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Wolfgang Schäuble: Mit dem Zeigefinger auf andere zeigen bringt nichts


Tagesanbruch
So faul kann keiner sein

  • Peter Schink
MeinungVon Peter Schink

Aktualisiert am 12.10.2022Lesedauer: 6 Min.
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Christian Lindner und Robert Habeck: Viel gibt es derzeit in der Bundesregierung nicht zu lachen.Vergrößern des Bildes
Christian Lindner und Robert Habeck: Viel gibt es derzeit in der Bundesregierung nicht zu lachen. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

In meinem Kleiderschrank gibt es neun Pullover, ich habe sie gezählt. Wolfgang Schäuble hat mich dazu inspiriert, auch wenn es eigentlich unsinnig ist. Genauso absurd erschien mir allerdings seine Antwort auf die Frage in einem Interview gestern, ob in diesem Winter nicht viele Deutsche frieren müssten: "Dann zieht man halt einen Pullover an. Oder vielleicht noch einen zweiten Pullover." Man solle nicht jammern, sondern erkennen, dass nicht alles selbstverständlich sei.

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Eine typische Schäuble-Aussage. Aber es ist ein landläufiges Vorurteil, dass die Deutschen im Laufe der Jahre bequem geworden sind, zu viel jammern und meckern. Schäuble führte das sogar noch weiter aus: "Mir macht Sorge, dass so viele Deutsche gerade lieber weniger arbeiten wollen: zum Beispiel in Teilzeit und nie am Wochenende", sagt er.

Sind wir also ein Volk von Sesselsitzern, die sich fürchten, dass demnächst Heizung und Licht ausgehen? Gut, wir waren alle etwas verdutzt, als zu Beginn der Corona-Krise das Klopapier im Supermarkt fehlte. Aber ist es wirklich so schlimm?

Erst einmal ist festzuhalten: Der Mehrheit der Deutschen geht es gut. Und das ist gut so.

Doch es gibt auch die anderen, die Schäuble geflissentlich ignoriert. Zwei Millionen Bedürftige stehen jeden Monat bei den Tafeln für kostenloses Essen an, jedes fünfte Kind lebt in Armut. Schäubles flapsige Pullover-Aussage muss ihnen wie Hohn vorkommen.

Aber bleiben wir bei denen, die auf der Sonnenseite leben: Vielleicht sind wir ja tatsächlich bequem geworden? Ich erzähle es mal aus meiner Perspektive. Seit Robert Habeck uns zum Stromsparen aufgefordert hat, habe ich die Heizung im Haus etwas runtergedreht. Kürzer zu duschen fällt mir dagegen schwer. Mein Leben ist komfortabel: ein warmes Haus, der Kühlschrank gefüllt und frische Brötchen am Wochenende. Wenn ich ins Café gehe, bestelle ich auch eine zweite Tasse Cappuccino. Und dann lese ich, ich solle im Winter zwei Pullover übereinander anziehen. Irgendwas passt da nicht zusammen. Die Frage stellt sich doch gar nicht. Oder?

Sicher ist: Verzicht fällt in drei Fällen etwas leichter. Entweder, wenn er nicht wehtut. Ich fahre gern Fahrrad, und mein Arbeitsweg ist nur knapp zehn Kilometer lang. Also ist es für mich leicht, auf das Auto zu verzichten. Oder: Es gibt eine hohe Motivation, zu verzichten. Wenn jemand zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören will, weil er den Krebstod fürchtet. Oder der Druck von außen ist zu groß. Deshalb fahren wir innerorts nur wenig schneller als 50 km/h.

Bei der aktuellen Lage kommt noch ein weiterer Faktor ins Spiel: der Staat.

Er kann die Motivation beziehungsweise den Druck erhöhen, um uns dazu zu bringen, unsere bequem gewordenen Gewohnheiten zu ändern. Oder er kann die Motivation torpedieren. Das sehen wir gerade jetzt: In diesen Tagen der Energieknappheit, steigender Preise und stagnierender Wirtschaft wollen wir, dass die Politik unseren Wohlstand absichert. Mit Tankrabatt, Einmalzahlungen, Gaspreisbremse, Heizkostenzuschuss. Es sind ja jetzt 200 Milliarden Euro vorhanden, richtig? Die Liste ist lang.

Der Staat gibt uns also Geld, viel Geld. Und nimmt so die Motivation zur Verhaltensänderung. Ein Beispiel: Auch ich habe mit meinem Gehalt im September 300 Euro Energiepauschale bekommen. Klar, die soll die hohen Kosten abfedern. Aber das Geld haben andere nötiger.

Am Ende bezahlen wir solche Ausgaben alle mit einer noch höheren Inflation. Die Wahrheit ist: Erst wenn wir weniger konsumieren, wird die Inflation wieder sinken. Am eindrücklichsten sieht man das im Moment am Immobilienmarkt. Weil die Zinsen steigen, wird weniger gekauft. Und der Immobilienmarkt kühlt sich ab.

Was folgt daraus? Wir brauchen eine intensive Diskussion darüber, für wen der Staat wirklich da sein muss. Wer am Existenzminimum lebt, dem muss geholfen werden. Firmen, die unverschuldet in Schieflage geraten, denen muss geholfen werden. Bildung und Infrastruktur müssen finanziert werden. Aber mein Haus kann tatsächlich auch mit 18 oder 19 Grad überwintern.

