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Der Nahost-Konflikt erobert das Klassenzimmer

MEINUNGJudenhass an Schulen  

Der Nahost-Konflikt erobert das Klassenzimmer

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

06.04.2018, 15:00 Uhr
. An vielen Schulen ist Antisemitismus an der Tagesordnung, schreibt die Autorin. Doch nicht allein die Kinder sind daran schuld.  (Quelle: dpa/Daniel Bockwoldt)

An vielen Schulen ist Antisemitismus an der Tagesordnung, schreibt die Autorin. Doch nicht allein die Kinder sind daran schuld. (Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa)

Antisemitismus ist an deutschen Schulen weit verbreitet. Schuld seien aber nicht nur die Kinder, sagt unsere Kolumnistin. Denn: Auf Judenhass von Muslimen muss anders reagiert werden. 

"Du Jude". So schallt es immer wieder über deutsche Schulflure. Egal ob Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Wahlweise hört man auch "Yahudi". Das ist die arabische oder türkische Entsprechung. Etwas seltener, aber doch vernehmbar ist "kafir", was aus Unkenntnis des Koran und der arabischen Sprache gemeinhin mit "Ungläubiger" übersetzt und verstanden wird.

Selbst an Grundschulen kommt das vor. Mitunter bleibt es nicht bei Beleidigungen. In der Vergangenheit wurden mehrere Fälle bekannt, bei denen Schüler gemobbt und körperlich attackiert worden sind. Wir stehen hier vor einem ernsten Problem. Nicht nur, weil uns Deutsche die fürchterlichen Taten an jüdischen Menschen in Europa moralisch ganz besonders zur Verantwortung für Gegenwart und Zukunft verpflichten und uns deshalb gerade der Antisemitismus schmerzt, sondern weil eine demokratische Gesellschaft, die ihre Minderheiten nicht schützt, über kurz oder lang scheitern wird.

Für Einwanderungsländer wie Deutschland, deren Diversität seit Jahrzehnten zugenommen hat – ob man das nun gut oder schlecht findet – gilt das im Speziellen.

Lehrer brauchen interkulturelle Kompetenzen

Der Grundstein zur Problemlösung muss in der Schule gelegt werden. Dort liegt derzeit jedoch vieles im Argen. Die meisten Lehrer sind für den Umgang mit Diversität zu wenig sensibilisiert, geschweige denn geschult. Für solche Themen gibt es in der Lehrerausbildung immer noch zu wenig Raum. Interreligiöse und interkulturelle Kompetenz muss jedoch standardmäßig vermittelt werden. Demokratieerziehung inklusive Umgang mit Diskriminierung und Rassismus sollte endlich zum Pflichtmodul im Rahmen der Ausbildung von Lehrern, Pädagogen und Sozialarbeitern gemacht werden.

Man kann von Lehrern nicht erwarten, dass sie Diversität verstehen und vermitteln, wenn sie diese selber nicht erlernt haben. Die Bildungspolitik sollte hier schleunigst entsprechende Vorgaben machen.

Den Schülern ist häufig nicht einmal bewusst, was sie da betreiben. Sie benutzen "Du Jude" als Schimpfwort und Beleidigung, ohne es selbst im Kontext von Antisemitismus zu verorten. Schon gar nicht wissen sie, dass sie die entsetzlichen Töne der deutschen Vergangenheit damit anschlagen. Das macht den Antisemitismus allerdings nicht harmloser, sondern gefährlicher! Denn die Formulierungen transportieren ihn unter dem Deckmantel vermeintlicher Harmlosigkeit weiter in die Gesellschaft hinein.

Besonderheit des Antisemitismus muss vermittelt werden

Viele Pädagogen würden einen Jugendlichen, der sich dermaßen äußert, bitten, sich beim betroffenen Mitschüler zu entschuldigen, weil sie es als Jugendsprache abtun. Doch der Ausruf "Du Jude" richtet sich nicht nur an die angesprochene Person, sondern wertet Juden im Allgemeinen ab. Und noch mehr: Mit dem Ausruf ignoriere oder negiere ich gar – unbeabsichtigt oder nicht – die Millionen Opfer des Nationalsozialismus.

Ich übergehe die Tatsache, dass einst jüdische Freunde, Bekannte und Nachbarn systematisch von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, Kinder nicht mehr in Sportvereine, nicht mehr in öffentliche Schulen gehen durften, Erwachsene keine Kinos mehr besuchen, nach einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr das Haus verlassen konnten, Berufe aufgeben, einen "Judenstern" tragen mussten, auf der Straße bespuckt und gejagt, deportiert und vergast wurden.

