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Hungerkrise in Kenia | Massai: "Viele Familien müssen zum letzten Mittel greifen"


"Viele Familien müssen zum letzten Mittel greifen"

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 07.12.2022Lesedauer: 5 Min.
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Ein Hirte mit seiner unterernährten Kuh auf dem Gelände des Viehmarktes in Ilbisil, Kajiado, Kenia. Die schlimmste Dürre seit 40 Jahren trifft auch Wildtiere und Ernten.
Ein Hirte mit seiner unterernährten Kuh auf dem Gelände des Viehmarktes in Ilbisil, Kajiado, Kenia. Die schlimmste Dürre seit 40 Jahren trifft auch Wildtiere und Ernten. (Quelle: IMAGO/Boniface Muthoni)
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Nach vier Jahren nahezu ohne Regen regiert der Staub in Kenia. Eine Massai berichtet, wie der Alltag zum Überlebenskampf geworden ist und wie Deutschland helfen kann.

Wo einst gut genährte Rinder durchs Gras wanderten, liegen jetzt Gerippe auf dem Boden. In Kenia ist inzwischen die vierte Regenzeit in Folge ausgefallen. Auf dem Viehmarkt in Kajiado, im Süden des Landes, sind viele Tiere so schwach, dass sie kaum laufen können: Fotos aus dem November zeigen Hirten der Massai, die verzweifelt versuchen, ihre fast verhungerten Kühe zum Aufstehen zu bewegen.

Anita Soina (22) will das nicht hinnehmen. Sie stammt aus Kajiado County, gehört selbst zur Volksgruppe der Massai, die als Halbnomaden von der Viehzucht leben. Frustriert davon, dass sich die Regierung in Nairobi trotz des verheerenden Wassernotstands zu wenig um den Klimaschutz kümmerte, kandidierte Soina im Sommer kurzerhand selbst.

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"Wieso soll die Jugend mit Plakaten auf Demos 'bitte, bitte' machen, wenn wir mitregieren können?", fragt sie. Soina ist als Aktivistin aktiv, hat eine eigene Klima-NGO und eine Stiftung gegründet, ein Buch geschrieben und spricht auf nationalen und internationalen Bühnen über die Auslöser und Auswege aus der Dürre. Inzwischen ist sie in Kenia so bekannt, dass die Klatschpresse über ihr Privatleben spekuliert.

Für einen Sitz im Parlament hat es bisher dennoch nicht gereicht, doch Soina will bei der nächsten Wahl erneut antreten. Im Interview mit t-online berichtet die junge Massai, warum sie ihren Kampf für Klimagerechtigkeit über die Grenzen Kenias hinaus ausweitet und wieso gerade Deutschland mehr tun muss.

Anita Soina mit traditionellem Schmuck und Kleidung der Massai: Sie ist überzeugt, dass viele menschen erst dann etwas gegen die Klimakrise unternehmen, wenn sie selbst betroffen sind.
Anita Soina mit traditionellem Schmuck und Kleidung der Massai: Sie ist überzeugt, dass viele Menschen erst dann etwas gegen die Klimakrise unternehmen, wenn sie selbst betroffen sind. (Quelle: Anita Soina/ privat)

t-online: Vier Jahre nahezu ohne Regen sind in Deutschland bisher unvorstellbar, am Horn von Afrika aber Realität. Was macht diese extreme Trockenheit mit dem Alltag der Menschen?

Anita Soina: Es ist die schlimmste Dürre seit mehr als 40 Jahren. Inzwischen können wir unsere Tiere nicht mehr füttern, obwohl sie unsere einzige Einkommensquelle sind. Früher gab es für eine erwachsene Kuh umgerechnet 300 US-Dollar auf dem Markt, jetzt müssen wir die nahezu verhungerten Tiere für 5 Dollar verscherbeln. Davon können die Familien sich nicht ernähren und müssen zum letzten Mittel greifen, um zu überleben.

Das heißt?

Unsere jungen Mädchen werden jetzt sehr früh verheiratet. Die Eltern brauchen das Brautgeld, damit sie und ihre anderen Kinder nicht verhungern. Ich glaube, was man in vielen reichen Ländern noch nicht versteht: Dürre schafft auch massive soziale Probleme.

Welche anderen übersehenen Konsequenzen hat der Wassermangel für die Massai?

Frauen und Mädchen müssen viel weitere Strecken laufen, um Wasser zu holen. Dadurch ist das Risiko enorm gestiegen, auf dem Weg vergewaltigt oder von Tieren angegriffen zu werden. Früher haben wir dafür gekämpft, dass die Bevölkerung Zugang zu sauberem Wasser hat. Jetzt geht es nur noch darum, überhaupt Wasser zu bekommen.

Ein Hirte begutachtet seine ausgezehrte Kuh auf dem Viehmarkt von Kajiado: Mit den halbtoten Tieren lässt sich kaum genug Geld verdienen, um die Familien der Hirten zu ernähren.
Eine ausgezehrte Kuh auf dem Viehmarkt von Kajiado: Mit den halbtoten Tieren lässt sich kaum genug Geld verdienen, um die Viehhirten und ihre Familien zu ernähren. (Quelle: IMAGO/Boniface Muthoni)

Kenias neuer Präsident, William Samoei Ruto, sprach kürzlich davon, dass es trotz dieser extremen Situation an Solidarität mit ärmeren Ländern fehle. Wie sehen Sie das?

Wir haben gerade einen Präsidenten, der sich sehr um Klimabelange bemüht. In jeder Rede kämpft er dafür, dass wir die Unterstützung kriegen, die wir verdienen. Ich sage bewusst "verdienen", weil der gesamte afrikanische Kontinent weniger als vier Prozent der globalen Treibhausgase produziert, aber mit am schlimmsten von den Folgen der Klimakrise betroffen ist.

