Sie sind hier: Home > Politik > Ausland > Internationale Politik >

LGBTQI in Ungarn: "Queere Menschen sollen aus der Öffentlichkeit verbannt werden"

INTERVIEWLGBTQI unter Viktor Orbán  

"Queere Menschen sollen aus der Öffentlichkeit verbannt werden"

Von Bastian Brauns

23.06.2021, 18:58 Uhr
LGBTQI in Ungarn: "Queere Menschen sollen aus der Öffentlichkeit verbannt werden". Luca Dudits arbeitet bei Ungarns größter LGBTQI-Organisation "Háttér Society" (Quelle: Rajzák Kinga)

Luca Dudits arbeitet bei Ungarns größter LGBTQI-Organisation "Háttér Society" (Quelle: Rajzák Kinga)

Ungarns größte LGBTQI-Organisation "Háttér Society" wehrt sich gegen Viktor Orbáns Anti-Homosexuellen-Gesetze. Die EU müsse endlich handeln, fordert Luca Dudits. Die Zahl versuchter Suizide unter Betroffenen sei erschreckend hoch.

Luca Dudits ist Mitglied der 1995 gegründeten "Háttér Society". Es ist die größte und älteste derzeit tätige LGBTQI-Organisation in Ungarn.

t-online: Frau Dudits, wie verfolgen Sie die Debatte um die von der Uefa verbotene Regenbogen-Beleuchtung des Stadions heute Abend beim Spiel Ungarn gegen Deutschland?

Luca Dudits: Wir waren extrem überrascht über die Entscheidung der Uefa. Nachdem entschieden wurde, dass die Regenbogen-Kapitänsbinde von Manuel Neuer ein Zeichen für Diversität darstellt. Wie kann es sein, dass dieses Symbol plötzlich zu politisch sein soll?

Die Uefa wertet die Idee der Stadion-Beleuchtung als politische Aktion gegen ein Gesetz in Ungarn, mit dem die Orbán-Regierung queere Menschen sehr stark einschränken will.

Die Ironie ist doch, dass die Regierung die sexuelle Orientierung von Menschen politisiert. Dieses Gesetz verbietet es Firmen, mit LGBTQI-Menschen für ihre Produkte zu werben. Als Begründung wird behauptet, man wolle damit Kinder unter 18 Jahren davor schützen, davon geschädigt zu werden. Auch jegliche pädagogischen Programme, die den Umgang mit verschiedenen Sexualitäten vermitteln sollen, sollen verboten werden. Queere Menschen sollen aus der Öffentlichkeit verbannt werden, ganz so als würden sie nicht existieren. Die Orbán-Regierung versucht Homosexualität und Transsexualität als etwas darzustellen, was einem beigebracht wird, also als etwas, das nicht natürlich in uns angelegt ist.

Wann soll das Gesetz in Kraft treten?

Im Parlament wurde das Gesetz verabschiedet. Der Präsident kann es nun jederzeit unterschreiben. Danach tritt es nach 15 Tagen in Kraft. Das ist ein absoluter Tiefschlag. Sowohl politisch als auch gesellschaftlich war die Entwicklung in Ungarn in den 2000er-Jahren eine sehr positive. Aber seit einigen Jahren geht es bergab.

Warum bekämpft Orbán ausgerechnet queere Menschen?

Es geht ihm immer darum, bestimmte gesellschaftliche Gruppen auszugrenzen, indem er Angst vor ihnen schürt. Erst waren es Sinti und Roma, dann die Flüchtlinge, jetzt sind wir es. Auch die EU stellt er als negativ und schädlich dar. Es geht darum, ein Feindbild zu erzeugen, um sich an der Macht zu halten. Das Absurde ist, dass die ungarische Gesellschaft laut Umfragen in den vergangenen Jahren mehrheitlich kein Problem mit LGBTQI-Menschen hat. Aber Orbáns Partei Fidesz versucht das zu ändern.

Inwiefern?

Wir kommen aus einer Zeit, in der es in Ungarn inzwischen vielfach in Ordnung war, öffentlich zu seiner Sexualität zu stehen. Das hat sich verändert. Erst haben sie uns schlicht ignoriert. Aber seit 2015 verunglimpfen und beschimpfen uns Fidesz-Politiker und auch Politiker anderer Parteien. Es wurden Gesetze verabschiedet, die Transgender-Menschen diskriminieren. Homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, geschweige denn gemeinsam Kinder adoptieren.

Was hat das für Konsequenzen für die Menschen, die bei Ihrer Organisation Hilfe suchen?

LGBTQI-Menschen erfahren in Ungarn in zunehmendem Maße Diskriminierung, ob am Arbeitsplatz, bei der Gesundheitsversorgung oder in Schulen und Universitäten. Jugendliche fühlen sich immer unsicherer, viele erleben körperliche Misshandlungen und Hass. Solche Verbrechen werden aber nicht angezeigt, meist weil die Betroffenen Angst vor den Behörden haben, weil sie von diesen Stellen ebenfalls homophob behandelt werden. Laut neuesten Erhebungen haben 42 Prozent der queeren Menschen in Ungarn Selbstmordgedanken. 30 Prozent haben schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Das sind absolut furchtbare, erschreckende und traurige Zahlen.

Was erwarten Sie von der Europäischen Union und von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen?

Wir müssen zusammenstehen und zusammenarbeiten. Die EU muss klarmachen, dass es kein Land innerhalb der Gemeinschaft geben darf, in dem LGBTQI-Rechte auf diese Weise weggeworfen werden. Die ungarischen Gesetze verstoßen gegen die Meinungs- und Pressefreiheit und gegen die EU-Grundrechte. Das muss klar angesprochen und ganz dringend sanktioniert werden. Aber es fließen seit vielen Jahren viele Millionen Euro als finanzielle Hilfen nach Ungarn. Die EU fördert damit ein Bildungssystem, das queere Menschen gezielt aus den Lehrplänen tilgen will.

Wie kämpfen Sie weiter?

Wir demonstrieren. Zu den letzten Protesten kamen bereits 5.000 Menschen. Wir haben eine Petition aufgesetzt, die bereits 130.000 Menschen erreicht hat. Wir sind dabei, eine Liste aufzustellen mit Organisationen und Unternehmen, die sich gegen das Propagandagesetz der Orbán-Regierung aussprechen. Darunter sind bereits fast 160 Unternehmen und Organisationen wie Netflix, HBO, Lush, Ikea oder ExxonMobil.

Sind auch deutsche Unternehmen dabei?

Viele deutsche Unternehmen haben ihre Logos in den vergangenen Wochen in Regenbogenfarben gezeigt. In Ungarn gibt es viele deutsche Unternehmen, insbesondere die Autobauer und Autozulieferer haben hier ihre Werke. Insofern fragen wir uns schon, ob diese Symbolik auch einen praktischen Effekt haben wird. Wir warten sehr gespannt darauf.


Verwendete Quellen:

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: