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Lamya Kaddor: Viele haben Angst vor dem Islam? Wundert mich nicht!

MEINUNGBertelsmann-Studie  

Viele haben Angst vor dem Islam? Das wundert mich nicht!

Von Lamya Kaddor

12.07.2019, 19:50 Uhr
Lamya Kaddor: Viele haben Angst vor dem Islam? Wundert mich nicht!. Die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld: Die Angst vor Muslimen ist hausgemacht.  (Quelle: imago images)

Die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld: Die Angst vor Muslimen ist hausgemacht. (Quelle: imago images)

Laut einer Studie sehen viele Menschen in Deutschland im Islam eine Bedrohung. Verständlich, findet unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. Schließlich haben wir alle daran Schuld. 

Es kann niemanden überraschen, wenn mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung den Islam als Bedrohung empfindet, wie die aktuelle Studie Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung belegt. Seit Jahrzehnten verüben Terroristen und Verbrecher Gewalttaten und nennen sich bei der Ausführung "Musliminnen" und "Muslime". Seit Jahrzehnten sind Islamisten in dem Irrglauben gefangen, mit einer fundamentalistischen Auffassung von Religion ließe sich ein guter Staat machen.

Dem gegenüber wird seit fast 20 Jahren massiv gegen den Islam (und damit zwangsläufig gegen die Menschen, die ihn tragen) gehetzt, obwohl nur eine kleine Minderheit islamistische Vorstellungen vertritt. Laut Religionsmonitor sehen 90 Prozent der deutschen Muslime die Demokratie als eine gute Regierungsform an, bei zugezogenen Muslimen sind es sogar 92 Prozent, unter Konfessionslosen in Deutschland sind es dagegen nur 83 Prozent.

Stimmung gegen den Islam ist von Eliten geschürt  

Die Stimmung gegen den Islam wurde von Extremisten ebenso geschürt wie von Intellektuellen, Politikern und Kritikern aus der Mitte der Gesellschaft. Der Sound ist zwar ein anderer, die Töne sind aber die gleichen. Sie alle weigern sich bewusst oder unbewusst, Differenzierungen in Bezug auf diese Religion vorzunehmen oder zu gestatten. Aus ökonomischem Interesse oder weil es zu den Vorlieben von Redakteurinnen oder Redakteuren passt, wurden diese Stimmen sowohl auf diversen verschwörerischen Internetblogs wie auch in seriösen Medien übermäßig stark verbreitet. Selbstverständlich kann so etwas nicht ohne Folgen für die Gesellschaft bleiben. 

Nur, was fängt man jetzt mit den Erkenntnissen der Bertelsmann Stiftung an? Muslime und insbesondere ihre Vertreter beschäftigen sich schon sehr lange mit dieser Frage. Das könnte zweierlei bedeuten: Erstens, jeder Einzelne könnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, dabei die eigene Offenheit demonstrieren und seine Ablehnung gegen Islamismus und Fundamentalismus deutlich zum Ausdruck bringen.

Muslime beten gemeinsam mit Christin nach denn Anschlägen in Sri Lanka: Jeder Muslim könnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, fordert Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: imago images)Muslime beten gemeinsam mit Christen nach denn Anschlägen in Sri Lanka: Jeder Muslim könnte noch viel aktiver mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt treten, fordert Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: imago images)

Zweitens, Eigeninteressen könnten diplomatischer vertreten werden. Forderungen an Politik und Gesellschaft, selbst wenn sie berechtigt sind, sollten gut überlegt sein, bevor sie formuliert werden. In der Vergangenheit gab es beispielsweise zu wenig durchdachte Rufe nach Bundesbeauftragten gegen Islamfeindlichkeit oder nach Polizeischutz für Moscheen. Dafür gibt es zwar durchaus gute Argumente, solche Appelle sind derzeit jedoch kontraproduktiv, weil sie aus Sicht zu vieler Beobachter zu früh kommen und immer einen Opferneid gegenüber Juden mitschwingen lassen; was nicht heißt, dass man der Islamfeindlichkeit nicht entschieden entgegentreten müsste, aber eben mit anderen Mitteln. 

