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Einkommen, Werte, Sorgen: Das Ende der Mittelschicht?

Einkommen, Werte, Sorgen  

Das Ende der Mittelschicht?

02.04.2019, 08:16 Uhr | dpa

Einkommen, Werte, Sorgen: Das Ende der Mittelschicht?. Das Kölner Neubaugebiet Weiden: Wer dort wohnt, darf sich zur Mittelschicht zählen. (Quelle: dpa/Oliver Berg)

Das Kölner Neubaugebiet Weiden: Wer dort wohnt, darf sich zur Mittelschicht zählen. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

Digitalisierung und Turbokapitalismus bedrohen die deutsche Mittelschicht, schreibt der Autor Daniel Goffart. Viele Forscher geben ihm Recht – und sprechen von einer Spaltung in der Gesellschaft.

Sorgen um die Stabilität der Mittelschicht in Deutschland gibt es seit Jahren. Neue Nahrung erhalten sie durch die digitalen Umbrüche in vielen Branchen und bei den Arbeitsplätzen von Millionen Menschen. Das zeigt etwa das neue Buch "Das Ende der Mittelschicht", das ein Bild von Verunsicherung, massivem Jobverlust und vom Verschwinden vertrauter Lebensmodelle zeichnet. Wenn auch nicht alle die pessimistische Sicht teilen. "Angst ist kein guter Ratgeber", mahnt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in dem Buch. Wie ist es um die Mittelschicht in Deutschland heute bestellt? Welche Szenarien gibt es?

Der Buchautor und Journalist Daniel Goffart (58) beschreibt die eigene Kindheit in Aachen: "Unsere Nachbarn waren normale Angestellte, Techniker, Lehrer, mittlere und höhere Beamte in der Stadtverwaltung, Juristen, Handwerker und ein Redakteur." Ein Grundgefühl habe alle verbunden, gleiche Regeln und Werte. Diese einheitliche Mittelschicht auf sicherem Boden sieht Goffart quasi am Ende.

"Wie im Hamsterrad"

Mieten und Immobilienpreise seien explodiert, gesunken seien die Kaufkraft und die Fähigkeit, Vermögen anzusammeln. "Viele strampeln sich ab wie im Hamsterrad." Die Digitalisierung bedrohe nun zusätzlich die Jobs von Millionen Mechanikern, Verkäuferinnen, Lagerarbeitern, Bankangestellten, Buchhaltern und Berufskraftfahrern.

Wie schätzen Ökonomen die Lage heute ein? "Die Mittelschicht stellt weiterhin eindeutig die größte Bevölkerungsgruppe in Deutschland", sagt die Forscherin Judith Niehues vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Untersucht hat Niehues die Situation in der Studie "Die gespaltene Mitte".

47,5 Prozent der Bevölkerung

Zur Mitte zählen demnach alle, deren Einkünfte um das mittlere Einkommen der Gesellschaft liegen – nämlich bei 80 bis 150 Prozent dieses Medians. Das waren 2015 für einen Single 1440 bis 2710 Euro netto im Monat. Fast jeder Zweite gehört demnach zur Mittelschicht – 47,5 Prozent der Bevölkerung. 32,9 Prozent liegen darunter, 19,5 Prozent darüber.

Niehues sagt: "Im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses ist die Mittelschicht zunächst etwas größer geworden." Um die Jahrtausendwende habe ihr Anteil abgenommen – zeitgleich mit einem Anstieg der Ungleichheit. "Seit 2005 ist sie relativ stabil."

Mehr Menschen sind abgehängt

Laut Forschungsinstitut DIW haben heute deutlich weniger Menschen mittlere Einkommen als vor rund 20 Jahren. Die DIW-Forscher untersuchten, wer 77 bis 130 Prozent des mittleren Einkommens verdient und kamen zum Ergebnis: Diese Schicht schrumpfte von 48 Prozent Ende der 90er-Jahre auf 41,4 in den Jahren 2014/15.

Mehr Menschen sind abgehängt. Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lebte zuletzt 5,4 Prozent der Bevölkerung dauerhaft unter der Armutsgrenze – Mitte der 90er waren es 3,1 Prozent, zehn Jahre später schon 5,2 Prozent. Forscher haben für die Stiftung zudem errechnet, dass gut vier Millionen Menschen in Deutschland auf Dauer unter prekären Umständen leben und arbeiten. Beispiele: etwa Verkäuferinnen in Billigschuhläden, Nachtpförtner oder alleinerziehende Krankenschwestern.

Zwei große Gruppen

Auf der anderen Seiten zeigen Umfragen: Eine Mehrheit der Menschen ist zufrieden mit dem eigenen Leben. "Interessanterweise sind wir auf einem langjährigen Hoch angekommen – trotz dieser ganzen Debatten über so viel Unzufriedenheit und Ängste", sagte der Magdeburger Soziologe Jan Delhey nun in einem Interview. Der Hauptgrund sei die seit Jahren sinkende Arbeitslosigkeit.

Laut einer Allensbach-Umfrage zur "Generation Mitte" geht es 42 Prozent der 30- bis 59-Jährigen heute nach eigenen Angaben besser als vor fünf Jahren – 18 Prozent allerdings schlechter. 21 Prozent rechnen mit weiteren Verbesserungen – 7 mit einer Verschlechterung.

Die meisten sind optimistisch

Es gibt also Spaltungstendenzen – und in der Mittelschicht selbst zwei verschiedene Gruppen, wie die IW-Forscherin Niehues sagt. "Die größere Gruppe, die etwa zwei Drittel der Mittelschicht ausmacht, zeichnet sich durch vergleichsweise wenig Sorgen und einen optimistischen Blick in die Zukunft aus."

Bei der anderen, kleineren Gruppe von immerhin etwa einem Drittel der Mittelschicht aber bestünden viele Sorgen – vor der Entwicklung der Kriminalität, um den Erhalt des Friedens und wegen den Folgen der Zuwanderung nach Deutschland. Doch nur bei rund jedem Vierten dieser besorgten Bürger stünden Ängste wegen der eigenen ökonomischen Lage im Fokus.

Digitalisierung bringt Ungewissheit

Die Mitte ist also durchaus bewegt und verändert sich. Minister Heil räumt ein, der Umbruch der Arbeitswelt durch Computer und Automatisierung gehe schnell voran – "und er kann zu tiefen Brüchen führen".
 

 
Doch nicht alles, was automatisiert werden könne, werde auch automatisiert. "Es wird andere Arbeit sein, flexibler, digitaler, menschenzentrierter." Und die Dinge seien politisch ein Stück weit steuerbar. Als Beispiele nennt Heil mehr Qualifizierung, Umschulungen und eine Ausweitung der sozialen Berufe etwa in der Pflege.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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