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Donald Trump gegen Joe Biden – so verläuft der Endspurt im US-Wahlkampf


Wenn König Donald einschwebt

Eine Kolumne von Fabian Reinbold

Aktualisiert am 30.10.2020Lesedauer: 5 Min.
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Donald und Melania Trump beim Wahlkampf in Tampa, Florida: Der Präsident hetzt in diesen Tagen durchs Land.
Donald und Melania Trump beim Wahlkampf in Tampa, Florida: Der Präsident hetzt in diesen Tagen durchs Land. (Quelle: Chris O'Meara/ap-bilder)
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Zwei Männer wie Feuer und Wasser im verrücktesten Wahlkampf, den die Welt je gesehen hat. So erlebt unser Korrespondent Donald Trump und Joe Biden im Rennen ums Weiße Haus.

Kurz vor der Wahl am Dienstag weiß Joe Biden, dass er keine Chance hat. Er hält noch einmal seine übliche Rede: Dass eine zweite Amtszeit Donald Trumps verheerend wäre und nur er selbst die "Seele der Nation" wiederherstellen könne. Seine Ehefrau Jill steht an seiner Seite.


Wie die USA ein gespaltenes Land wurden

Die USA sind tief gespalten. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber Donald Trump hat während seiner Präsidentschaft die Teilung noch vertieft. Wie kam es dazu?
Donald Trumps Amtszeit begann am 20. Januar 2017. Zwar hatte er die Mehrheit der Wahlmänner für sich gewonnen, nicht aber die amerikanische Bevölkerung. 25,5 Prozent, und damit nur jeder vierte Wahlberechtigte, unterstützten Trump. 25,6 Prozent wählten Hillary Clinton. Nur 53,1 Prozent der Bevölkerung gaben ihre Stimme überhaupt ab.
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Zur angesetzten Wahlparty werden sie sich nur noch per Video zuschalten lassen. Ich spüre die Wehmut, die im Raum liegt. Biden macht die Runde durchs Publikum, plaudert länger und drückt inniger als sonst. Ich stehe daneben und denke: So fühlt sich also das Ende an.

Am Dienstag verliert Biden tatsächlich: Er wird nur Fünfter bei der Vorwahl der Demokraten in New Hampshire. Eine Blamage. Seine Kandidatur ist halbtot.

Donald Trump ist zum Feiern zumute. Er hat die aktuelle Ausgabe der "Washington Post" mitgebracht, die er uns im East Room des Weißen Hauses stolz präsentiert: Trump acquitted – Trump freigesprochen. 62 Minuten lang sprudelt es aus ihm heraus, er tritt nach, er lobt, er schweift ab. Das Impeachment-Verfahren ist überstanden, die Wirtschaft brummt, die Spenden auf Rekordniveau – alle Zeichen stehen auf Wiederwahl.

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Donald Trump nach dem Impeachment-Freispruch: Die Zeichen standen auf Wiederwahl.
Donald Trump nach dem Impeachment-Freispruch: Die Zeichen standen auf Wiederwahl. (Quelle: Drew Angerer)

Das war ein Ausflug in die zweite Woche im Februar 2020, an die ich derzeit immer wieder denke. Biden am Boden, Trump schwebt. Dann kam der verrückteste Wahlkampf, den die Welt je gesehen hat. Und so habe ich ihn erlebt:

Zwei Männer, deren Charakter unterschiedlicher nicht sein könnte, wollen Amerika führen. Sie kämpfen gegeneinander, aber auch mit einem Virus, das das Land zu keinem Zeitpunkt unter Kontrolle gebracht hat. Mit den Wunden, die Rassismus und Gewalt der Nation zugefügt haben, mit der Müdigkeit, der Energie, der Angst und all den anderen Gefühlen einer aufgewühlten Nation. Ein Zyniker gegen einen Moralisten. Ein Mann, der anheizen will. Und einer, der abkühlen will. Zwei wie Feuer und Wasser. Das ist die Wahl.

