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Deutsche SchÀfer wehren sich gegen ihr Aus

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 09.03.2018Lesedauer: 5 Min.
Eine Schafherde zieht mit ihrem SchĂ€fer durch eine belebte Straße zu neuen WeidegrĂŒnden. Die deutschen SchĂ€fer wollen zu einer Demo noch Berlin ziehen und erhoffen sich einen Aufbruch fĂŒr die Zunft in der Krise.
Eine Schafherde zieht mit ihrem SchĂ€fer durch eine belebte Straße zu neuen WeidegrĂŒnden. Die deutschen SchĂ€fer wollen zu einer Demo noch Berlin ziehen und erhoffen sich einen Aufbruch fĂŒr die Zunft in der Krise. (Quelle: Uwe Zucchi/dpa-bilder)
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Deutschlands SchÀfer sehen ihre Zunft vor dem Aus und ziehen mit Schafen nach Berlin. Weil es um viel

Eine geplante Demo und eine Flut von Unterschriften machen den SchĂ€fern in Deutschland noch einmal Mut. Mehr als 25.000 Menschen haben eine Petition zur Rettung der SchĂ€ferei unterzeichnet. Deutschland mĂŒsse den SchĂ€fern nur eine PrĂ€mie zugestehen, die in 22 anderen EU-LĂ€ndern fließt, wird dort gefordert.

Wegen der Resonanz schöpfen auch in Breuberg im SĂŒden Hessens Markus Stapp (52) und seine Frau Rhonda (50) noch einmal Hoffnung, weiter im Umkreis von 50 Kilometern mit ihren HĂŒtehunden und den 300 Mutterschafen umherzuziehen. „Die SchĂ€fer rebellieren schon lĂ€nger, aber es hat keiner zugehört“, erzĂ€hlt Rhonda Stapp. „Jetzt könnte sich wirklich was tun. Sonst sind wir die nĂ€chsten, die aufhören mĂŒssen. Wer arbeitet schon, um draufzulegen?“

Wollen sich von der SchĂ€ferei nicht verabschieden: Rhonda und Markus Stapp. Erstmals schöpfen sie auch wieder Hoffnung fĂŒr ihren Berufsstand.
Wollen sich von der SchĂ€ferei nicht verabschieden: Rhonda und Markus Stapp. Erstmals schöpfen sie auch wieder Hoffnung fĂŒr ihren Berufsstand. (Quelle: Gerhard Zimmermann/YouTube)

Hausmeister, Krankenpflegerin – und 300 Schafe

Markus Stapp arbeitet als Hausmeister in Vollzeit, seine Frau Teilzeit bei einem ambulanten Pflegedienst, in der Restzeit arbeiten beide mit den Schafen. Die SchÀferin kommt um 14 Uhr von ihrer Stelle beim Roten Kreuz. Nach dem Essen und Umziehen fÀhrt sie bis zu einer halben Autostunde zum aktuellen Standort der Schafe. Wenn die Tiere nicht genug zu fressen haben, dann muss sie diese umkoppeln. Dann treibt sie im Winter im Lichtkegel einer Stirnlampe NetzpfÀhle in den vereisten Boden.

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Die Wochenenden ĂŒbernimmt ihr Mann, „ich muss ja auch irgendwann Wohnung und WĂ€sche machen“. Das sei aber alles gar nicht so dramatisch, „wenn wenigstens die normalen Ausgaben sicher gedeckt wĂ€ren, so dass wir bedenkenlos Futter bestellen können. Wir können so nicht mehr weitermachen, wir stehen quasi mit dem RĂŒcken zur Wand."

Verdienst fĂŒr SchĂ€fer unter dem Mindestlohn

VollerwerbsschĂ€fer verdienten mit 6,20 Euro unter Mindestlohnniveau, hat Baden-WĂŒrttembergs Landesamt fĂŒr Entwicklung der Landwirtschaft ausgerechnet. Rund 950 gibt es in Deutschland noch, und viele nĂ€hern sich dem Rentenalter, sagt Andreas Schenk vom Bundesverbands BerufsschĂ€fer. “Es gibt praktisch kaum Nachwuchs, Interessenten geben oft auf, wenn sie die Arbeitsbedingungen erleben und realisieren, dass sie vermutlich keine Familie ernĂ€hren können.”

