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Die USA und der Rassismus: Kann sich Amerika neu erfinden?

MEINUNGPost aus Washington  

Trump und der Schatten Amerikas

Die USA und der Rassismus: Kann sich Amerika neu erfinden?. Donald Trump in Dallas: Zwei Amerikas ringen um die Macht. (Quelle: Reuters/Jonathan Ernst)

Donald Trump in Dallas: Zwei Amerikas ringen um die Macht. (Quelle: Jonathan Ernst/Reuters)

Während Donald Trump twittert, schafft das andere Amerika Fakten. Stellt sich das Land seiner Vergangenheit? In dem Streit geht es nicht nur um Symbole, sondern um die Macht.

Das Tempo, mit dem die USA durch ihre momentane Krise ziehen, ist zumindest atemberaubend. Die Zustimmung zur Bewegung "Black Lives Matter", die Verurteilung von Polizeigewalt und das Bewusstsein für Rassismus und Diskriminierung sind binnen zwei Wochen in die Höhe geschossen. Hinter allem steht nun laut Umfragen eine große Mehrheit der Amerikaner.

Die Ereignisse rattern nur so vorbei: In Richmond, Virginia, und Montgomery, Alabama, stürzen Denkmäler für Sklaverei-Verteidiger vom Sockel. Die Demokraten wollen sie aus den Hallen des Kongresses verbannen. Politiker beider Parteien wollen Militärbasen umbenennen, die den Namen von Generälen der Südstaatenarmee tragen. Die Rennsportserie Nascar, Inbegriff rustikalen Südstaatenspaßes, verbietet die Konföderiertenfahne. Die Südstaaten als Symbol für Sklaverei und Rassismus, diese Sicht setzt sich 150 Jahre nach ihrer Niederlage im Bürgerkrieg gerade durch.

Und noch mehr: Ein weißer Gründer der Internetplattform Reddit räumt seinen Platz im Verwaltungsrat, damit ein Schwarzer ihn einnehmen kann. Die weiße Polizeichefin von Portland, Oregon, geht zugunsten ihres schwarzen Vizes. Teile der Protestbewegung wollen der Polizei Geld entziehen. Minneapolis, die Stadt in der George Floyd seinen Tod fand, bricht die Polizeibehörde auf, Bürgermeister von New York bis Los Angeles leiten Polizeigelder zugunsten sozialer Programme und als Erziehungsmethode um.

Es herrscht eine Dynamik, die man im Stakkato der immer gleichen Ablenkungtweets von Donald Trump leicht übersehen kann. Ein fast schon schwindelerregendes Tempo. Es geht dabei um Symbole, um Deutungshoheit, um Einfluss und Geld, mit anderen Worten: um Macht.

Erfindet sich Amerika also neu?

Ja.

Und Nein.

Denn es gibt natürlich auch die Gegenströmung. Die sagt, der Tod George Floyds sei ja schrecklich, aber rechtfertige keine Pauschalverurteilung der Polizei und um Gottes Willen keine Kürzungen der Gelder. Die mal fragt, wie ein Republikaner aus Ohio, ob Schwarze vielleicht nur deshalb so viel schwerer vom Coronavirus betroffen seien, weil sie sich weniger die Hände waschen. Die sagt, wie Trump, eine Umbenennung von Militärstützpunkten werde man "nicht einmal erwägen". Für die eine Konföderiertenflagge Symbol für Lokalpatriotismus und Stolz auf alte Zeiten ist. Heritage, not hate, sagen sie: Es gehe ihnen ums Erbe, nicht um Rassenhass.

Das eine Amerika drückt aufs Gas, will Doppelmoral und Diskriminierung nach vierhundert Jahren endlich einmal bekämpfen. Es hat den Zeitgeist auf seiner Seite. Das andere Amerika bremst, wehrt sich gegen alles, was eigene Macht und alte Identität in Frage stellt. Links gegen Rechts, Stadt gegen Land, Jung gegen Alt, aber vor allem auch: Divers gegen weiß.

Man sieht die zwei Amerikas etwa hier: zwei Präsidenten und ihre Praktikanten, Herbst 2016 vs. Frühjahr 2018. 

Ich saß in dieser Woche mit einer schwarzen Freundin zusammen, die früher im Senat arbeitete und sich noch sehr gut an die Zeit des Senators Barack Obama erinnert, damals der einzige Schwarze unter hundert Senatoren. "Ich wusste, immer wenn ich einen schwarzen Praktikanten über die Flure huschen sah, dass der von Obama kam. Ihm war es immer wichtig, die Nachteile auszugleichen."

Der Kampf der zwei Amerikas tobt seit langem, in den Parlamenten, an den Universitäten und Tag für Tag, seit fast dreißig Jahren, in der Öffentlichkeit. Trump hat die Spaltung nicht erfunden, nur besser ausgeschlachtet als jeder andere.

Man spricht vom Kulturkrieg. Doch vor allem geht es dabei um Macht, wie sie in einer Nation, die Sklaverei und Wilden Westen verinnerlicht hat, verteilt ist, ausgeübt wird, missbraucht wird. Wer daran rütteln will, braucht langen Atem und Verbündete, die nicht nach zwei schönen Wochen des Protests wieder weg sind. 

Interessieren Sie sich für US-Politik? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Man sieht den Machtkampf auch dort, wo man nur eine Seite vermuten würde, etwa bei der "New York Times". Das Blatt hatte einen Gastbeitrag des Trump-nahen Senators Tom Cotton aus Arkansas gedruckt. Titel: "Schickt die Truppen rein" – Tenor: Das Militär müsse den Protest bändigen, der von radikalen Gruppen getragen werde.

Es gehört zur Tradition der US-Zeitungen, solche Meinungsbeiträge von links wie rechts prominent zu veröffentlichen, egal ob man die Positionen teilt. Doch für diesen Beitrag hagelte es heftigste Kritik – aus den eigenen Reihen. Zahlreiche junge schwarze Redakteure der Times beklagten sich, argumentierten, der Beitrag gefährde sie persönlich. Es ging hin und her. Am Ende musste der Meinungschef abtreten, der den Beitrag ins Blatt gehoben hatte.

Man nennt die "New York Times" eine linksliberale Zeitung, doch das links und das liberal fallen gerade auseinander. Liberal war die dominante Haltung, ein breites Spektrum der Meinungen abzubilden, auf dass sich der Leser selbst ein Bild machen kann. Neutral um jeden Preis.

Die neue Linke sagt, Neutralität sei ja schön und gut, könne doch aber nicht bei den grundlegenden Fragen von Rassismus und Menschenrechten greifen. Oder bei einem Präsidenten, der Tag für Tag lügt. Auch dort: eine Machtfrage. Die junge Generation hat einen Sieg errungen.

Diese Fragen werden auch den Wahlkampf überlagern. Trump wird sie aus seinem Schützengraben befeuern, das ist sein Geschäftsmodell. Joe Biden will eigentlich den Anstand von früher zurückbringen. Doch das eine Amerika, das er vertreten muss, fand es früher überhaupt nicht anständig.

Das eine Amerika sorgte am Dienstag dafür, dass der Streamingkanal HBO das Südstaatenepos "Vom Winde verweht" aus dem Programm nimmt – wegen "rassistischer Darstellungen". Das andere Amerika sorgte dafür, dass am Mittwoch der Film bei Amazon prompt auf Platz 1 landete.

So wird es weiter hin und her gehen, bis zur Wahl im November und aller Voraussicht nach noch weit darüber hinaus.

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