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Corona-Katastrophe in Indien: "Scheiterhaufen beweisen, dass es eine Krise gibt"

Corona-Katastrophe in Indien  

"Diese Scheiterhaufen beweisen, dass es eine Krise gibt"

09.05.2021, 18:16 Uhr | AFP

Corona-Katastrophe in Indien: "Scheiterhaufen beweisen, dass es eine Krise gibt". Der Leichnam eines verstorbenen Corona-Patienten wird zur Einäscherung geschoben: Die Krematorien sind überlastet. (Quelle: dpa/Ishant Chauhan/AP/dpa)

Der Leichnam eines verstorbenen Corona-Patienten wird zur Einäscherung geschoben: Die Krematorien sind überlastet. (Quelle: Ishant Chauhan/AP/dpa/dpa)

Coronatests sind rar, Sauerstoffflaschen unbezahlbar und das nächste Krankenhaus ist oft weit entfernt. Kein Land leidet aktuell so sehr unter der Pandemie wie Indien, aber die Regierung unterbindet jeden Hilferuf.

Brijesh Pandey ist jeden Tag stundenlang damit beschäftigt, Sauerstoff für seinen schwer an Covid-19 erkrankten Schwager zu besorgen. "Die Regierung sagt, dass es genug Medikamente und Sauerstoff gibt", sagt der 42-Jährige, während er in Moradabad im nordinischen Bundesstaat Uttar Pradesh an einer Auffüllstation für Sauerstoffflaschen ansteht. "Aber schauen Sie, wie hunderte verzweifelte Menschen darum kämpfen, das Leben ihrer Brüder, Schwestern und Eltern zu retten."

Obwohl Pandeys Schwager nur schwer Luft bekommt, wird er zu Hause versorgt. Schuld ist die indische Bürokratie. "Wir konnten nur einen Schnelltest machen lassen, der von den Krankenhäusern nicht anerkannt wird", berichtet Panday. "Sie verlangen einen RT-PCR-Test, und der ist nicht verfügbar." Die Familie musste also die für sie astronomische Summe von 40.000 Rupien (knapp 450 Euro) aufbringen, um eine Sauerstoffflasche zu besorgen.

Zwei Männer transportieren eine Sauerstoffflasche: Viele Erkrankte werden Zuhause von ihren Familienangehörigen versorgt. (Quelle: imago images/Sudipta Das)Zwei Männer transportieren eine Sauerstoffflasche: Viele Erkrankte werden Zuhause von ihren Familienangehörigen versorgt. (Quelle: Sudipta Das/imago images)

Die Sauerstoffstation in Moradabad wird von Polizisten bewacht. Vorgelassen werden nur Wartende, die ein Rezept von einem Arzt vorweisen können. Damit wollen die Behörden nach eigenen Angaben Schwarzhändler abhalten. "Wir wissen, dass sich viele Menschen nicht testen lassen können, obwohl sie krank sind", räumt der Leiter der Auffüllstation ein. "Sie bekommen dann keinen Sauerstoff."

Wer "Gerüchte und Angst verbreitet" wird verhaftet

Die Regionalregierung scheint das Ausmaß der Krise in den ärmlichen Dörfern nicht wahrhaben zu wollen. An der Spitze der Regierung steht der hinduistische Mönch Yogi Adityanath, der als möglicher Nachfolger des indischen Premierministers Narendra Modi gehandelt wird. Er beharrt darauf, dass es keinen Mangel an Medikamenten oder Sauerstoff gebe. Vergangene Woche erklärte der 48-jährige Mönch, wer "falsche" Behauptungen über angebliche Versorgungsengpässe in Uttar Pradesh aufstelle, müsse mit strafrechtlicher Verfolgung und Enteignung rechnen.

Die Polizei ermittelt schon gegen mindestens zwei Privatleute und eine Klinik, die "Gerüchte und Angst verbreitet" haben sollen. Einer der Betroffenen wurde festgenommen, nachdem er im Onlinedienst Twitter einen Hilferuf nach Sauerstoff veröffentlicht hatte.

In Lucknow, der Hauptstadt von Uttar Pradesh, wurden im April offiziell 830 Corona-Tote registriert. Nach Angaben von zwei Krematorien wurden allein dort im vergangenen Monat allerdings mehr als 1.900 Leichen verbrannt und 500 weitere Tote auf dem muslimischen Friedhof bestattet.

Angehöriger einer Verstorbenen: "Die Regierung lügt"

Nach Einschätzung von Vivek Awasthi, der eine Hilfsorganisation betreibt, behandeln viele Dorfbewohner das Coronavirus wie eine normale Erkältung. Vorkehrungen, um eine Ausbreitung zu verhindern, treffen sie nicht. Oft ist das nächste Krankenhaus auch einfach zu weit weg. Ramchandra Nirmal, der als Wachmann an einem Krankenhaus in Mumbai arbeitet, kommt aus einem Dorf, in dessen Umgebung es nur kleine Kliniken gibt. "Aber wenn man Sauerstoff braucht, muss man in ein Krankenhaus fahren, das rund 110 Kilometer entfernt ist."

Männer gehen an den Holzfeuern zur Einäscherung vorbei: In den vergangenen Tagen starben Hunderttausende an dem Coronavirus. (Quelle: dpa/Manish Rajput/SOPA Images via ZUMA Wire)Männer gehen an den Holzfeuern zur Einäscherung vorbei: In den vergangenen Tagen starben Hunderttausende an dem Coronavirus. (Quelle: Manish Rajput/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

Für den dramatischen Anstieg der Infektionszahlen in Uttar Pradesh gibt es noch viele andere Gründe: Wanderarbeiter und heimkehrende Pilger brachten das Virus aus den Städten in ihre Heimatdörfer. Beim Pilgerfest Kumbh Mela drängten sich noch bis April Millionen Menschen dicht an dicht, die meisten ohne Maske.

Als sich das Virus schon stark ausbreitete, wurden in Uttar Pradesh noch Kommunalwahlen abgehalten. Der Bruder von Pavan Singh, ein Lehrer, steckte sich bei seiner Arbeit als Wahlhelfer an und starb. "Mein Bruder wäre noch am Leben, wenn die Regierung ihren Verstand benutzen würde", sagt Singh. Andere Hinterbliebene, die am Ufer des Ganges ihre Toten verbrennen, pflichten ihm bei. "Die Regierung lügt, wenn sie sagt, dass es keine Krise gibt", sagt Sanjeev Yada, dessen Schwägerin zu Hause gestorben ist. "Diese Scheiterhaufen beweisen, dass es eine Krise gibt und die Regierung nur versucht, sie zu vertuschen."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur AFP

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