. Zumindest bei Mäusen ist auch bewiesen, dass kleinste Plastikstücke sich aus dem Blut einen Weg ins Gehirn bahnen können.

Kleine Kunststoffpartikel aus einem Peeling-Gel: Zahlreiche Kosmetikprodukte enthalten weiterhin Mikroplastik, dass sich auch in Kläranlagen nicht ganz aus dem Wasser filtern lässt.
Kleine Kunststoffpartikel aus einem Peeling-Gel: Viele Kosmetikprodukte enthalten Mikroplastik, das auch Kläranlagen nicht vollständig aus dem Wasser filtern können. (Quelle: Alexander Stein/ Imago/ Joker)

Was die Teilchen und die bis zu 12.000 enthaltenen Zusatzstoffe wie Flammschutzmittel oder Weichmacher dort anrichten können, ist bisher kaum erforscht; noch fehlen belastbare Zahlen. Forscher vermuten jedoch, dass sie zu Schäden am zentralen Nervensystem und im Hormonhaushalt sowie zu Stoffwechselstörungen führen könnten.

580 Tonnen Plastikmüll im Genfer See

Eindeutig sind die gravierenden Folgen von Mikroplastik hingegen in den Meeren: Meeresschildkröten, Wale und Fische verwechseln die Kleinstteile mit Nahrung und verhungern mit einem Magen voll Müll. Auch Korallen nehmen die Teilchen auf und können daran zugrunde gehen. Hinzu kommt: In Fischen ist die Wirkung von Mikroplastik als Nervengift bereits bestätigt. Und obwohl die Schweiz ein Binnenland ist: Auch von hier stammt ein Teil des giftigen Cocktails im Wasser.

"Das Meer beginnt in der Schweiz", sagt Meeresschützerin McLelland. Die Quellen von Rhein und Rhone liegen in den Schweizer Alpen, der Inn entspringt dort ebenso wie der Ticino. Sie alle münden in Meeren; in der Nordsee, dem westlichen Mittelmeer, der Adria und im Schwarzen Meer – und nehmen jährlich Millionen an Plastikteilchen dorthin mit.

(Quelle: Jens Schicke/ Imago)

Gesetzlicher Recycling-Anschub in Deutschland

In Deutschland schreibt das Verpackungsgesetz seit 2022 vor, dass aus dem Hausmüll 63 Prozent der Kunststoffverpackungen und 70 Prozent der Verbundverpackungen, beispielsweise Getränkekartons, recycelt werden müssen. Außerdem gilt seitdem eine Pfandpflicht für fast alle Einwegflaschen. Ein neuer Gesetzesentwurf will außerdem Konzerne mehr in die Pflicht nehmen: Ab 2025 sollen sich Hersteller von Einwegplastikprodukten finanziell an den Kosten für die Abfallentsorgung beteiligen müssen.

"Eine Studie hat gezeigt, dass in fast jeder Gewässerprobe aus Schweizer Seen Mikroplastik schwimmt. Allein im Genfer See landen jährlich 55 Tonnen Plastik", so McLellan. Insgesamt wird die Menge an Kunststoffmüll im zweitgrößten See Europas inzwischen auf 580 Tonnen geschätzt – so viel, wie 333 Nilpferde auf die Waage bringen. Auch die Auengebiete des Landes seien mit schätzungsweise 53 Tonnen Mikroplastik belastet. Sogar im Schnee der Alpen und in abgelegenen Bergseen fänden sich erhebliche Mengen der Kunststoffstückchen.

Der Lac Bleu im Schweizer Kanton Wallis: Selbst in Wasserproben aus abgelegenen Bergseen findet sich häufig Mikroplastik.
Der Lac Bleu im Schweizer Kanton Wallis: Selbst in Wasserproben aus abgelegenen Bergseen findet sich häufig Mikroplastik. (Quelle: P. Frischknecht/ Blickwinkel/ Imago)
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"Insgesamt kommt das Land jedes Jahr auf 14.000 Tonnen Makro- und Mikroplastik, die weder in der Müllverbrennung, geschweige denn im Recycling landen – sondern in der Natur", zitiert McLellan das Schweizer Bundesamt für Umwelt. "Das ist eine unsichtbare Ölpest", sagt sie. Ein Großteil davon stamme zwar von Reifenabrieb, doch ein Fünftel gehe allein auf Plastikmüll zurück. Und das, obwohl die Schweiz jährlich bereits knapp 203 Millionen Euro ausgebe, um wild entsorgte Abfälle zu beseitigen.

Engagement nur auf der internationalen Bühne

In Zukunft dürften diese Kosten ebenso wie die verbleibende Plastikvermüllung weiter ansteigen: Laut der OECD könnte sich die weltweite Plastikproduktion bis zum Jahr 2060 in etwa verdreifachen. Aus Sicht McLellans eine dringende Warnung, dem Plastik schnellstmöglich den Kampf anzusagen.

"Die Schweiz ist das Schlusslicht in Europa, was Maßnahmen gegen Plastikmüll betrifft", sagt sie. Dass sich das ändern ließe, zeigt nicht nur der Wille im Parlament, sondern auch das Schweizer Engagement bei den Vereinten Nationen: Hier setzt sich das Land sehr stark für ein ambitioniertes globales Plastikabkommen ein. Aber zu Hause zeigen, wie ernst der Regierung das Anliegen tatsächlich ist? Fehlanzeige. "Wir brauchen gesetzliche gesamtschweizerische Maßnahmen und Verordnungen, die Haltung zeigen – und vor allem auch angewendet werden", sagt Fabienne McLellan.

Neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Meeresschutzorganisation Ocean Care, kümmert Fabienne McLellan sich auch um das Plastikprogramm der NGO.
Neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Meeresschutzorganisation OceanCare kümmert Fabienne McLellan sich auch um das Plastikprogramm der NGO. (Quelle: Gerry Nitsch/ OceanCare)

An der Bevölkerung dürfte dies nicht scheitern. Auch wenn die direkte Demokratie in der Schweiz mal neue Minarette verbietet, mal Konzernen die Haftung für Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen im Ausland erspart – beim Plastikproblem scheint es fortschrittlicher zuzugehen.

Mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich um die Folgen der Plastikverschmutzung für die Natur in ihrem Land, wie eine Umfrage von OceanCare kürzlich gezeigt hat. Und: Mehr als zwei Drittel sind unzufrieden mit dem politischen Vorgehen in diesem Punkt. Womöglich ein guter Zeitpunkt, um sich bei den europäischen Nachbarn das legislative Starterset gegen den Plastikwahn abzuschauen.

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Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Fabienne McLellan, Geschäftsführerin der Meeresschutzorganisation OceanCare
  • tagesanzeiger.ch: "Wieso ist die Schweiz so sauber?"
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