Damals, kurz nach dieser Woche im Februar, geraten die Dinge in Bewegung. Die schwarzen Wähler in South Carolina retten Joe Biden, der dann im Rekordtempo alle Gemäßigten hinter sich versammelt und Bernie Sanders abfertigt. Parallel will Donald Trump der Nation weismachen, dass das Coronavirus nur "der nächste Schwindel der Demokraten" sei. Ich erlebe Bidens Triumph beim "Super Tuesday" auf seiner Siegesfeier in Los Angeles und sitze in Trumps ersten sogenannten Coronavirus-Briefings. Es sind die letzten Tage, die normal wirken. Dann ging es ab nach Hause.

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Bis Juni bleibt der Wahlkampf schockgefroren. Ich sehe die Kandidaten nur am Bildschirm. Trump tagein, tagaus aus dem Weißen Haus. Er redet sich bei Corona um Kopf und Kragen, verharmlost, bewirbt Wundermittelchen. Biden meldet sich ab und an aus dem improvisierten TV-Studio in seinem Keller und bleibt ansonsten unsichtbar. Er wird dafür verspottet, aber es ist sein cleverster Schachzug. Er hält sich zurück. Die Wahl soll bleiben, was sie ist: ein Referendum über Trump.

Dreimal in diesem Jahr sackt Trump im öffentlichen Ansehen ab: Bei der ersten Corona-Welle, an deren Bekämpfung er kein Interesse zeigt. Beim Rassismusprotest nach dem Tod George Floyds, zu dem er nicht sprechfähig ist. Bei seiner eigenen Corona-Erkrankung, die offenlegt, wie fahrlässig und rücksichtslos er handelt.

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Joe Biden in Florida: In der Corona-Krise vertrauen ihm mehr Amerikaner als Trump.
Joe Biden in Florida: In der Corona-Krise vertrauen ihm mehr Amerikaner als Trump. (Quelle: Brian Snyder/Reuters-bilder)

Jedes Mal zeigt sich, dass Trumps größtes Talent versagt – die Gabe zur Ablenkung. Law and Order, China, Biden als angebliches Einfallstor für den Sozialismus. Nichts kann in der öffentlichen Debatte Corona und Krise überschatten, während Millionen in die Armut abrutschen, die Schulen dicht bleiben. Trumps erhoffter Joker, ein Impfstoff bis zum Wahltag, fällt aus. In die Wahl geht Amerika mit 230.000 Covid-Toten und einer dritten Welle.

Biden erinnert bei jedem Auftritt an Trumps fatalen Gleichmut bei Corona. Biden: "Ich werde auf die Wissenschaftler hören." Trump: "Mit mir gibt's keinen Lockdown mehr."

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Erst im Sommer wagt sich Biden etwas aus dem Haus. Ein Auftritt in Pittsburgh, vor einem Dutzend Journalisten in großen Kreisen platziert, zwecks akkuraten Abstandhaltens. Ein Besuch in Wisconsin, ein Treffen im Garten mit zehn Wählern. Größtmögliche Vorsicht für den 77-jährigen Herausforderer.

Fröhlich-frei-fahrlässig hingegen der 74-jährige Amtsinhaber. Im August gehen die Rallys wieder los, als wäre nichts gewesen, mit Tausenden, draußen auf den Flugplätzen des Landes. Ohne Masken, ohne Abstand.

Air Force One im Anflug auf Phoenix, Arizona: Trump gewinnt den Wahlkampf der Bilder.
Air Force One im Anflug auf Phoenix, Arizona: Trump gewinnt den Wahlkampf der Bilder. (Quelle: Chip Somodevilla/getty-images-bilder)

Als Kulisse dient die Air Force One. Das ganz große Kino: König Donald I. schwebt ein, um zum Volk zu sprechen. Kein Handy, das da nicht gezückt wird. Neu ist auch der letzte Akt. Statt des ruhig anlaufenden "You can’t always get what you want" der Rolling Stones dröhnt neuerdings nach dem letzten Satz "YMCA". Erstmals im September in Pennsylvania sehe ich Trump dazu, nun ja, tanzen – er macht das nun nach fast jedem Auftritt, es wird zum Bild seines Wahlkampfs. Wenn Trump untergeht, dann tut er's tanzend. Young man, there's no need to feel down!

