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Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Also habe ich gesagt: Stopp!"

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns und Sven B├Âll

Aktualisiert am 20.05.2022Lesedauer: 11 Min.
Christine Lambrecht: "Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viel umgesetzt."
Christine Lambrecht: "Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viel umgesetzt." (Quelle: Armin Durgut/PIXSELL/dpa-bilder)
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Kein Kabinettsmitglied muss sich so viel Kritik gefallen lassen wie Christine Lambrecht. Im Interview wehrt sich die Verteidigungsministerin gegen die Vorw├╝rfe, spricht ├╝ber die gr├Â├čten Probleme der Bundeswehr ÔÇô und erkl├Ąrt, warum Deutschland der Ukraine mehr hilft als gedacht.

Selbst langj├Ąhrige Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums finden sich in dem un├╝bersichtlichen Geb├Ąude an der Berliner Stauffenbergstra├če nicht zurecht. Es w├Ąre also nichts Besonderes, wenn es Christine Lambrecht ├Ąhnlich ginge. Schlie├člich ist sie nicht einmal ein halbes Jahr im Amt.

Doch die internen Irrwege sind derzeit nicht das gr├Â├čte Problem der Ministerin. IBUK zu sein, also Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt, ist bereits in normalen Zeiten nicht gerade ein leichter Job. Rund 260.000 Soldaten unterstehen ihr, dazu ein Ministerium mit 2.500 Mitarbeitern, zig Themen mit zahlreichen Fallstricken. Denn bei der Bundeswehr fehlt es an allen Ecken und Enden an irgendetwas.

Verteidigungsministerium in Berlin: Das Haus hat noch jeden Minister erledigt.
Verteidigungsministerium in Berlin: Das Haus hat noch jeden Minister erledigt. (Quelle: imago-images-bilder)

Umso ├Ąrgerlicher ist es, wenn sich zu all den Eh-schon-da-Problemen noch die eigenen gesellen. Die Ministerin ist inzwischen so unter Druck, dass in Berlin bereits Ger├╝chte ├╝ber ihre Abl├Âsung die Runde machten. Doch als Lambrecht ├╝berp├╝nktlich zum Interview erscheint, ist nur der Besprechungsraum trostlos. Die 56-J├Ąhrige l├Ąchelt viel, gibt sich freundlich-verbindlich und beantwortet geduldig die Fragen. Selbst dann, wenn es pers├Ânlich wird.

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Nach eineinviertel Stunden weist sie allerdings dezent darauf hin, dass sie weiterm├╝sse. Um ironisch zu erg├Ąnzen, es sei ja bald 17 Uhr, da d├╝rfe sie eigentlich gar nicht mehr da sein. Sie habe ja ├╝ber sich lesen m├╝ssen, dass sie um 15 Uhr das Haus verlasse. "Tats├Ąchlich wird es heute wohl 22 Uhr", sagt sie.

t-online: Frau Lambrecht, kein Kabinettsmitglied muss sich derzeit so viel Kritik gefallen lassen wie Sie. Was ist Ihre Erkl├Ąrung daf├╝r?

Christine Lambrecht: Kritik geh├Ârt zum politischen Gesch├Ąft. F├╝r mich ist entscheidend, dass ich am Ende des Tages in den Spiegel schauen kann.

Und das k├Ânnen Sie noch?

Da kann ich Sie beruhigen. Auch, weil ich die Kritik nicht immer nachvollziehen kann. Was ich nachvollziehen kann ist, dass die Begleitung durch meinen Sohn auf einem Flug bei manchen auf Unverst├Ąndnis gesto├čen ist. Das werde ich k├╝nftig anders handhaben und meine Termine anders organisieren. Aber mir bleibt wichtig, dass rechtlich alles korrekt war und alle Regeln eingehalten wurden.


In Artikeln wurde insinuiert, Ihr 21-j├Ąhriger Sohn sei ein Mutters├Âhnchen. Trifft Sie das nicht?

Ich kann mit dem Begriff "Mutters├Âhnchen" so wenig anfangen wie mit "Rabenmutter". Mein Sohn und ich haben ein sehr gutes Verh├Ąltnis. Und ich w├╝nsche jedem, der Kinder hat, dass es so kommt. Es gibt doch kein gr├Â├čeres Kompliment f├╝r eine Mutter, als dass der erwachsene Sohn gerne Zeit mit ihr verbringt.