Was viele SchĂ€fer ĂŒberhaupt noch hĂ€lt ist die Faszination ihres Berufes. Rhonda Stapp spricht von “diesem LebensgefĂŒhl. Es ist einzigartig, mit den Tieren unterwegs zu sein. Das will man nicht missen.” Deshalb arbeiteten viele SchĂ€fer auch unter den inakzeptablen Bedingungen noch.

25.000 haben Petition unterzeichnet

Dass viele SchĂ€fer aber seit ein paar Tagen wieder hoffnungsvoller sind, liegt an einer Demo am 13. MĂ€rz in Berlin und an dem, was der 37-jĂ€hrige Sven de Vries im Netz ausgelöst hat. Der SchĂ€fer mit 600 Schafen (“meine MĂ€dels”) berichtet seit Jahren auf Twitter, Facebook und Instagram aus dem SchĂ€ferleben und war der Richtige, um auch die Petition zu starten. Innerhalb weniger Tage sind schon mehr als 25.000 Unterzeichner zusammen. „Das ist ein Signal, das vielen in unserer Branche ein gutes GefĂŒhl gibt. Wir spĂŒren WertschĂ€tzung.“

Mit den Schafen im Netz: Netz SchĂ€fer Sven de Vries hĂ€lt auf Twitter und Facebook ĂŒber sein Leben als SchĂ€fer auf dem Laufenden. Nun hat er auch die Petition fĂŒr die WeidetierprĂ€mie gestartet.
Mit den Schafen im Netz: Netz SchĂ€fer Sven de Vries hĂ€lt auf Twitter und Facebook ĂŒber sein Leben als SchĂ€fer auf dem Laufenden. Nun hat er auch die Petition fĂŒr die WeidetierprĂ€mie gestartet. (Quelle: Felix KĂ€stle/dpa-bilder)

“Rettet die letzten SchĂ€fer Deutschlands – WeidetierprĂ€mie jetzt” lautet das Begehren in der Petition an die Agrarministerkonferenz. Die kĂŒnftige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und ihre LĂ€nderkollegen werden Ende April in MĂŒnster zusammenkommen. Sie könnten das beschließen, was die SchĂ€fer durchatmen ließe: eine PrĂ€mie pro Muttertier. 38 Euro schlĂ€gt der Verband vor, 40 Millionen im Jahr wĂ€ren das fĂŒr die SchĂ€fer. “Die WeidetierprĂ€mie ist bis zur nĂ€chsten großen Agrarreform der EU die einzige Lösung”, sagt de Vries. Am Freitag kam dann auch noch die Nachricht: ThĂŒringen fĂŒhrt von sich aus eine PrĂ€mie von 25 Euro pro Muttertier ein. Es bewegt sich etwas.

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SchĂ€ferei fĂŒr Artenvielfalt wichtig

De Vries ist in Sachen Landschaftsschutz mit seinen Schafen unterwegs auf der SchwÀbischen Alb. Auf dem Magerrasen wachsen seltene Orchideen, es ist der Lebensraum vieler Pflanzen und Tierarten von der Roten Listen. Schafe tragen in ihrer Wolle die Samen weiter. Damit das so bleibt, kann der Landschaftserhaltungsverband Alb-Donau auf rund ein Dutzend SchÀfereien setzen, erklÀrt de Vries.