Streng genommen rüttelt diese unruhige Zeit an unserem Staatsverständnis. Erst wenn der Staat nicht mehr alles richten kann, werden wir feststellen, wie viel wir persönlich zu leisten bereit sind. Dann sehen wir auch, ob wir tatsächlich zusammenstehen, um durch die Krise zu steuern.

Das größte Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es, mit dem Finger auf andere zu zeigen. In der Krise noch mehr. Wenn Schäuble von zwei Pullovern im Winter spricht, ist das höchstens gut gemeint, aber es ist nicht gut. Inhaltlich hat er recht, aber es hilft nicht, mit ausgestrecktem moralischem Zeigefinger herumzufuchteln. Viel besser ist es, Zusammenhänge zu erklären, zu argumentieren und einen Weg durch die Krise zu zeichnen.


Was steht an?

Heute treffen sich die Energieminister der EU in Prag. Auf dem Zettel: Ein gemeinsamer Gaseinkauf, gemeinsame Einsparanstrengungen, ein Gaspreisdeckel. Das Ergebnis ist offen, doch der Druck ist hoch. Bei politischen Ereignissen hilft das oft, doch zu einem Ergebnis zu kommen. Am Ende wird es auch um Geld gehen.

Die Corona-Inzidenz steigt rasant. Klar ist außerdem, es sind neue Varianten im Umlauf, mit kryptischen Namen wie BA.2.75 oder BQ.1.1. Noch ist die Variante BA.5 vorherrschend, doch ein neuer Corona-Winter ist uns sicher. Gesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb gestern bereits auf Twitter, er rechne fest mit einer Maskenpflicht in Innenräumen. Was sonst noch kommt, beantwortet er vielleicht bei der Befragung im Bundestag heute ab 13 Uhr.

Greta Thunberg hat FDP-Chef Christian Lindner für heute eine Steilvorlage geliefert. Im Interview bei Sandra Maischberger sagte sie, AKW, die schon laufen, solle man nicht zugunsten von Kohlekraftwerken abschalten. Die Klimaaktivistin argumentiert, als hätte es die Unglücke von Tschernobyl, Fukushima und Harrisburg nie gegeben. Oder anders ausgedrückt: Es wäre wünschenswert, wir würden politische Debatten öfter sachgerecht führen, statt uns Argumente in ein Schwarz-Weiß-Raster zu legen. Gerade die Atomkraft ist eben nicht nur schlecht oder gut. Aber auf jeden Fall gefährlich.


Das Historische Bild

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Zunächst war die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg stark unterlegen. Das änderte sich aber auch dank dieses Fliegers. Um welchen es sich handelte, lesen Sie hier.


Was lesen oder ansehen?

Kennen Sie schon Namen wie Alexey Dyumin oder Dmitry Mironov? Wenn nicht, könnte sich das bald ändern.

Im Kreml bewegt sich etwas. Das Staatsfernsehen berichtet seit einigen Tagen von Rückschlägen in der Ukraine und es gibt Gerüchte über eine bevorstehende Ablösung von Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Die Kollegen der US-Medienwebsite Politico haben hervorragend zusammengefasst, was sich an Puzzlestücken zusammentragen lässt (auf Englisch).

Elon Musk überraschte vor wenigen Tagen mit detaillierten Vorschlägen, wie es denn zu einem Frieden in der Ukraine kommen solle. Nun berichten die Kollegen der US-Medienwebsite VICE, er habe zuvor direkten Kontakt zu Russlands Präsident Wladimir Putin gehabt (auf Englisch). Musk hat den angeblichen Kontakt mit Putin inzwischen dementiert.

Auf der Suche nach neuen Corona-Varianten hilft Abwasser. Wissenschaftler benutzen es jetzt wie eine Art Frühwarnsystem. Sie hoffen, so neue Ausbrüche schneller entdecken und eingrenzen zu können, schreiben die Kollegen vom Wissenschaftsmagazin "Spektrum".

Sehen Sie sich dieses Video auf Twitter an. Zumindest, wenn Sie in diesen Tagen auch viel an die Menschen im Iran denken. 40 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben in einer ganz wunderbaren Aktion ihre Solidarität bekundet.

Und dann noch ein Link in eigener Sache: Wir starten etwas Neues, das sich mit Neuem beschäftigen wird. Mit prominenten Gästen. Klicken Sie schon mal.


Was amüsiert mich?

Am Sonntag wurde in Berlin der Musikpreis Opus Klassik verliehen. Geehrt wurde im ZDF unter anderen der Pianist Igor Levit, die Laudatio hielt der Musiker Danger Dan. Der endete mit den Worten: "Abschließen möchte ich diese Laudatio – einfach, um Igor eine Freude zu machen – mit einer Nachricht an alle Antisemiten, Rassisten, Antifeministen und AfD-Sympathisanten vor den Fernsehgeräten: Ihr seid Vollidioten."

Über die politische Korrektheit lässt sich streiten, das ZDF kürzte die Passage schließlich für die zeitversetzte Ausstrahlung der Gala und für die ZDF-Mediathek. Und dann passierte, was im Internet immer passiert. Igor Levit machte es öffentlich und mehrere Medien berichteten gestern Nachmittag.

Und das Beste kommt zum Frühstück. Heute Morgen ist die fragliche Passage auf einmal wieder online. Sehen Sie selbst (ab Minute 01:00:53).

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Mittwoch.

Herzliche Grüße

Ihr

Peter Schink

Stellvertretender Chefredakteur t-online
Twitter: @peterschink

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Mit Material von dpa.

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