Die Ministerin kennt noch immer nicht die Dienstgrade, sie schirmt sich vom Rest des Hauses ab, f├Ąhrt lieber in den Urlaub, als Amtskollegen zu treffen ÔÇô all diese Kritik dringt aus Ihrem Haus nach au├čen.

Das ist leider so ÔÇô auch wenn es nicht stimmt.

Aber das hei├čt doch: Es gibt im Ministerium gro├čen Unmut.

Wenn ich mir anschaue, was ├╝ber meine Vorg├Ąngerinnen geschrieben wurde, habe ich nicht den Eindruck, dass es mit meiner Person zu tun hat. Es gibt leider bei einigen wenigen eine gewisse Unkultur, mit Ger├╝chten, Klatsch und Flurfunk die Medien zu f├╝ttern. Das ist eine ungute Entwicklung, gerade f├╝r ein Ministerium, das f├╝r Sicherheitspolitik zust├Ąndig ist.

Der zentrale Vorwurf lautet, Sie w├╝rden sich nicht f├╝r Ihren Job interessieren ÔÇô und sich auch keine besondere M├╝he geben, das Desinteresse zu verbergen.

Ich lese diese Vorw├╝rfe nat├╝rlich. Manche sind so abwegig, dass ich dar├╝ber nicht l├Ąnger nachdenke.

Der Vorwurf, Sie h├Ątten an den Themen kein Interesse, ist aber nicht ohne.

Ich bin jetzt seit gut f├╝nf Monaten im Amt. Ich habe endlich die Nachfolge f├╝r das Kampfflugzeug Tornado geregelt. Das ist bei meinen Vorg├Ąngerinnen liegen geblieben. Ich habe durchgesetzt, dass es zur Bewaffnung der Drohnen kommt. Viele waren sehr skeptisch, ob das mit einer sozialdemokratischen Ministerin ├╝berhaupt m├Âglich ist. Ich habe daf├╝r gesorgt, dass alle Soldatinnen und Soldaten nicht erst bis 2031 mit pers├Ânlicher Schutzausr├╝stung ausgestattet werden, sondern schon in drei Jahren. Ich habe im Beschaffungswesen entschieden, dass in Zukunft 20 Prozent aller Auftr├Ąge aus der Bundeswehr nicht mehr ├╝ber ein b├╝rokratisches Vergabeverfahren laufen. Das sind nur ein paar Beispiele, die deutlich machen, dass ich in sehr kurzer Zeit sehr viel umgesetzt habe.

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Das klingt jetzt so, als w├╝rden Sie Ihren Kritikern Undankbarkeit vorwerfen.

Es geht hier nicht um Dankbarkeit ÔÇô das ist kein Kriterium in der Politik. Aber ich bekomme vor Ort von den Soldatinnen und Soldaten etwas v├Âllig anderes gespiegelt als von den Medien. Die Bundeswehrangeh├Ârigen haben auch ganz andere Probleme. Und Wertsch├Ątzung dr├╝ckt sich f├╝r mich vor allem dadurch aus, dass ich daf├╝r sorge, dass die Truppe endlich die richtige Ausr├╝stung bekommt, die sie f├╝r ihre Aufgaben ben├Âtigt.

Aber welches Interesse sollte jemand haben, Sie so hart zu kritisieren, wenn Sie so viel machen?

Es ist nicht meine Aufgabe, da nach Motiven zu suchen ÔÇô ehrlich gesagt fehlt mir daf├╝r auch die Zeit. In der Presse war beispielsweise zu lesen, ich w├╝rde um 15 Uhr das Ministerium verlassen. Leider fehlt da die Information, dass ich mich dann zum n├Ąchsten Termin aufmache.

Der Kanzler hat Sie im Interview bei uns in Schutz genommen: "Wenn man in drei Jahren auf die Wahlperiode zur├╝ckblickt, wird es hei├čen: 'Sie ist die Verteidigungsministerin, die daf├╝r gesorgt hat, dass die Bundeswehr endlich ordentlich ausgestattet ist'". Waren Sie erleichtert?

Ich wei├č, dass der Kanzler meine Arbeit sch├Ątzt.

Olaf Scholz meinte das also wirklich ernst?