Somit bleibt der Antisemitismus immer etwas Besonderes und erhält ein bitteres Alleinstellungsmerkmal. Diese schreckliche Besonderheit müssen wir jedem Einwohner dieses Landes vermitteln. Nicht obwohl, sondern weil es achtzig Jahre her ist.

Ideologien sind importiert

Allerdings muss der Umgang mit Antisemitismus und Judenverfolgung im diversen Deutschland weitergedacht und darf nicht auf die Zeit des sogenannten Dritten Reichs beschränkt werden. Besonders durch den Zuzug von Geflüchteten, müssen wir uns noch intensiver mit dem Phänomen befassen. In Syrien beispielsweise gilt Israel immer noch als verfeindeter Nachbar.

Dies wird dort auch in den Schulen so vermittelt. Die Grenze zwischen Kritik an der Politik israelischer Regierungen und der pauschalen Abwertung von Juden ist dabei fließend. Der wahlweise nationalistisch oder vor allem in neuerer Zeit islamistisch motivierte Antisemitismus findet seine Wurzeln in Mitteleuropa. Dann wurde er in den islamischen Kulturraum importiert. Nun begegnet er uns als re-importierte Ideologie in den Klassenzimmern und im Alltag.

Muslimischer Judenhass hat andere Ursache

Deutliches Kennzeichen dieser Form des Antisemitismus ist folglich ein starker Bezug zum Nahost-Konflikt. Dabei wird die Existenz des Staates Israel in Zweifel gezogen oder ganz abgelehnt, das moderne Israel mit dem Judentum gleichgesetzt, Israelis und somit Juden als Besatzer wahrgenommen. Juden werden aus dieser Perspektive vorwiegend als "Täter" gesehen und nicht als "Opfer" wie in Europa, wodurch letztlich der Holocaust relativiert oder gegebenenfalls sogar negiert wird.

Der Effekt zwischen unserem "deutschen" und dem "muslimischen" Antisemitismus ist freilich der gleiche, aber er muss in Teilen unterschiedlich angegangen werden. So handhabe ich es jedenfalls in meinem aktuellen Präventionsprojekt gegen Antisemitismus.

Das Ausmaß und die Hartnäckigkeit des Antisemitismus zeigt uns, wie wichtig es ist, diese Ideologie nicht nur permanent zu benennen, sondern ununterbrochen zu bekämpfen. Dabei sind wir alle als Gesellschaft gefragt: Eltern, Freunde, Vereinskameraden, Nachbarn, Politiker und die Schule als Vermittler von Wissen sowie demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien im Besonderen. Viele Direktorinnen und Direktoren haben jedoch große Angst davor, dass ihre Schule in ein schlechtes Licht gerückt wird, wenn antisemitische Vorfälle unter ihren Dächern bekannt werden.

Die richtigen Sanktionen für Schüler müssen her

Deshalb finde ich es sinnvoller, bei der Anmeldung des Schulkindes die Eltern unterschreiben zu lassen, dass die Schulordnung gelesen wurde. Darin müsste wiederum stehen, dass jegliche Diskriminierung von Minderheiten sanktioniert wird. Möglich wären Nachsitzen, eine Beurlaubung oder notfalls ein Schulverweis.

Der gerade vom Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, vorgetragene Vorschlag eines Kindesentzugs bei "antisemitischer Erziehung" in den Familien mag besonders scharf und drastisch klingen, ist aber wenig durchdacht. Abgesehen von der rechtlichen Fragwürdigkeit, immer nur die Symptome zu bestrafen und zu skandalisieren, löst es die Probleme nicht.

Vielmehr muss es darum gehen, die Gefahr, die von menschenverachtenden Ideologien ausgeht, zu erkennen, stärker nach ihren Ursachen (soziale Ungerechtigkeit, Statusängste, Überfremdungsängste, Dominanzanspruch etc.) zu suchen und dort anzusetzen. So lange präventiv nicht mehr getan wird, werden antisemitische Vorfälle Alltag in unserer Gesellschaft bleiben. Sinnvoll und rechtsstaatskonform bestrafen kann man erst, wenn im Vorfeld ausreichend aufgeklärt worden ist.

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