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Viele haben Angst vor dem Islam? Das wundert mich nicht!

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 12.07.2019Lesedauer: 4 Min.
Die Zentralmoschee in K├Âln-Ehrenfeld: Die Angst vor Muslimen ist hausgemacht.
Die Zentralmoschee in K├Âln-Ehrenfeld: Die Angst vor Muslimen ist hausgemacht. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Laut einer Studie sehen viele Menschen in Deutschland im Islam eine Bedrohung. Verst├Ąndlich, findet unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. Schlie├člich haben wir alle daran Schuld.

Es kann niemanden ├╝berraschen, wenn mehr als die H├Ąlfte der deutschen Bev├Âlkerung den Islam als Bedrohung empfindet, wie die aktuelle Studie Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung belegt. Seit Jahrzehnten ver├╝ben Terroristen und Verbrecher Gewalttaten und nennen sich bei der Ausf├╝hrung "Musliminnen" und "Muslime". Seit Jahrzehnten sind Islamisten in dem Irrglauben gefangen, mit einer fundamentalistischen Auffassung von Religion lie├če sich ein guter Staat machen.

Dem gegen├╝ber wird seit fast 20 Jahren massiv gegen den Islam (und damit zwangsl├Ąufig gegen die Menschen, die ihn tragen) gehetzt, obwohl nur eine kleine Minderheit islamistische Vorstellungen vertritt. Laut Religionsmonitor sehen 90 Prozent der deutschen Muslime die Demokratie als eine gute Regierungsform an, bei zugezogenen Muslimen sind es sogar 92 Prozent, unter Konfessionslosen in Deutschland sind es dagegen nur 83 Prozent.

Stimmung gegen den Islam ist von Eliten gesch├╝rt

Die Stimmung gegen den Islam wurde von Extremisten ebenso gesch├╝rt wie von Intellektuellen, Politikern und Kritikern aus der Mitte der Gesellschaft. Der Sound ist zwar ein anderer, die T├Âne sind aber die gleichen. Sie alle weigern sich bewusst oder unbewusst, Differenzierungen in Bezug auf diese Religion vorzunehmen oder zu gestatten. Aus ├Âkonomischem Interesse oder weil es zu den Vorlieben von Redakteurinnen oder Redakteuren passt, wurden diese Stimmen sowohl auf diversen verschw├Ârerischen Internetblogs wie auch in seri├Âsen Medien ├╝berm├Ą├čig stark verbreitet. Selbstverst├Ąndlich kann so etwas nicht ohne Folgen f├╝r die Gesellschaft bleiben.

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Nur, was f├Ąngt man jetzt mit den Erkenntnissen der Bertelsmann Stiftung an? Muslime und insbesondere ihre Vertreter besch├Ąftigen sich schon sehr lange mit dieser Frage. Das k├Ânnte zweierlei bedeuten: Erstens, jeder Einzelne k├Ânnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, dabei die eigene Offenheit demonstrieren und seine Ablehnung gegen Islamismus und Fundamentalismus deutlich zum Ausdruck bringen.

Muslime beten gemeinsam mit Christin nach denn Anschl├Ągen in Sri Lanka: Jeder Muslim k├Ânnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, fordert Kolumnistin Lamya Kaddor.
Muslime beten gemeinsam mit Christen nach denn Anschl├Ągen in Sri Lanka: Jeder Muslim k├Ânnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, fordert Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: /imago-images-bilder)

Zweitens, Eigeninteressen k├Ânnten diplomatischer vertreten werden. Forderungen an Politik und Gesellschaft, selbst wenn sie berechtigt sind, sollten gut ├╝berlegt sein, bevor sie formuliert werden. In der Vergangenheit gab es beispielsweise zu wenig durchdachte Rufe nach Bundesbeauftragten gegen Islamfeindlichkeit oder nach Polizeischutz f├╝r Moscheen. Daf├╝r gibt es zwar durchaus gute Argumente, solche Appelle sind derzeit jedoch kontraproduktiv, weil sie aus Sicht zu vieler Beobachter zu fr├╝h kommen und immer einen Opferneid gegen├╝ber Juden mitschwingen lassen; was nicht hei├čt, dass man der Islamfeindlichkeit nicht entschieden entgegentreten m├╝sste, aber eben mit anderen Mitteln.

