• Home
  • Politik
  • Tagesanbruch
  • Es lĂ€uft nicht gut fĂŒr Wladimir Putin – die Schlinge zieht sich zu


Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Die Schlinge zieht sich zu

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 20.05.2022Lesedauer: 6 Min.
Russland-treue Einheiten rĂŒcken in der Region um Severodonetsk vor.
Russland-treue Einheiten rĂŒcken in der Region um Severodonetsk vor. (Quelle: imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextItalienischer MultimilliardĂ€r ist totSymbolbild fĂŒr einen TextMacrons mit spontanem BergspaziergangSymbolbild fĂŒr einen TextZu Guttenberg nimmt RTL-Job anSymbolbild fĂŒr einen TextSo viele Kirchenaustritte wie nie zuvorSymbolbild fĂŒr ein VideoHier drohen krĂ€ftige GewitterSymbolbild fĂŒr einen TextHelene singt fĂŒr SchraubenmilliardĂ€rSymbolbild fĂŒr einen TextMercedes: Ende fĂŒr beliebtes ModellSymbolbild fĂŒr einen TextThorsten Legat verliert HodenSymbolbild fĂŒr ein VideoKaribikinsel droht zu verschwindenSymbolbild fĂŒr einen TextKendall Jenner splitterfasernacktSymbolbild fĂŒr einen TextHunderttausende bei CSD erwartetSymbolbild fĂŒr einen Watson TeaserEx-DFB-Star mit Details zu neuem JobSymbolbild fĂŒr einen TextJetzt testen: Was fĂŒr ein Herrscher sind Sie?

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

aus der Ferne sieht er furchteinflĂ¶ĂŸend aus, doch je nĂ€her er kommt, desto mehr schrumpft er auf Normalmaß. Wer könnte das sein? Ganz klar: ein "Scheinriese". So hat der Schriftsteller Michael Ende das seltsame Wesen in seinem Kinderbuch genannt. Jim Knopf und Lukas der LokomotivfĂŒhrer hatten einen Heidenrespekt vor ihm, als sie das Monstrum am Horizont erblickten. Zum GlĂŒck wurde es mit jedem Schritt kleiner. Was wenige wissen: Scheinriesen gibt es wirklich. Einer von ihnen sorgt gerade fĂŒr Schlagzeilen. Es ist die russische Armee.

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

"Die Situation ist nicht normal", Ă€tzte ein russischer MilitĂ€rexperte kĂŒrzlich im staatlichen Propagandafernsehen, zum Entsetzen der Moderatorin. Man solle sich nicht in die Tasche lĂŒgen: Die ukrainische Armee befinde sich keinesfalls kurz vor dem Zusammenbruch. Die Kampfmoral der Ukrainer sei hoch, ihre Armee professionell, und hinter ihr stehe eine Allianz aus 42 Staaten, die modernste Waffen liefere. Russland befinde sich in "totaler geopolitischer Isolation". Die Situation werde aus Moskauer Sicht "ganz klar schlechter".

Es ist selten, dass die Russen mit so viel Realismus konfrontiert werden, aber ein Einzelfall ist es nicht mehr. Selbst der stellvertretende SekretĂ€r des russischen Sicherheitsrates ließ sich dazu hinreißen, die "gegenwĂ€rtigen Schwierigkeiten" der MilitĂ€roperation anzusprechen. NatĂŒrlich nur in einem Nebensatz und eingebettet in einen Siegesschwur. Aber die Erkenntnis, wie die Dinge stehen, schimmert jetzt auch in Putins Reich gelegentlich durch.

Die russische Offensive, die sich nun auf den Osten der Ukraine beschrĂ€nkt, kommt nur noch im Schneckentempo voran. Sie trifft auf erbitterten Widerstand. An vorderster Front stehen ukrainische Soldaten, von denen viele bis vor Kurzem keinerlei Kampferfahrung besaßen, aber um jedes Dorf mitunter mit einfachsten Mitteln kĂ€mpfen: Kaserniert im Keller, patrouillieren sie im Laufschritt durch GemĂŒsegĂ€rten, wĂ€hrend rundherum russische Granaten einschlagen (hier das Video eines britischen Reporters). Von den schweren Waffen, ĂŒber deren Lieferung hierzulande so heiß diskutiert wird, ist in solchen Dörfern noch nichts zu sehen. Man kĂ€mpft zu Fuß. Dennoch halten selbst an einem so schlecht ausgestatteten Frontabschnitt die Verteidiger dem russischen Druck stand.

Es lĂ€uft schlecht fĂŒr den Aggressor, so viel ist klar. Aber wie schlecht? Wie hoch sind die russischen Verluste wirklich? Ein Drittel der Invasionsarmee sei zerstört oder nicht mehr einsatzfĂ€hig, meldet das britische Verteidigungsministerium. Mehr als 28.000 getötete russische Soldaten wollen ukrainische Behörden gezĂ€hlt haben. Doch bei den forschen EinschĂ€tzungen ist Vorsicht angebracht. Denn genau darum handelt es sich: nur um SchĂ€tzungen. Sie stĂŒtzen sich auf allerlei Annahmen, doch Genaues weiß man nicht.