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Einen Wahlkampf gewinnt Trump so – den Wahlkampf der Bilder. Seine Auftritte versprühen Energie und Begeisterung. Im Endspurt findet er in die Rolle des Entertainers zurück. Feiert es, wenn er vom Manuskript abweicht. Doch das Gespenst der Niederlage kriecht immer wieder in seine Reden, wenn auch als Scherz getarnt. "Wenn ich gegen den verliere", sagt er über Biden, "werdet ihr mich nie wieder sehen."

Auf den letzten Metern wirkt er manisch und panisch. Er twittert nachts um halb drei, hetzt durchs Land, macht pro Tag drei Auftritte in drei Bundesstaaten. Seine Attacken werden maßloser: In Trumps Erzählung ist Biden dement und oberkriminell, so teuflisch wie willenlos, eine Marionette linker Kräfte und "der schlechteste Kandidat, der je Präsident werden wollte". Er verlangt Ermittlungen gegen seine politischen Gegner. Zu seinen Plänen für eine zweite Amtszeit sagt Trump wenig bis nichts. Biden sei ein Politiker, schimpft er. Der Präsident will lieber Außenseiter bleiben.

Immer wieder flüchtet er sich ins Jahr 2016: Damals verhalfen ihm Hillary Clintons E-Mail-Affäre und die Ermittlungen des FBI in der Sache zum Sieg. Dasselbe versucht er jetzt Joe Biden und dessen Sohn Hunter anzudichten. Doch Biden ist nicht Clinton.

Interessieren Sie sich für die US-Wahl? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt einen Newsletter über den Wahlkampf, seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Biden hat keine starken Bilder, aber starke Zahlen. Sein Vorsprung in den Umfragen ist stabil, bei den Spendengeldern hat er Trump weit hinter sich gelassen. Vier Tage vor der Wahl ist man sich in Washington ziemlich sicher, dass er gewinnt.

Seine Botschaft war von Anfang an konstant: Er rückt Charakter und Anstand ins Zentrum. Er spielt, wann immer er kann, den Tröster der Nation und verspricht, das Virus ernst zu nehmen. Doch erst in den vergangenen Tagen hat Biden seine Optik gefunden – er hält nun Autokino-artige Drive-in-Veranstaltungen ab, bei denen das Hupen etwas Leben in die Veranstaltungen bringt und alle trotzdem die Corona-Regeln beachten können.

Drive-in-Rally in Tampa, Florida: Endlich etwas Leben im Biden-Wahlkampf.
Drive-in-Rally in Tampa, Florida: Endlich etwas Leben im Biden-Wahlkampf. (Quelle: Luis Santana/Tampa Bay Times/ap-bilder)

Biden entzieht sich damit auch den Wählern. Den Mann, der Präsident werden will, dürfen nur wenige Auserwählte in direkten Augenschein nehmen. Es sind loyale Anhänger, die auf bestimmten Listen stehen. Als Normalbürger hat man keine Chance. Man erfährt nicht einmal, wo genau die Veranstaltungen sein werden. Auch nicht als Korrespondent. Nur ein kleiner Pool der US-Medien erhält Zugang. Ich habe ihn das letzte Mal im März aus der Nähe beobachten können. Eine Kampagne schottet sich ab. Sie meint, sich das leisten zu können.

Trumps Veranstaltungen sind zugänglich, Bidens nicht. Doch sie sind auch ein Gesundheitsrisiko, Bidens nicht.

Risiko gegen Vorsicht. Selbstbestimmung gegen Rücksicht. Ein Anti-Politiker gegen einen Politiker. Feuer und Wasser. Das war der Wahlkampf, das ist Amerikas Wahl. Das Ende ist in Sicht.

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