Olaf Scholz und ich arbeiten seit ├╝ber 20 Jahren sehr eng zusammen. Wir haben ein sehr vertrauensvolles Verh├Ąltnis. Und es ist gut, dass es so etwas in der Politik gibt. Denn es ist sehr selten.

Christine Lambrecht: "Ich wei├č, dass der Kanzler meine Arbeit sch├Ątzt"
Christine Lambrecht: "Ich wei├č, dass der Kanzler meine Arbeit sch├Ątzt" (Quelle: imago-images-bilder)
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Dass Sie viel lieber Innenministerin geworden w├Ąren, stimmt aber?

Es ist kein Geheimnis, dass ich mich immer f├╝r die Rechts- und Innenpolitik interessiert habe. Aber mich hat am Verteidigungsministerium ├╝berzeugt, dass ich hier viel bewegen kann. Und ich bin in die Politik gegangen, um etwas zu ver├Ąndern.

Trotzdem gilt Ihr Ressort als Schlangengrube, in der noch fast jeder Minister erledigt wurde. H├Ątten Sie das Amt auch angenommen, wenn Sie geahnt h├Ątten, dass es von einem schwierigen Job zum vielleicht wichtigsten im Kabinett wird?

Der Ukraine-Krieg hat die ohnehin nicht kleinen Herausforderungen, vor denen die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium stehen, noch einmal auf ein ganz neues Niveau gehoben. Aber ich bin jemand, der sich gerne neuen Herausforderungen stellt. Ich habe ein tolles Team. In der Bundeswehr arbeiten sehr viele hochqualifizierte und engagierte Menschen. Deshalb: Ja, ich h├Ątte das auch dann gemacht.

Es gibt auch immer wieder Ger├╝chte, dass Innenministerin Nancy Faeser im n├Ąchsten Jahr Spitzenkandidatin der SPD in Hessen wird und Sie dann ins Innenministerium nachr├╝cken.

Ich setze darauf, dass Nancy Faeser nicht nur Spitzenkandidatin wird, sondern auch die erste Ministerpr├Ąsidentin in Hessen.

Was die Regelung ihrer Nachfolge in Berlin noch dringender machen w├╝rde.

Ich habe die Herausforderung angenommen, die Bundeswehr endlich ordentlich auszustatten. Wir beschlie├čen bald das Sonderverm├Âgen von 100 Milliarden Euro f├╝r unsere Truppe. Endlich kann das, was ├╝ber Jahre hinweg liegen geblieben ist und str├Ąflich vernachl├Ąssigt wurde, angegangen werden. Diese Aufgabe werde ich auch erf├╝llen.

Baldige Wachabl├Âsung f├╝r Nancy Faeser? "Diese Aufgabe werde ich auch erf├╝llen"
Baldige Wachabl├Âsung f├╝r Nancy Faeser? "Diese Aufgabe werde ich auch erf├╝llen" (Quelle: imago-images-bilder)

Das hei├čt: Sie schlie├čen aus, dass Sie w├Ąhrend der Wahlperiode in ein anderes Ressort wechseln?

Ich habe die Aufgabe der Verteidigungsministerin ├╝bernommen. Und wer mich kennt, der wei├č, dass ich ├╝bernommene Aufgaben auch erf├╝lle.

Wir reden also mit der Verteidigungsministerin, die bis 2025 im Amt sein wird?

Da kann ich mich dem Bundeskanzler nur anschlie├čen. Mein Ziel am Ende der Wahlperiode ist, dass man r├╝ckblickend sagen kann: Sie hat daf├╝r gesorgt, dass die Bundeswehr endlich richtig ausgestattet ist.

Was sind die zwei dr├Ąngendsten Probleme der Bundeswehr?

Es gibt mehr als zwei.

Wir sollten uns bitte trotzdem auf die beiden wichtigsten beschr├Ąnken.

Das gr├Â├čte Problem ist, dass die Bundeswehr ├╝ber Jahre hinweg zusammengespart wurde. Hinzu kommen die teilweise viel zu b├╝rokratischen Strukturen.

Fangen wir mit der kaputtgesparten Armee an. Olaf Scholz hat die Union daf├╝r verantwortlich gemacht: "Die schlechte Zeit f├╝r die Bundeswehr begann unter Guttenberg, Sch├Ąuble und Merkel." Und es sei die SPD gewesen, die f├╝r einen Turnaround gesorgt habe. Ist das nicht ein wenig absurd?