Ufer- und Naturschutz: Mit dem RĂŒckgang der SchĂ€ferei leiden Deichpflege und Artenvielfalt.
Ufer- und Naturschutz: Mit dem RĂŒckgang der SchĂ€ferei leiden Deichpflege und Artenvielfalt. (Quelle: Patrick Pleul/dpa-bilder)

Doch bei dem Verband, der Schnittstelle zwischen Naturschutzbehörde und SchĂ€fern, werde befĂŒrchtet, dass es in zehn bis 15 Jahren kaum noch einen gibt. Maschinen können das Werk der Schafe lĂ€ngst nicht so gut vollbringen, der Magerrasen verliert seinen Charakter, die seltenen Arten verschwinden, Deutschlands Kulturlandschaft wird Ă€rmer. Nicht anders in der LĂŒneburger Heide. Und auch die Pflege der Deiche und der KĂŒstenschutz werden aufwendiger, wenn die Schafe dort nicht mehr gemĂ€chlich rupfen und kauen.

Lammfleisch trÀgt Kosten bei weitem nicht

SchĂ€ferei, sagt de Vries deshalb, sei eine Form der Landwirtschaft, die der Natur nicht schadet, sondern ihr hilft. “Wenn dem nicht Rechnung getragen wird, dann können wir zusperren.” Bei manchen kommt die Sorge hinzu, SchĂ€den durch den Wolf wĂŒrden nicht oder nicht angemessen ausgeglichen. FĂŒr die Stapps hat es weitere Kosten bedeutet, sich zum Schutz vor Wölfen die Herdenschutzhunde Esche und Gauner zuzulegen. Sie haben lange ĂŒberlegt.

Die WeidetierprĂ€mie wĂŒrde gezahlt ohne viel BĂŒrokratie und ohne viel Papierkram, den SchĂ€fer sonst ausfĂŒllen mĂŒssen fĂŒr FlĂ€chenprĂ€mien, Gelder aus den Programmen fĂŒr den lĂ€ndlichen Raum und fĂŒr Beweidung als Vertragsnaturschutz. Mit der Vermarktung alleine erzielen SchĂ€fer oft 40 Prozent ihres Einkommens oder noch weniger, der Preis fĂŒr Lammfleisch ist auf dem Niveau von vor zehn Jahren.

Und selbst das öffentliche Geld fĂŒr die Leistung der SchĂ€fer fĂŒr den Landschaftsschutz landet oft in den Taschen anderer GrundeigentĂŒmer. Wenn FlĂ€chen zu verpachten sind, ziehen SchĂ€fer regelmĂ€ĂŸig den KĂŒrzeren. Und dann kassiert der, der Schafherden auf seine FlĂ€chen lĂ€sst und sie angemeldet hat fĂŒr die Programme mit entsprechender Bewirtschaftung. Nur zehn Hektar eigener Boden machen dem SchĂ€ferpaar Stapp das Wirtschaften noch schwerer. Aber sie mĂŒssten den Bauern dankbar sein, die ihrer Herde Fressgelegenheit geben, sagt Rhonda Stapp.

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WWF, NABU und BUND unterstĂŒtzen

Sollten die SchĂ€fer sich zumindest bei der WeidetierprĂ€mie durchsetzen und sie ab 2019 bekommen, wĂ€ren diese 40 Millionen Euro etwas mehr als ein halbes Prozent der 6,4 Milliarden Euro Agrarförderung in Deutschland. Der Betrag wĂŒrde von den FlĂ€chenprĂ€mien abgezogen, die fĂŒr rund 17 Millionen Hektar fließen. Bislang hat sich Deutschland dagegen gesperrt.

Zu den UnterstĂŒtzern der Demo fĂŒr die SchĂ€fer vor dem Landwirtschaftsministerium zĂ€hlen auch die großen UmweltverbĂ€nde: BUND, NABU und WWF sind dabei. 150 bis 250 SchĂ€fer werden erwartet, parteiĂŒbergreifend haben sich Politiker angekĂŒndigt - und Schafe werden auch dort sein. Etwa 40 Tiere wird ein SchĂ€fer aus der Berliner Region mitbringen, Schafe mit der Erfahrung etlicher Messebesuche.

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WanderschĂ€fer de Vries wird einfliegen. Das SchĂ€ferehepaar Stapp aus dem Odenwald wird dagegen nicht in Berlin sein können, bedauert Rhonda Stapp. „Wir haben unseren Urlaub fĂŒr die Lammzeit aufgebraucht.“

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