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√Ąrzte k√§mpfen gegen Corona und Diktatur

dpa, Ulf Mauder

Aktualisiert am 29.11.2020Lesedauer: 4 Min.
Belarus (Archivbild): Die Proteste gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko reißen nicht ab.
Belarus (Archivbild): Die Proteste gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko reißen nicht ab. (Quelle: /ap-bilder)
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Die Proteste in Belarus nach der Pr√§sidentschaftswahl gehen weiter. Zudem k√§mpft das Land gegen die Folgen der Corona-Pandemie. Nun schlagen die √Ąrzte des Landes Alarm.

Schon zweimal ist der Minsker Arzt Stanislau Salavei im Zuge der Proteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenko in die F√§nge der Justiz in Belarus geraten. Gerade hat er 15 Tage in Haft verbracht, weil er sich f√ľr Studenten einsetzte, die aus politischen Gr√ľnden die Uni verlassen mussten. Schon Anfang September war er wegen Teilnahme einer Sonntagsdemonstration gegen "Diktator" Lukaschenko kurz in Haft. "Ich m√∂chte das nicht noch einmal erleben", sagt der Frauenarzt im Gespr√§ch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der 31-J√§hrige arbeitet auf einer Corona-Krankenhausstation in Minsk.

Anders als viele andere ist er zwar nicht misshandelt worden in Haft, aber die Begegnung mit dem Machtapparat w√ľnsche er niemanden. Wie viele √Ąrzte zog es den Chirurgen auf die Stra√üe zu Protesten gegen Gewalt und Beh√∂rdenwillk√ľr. Er unterschrieb mit seinen Kollegen aus dem Krankenhaus Nummer 3 schon im August einen offenen Brief, in dem sie etwa forderten, keine t√∂dlichen Waffen mehr einzusetzen. Gewalt und Aggression m√ľssten aufh√∂ren. Und sie verlangten die Freilassung friedlicher B√ľrger, darunter viele ihrer Kollegen aus Krankenh√§usern. "Leider ist das weiter alles aktuell", sagt er.

Mitarbeiter des Gesundheitssystems inhaftiert

Das Gesundheitssystem in der Ex-Sowjetrepublik arbeitet wegen der massiv steigenden Corona-Zahlen an den Grenzen der Belastbarkeit. Dass in dieser schwierigen Lage viele Mitarbeiter des Gesundheitswesens inhaftiert oder einzelne wegen ihrer politischen Haltung entlassen werden, versch√§rft die Lage zus√§tzlich. Zwar redet Lukaschenko die Pandemie weiter klein ‚Äď er meinte bereits im Fr√ľhjahr, es handele sich eine inszenierte "Psychose". Das Virus sei mit "Wodka und Saunag√§ngen" kleinzukriegen. Er selbst habe es auch √ľberstanden, behauptet er.

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Doch die zweite Welle hat das Land voll erfasst, wie der Arzt Salavei best√§tigt. "Ich musste meine Arbeit als operierender Frauenarzt vor√ľbergehend aufgeben und bin jetzt als Infektionsarzt in der Corona-Abteilung", sagt er. Im Oktober erkrankte er selbst.

Mehr als 1.000 Virus-Tote

Offiziell weist die Statistik t√§glich im Schnitt rund 1.500 neue Corona-F√§lle aus. Mehr als 1.100 Tote sind es demnach bisher. Doch kaum jemand traut den Angaben, zumal es in Belarus nie einen Lockdown gab und selbst Massenveranstaltungen bis heute erlaubt sind. Der Analyst Andrej Jelissejew spricht von einer "gigantischen Manipulation" der Zahlen in dem Land mit den rund 9,5 Millionen Einwohnern. "Die Statistik wird manipuliert ‚Äď wie zu Sowjetzeiten ‚Äď in allen Bereichen, weil gezeigt werden soll, wie gut das Land dasteht", sagt der Direktor der Denkfabrik East-Center.

"Die Staatsmedien zeigen Chaos im Ausland, Belarus dagegen kommt der Propaganda zufolge bestens mit der Krise zurecht." Jelissejew geht davon aus, dass die wirklichen Zahlen bis zu 15 Mal so hoch sind ‚Äď also weit mehr als 15.000 Tote. "Wir m√ľssen davon ausgehen, dass Belarus im Verh√§ltnis zur Einwohnerzahl das am st√§rksten von der Pandemie betroffene Land in Europa ist." Er bezieht sich auch auf offizielle Sterbezahlen, die eine hohe √úbersterblichkeit auswiesen.

