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Übergriffe auf Moscheen: Schweine-Fetischisten bedrohen das Zusammenleben

MEINUNGÜbergriffe auf Moscheen  

Die Schweine-Fetischisten bedrohen unser friedliches Zusammenleben

Von Lamya Kaddor

14.06.2019, 15:48 Uhr
Übergriffe auf Moscheen: Schweine-Fetischisten bedrohen das Zusammenleben. Exemplar des Koran: Bücher lassen sich zerstören, Worte nicht, meint Lamya Kaddor. (Quelle: imago images/ Godong/Leemage)

Exemplar des Koran: Bücher lassen sich zerstören, Worte nicht, meint Lamya Kaddor. (Quelle: Godong/Leemage/imago images)

In Bremen haben Radikale Korane zerstört, was zeigt, dass sie wenig Ahnung vom Islam haben. Die Bedrohung ist eine ganz andere: Die Täter wollen unser Land destabilisieren.

Unbekannte zerreißen Korane und stopfen sie ins Klo. Geschenkt. Letztlich ist es nur ein Buch. Offenbar wollten sie mit ihrer Tat in der vergangenen Woche in einer Bremer Moschee die Gefühle von Muslimen verletzen. Mein Inneres haben sie dadurch nicht erreicht, und das vieler anderer Muslime auch nicht. Gewiss ist es ein ähnlich widerlicher Akt wie abgehackte Schweinsköpfe oder Schweineblut an Moscheen zu verteilen. Er sagt vor allem etwas über die ziemlich kranke und perverse Vorstellungswelt der Täter aus.

Vielleicht begreifen die Schweine-Fetischisten irgendwann sogar, dass Moscheen keine geweihten Gebäude sind, die man schänden kann. Das sind christliche Vorstellungen. Eine Moschee ist primär ein Sammelplatz fürs Gemeinschaftsgebet. Eine wichtige religiöse Einrichtung, keine Frage, aber eben kein geheiligter Ort, keine Kirche, in der Gott wohnt. Ein Muslim breitet seinen Gebetsteppich aus und es ist ziemlich egal, was darunter ist.

Worte kann man nicht zerstören

Also bitte lasst die Schweine einfach um ihrer selbst willen in Ruhe und vergreift euch nicht an unschuldigen Wesen. Eure Taten dienen nicht einem von euch selbst zusammenfantasierten höheren Zweck, sie sind ein mieser Akt der Zerstörung, der strafrechtlich verfolgt wird.

Bei den Koran-Ausgaben ist es nicht viel anders. Man kann das Material kaputt machen, aber nicht die Worte. Gläubige Muslime haben ihren persönlichen Koran, den sie in Ehren halten, ganz gleich, was andere am liebsten damit machen würden.

Doch selbst wenn die Untaten von ihrem symbolischen Gehalt her weniger gravierend sind, als es sich die Urheber wünschen, reicht es nicht aus, sie allein Polizei und Justiz zu überlassen. Staat und Gesellschaft sollten die Koran-Zerstörung, wie sie sich in Bremen zugetragen hat, oder die jüngste Schweinskopf-Attacke in Mönchengladbach weniger aufgrund der Befindlichkeit von Muslimen sehr ernst nehmen – mag das auch eine menschliche Geste sein –, sondern mehr aus ganz pragmatischen Gründen.

Übergriffe zunächst ignoriert

Es geht hier nicht um die "armen Muslime", die so gerne Opfer sein wollen, nicht um muslimisches "Mimimi", das uns manche dauernd unterstellen, oder sonstige moralisierende Überlegungen. Es geht hier ganz nüchtern um Sicherheitspolitik.

Beide islamfeindliche Übergriffe wurden zunächst einmal weitgehend ignoriert und spielten allenfalls in lokalen oder islamischen Medien eine Rolle. Man könnte nun ausgiebig darüber diskutieren, dass Übergriffe auf islamische Einrichtungen für viele offenbar nach wie vor nur schwer greifbar sind und Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) sich erst drei Tage später öffentlich zu Wort meldete (nachdem das Thema doch noch medial größer geworden war), das möchte ich aber an dieser Stelle nicht tun.

Beide Attacken, egal, von wem sie letztlich begangen wurden, das steht meines Wissens noch nicht fest, sind Angriffe auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und auf unser friedliches Zusammenleben. Sie zielen darauf ab, zu provozieren, Wut zu schüren, Rache anzustacheln und so Konflikte zu beschwören.

Instrumentalisierung seitens der Radikalen

Die Täter*innen dürften Erzählungen wie die des sogenannten Karikaturenstreits vor etwa 14 Jahren im Sinn gehabt haben. Damals lösten Zeichnungen zum Propheten Mohammed wütende Proteste aus – zwar vor allem in politisch instabilen und wirtschaftlich gebeutelten Staaten wie Pakistan oder Afghanistan, und aufgestachelt durch Fundamentalisten und Islamisten, doch das Narrativ lautet seitdem: Muslime drehen durch, wenn ihr Glaube beleidigt wird.

Das gilt für die meisten Muslime selbstverständlich nicht. Sie ertragen schließlich seit Langem stoisch, wie ihre Religion verspottet, verächtlich gemacht und denunziert wird oder versuchen es zu ignorieren. Doch es gibt unter Muslimen eben auch die Radikalen, die nur auf solche Vorfälle warten, um sie für ihre Belange zu instrumentalisieren. Das eine Extrem, die Islamfeindlichkeit, bedingt in der Regel auch das andere, den Islamismus – und andersherum.

Die islamistischen Anschläge auf christliche Kirchen und auf Hotels in Sri Lanka zum Beispiel sind als Rache für die islamfeindlichen Anschläge im neuseeländischen Christchurch deklariert worden, die selbst als Vergeltung für islamistischen Terror ausgegeben wurden, der wiederum Reaktion auf Angriffe gegen die islamische Welt sein soll usw. Vor wenigen Jahren tauchten in Deutschland die "Hogesa" auf – die "Hooligans gegen Salafisten" –, und in weniger gewaltbereiter Form sammelten sich die Pegida – die angeblich "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Deren Aktivitäten befeuerten die Islamisten und Fundamentalisten.

Bedrohung für alle

Primär, um diese Spirale des Hasses und der Gewalt nicht eskalieren zu lassen, müssen Staat und Gesellschaft solche Vorfälle wie in Bremen oder Mönchengladbach viel stärker auf dem Schirm haben und zeitnah verurteilen. Diese Spirale bedroht uns alle – egal, zu welcher Gruppe wir gezählt werden.
 


 Bei der Mahnung, Bremen und Mönchengladbach nicht als lokale Ereignisse abzutun, schwingt folglich im Hintergrund die Eidesformel mit, die zum Beispiel Bundespräsident*innen, Kanzler*innen und Minister*innen vor ihren Amtsantritten bekunden: "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. (So wahr mir Gott helfe.)."

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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