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US-Wahlen 2020: Die USA waren schon vor Donald Trump kaputt


Trump hat vollendet, was bei den Clintons angelegt war

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

02.11.2020Lesedauer: 5 Min.
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US-Präsident Donald Trump: Viele Entwicklungen hat der Republikaner nicht verursacht – sie aber verstärkt.
US-Präsident Donald Trump: Viele Entwicklungen hat der Republikaner nicht verursacht – sie aber verstärkt. (Quelle: Carlos Barria/Reuters-bilder)
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Es ist leicht, Trump die Schuld am Untergang der USA zu geben. Dabei war das politische System schon vor ihm auf Lug und Trug gebaut. Er hat es nur auf die Spitze getrieben – und nicht nur das.

Mit Mitte Zwanzig war ich zum ersten Mal in Amerika und habe über dieses Land gestaunt: die irrsinnig schöne Landschaft, die Gastfreundschaft, diese klugen Leute an den Universitäten. Mir fiel aber auch auf, wie die Weißen mit den Schwarzen umgingen: verklemmt, verlegen, unwillig, aggressiv.


Wie die USA ein gespaltenes Land wurden

Die USA sind tief gespalten. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber Donald Trump hat während seiner Präsidentschaft die Teilung noch vertieft. Wie kam es dazu?
Donald Trumps Amtszeit begann am 20. Januar 2017. Zwar hatte er die Mehrheit der Wahlmänner für sich gewonnen, nicht aber die amerikanische Bevölkerung. 25,5 Prozent, und damit nur jeder vierte Wahlberechtigte, unterstützten Trump. 25,6 Prozent wählten Hillary Clinton. Nur 53,1 Prozent der Bevölkerung gaben ihre Stimme überhaupt ab.
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Von den Präsidenten mochte ich eigentlich nur John Fitzgerald Kennedy, den damals alle mochten – wenn er auch keineswegs ein Säulenheiliger war, wie wir später erfuhren. Und dann natürlich Barack Obama, dieser kluge Mann, der mehr Fehler und Irrtümer beging, als wir je gedacht hätten.

Wann hat der Irrsinn angefangen?

Ich habe kommen sehen, dass Donald Trump die Wahl gewinnt. Ich habe nicht kommen sehen, was er bedeuten würde: Lug und Trug, Rassenhetze, Bösartigkeit und Niedertracht. Als Politik. Als Machtkalkül. Ersonnen im Weißen Haus.

Amerika hat immer noch diese beneidenswerte Natur und die klügsten Leute im Erdkreis. Zugleich ist es nicht mehr ein Land, sondern zwei. Es ist geplagt von zivilen Unruhen. Jeder neue erschossene Schwarze kann wieder eine brennende Stadt bedeuten. Nie gab es mehr Waffen in mehr Händen als heute in Amerika und nie gab es mehr Lustangst, die dazu führen kann, damit herumzuschießen. Auf den Nachbarn, der anders wählt. Auf den anderen, der auch eine Waffe hält. Auf die Feinde Trumps.

Was ist los in diesem Land? Wann hat der Irrsinn angefangen?

Wahrheit lag schon früheren Präsidenten nicht

1. Trump ist nicht an allem schuld, das wäre zu viel der Ehre. Er hat vieles verschlimmert, aber das politische System war lange vor ihm dysfunktional. Es begann unter Bill Clinton und seinen Lügen, als seine Eckenstehereien mit Monica Lewinsky herauskamen. Technisch gesehen hatte er wirklich keinen Sex mit dieser Frau, wie er unnachahmlich sagte, weil Blowjobs so ablaufen, wie sie ablaufen. Die Amoralität und die Verlogenheit, dazu die Selbstgerechtigkeit beider Clintons, dass die Gesetze für alle anderen gelten, bildeten eine Vorahnung, was kommen könnte. Donald Trump hat vollendet, was bei den Clintons angelegt war. Vom Zurechtbiegen der Wahrheit bis zum gänzlich unverschämten Lügen als Prinzip der Machtausübung ist es ein großer Schritt, aber auch ein folgerichtiger.

Das zweite Prinzip steuerte George W. Bush bei, der ironischerweise an Beliebtheit gewonnen hat, weil er Trump verachtet. Entweder sie sind für uns oder gegen uns, war sein Leitsatz. Nicht zu vergessen: die falschen Beweise für den Irak-Krieg.

Amerikas Ursünde hat sich verschärft

2. Rassismus ist die Ursünde der Republik der Weißen, welche die Schwarzen als Sklavenarbeitsheer in Ketten aus Afrika heranholen ließen. Weit mehr als 200 Jahre ist das her. Unfassbar, dass der Rassismus noch immer nicht Vergangenheit ist. Nicht nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die Schwarzen dienten. Nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem noch viel mehr Schwarze dabei waren. Nicht nach der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre, als der Rassismus offiziell endete.

Donald Trump hat den Rassismus verschärft, auf die Spitze getrieben, in seiner übelsten Form wiederbelebt. Als Präsident. Aus dem Weißen Haus heraus, das schwarze Sklaven bauten. Er protegiert den übelsten weißen Mob und lässt es zu, dass dieser Mob vom Bürgerkrieg gegen die Demokraten faseln.