Auch der Minsker Politologe Waleri Karbelewitsch, der mit 65 Jahren gerade eine Corona-Infektion √ľberlebt hat, h√§lt die Zahlen f√ľr "maximal gesch√∂nt". "Die Leute waren und sind vor allem auch ver√§rgert, weil Sportveranstaltungen, Konzerte und anderes weiter erlaubt sind ‚Äď w√§hrend andere L√§nder zum Schutz ihrer Bev√∂lkerung das √∂ffentliche Leben einschr√§nken." In Belarus aber w√ľrden sogar die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation einfach ignoriert.

Weiter kein Verbot von Massenveranstaltungen

Deshalb habe das Land zuletzt auch keinen Kredit des Internationalen W√§hrungsfonds f√ľr den Kampf gegen die Corona-Krise erhalten. Vielmehr gibt die F√ľhrung den Lukaschenko-Gegnern die Schuld an der Zunahme der Infektionszahlen ‚Äď wegen der Stra√üenproteste. Trotzdem erwartet Karbelewitsch weiter kein Verbot von Massenveranstaltungen, weil Lukaschenko dann auf vieles andere verzichten m√ľsste.

Der Arzt Salavei k√§mpft indes weiter gegen Corona ‚Äď und f√ľr Gerechtigkeit. "Im Zuge der Proteste hat sich schon viel bewegt. Es gibt eine breite Solidarit√§t in der Gesellschaft, die Leute halten zusammen, wie ich das noch nie erlebt habe", sagt er. Er selbst habe auch im Krankenhaus nach seiner Freilassung Unterst√ľtzung bekommen. Keine Entlassung. Vielleicht hilft ihm, dass in Belarus schon jetzt 4.000 Arztstellen unbesetzt sind. Dabei hat Lukaschenko stets betont, dass alle, die gegen ihn sind, gehen m√ľssten.

Verdienst von √Ąrzten liegt unter 900 Euro

Salavei kennt einige √Ąrzte, die etwa nach Deutschland ausgewandert sind ‚Äď mitunter auch angesichts der geringen Geh√§lter von deutlich unter 900 Euro. Und er? Nachgedacht hat er dar√ľber. "Die Menschen hier brauchen aber auch uns √Ąrzte. Hier sind meine Familie, Freunde ‚Äď Heimat. Geld ist nicht alles." Vor allem aber, das betont der Arzt, will er versuchen, in Belarus etwas zum Besseren zu wenden. "Wir k√∂nnen einen friedlichen Wandel erreichen ‚Äď ohne Blutvergie√üen."

Tausende Menschen haben in Belarus am Sonntag erneut friedlich gegen den Pr√§sidenten Alexander Lukaschenko protestiert, der sich an sein Amt klammert. Bei der Sonntagsdemonstration gingen Sicherheitskr√§fte allerdings erneut zum Teil rabiat vor. Videos im Nachrichtenkanal Telegram zeigten, wie vermummte Uniformierte auf Menschen am Boden einpr√ľgelten. Es kam zu vielen Festnahmen. Das Menschenrechtszentrum Wesna listete zun√§chst die Namen von mehr als 120 Festgenommenen auf. Am vergangenen Sonntag waren es etwa 300, in der Woche davor rund 1.000 gewesen.

Die gr√∂√üten Aktionen gab es in der Hauptstadt Minsk. Dort versammelten sich Demonstranten zun√§chst in ihren Wohnvierteln und schlossen sich dann zu gr√∂√üeren Protestz√ľgen zusammen. Viele trugen bei Schneefall die historischen wei√ü-rot-wei√üen Fahnen.

Sicherheitskr√§fte sind hochger√ľstet

In Videos war zu sehen, wie Sicherheitskr√§fte Demonstranten bis in die Innenh√∂fe von Wohnanlagen verfolgten. Immer wieder wurden Menschen in Kleinbusse gezerrt. Medien berichteten zudem √ľber den Einsatz von Tr√§nengas und Blendgranaten. Auch in anderen St√§dten forderten die Menschen Lukaschenkos R√ľcktritt.

Wie an den Sonntagen zuvor waren wieder Hundertschaften Uniformierter von Innenministerium und Armee in Minsk unterwegs gewesen. In Videos waren Gefangenentransporter, Wasserwerfer und andere schwere Technik auf den Straßen der Hauptstadt zu sehen. Sicherheitskräfte sperrten große Plätze mit dem Metallgittern ab.

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