Jeder darf Muslime pers├Ânlich hassen

Alle anderen Menschen, die sich nicht als Anh├Ąnger des Islams verstehen, sind aufgerufen, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und ÔÇô zumindest wenn sie eine Meinung zum Islam vertreten wollen ÔÇô sich auf breiterer Ebene dar├╝ber informieren. Diejenigen, die nicht bereit dazu sind, ihre Vorurteile zu hinterfragen, m├╝ssen daraufhin ├╝berpr├╝ft werden, ob sie noch auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Andernfalls sind sie ein Fall f├╝r Polizei und Justiz.

Aus Sicht einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft darf man den Islam und die Muslime f├╝r sich pers├Ânlich hassen (selbst wenn das pathologische Z├╝ge hat), aber wer diesen Hass nach au├čen tr├Ągt, muss Widerstand im Rahmen rechtsstaatlicher Prozesse sp├╝ren, denn ├Âffentlich ge├Ąu├čerter Hass f├╝hrt zu Aufstachelung von gewaltbereiten Menschen, die dann zur Tat schreiten, wie beim Rechtsterror zu sehen ist.

Hier kommt dann die Politik ins Spiel. Derzeit wird viel ├╝ber Rechtsradikalismus diskutiert. Dabei wird zwar regelm├Ą├čig Islamfeindlichkeit als mittlerweile konstitutives Element genannt, doch sie wird allenfalls als Symptom gesellschaftlicher Prozesse beschrieben. Als Ursache werden fast ausschlie├člich soziale Benachteiligungen (die ber├╝hmten "besorgten B├╝rger") angef├╝hrt. Der Fakt, dass ein Teil der Bev├Âlkerung schlicht rassistisch oder islam- und fremdenfeindlich ist, wird ignoriert oder ausgeblendet. Solange die Politik den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft nicht aktiv angeht, wird der gesellschaftliche Frieden stets bedroht bleiben.

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Und schlie├člich scheint das Problem der Islamfeindlichkeit die breite ├ľffentlichkeit im Allgemeinen m├Ąchtig zu irritieren. Vielen fehlt es offenkundig am n├Âtigen Abstraktionsverm├Âgen. Muslime sind ihnen in der Vergangenheit prim├Ąr als T├Ąter vermittelt worden, sodass es ihnen schwerf├Ąllt, in Muslimen heute auch Opfer zu sehen. Dabei ist beides f├╝r sich genommen Unsinn. Das Muslimsein allein bestimmt ebenso wenig das Verhalten eines Menschen wie das Christsein allein. Jeder Mensch ist mehr als seine Religion. Niemand handelt allein deshalb, weil er Muslim oder Christ ist. Die unseligen Vereinfachungstendenzen und die daraus folgende eindimensionale Sicht auf gesellschaftliche Probleme sind ein Sargnagel f├╝r Offenheit und Rechtsstaat.

Polizisten stehen vor der Zentralmoschee. Die Moschee war nach einer Drohmail ger├Ąumt und durchsucht worden.
Polizisten stehen vor der Zentralmoschee. Die Moschee war nach einer Drohmail ger├Ąumt und durchsucht worden. (Quelle: Marius Becker/dpa-bilder)

Bombendrohung auf Ditib-Moschee nur eine Randnotiz

Anfang der Woche wurde die Ditib-Zentralmoschee in K├Âln, die gr├Â├čte Moschee Deutschlands, evakuiert, weil eine Bombendrohung vermutlich von Rechtsextremisten eingegangen war. Doch das Geschehen wurde als lokales Ereignis abgehandelt, es gab keine nennenswerten politischen Reaktionen, in den Nachrichten blieb der Vorfall allenfalls eine Randnotiz. Warum? Weil die Bedrohung von Muslimen nicht so wichtig ist? Weil die Ditib-F├╝hrung zu Recht wegen vieler Dinge in der Kritik steht, sind Gewaltandrohungen gegen sie weniger problematisch? W├Ąre der K├Âlner Dom oder die Berliner Synagoge in der Rykestra├če wegen einer Bombendrohung von mutma├člichen Islamisten ger├Ąumt worden, was h├Ątte das dann ausgel├Âst?


Wenn wir als zunehmend pluralistische Gesellschaft dauerhaft funktionieren wollen, muss die ├ľffentlichkeit ihre Routinen durchbrechen, darf die Politik nicht mit zweierlei Ma├č messen, und ist jeder Einzelne aufgerufen, seinen Beitrag dazu zu leisten.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionsp├Ądagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universit├Ąt Duisburg-Essen. Ihr neues Buch hei├čt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie k├Ânnen unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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