Jeder darf Muslime persönlich hassen

Alle anderen Menschen, die sich nicht als Anhänger des Islams verstehen, sind aufgerufen, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und – zumindest wenn sie eine Meinung zum Islam vertreten wollen – sich auf breiterer Ebene darüber informieren. Diejenigen, die nicht bereit dazu sind, ihre Vorurteile zu hinterfragen, müssen daraufhin überprüft werden, ob sie noch auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Andernfalls sind sie ein Fall für Polizei und Justiz.

Aus Sicht einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft darf man den Islam und die Muslime für sich persönlich hassen (selbst wenn das pathologische Züge hat), aber wer diesen Hass nach außen trägt, muss Widerstand im Rahmen rechtsstaatlicher Prozesse spüren, denn öffentlich geäußerter Hass führt zu Aufstachelung von gewaltbereiten Menschen, die dann zur Tat schreiten, wie beim Rechtsterror zu sehen ist. 

Hier kommt dann die Politik ins Spiel. Derzeit wird viel über Rechtsradikalismus diskutiert. Dabei wird zwar regelmäßig Islamfeindlichkeit als mittlerweile konstitutives Element genannt, doch sie wird allenfalls als Symptom gesellschaftlicher Prozesse beschrieben. Als Ursache werden fast ausschließlich soziale Benachteiligungen (die berühmten "besorgten Bürger") angeführt. Der Fakt, dass ein Teil der Bevölkerung schlicht rassistisch oder islam- und fremdenfeindlich ist, wird ignoriert oder ausgeblendet. Solange die Politik den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft nicht aktiv angeht, wird der gesellschaftliche Frieden stets bedroht bleiben. 

Und schließlich scheint das Problem der Islamfeindlichkeit die breite Öffentlichkeit im Allgemeinen mächtig zu irritieren. Vielen fehlt es offenkundig am nötigen Abstraktionsvermögen. Muslime sind ihnen in der Vergangenheit primär als Täter vermittelt worden, sodass es ihnen schwerfällt, in Muslimen heute auch Opfer zu sehen. Dabei ist beides für sich genommen Unsinn. Das Muslimsein allein bestimmt ebenso wenig das Verhalten eines Menschen wie das Christsein allein. Jeder Mensch ist mehr als seine Religion. Niemand handelt allein deshalb, weil er Muslim oder Christ ist. Die unseligen Vereinfachungstendenzen und die daraus folgende eindimensionale Sicht auf gesellschaftliche Probleme sind ein Sargnagel für Offenheit und Rechtsstaat.

Polizisten stehen vor der Zentralmoschee. Die Moschee war nach einer Drohmail geräumt und durchsucht worden.  (Quelle: dpa/Marius Becker)Polizisten stehen vor der Zentralmoschee. Die Moschee war nach einer Drohmail geräumt und durchsucht worden. (Quelle: Marius Becker/dpa)

Bombendrohung auf Ditib-Moschee nur eine Randnotiz

Anfang der Woche wurde die Ditib-Zentralmoschee in Köln, die größte Moschee Deutschlands, evakuiert, weil eine Bombendrohung vermutlich von Rechtsextremisten eingegangen war. Doch das Geschehen wurde als lokales Ereignis abgehandelt, es gab keine nennenswerten politischen Reaktionen, in den Nachrichten blieb der Vorfall allenfalls eine Randnotiz. Warum? Weil die Bedrohung von Muslimen nicht so wichtig ist? Weil die Ditib-Führung zu Recht wegen vieler Dinge in der Kritik steht, sind Gewaltandrohungen gegen sie weniger problematisch? Wäre der Kölner Dom oder die Berliner Synagoge in der Rykestraße wegen einer Bombendrohung von mutmaßlichen Islamisten geräumt worden, was hätte das dann ausgelöst? 
 

 
Wenn wir als zunehmend pluralistische Gesellschaft dauerhaft funktionieren wollen, muss die  Öffentlichkeit ihre Routinen durchbrechen, darf die Politik nicht mit zweierlei Maß messen, und ist jeder Einzelne aufgerufen, seinen Beitrag dazu zu leisten.    

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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