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Grenzerfahrung in Myanmar: Ein Land als Geisel der Gener├Ąle

Von dpa
Aktualisiert am 27.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Das Archivbild zeigt Demonstrierende in Yangon im vergangenen Juni.
Das Archivbild zeigt Demonstrierende in Yangon im vergangenen Juni. Der Widerstand gegen die Junta in Myanmar rei├čt nicht ab. (Quelle: --/AP/dpa./dpa)
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Mae Sot (dpa) - Ein Dutzend Menschen waten durch den tr├╝ben Moei-Fluss. Einige haben Babys auf dem Arm, andere tragen Alte auf dem R├╝cken, die zu schwach sind, um das andere Ufer zu erreichen. Ihr Ziel: Mae Sot im Nordwesten Thailands.

In der Grenzstadt knattern Motorr├Ąder an Marktst├Ąnden vorbei, Menschen kochen und plaudern, T├Âpfe mit Nudeln und Gem├╝se dampfen - ein Anflug von Alltagsleben. W├Ąren da nicht die vielen Fl├╝chtlinge. Menschen, die Birmanisch sprechen, nicht Thai. Auf der Suche nach Sicherheit und Frieden schlafen sie in Tempeln, Schulen, Scheunen - denn ihre Heimat Myanmar versinkt seit dem Putsch vom 1. Februar 2021 in blutigem Chaos.

Wie viele momentan in provisorischen Camps entlang der Grenze leben, wei├č niemand so genau. Zehntausende k├Ânnten es sein, vielleicht mehr. Laut UN-Fl├╝chtlingshilfswerk UNHCR sind allein wegen der j├╝ngsten K├Ąmpfe in den Bundesstaaten Karen und Kayah mindestens 9500 Menschen zumindest zeitweise nach Thailand geflohen. In Myanmar lebten hingegen im Zuge des Milit├Ąrputsches mittlerweile 776.000 Einwohner als Vertriebene im eigenen Land, berichten die Vereinten Nationen.

Hoffen auf eine bessere Zukunft in Thailand

Ein paar Thai Soldaten sind am Ufer des seichten Moei postiert. Viele Myanmaren decken sich in Mae Sot nur mit Vorr├Ąten ein und kehren dann in den Ort Myawaddy auf der anderen Seite zur├╝ck. Aus Angst hausen sie direkt am Wasser in Notunterk├╝nften. Zelte und Planen bewegen sich im Wind, bunte Longyis - Myanmars traditionelle Wickelr├Âcke - h├Ąngen zum Trocknen auf Leinen. Andere Fl├╝chtlinge bleiben in Mae Sot und hoffen auf eine bessere Zukunft in Thailand.

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Pl├Âtzlich hallt Artilleriefeuer durch die Luft. Eine st├Ąndige Erinnerung daran, dass die Gener├Ąle in Myanmar jeden Widerstand mit brutaler Waffengewalt unterdr├╝cken. Und der Ort Lay Kay Kaw ganz in der N├Ąhe von Myawaddy wird von Rebellen aus der Volksgruppe der Karen kontrolliert. Seit Mitte Dezember kommt es in dem Gebiet regelm├Ą├čig zu Feuergefechten zwischen Regime-Gegnern und Soldaten.

"Das Regime hat nicht damit gerechnet, dass es einen so starken und entschlossenen Widerstand gegen den Putsch geben w├╝rde", ist der Myanmar-Experte Richard Horsey von der International Crisis Group ├╝berzeugt. Wegen der landesweiten Auflehnung gegen die Junta m├╝ssten die Gener├Ąle unter F├╝hrung von Machthaber Min Aung Hlaing mit immer extremerer Gewalt agieren, um ihr ├ťberleben zu sichern. "Aber sie scheinen immer noch zuversichtlich zu sein, dass sie am Ende siegen werden - genauso wie die Junta-Gegner weiterhin entschlossen sind, dies zu verhindern", sagt Horsey.

Menschen auf der Flucht

Eine, die sich schon kurz nach dem Umsturz der "Bewegung f├╝r zivilen Ungehorsam" (CDM) angeschlossen hat, ist Mary. Die 54-J├Ąhrige will ihren Nachnamen lieber nicht nennen. 30 Jahre lang hat die Frau aus Myawaddy als Lehrerin gearbeitet. Aber statt irgendwann als Rentnerin die Fr├╝chte ihrer Arbeit zu genie├čen, ist sie auf der Flucht.