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Olaf Scholz hat recht. Der Tiefpunkt des Verteidigungsetats wurde unter Verteidigungsminister Guttenberg mit 32 Milliarden Euro erreicht. Heute sind es gut 50 Milliarden Euro, und nun kommt noch das Sonderverm├Âgen von 100 Milliarden dazu.

Allerdings war die SPD doch immer gegen das Zwei-Prozent-Ziel der Nato.

Wir waren nicht gegen das Zwei-Prozent-Ziel, sondern wir haben immer gesagt, wir bewegen uns auf diese zwei Prozent als Ziel zu ÔÇô so wie viele Verb├╝ndete in der Nato.

Wie ├Ąu├čert sich das jahrelange Spardiktat?

Die Bundeswehr befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Uns fehlt etwa an allen Ecken und Enden Material, zum Beispiel Munition. Wir brauchen endlich eine hochmoderne Armee mit Vollausstattung. ├ťber das Sonderverm├Âgen ist das jetzt m├Âglich. Es bringt die Bundeswehr um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voran.

Die Bundesregierung hat die Abstimmung dar├╝ber allerdings vertagt. F├╝rchten Sie nicht, dass das Projekt scheitert?

Nein, auf keinen Fall. Die Gespr├Ąche, die ich mit den Abgeordneten f├╝hre, machen mich alle sehr zuversichtlich. Die Unterst├╝tzung f├╝r die Bundeswehr ist riesig ÔÇô von der SPD ├╝ber die FDP und die Gr├╝nen bis zur Union.

Warum sollte die Union Ihnen entgegenkommen? Sie ist so selbstbewusst wie lange nicht mehr.

Wer sagt, er stehe hinter der Truppe, muss nun auch Farbe bekennen. Das hei├čt: Der Bundeswehr endlich das Geld zur Verf├╝gung zu stellen, das sie braucht. Jetzt ist die M├Âglichkeit, wirklich etwas zu ver├Ąndern. Und ich erwarte, dass sich alle dieser Verantwortung stellen ÔÇô quer durch alle Fraktionen.

Gehen Sie und der Kanzler genug auf die Union zu?

Ich finde die Gespr├Ąche mit der Union sehr konstruktiv. So sind sich inzwischen alle Beteiligten einig, dass wir das Zwei-Prozent-Ziel der Nato nicht ins Grundgesetz schreiben. Wir wollen zwar alle ein festes Bekenntnis zu dieser Quote, k├Ânnen aber den Haushaltsgesetzgeber nicht ├╝ber das Grundgesetz binden. Wir finden andere M├Âglichkeiten.

Kl├Ąrungsbedarf zwischen Gr├╝nen und Lambrecht: "Niemand kann auf seinen Maximalforderungen beharren"
Kl├Ąrungsbedarf zwischen Gr├╝nen und Lambrecht: "Niemand kann auf seinen Maximalforderungen beharren" (Quelle: imago-images-bilder)

Die Union wiederum sagt: Die Gr├╝nen sind das Problem.

Wir sind als Ampel geschlossen in diesen Verhandlungen. Aber klar ist auch: Niemand kann auf seinen Maximalforderungen beharren, denn wir brauchen eine Zweidrittelmehrheit.

Die Gr├╝nen wollen einen Teil der 100 Milliarden Euro f├╝r andere Projekte abzweigen. Was Union und FDP strikt ablehnen ÔÇô und die SPD ├╝berwiegend auch.

Der Kanzler hat klar gesagt, dass das Sonderverm├Âgen f├╝r die Bundeswehr bestimmt ist. Richtig ist aber auch: Wir haben uns im Koalitionsvertrag auf einen erweiterten Sicherheitsbegriff verst├Ąndigt. Das hei├čt: Wir wollen Sicherheit nicht nur milit├Ąrisch betrachten, sondern auch mit Blick auf Zivilgesellschaft, Cyberraum und die wirtschaftliche Entwicklung. Ich halte das auch alles f├╝r wichtig und richtig. Daf├╝r m├╝ssen wir L├Âsungen finden. Und das werden wir auch.

Also werden Bundestag und Bundesrat das Sonderverm├Âgen noch vor der Sommerpause verabschieden?