Ein Beispiel: Auf Luft- und Satellitenaufnahmen werden nicht Gefallene gezĂ€hlt, sondern zerstörte Fahrzeuge, etwa Transportpanzer. Und dann wird hochgerechnet. Aber wie viele Soldaten saßen in dem ausgebrannten GefĂ€hrt? War es voll besetzt? Hatte es vielleicht nur drei, vier Mann an Bord, weil die taktischen Bataillonsgruppen der russischen Armee nicht in voller MannschaftsstĂ€rke ins Gefecht gezogen sind? Oder ist gar kein russischer Soldat zu Schaden bekommen, weil sie ihr klappriges Fahrzeug schon lĂ€ngst zurĂŒckgelassen hatten? Man kann diesen Zahlen nicht trauen.

Mit Gewissheit darf man jedoch feststellen, dass die russische Armee nicht nur mit dem Gegner, sondern auch mit sich selbst ringt. Immer wieder mĂŒssen die Angreifer schwere Niederlagen einstecken. Erhellend sind die UmstĂ€nde, unter denen das geschieht. Das Debakel am Siwerskyj Donez, einem FlĂŒsschen im Donbass, hat selbst bei linientreuen russischen MilitĂ€rbloggern fĂŒr Entsetzen gesorgt – wegen der Inkompetenz der eigenen Einheiten. Beim Versuch der Russen, den Fluss zu ĂŒberqueren, zerschossen ukrainische Artillerie und Luftwaffe die PontonbrĂŒcken, schnitten die bereits ĂŒbergesetzten Einheiten von Nachschub und RĂŒckzug ab und richteten eines der bisher grĂ¶ĂŸten Blutvergießen dieses Krieges an.

Der Vorstoß ĂŒber einen Fluss auf selbst gelegten BrĂŒcken gehört zu den anspruchsvollsten Operationen wĂ€hrend einer Offensive. Verschiedene Einheiten mĂŒssen in einer komplexen Choreografie zusammenarbeiten, wobei sie zwischenzeitlich sehr verwundbar sind. LuftunterstĂŒtzung, Artillerie, Pioniere, AufklĂ€rer, Panzer und Infanterie mĂŒssen ihr Timing im Griff haben. Seit Beginn des Krieges ist immer deutlicher geworden, dass die russische Armee an der prĂ€zisen Koordination scheitert und jeder Kommandeur sein eigenes SĂŒppchen kocht. Es fehlt am Training. Und das lĂ€sst sich nicht mal eben nachholen. Ein ehemaliger Nato-Kommandeur, der wiederholt russische Manöver beobachtet hat, berichtet von beeindruckenden TauchgĂ€ngen russischer Panzer, die unter Wasser durch FlĂŒsse walzten (hier ein Video). Nur wurde dann schnell klar, dass Pioniere das Flussbett unter Wasser zuvor fĂŒr eine störungsfreie Durchfahrt fein sĂ€uberlich planiert hatten. RealitĂ€tsnah? Nein. Ein Einzelfall? Auch nicht. Harte Urteile sind zu hören: Russische Einheiten hĂ€tten oft nicht fĂŒr den Kampfeinsatz geĂŒbt, sondern fĂŒr die Show. Und noch nicht einmal das ĂŒbergreifend und koordiniert, sondern jede Einheit fĂŒr sich, fĂŒr den eigenen Ruhm. Das rĂ€cht sich nun.

Tritt also in der Ukraine eine russische Gurkentruppe gegen ĂŒberlegene Verteidiger an? So einfach ist es nicht. Von den Verlusten der Ukrainer hören wir weniger, aber wo man sie findet, sind sie bitter: Amerikanische Geheimdienste bescheinigten den ukrainischen KrĂ€ften Mitte April Verluste in vergleichbarer Höhe zu den Russen. MilitĂ€rgerĂ€t aus dem Westen stapelt sich ungenutzt in der Landschaft, weil Soldaten noch nicht in die Bedienung eingewiesen worden sind. Die wirtschaftliche Lage ist desaströs, die Opfer unter der Zivilbevölkerung sind verheerend. Die Front im Donbass verschiebt sich zwar nur langsam, aber sie verschiebt sich: WĂ€hrend ukrainische Truppen bei Charkiw große Gebiete zurĂŒckerobert haben, weil ihre Gegner abgezogen und in den Donbass verlegt worden sind, zieht sich im Osten eine Schlinge um die Verteidiger von Severodonetsk zu – einer Stadt von der GrĂ¶ĂŸe Hildesheims, wo ein ukrainisches Truppenkontingent offenbar von der Versorgung abgeschnitten ist.