"Weil ich mich der Widerstandsbewegung angeschlossen habe, gibt es f├╝r mich keine Chance mehr, meine Rente zu bekommen. Aber ich konnte der Junta einfach nicht folgen", erz├Ąhlt sie traurig, w├Ąhrend sie in einem Topf mit Reis r├╝hrt. "Wir haben friedlich protestiert, und sie haben unsere Leute, unsere Studenten, unsere junge Generation get├Âtet, festgenommen und gefoltert. Das kann ich nicht akzeptieren."

1490 Tote seit dem Putsch

Laut Sch├Ątzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP wurden seit dem Putsch mindestens 1490 Menschen get├Âtet. Fast 12.000 wurden zumindest vor├╝bergehend festgenommen. Viele ├╝berleben die Haft nicht: Oft werden Regimekritiker nachts verschleppt und am n├Ąchsten Tag ihren Familien als Leichen zur├╝ckgebracht - K├Ârper und Gesicht von schwerer Folter gezeichnet. Die entmachtete Regierungschefin Aung San Suu Kyi sitzt derweil im Hausarrest. Gegen sie l├Ąuft ein Schauprozess, der sie zum Schweigen bringen soll.

Wie viele Leidensgenossen ist auch Mary derzeit in Mae Sot gestrandet. Aber bevor sie es nach Thailand geschafft hat, musste sie sich im Zuge der Luftangriffe auf Lay Kay Kaw zwei Wochen im Dschungel verstecken, in st├Ąndiger Angst entdeckt und ermordet zu werden. "Ich werde das nie vergessen. Wir rannten alle um unser Leben, mitten in der Nacht. Alte Menschen. Frauen und Kinder. Wir konnten auch keine Taschenlampen benutzen, weil die Truppen sonst auf uns geschossen h├Ątten", erinnert sie sich. Viele junge Widerstandsk├Ąmpfer, die sich gewehrt h├Ątten, seien gefallen.

"Ein Jahr ist vergangen, und sie beherrschen das Land noch immer nicht. Sie sind jetzt eine bewaffnete Gruppe, angef├╝hrt von Min Aung Hlaing, die das ganze Land dank ihrer schweren Waffen als Geisel genommen hat", sagte Thinzar Shunlei Yi, eine der bekanntesten Demokratieaktivistinnen Myanmars, der Deutschen Presse-Agentur.

Schlechtes Image der Junta im Ausland

Aber die Bilder von gefolterten Gefangenen, erschossenen und verbrannten Zivilisten und zerst├Ârten D├Ârfern h├Ątten dem Image der im Ausland ohnehin ungeliebten Junta nur noch mehr geschadet. Auch das Versprechen der Gener├Ąle, bis August 2023 Wahlen abzuhalten, sei nur dazu gedacht, bei der internationalen Gemeinschaft falsche Hoffnungen zu wecken. "Nur Dummk├Âpfe werden ihnen glauben", meint sie. Wie viele ihrer Mitstreiter gl├╝ht Thinzar f├╝r die Sache - und k├Ąmpft ohne Unterlass f├╝r ein Myanmar mit einer demokratisch gew├Ąhlten Regierung.

Auch Padoh Saw Taw Nee - Sprecher der Karen National Union (KNU), einer der gr├Â├čten ethnischen Rebellengruppen des Landes - glaubt, dass die Junta-Gener├Ąle sich in ihrem blinden Machtwillen verrannt haben. "Sie agieren wie Narren und denken, dass sie im Ausland keine Freunde brauchen. Aber sie haben nicht verstanden, dass sich die Welt ver├Ąndert hat", sagt er mit Blick auf die fr├╝here jahrzehntelange Schreckensherrschaft des Milit├Ąrs, die erst vor etwa zehn Jahren zaghaften demokratischen Reformen gewichen war. "Ich glaube, dass sie keine Ahnung haben, wie sie weitermachen sollen. Also tun sie weiter das einzige, was sie k├Ânnen: Die Leute schikanieren."

Wie also geht es weiter in dem gebeutelten Land? Myanmar-Experte Richard Horsey sieht bislang kein Licht am Horizont: "Myanmar wird wahrscheinlich auf absehbare Zeit in einem Krisenzustand bleiben", sagt er. Die Widerstandsgruppen w├╝rden zwar immer raffinierter, wenn es darum gehe, Regimetruppen ins Visier zu nehmen - aber die Milit├Ąrregierung werde alles tun, um an der Macht zu bleiben. Myanmar sei auf dem Weg, zu einem "Flickenteppich" aus Armee-Einheiten, bewaffneten Rebellen und Kriminellen zu werden. Gefangen in der Mitte seien die B├╝rger, die auch weiter einen schrecklichen Preis zahlten.

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