Davon bin ich fest ├╝berzeugt.

Wof├╝r sollen die 100 Milliarden konkret eingesetzt werden?

Ich geben Ihnen gerne ein paar Beispiele: Wir brauchen zum Beispiel einen Nachfolger f├╝r den Tornado, dringend neue schwere Transporthubschrauber und ÔÇô nur um unsere Nato-Verpflichtung zu erf├╝llen ÔÇô f├╝r 20 Milliarden Euro Munition. Und 2,5 Milliarden Euro kostet es, dass alle Soldaten endlich eine moderne Schutzausr├╝stung bekommen. Und dar├╝ber hinaus gibt es etliche weitere L├╝cken, die wir schlie├čen m├╝ssen, wie etwa bei modernen Funkger├Ąten und Nachtsichtbrillen oder im Bereich Cyber.

Wie lange reichen die 100 Milliarden Euro denn?

Bliebe der Haushalt auf der aktuellen H├Âhe, w├╝rde das Sonderverm├Âgen f├╝r rund f├╝nf Jahre reichen. Aber der Verteidigungsetat muss weiterwachsen, um dauerhaft das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen.

Geld allein wird aus der Bundeswehr aber keine moderne Truppe machen.

Kein Widerspruch. Wir m├╝ssen auch in den Strukturen dringend etwas ver├Ąndern.

Das Beschaffungswesen der Bundeswehr gilt allerdings als unreformierbar.

Mich hat ├╝berrascht, wie tief bei vielen der Anspruch sitzt, alles bis ins letzte Detail perfektionieren zu wollen. Ein Beispiel: Die Bundeswehr wollte den perfekten Rucksack f├╝r die Truppe. Daf├╝r wurde acht Jahre geforscht ÔÇô aber er ist immer noch nicht da. Das kann doch einfach nicht sein. Also habe ich gesagt: Stopp! Einen sehr guten Rucksack muss es bereits auf dem Markt geben. Andere Armeen haben doch auch welche. Also: Wir m├╝ssen insgesamt mehr auf das setzen, was es heute bereits auf dem Markt gibt.

Problematische Strukturen: "Ich stelle mich ausdr├╝cklich vor die viel kritisierten Kolleginnen und Kollegen in Koblenz"
Problematische Strukturen: "Ich stelle mich ausdr├╝cklich vor die viel kritisierten Kolleginnen und Kollegen in Koblenz" (Quelle: imago-images-bilder)

Als legend├Ąr b├╝rokratisch gilt das Beschaffungsamt in Koblenz. Ist die Lage dort wirklich so hoffnungslos?

Ich stelle mich ausdr├╝cklich vor die viel kritisierten Kolleginnen und Kollegen in Koblenz. Dass sie so vorgehen, wie sie es tun, liegt vor allem an den Regeln, die wir ihnen vorgeben. Da muss sich viel ├Ąndern. Darum habe ich zum Beispiel die Unterschwellenvergabeverordnung ver├Ąndert.

Was verbirgt sich dahinter?

Wir haben bei der Beschaffung die Schwelle f├╝r einfache Vergaben ohne langwierige Ausschreibung von 1.000 auf 5.000 Euro angehoben. Das hat zur Folge, dass 20 Prozent der Anschaffungen nun ohne Vergabeverfahren get├Ątigt werden k├Ânnen. Das spart eine Menge Ressourcen. Weitere Ver├Ąnderungen werden folgen. Dabei schadet es bestimmt nicht, dass nun eine Juristin ÔÇô und ich bin das mit Leib und Seele ÔÇô an der Spitze dieses Hauses steht, die auch Vergaberecht kann und es ver├Ąndern will.

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Klingt nicht so, als wollten Sie eine "Reformkommission Beschaffungswesen" einsetzen.

Wir m├╝ssen das Rad nicht neu erfinden. Was aber nicht hei├čt, dass sich im System nicht eine Menge ├Ąndern lie├če. Wir m├╝ssen effizienter werden. Dazu brauchen wir aber keine teuren externen Berater.

Die Bundeswehr hat auch Nachwuchsprobleme. Wie l├Ąsst sich das ├Ąndern?

Wir bieten eine spannende Aufgabe, die zudem f├╝r unser Gemeinwesen von ├╝berragender Bedeutung ist, n├Ąmlich die Sicherheit und Freiheit unseres Landes, unserer Demokratie zu verteidigen. Und nat├╝rlich gibt es bei uns sichere Arbeitspl├Ątze und eine gro├če Vielfalt an Berufen. Das m├╝ssen wir noch st├Ąrker herausstellen. Wichtig ist aber auch, dass wir moderne und einsatzbereite Technik haben, um f├╝r junge Menschen attraktiv zu sein.

M├╝sste die Politik ÔÇô wenn es nicht mehr Bewerber geben sollte ÔÇô wieder ├╝ber die Einf├╝hrung der Wehrpflicht nachdenken?

Die Wiedereinf├╝hrung der Wehrpflicht w├╝rde so viele verfassungsrechtliche Fragen aufwerfen, dass ich hier gro├če Zweifel habe.

So schlimm?

Man muss sich doch nur fragen, warum die Wehrpflicht ausgesetzt wurde: Es stand ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts wegen mangelnder Wehrgerechtigkeit bevor. Schon allein deshalb rate ich dringend von solchen Phantomdebatten ab.

Verschiedene Ziele von Austin und Lambrecht? "Ich mir sicher, dass wir den gleichen Blick auf diesen Krieg haben"
Verschiedene Ziele von Austin und Lambrecht? "Ich mir sicher, dass wir den gleichen Blick auf diesen Krieg haben" (Quelle: Reuters-bilder)

Kommen wir abschlie├čend zum Ukraine-Krieg: Ihr US-Kollege, Verteidigungsminister Lloyd Austin, hat gesagt, Russland solle langfristig so geschw├Ącht werden, dass es keinen Krieg mehr gegen seine Nachbarn f├╝hren k├Ânne. Sehen Sie das auch so?

Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen. Durch unsere gemeinsame und sehr konsequente Unterst├╝tzung der Ukraine haben wir Putins Pl├Ąne durchkreuzt. Seine Armee ist signifikant geschw├Ącht. Es ist jetzt wichtig, dass wir international daf├╝r sorgen, dass die Ukraine nicht nur jetzt mutig k├Ąmpfen und sich verteidigen kann, sondern dass sie mittel- und langfristig milit├Ąrisch so stark ist, dass Russland keine Invasion mehr wagt.

Also sehen Sie es anders als Austin?

Nach zahlreichen Gespr├Ąchen mit meinem Kollegen bin ich mir sicher, dass wir den gleichen Blick auf diesen Krieg haben.

Wird Deutschland weitere schwere Waffen an die Ukraine liefern?

Das machen wir schon. Und ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht weiter tun sollten.

Wie viel wert sind unsere Hilfen bis jetzt eigentlich?

Jedes Land berechnet das anders. Wichtig ist, dass wir der Ukraine umfassend helfen und sie jetzt etwa mit dem modernsten Artilleriesystem der Welt ausstatten: der Panzerhaubitze 2000. Au├čerdem bilden wir ukrainische Soldaten bei uns aus und behandeln verwundete Soldaten in unseren Krankenh├Ąusern. Dazu kommt, dass wir ├╝ber den Ringtausch die Abgabe von schweren Waffen durch unsere Verb├╝ndeten erm├Âglichen ÔÇô wie gerade bei Tschechien.

Das hei├čt: Wir haben Ihrer Meinung nach alles getan, was wir tun konnten?

Wir unterst├╝tzen die Ukraine sehr intensiv, sehr abgewogen und werden das auch weiter tun. Wichtig ist aber auch, dass wir alles, was wir tun, mit unseren Verb├╝ndeten absprechen und daf├╝r sorgen, dass wir keine Kriegspartei werden. Wir m├╝ssen die ├ängste und Sorgen der Bev├Âlkerung sehr ernst nehmen.

Tut die Bundesregierung auch sonst mehr, als die ├ľffentlichkeit erf├Ąhrt?

Dass wir nicht alles kommunizieren, hat nichts mit mangelnder Transparenz zu tun, sondern mit unserer Sorge um die Sicherheit der Waffentransporte. Wir wollen ja, dass alles, was wir als Hilfe schicken, auch ankommt.

Aber die Amerikaner inszenieren ihre Lieferungen doch auch ├Âffentlich.

F├╝r uns steht im Vordergrund, dass wir sicher liefern k├Ânnen.

Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch, Frau Lambrecht.

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