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Welche Art von Hilfe ist aus Ihrer Sicht am dringendsten?

Ich erwarte, dass die größten Verursacher der Klimakrise ihre Emissionsziele verschärfen. Wir haben immer noch Länder, die erst für 2060 oder 2070 versuchen wollen, klimaneutral zu sein, obwohl die Lage jetzt schon eskaliert.

"Ich will sehen, dass reichere Länder Verantwortung übernehmen"

Bis dahin wird die Klimakatastrophe aber schon eskaliert sein, dann gibt es kein Zurück mehr. Wir dürfen nicht so lange warten. Und kurzfristig will ich auch sehen, dass reichere Länder ihre Verantwortung für die Schäden und Verluste übernehmen, die durch die Erderhitzung schon jetzt entstehen.

Bessere Zeiten: Eine Ziegenhirte der Massai mit seiner Herde im Januar 2017, als der Regen noch kam.
Bessere Zeiten: Ein Ziegenhirte der Massai mit seiner Herde im Januar 2017, als der Regen noch kam. (Quelle: IMAGO/Philou1000)

Also Entschädigungszahlungen?

Ja, für den Wiederaufbau braucht es Geld. Aber nicht nur. Wir sind auch auf Hilfe angewiesen, um uns technologisch weiterzuentwickeln. In Kenia stehen wir schon recht gut da: 90 Prozent unserer Energieversorgung stammt aus Erneuerbaren. Aber auch bei uns gibt es noch Lücken. Und viele andere afrikanische Länder sind längst nicht so weit – da wird noch Kohle abgebaut, nach Öl gebohrt und es werden neue Gaspipelines verlegt. Afrika braucht mehr Know-how für die Energiewende.

Deutschland ist bereits eine Energiepartnerschaft mit Südafrika und Indonesien eingegangen. Kann das ein Modell für den Wissenstransfer sein?

Ihr habt gute Maschinen und viel Know-how, ihr müsst uns helfen. Als Auto-Nation sollte Deutschland vor allem den Wechsel zur E-Mobilität in Afrika anschieben. Bisher läuft es genau andersherum: Wir sind immer noch eine Müllhalde für alte Wagen aus Europa, die dort die Emissionsstandards nicht mehr erfüllen. Mit dem Export wird noch Gewinn gemacht und bei uns verpesten sie dann die Luft und das Klima, weil die Menschen sich andere Autos nicht leisten können. Der Verkehrssektor ist die größte Quelle von Treibhausgasen in Afrika.

Straßenverkehr in Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo: Viele Wagen, die auf Afrikas Straßen unterwegs sind, stammen aus Europe.
Straßenverkehr in Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo: Viele Wagen, die auf Afrikas Straßen unterwegs sind, stammen aus Europa. (Quelle: IMAGO/ Utew Grabowsky/ Photothek)

Gleichzeitig würde der deutsche Bundeskanzler gerne neue Gasinfrastruktur in Afrika finanzieren. Wie denken Sie darüber?

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Afrika ist eine fantastische Quelle für erneuerbare Energien. Es ist verrückt, dass man nicht alles in Wind-, Solar- und Wasserkraft steckt, sondern immer noch ans Erdgas will. Neue fossile Infrastruktur wäre ein massiver Rückschritt angesichts des großen ungenutzten Potenzials von grüner Energie. Wir brauchen kein neues Gas, erst recht nicht in Afrika. Außerdem muss Deutschland auch zu Hause noch nachbessern: Kohleausstieg 2038? Klimaneutralität 2050? Das ist zu spät.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass reiche Länder sich mehr für Klimagerechtigkeit engagieren werden?

Es tut mir leid, dass ich das so harsch sagen muss: Die Intensität, mit der die Klimakrise inzwischen auch Länder wie Deutschland und China trifft, stimmt mich hoffnungsvoll. Für die Bevölkerungen und Regierungen dort gibt es jetzt keine Alternative mehr, als sich mehr zu bewegen. Ich freue mich nicht darüber, wie hart das Leben für die Menschen durch Ernteausfälle, Stromausfälle und Überschwemmungen wird, aber ich hoffe einfach, dass aus Versprechen jetzt Handeln wird. Vielleicht musste es erst so weit kommen.

Anita Soina auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich: Sie ist aus Kenia angereist, um mehr Solidarität mit dürregeplagten Ländern am Horn von Afrika zu fordern.
Anita Soina auf der Weltklimakonferenz in Ägypten im November 2022: Sie reiste aus Kenia an, um mehr Solidarität mit dürregeplagten Ländern am Horn von Afrika zu fordern. (Quelle: cry/ t-online)

Warum?

Je weiter sich das Klimachaos ausbreitet, desto stärker ist der Druck auf die Politik, etwas zu tun. Wir wissen seit Jahrzehnten, was uns bevorsteht, wenn wir so weiter machen wie bisher, aber das hat nichts geändert. Nicht das Wissen über den Klimawandel ändert das Verhalten, sondern nur selbst betroffen zu sein. Die Folgen der Erderhitzung sind inzwischen ein Problem der gesamten Menschheit. Es muss endlich damit Schluss sein, dass Menschen gezwungen werden, sich den Profitinteressen von Öl-, Gas- und Kohlekonzernen unterzuordnen. Denn ganz ehrlich: Ohne Menschen hat man letztlich auch keine Profite mehr.

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Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Anita Soina bei der UN-Klimakonferenz in Scharm el-Scheich
  • reuters (05.08.2022): "Can Kenya's youngest MP candidate take the climate fight to power?"
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  • Rahel Zahlmann
Von Rahel Zahlmann, Iliza Farukshina
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