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Die Schweine-Fetischisten bedrohen unser friedliches Zusammenleben

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 14.06.2019Lesedauer: 4 Min.
Exemplar des Koran: BĂŒcher lassen sich zerstören, Worte nicht, meint Lamya Kaddor.
Exemplar des Koran: BĂŒcher lassen sich zerstören, Worte nicht, meint Lamya Kaddor. (Quelle: Godong/Leemage/imago-images-bilder)
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In Bremen haben Radikale Korane zerstört, was zeigt, dass sie wenig Ahnung vom Islam haben. Die Bedrohung ist eine ganz andere: Die TÀter wollen unser Land destabilisieren.

Unbekannte zerreißen Korane und stopfen sie ins Klo. Geschenkt. Letztlich ist es nur ein Buch. Offenbar wollten sie mit ihrer Tat in der vergangenen Woche in einer Bremer Moschee die GefĂŒhle von Muslimen verletzen. Mein Inneres haben sie dadurch nicht erreicht, und das vieler anderer Muslime auch nicht. Gewiss ist es ein Ă€hnlich widerlicher Akt wie abgehackte Schweinsköpfe oder Schweineblut an Moscheen zu verteilen. Er sagt vor allem etwas ĂŒber die ziemlich kranke und perverse Vorstellungswelt der TĂ€ter aus.

Vielleicht begreifen die Schweine-Fetischisten irgendwann sogar, dass Moscheen keine geweihten GebĂ€ude sind, die man schĂ€nden kann. Das sind christliche Vorstellungen. Eine Moschee ist primĂ€r ein Sammelplatz fĂŒrs Gemeinschaftsgebet. Eine wichtige religiöse Einrichtung, keine Frage, aber eben kein geheiligter Ort, keine Kirche, in der Gott wohnt. Ein Muslim breitet seinen Gebetsteppich aus und es ist ziemlich egal, was darunter ist.

Worte kann man nicht zerstören

Also bitte lasst die Schweine einfach um ihrer selbst willen in Ruhe und vergreift euch nicht an unschuldigen Wesen. Eure Taten dienen nicht einem von euch selbst zusammenfantasierten höheren Zweck, sie sind ein mieser Akt der Zerstörung, der strafrechtlich verfolgt wird.

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Bei den Koran-Ausgaben ist es nicht viel anders. Man kann das Material kaputt machen, aber nicht die Worte. GlĂ€ubige Muslime haben ihren persönlichen Koran, den sie in Ehren halten, ganz gleich, was andere am liebsten damit machen wĂŒrden.

Doch selbst wenn die Untaten von ihrem symbolischen Gehalt her weniger gravierend sind, als es sich die Urheber wĂŒnschen, reicht es nicht aus, sie allein Polizei und Justiz zu ĂŒberlassen. Staat und Gesellschaft sollten die Koran-Zerstörung, wie sie sich in Bremen zugetragen hat, oder die jĂŒngste Schweinskopf-Attacke in Mönchengladbach weniger aufgrund der Befindlichkeit von Muslimen sehr ernst nehmen – mag das auch eine menschliche Geste sein –, sondern mehr aus ganz pragmatischen GrĂŒnden.

Übergriffe zunĂ€chst ignoriert

Es geht hier nicht um die "armen Muslime", die so gerne Opfer sein wollen, nicht um muslimisches "Mimimi", das uns manche dauernd unterstellen, oder sonstige moralisierende Überlegungen. Es geht hier ganz nĂŒchtern um Sicherheitspolitik.

Beide islamfeindliche Übergriffe wurden zunĂ€chst einmal weitgehend ignoriert und spielten allenfalls in lokalen oder islamischen Medien eine Rolle. Man könnte nun ausgiebig darĂŒber diskutieren, dass Übergriffe auf islamische Einrichtungen fĂŒr viele offenbar nach wie vor nur schwer greifbar sind und Bremens BĂŒrgermeister Carsten Sieling (SPD) sich erst drei Tage spĂ€ter öffentlich zu Wort meldete (nachdem das Thema doch noch medial grĂ¶ĂŸer geworden war), das möchte ich aber an dieser Stelle nicht tun.

Beide Attacken, egal, von wem sie letztlich begangen wurden, das steht meines Wissens noch nicht fest, sind Angriffe auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und auf unser friedliches Zusammenleben. Sie zielen darauf ab, zu provozieren, Wut zu schĂŒren, Rache anzustacheln und so Konflikte zu beschwören.

Instrumentalisierung seitens der Radikalen

Die TĂ€ter*innen dĂŒrften ErzĂ€hlungen wie die des sogenannten Karikaturenstreits vor etwa 14 Jahren im Sinn gehabt haben. Damals lösten Zeichnungen zum Propheten Mohammed wĂŒtende Proteste aus – zwar vor allem in politisch instabilen und wirtschaftlich gebeutelten Staaten wie Pakistan oder Afghanistan, und aufgestachelt durch Fundamentalisten und Islamisten, doch das Narrativ lautet seitdem: Muslime drehen durch, wenn ihr Glaube beleidigt wird.

Das gilt fĂŒr die meisten Muslime selbstverstĂ€ndlich nicht. Sie ertragen schließlich seit Langem stoisch, wie ihre Religion verspottet, verĂ€chtlich gemacht und denunziert wird oder versuchen es zu ignorieren. Doch es gibt unter Muslimen eben auch die Radikalen, die nur auf solche VorfĂ€lle warten, um sie fĂŒr ihre Belange zu instrumentalisieren. Das eine Extrem, die Islamfeindlichkeit, bedingt in der Regel auch das andere, den Islamismus – und andersherum.

Die islamistischen AnschlĂ€ge auf christliche Kirchen und auf Hotels in Sri Lanka zum Beispiel sind als Rache fĂŒr die islamfeindlichen AnschlĂ€ge im neuseelĂ€ndischen Christchurch deklariert worden, die selbst als Vergeltung fĂŒr islamistischen Terror ausgegeben wurden, der wiederum Reaktion auf Angriffe gegen die islamische Welt sein soll usw. Vor wenigen Jahren tauchten in Deutschland die "Hogesa" auf – die "Hooligans gegen Salafisten" –, und in weniger gewaltbereiter Form sammelten sich die Pegida – die angeblich "Patriotischen EuropĂ€er gegen die Islamisierung des Abendlandes". Deren AktivitĂ€ten befeuerten die Islamisten und Fundamentalisten.

Bedrohung fĂŒr alle

PrimĂ€r, um diese Spirale des Hasses und der Gewalt nicht eskalieren zu lassen, mĂŒssen Staat und Gesellschaft solche VorfĂ€lle wie in Bremen oder Mönchengladbach viel stĂ€rker auf dem Schirm haben und zeitnah verurteilen. Diese Spirale bedroht uns alle – egal, zu welcher Gruppe wir gezĂ€hlt werden.


Bei der Mahnung, Bremen und Mönchengladbach nicht als lokale Ereignisse abzutun, schwingt folglich im Hintergrund die Eidesformel mit, die zum Beispiel BundesprĂ€sident*innen, Kanzler*innen und Minister*innen vor ihren Amtsantritten bekunden: "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfĂŒllen und Gerechtigkeit gegen jedermann ĂŒben werde. (So wahr mir Gott helfe.)."

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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