Amerika war immer ein Land der Gewalt. Oft genug bewaffneten sich Menschen und nannten sich Ku-Klux-Klan oder gingen in die Wälder oder verschanzten sich auf einsamen Gehöften. Nur gab es bislang keinen Präsidenten, der von solchen Banden sagt: Ich kenne sie nicht, aber sie mögen mich.

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Trump surft auf einer Gegenbewegungswelle

3. Der Historiker Samuel Huntington sagte 1981, dass Amerika etwa 40 Jahre später, also heute, wieder mal in einen Fieberkrampf verfallen würde. Seine Theorie war nämlich, dass dieses Land ungefähr alle 60 Jahre einem solchen Kataklysmus erleide. In den sechziger Jahren waren es die Babyboomer, die sich durch Vietnam und Nixon radikalisierten. Sie brachten linksliberalen Moralismus über das Land, der sich vom Recht auf Abtreibung über die Popkultur bis zur Verachtung überkommener Werte erstreckte.

Trump surfte auf der Welle der Gegenbewegung ins Weiße Haus: weißer Nationalismus; Außenseitergruppen, vereint im Hass auf den Mainstream; Verachtung für konventionelle Politik, die sich im Gibst-du-mir-gebe-ich-dir-Konsens und im Heute-sind-wir-dran-und-morgen-ihr erschöpfte.

In der Vergangenheit lässt sich die These von den Konvulsionen im Ungefähr-60-Jahre-Rhythmus belegen. Trifft sie weiterhin zu, bleibt Amerika noch lange im Bann der Rechten, die sich ähnliche in die Mitte der Gesellschaft hineinbewegen mag, wie sich die Studentenrevolte auf den Marsch durch die Institutionen begeben hat. Trump hat ihnen eine Schneise geschlagen, die bleibt.

Amerika bleibt Trump-Land – auch wenn er gehen muss

4. Von Trump bleibt auch, dass er die Linke nach seiner Vorstellung geformt hat. Die demokratische Partei hat sich in den vergangenen vier Jahren genauso erschreckend radikalisiert wie die Rechte. Alles ist spiegelverkehrt: der Hass auf Trump, die Verachtung für seine Machtgrundlage in den Medien und unter den weißen Nationalisten, die Missachtung für Kompromisse und Rücksichtnahme im demokratischen System, die Vorliebe fürs Dysfunktionale.

Denn falls die Demokraten im Repräsentantenhaus die Mehrheit behalten und sie im Senat gewinnen, gibt es keinerlei Grund, nicht durchzuregieren, nicht das Oberste Gericht durch linksliberale Richter so zu ergänzen, dass sich die Mehrheit wieder ändert. Rücksichtslosigkeit und Konsensfeindlichkeit sind kein rechtes Monopol.

Von Trump lernen, heißt siegen lernen. Auch ohne Trump bleibt Amerika Trump-Land.

Der ehemalige Vizepräsident: Vom ersten Tag nach der Wahl an werden unterschiedliche Kräfte an Biden zerren und ihn daran erinnern, dass nur sie ihn zum Präsidenten gemacht haben.
Der ehemalige Vizepräsident: Vom ersten Tag nach der Wahl an werden unterschiedliche Kräfte an Biden zerren und ihn daran erinnern, dass nur sie ihn zum Präsidenten gemacht haben. (Quelle: Dominick Sokotoff)

Joe Biden als gütiger Großvater

5. Gehen wir mal davon aus, dass Trump abgewählt wird. Joe Biden wird dann kein Präsident aus eigenem Recht sein. Die Demokraten haben sich auf ihn geeinigt, weil er am ehesten mehrheitsfähig zu sein schien. Nicht weil er Amerika wieder groß macht oder versöhnt oder weil er das alte System vertritt, in dem zum Beispiel der Demokrat John Kerry und der Republikaner John McCain gemeinsam für diplomatische Beziehungen mit Vietnam eintraten. Nicht weil er für die Restauration des Alten steht, sondern weil er der gütige Großvater ist, dem man sagen kann, was er tun soll.

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Vom ersten Tag nach der Wahl an werden unterschiedliche Kräfte an Biden zerren und ihn daran erinnern, dass nur sie ihn zu dem Präsidenten gemacht haben, der er auf seine alten Tage sein darf. Die Obama-Leute werden ihm Ratschläge für die Besetzung der wichtigsten Ämter im Weißen Haus und im Kabinett erteilen und einige Obama-Leute werden an Schaltstellen zurückkehren. Und die Bernie-Sanders-Leute werden dem guten Joe Ratschläge erteilen, wen er bloß nicht nehmen soll und was er auf keinen Fall sagen soll. Die Moderaten und die Linken werden sich eine Schlacht um die Vorherrschaft im Weißen Haus liefern, die uns noch oft den Kopf schütteln lässt.

6. Wenn Joe Biden am Dienstag gewinnt, dann hoffentlich hoch und unzweifelhaft und unleugbar. Sonst gnade Gott Amerika.

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Von Gerhard Spörl
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