Russland-treue Einheiten rĂŒcken in der Region um Severodonetsk vor.
Russlandtreue Einheiten rĂŒcken in der Region um Severodonetsk vor. (Quelle: imago-images-bilder)

Was folgt daraus? WĂ€hrend manche Experten bereits die kommende Niederlage der Invasoren bejubeln, zeigen sich andere zurĂŒckhaltender. Konsens scheint immerhin zu sein, dass den Russen nach dieser Offensive die KrĂ€fte fĂŒr einen weiteren Anlauf fehlen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die ukrainischen GenerĂ€le ihrem eingegrabenen Gegner dessen Eroberungen einfach wieder abnehmen können. Sobald die russischen Angreifer den Rollenwechsel zum Verteidiger erst einmal vollzogen haben, wird es leichter fĂŒr sie. Ohne eine politische Lösung dĂŒrfte sich der Krieg noch lange hinziehen. Denn das ist auch so eine Sache, die man ĂŒber Scheinriesen wissen muss: Sie schrumpfen auf Normalmaß. Aber sie werden nicht zum Zwerg.

Loading...
Loading...
Loading...
Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

Erhalten Sie jeden Morgen einen Überblick ĂŒber die Themen des Tages als Newsletter.

Von russischem Beschuss zerstörte HÀuser in Severodonetsk.
Von russischem Beschuss zerstörte HÀuser in Severodonetsk. (Quelle: imago-images-bilder)
Helfer bergen in Severodonetsk eine Verletzte aus einem Bunker.
Helfer bergen in Severodonetsk eine Verletzte aus einem Bunker. (Quelle: imago-images-bilder)

Termine des Tages

Wann beginnt denn nun die "Zeitenwende", die Olaf Scholz Ende Februar ausgerufen hat? Das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen fĂŒr die Bundeswehr kommt nicht voran, dabei muss die Truppe immer schwerere Aufgaben ĂŒbernehmen: Nach dem Willen der Ampelkoalition soll sie den UN-Einsatz im westafrikanischen Krisenstaat Mali weiter unterstĂŒtzen – kĂŒnftig sogar mit noch mehr Soldaten. Heute stimmt der Bundestag darĂŒber ab.

Gestern Abend hat das Parlament den Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket beschlossen. Neben weiteren VergĂŒnstigungen sollen sie die Last durch die gestiegenen Energiepreise lindern. Im Bundesrat kommt es heute zum Schwur: Mehrere LĂ€nder fordern mehr Geld fĂŒr zusĂ€tzliche ZĂŒge und Personal – andernfalls wollen sie das Ticket blockieren.

Blitze, Starkregen, Hagel, Orkanböen, womöglich sogar Tornados: FĂŒr große Teile Deutschlands wird heute wildes Wetter vorausgesagt (hier der Überblick). Seien Sie draußen vorsichtig!


Was lesen?

"FĂŒr mich ist entscheidend, dass ich am Ende des Tages in den Spiegel schauen kann", sagt Christine Lambrecht.
"FĂŒr mich ist entscheidend, dass ich am Ende des Tages in den Spiegel schauen kann", sagt Christine Lambrecht. (Quelle: imago-images-bilder)

Keine Ministerin steht so unter Druck wie Christine Lambrecht. Umso interessanter war das ausfĂŒhrliche GesprĂ€ch, das unsere Reporter Bastian Brauns und Sven Böll mit ihr gefĂŒhrt haben. Was die SPD-Politikerin zu den aktuellen VorwĂŒrfen sagt und wie sie die Probleme der Bundeswehr anpacken will, lesen Sie hier.


Der Bundestag hat Gerhard Schröder das Geld fĂŒr dessen BĂŒro und Mitarbeiter gestrichen. Warum demontiert der Altkanzler durch die Treue zu Putin sein Lebenswerk? Die "taz" hat eine Antwort.

Mehr aus dem Ressort
Nato will 300.000 Soldaten in erhöhte Bereitschaft versetzen
News Bilder des Tages Nato Manöver in der Nato-Manöver in der Oberlausitz (Archivbild 2019): Die EingreifkrĂ€fte sollen von 40.000 auf 300.000 erhöht werden. ißel  Die Logistik der St



(Quelle: Imago / Austrian Archives)

Heutzutage ist ein Atlantikflug keine große Sache mehr – fĂŒr diese Frau war er noch ein gefĂ€hrliches Abenteuer. Wer sie war, lesen Sie auf unserem Historischen Bild.


Was amĂŒsiert mich?

Die Mineralölkonzerne finden das Entlastungsprogramm der Ampelkoalition super.

(Quelle: Mario Lars)

Ich wĂŒnsche Ihnen einen super Tag.

Herzliche GrĂŒĂŸe

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den tÀglichen Tagesanbruch-Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.

Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Camilla Kohrs
Von Camilla Kohrs
RusslandUkraineWladimir Putin
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website