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Benedikts Tod: Reaktionen aus Rom


"Ich bin nicht traurig, dass Benedikt tot ist"

Johanna Hintermeier

31.12.2022Lesedauer: 4 Min.
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Der emeritierte Papst Benedikt XVI.: Auf dem Petersplatz in Rom sind die Menschen gespaltener Meinung über früheren Papst. (Quelle: IMAGO/Pressefoto ULMER)

Die Reaktionen auf den Tod von Benedikt XVI. sind zwiegespalten – so auch auf dem Petersplatz. Was die Touristen dort über den emeritierten Papst denken.

Die Sonne scheint warm am letzten Tag des Jahres auf dem Petersplatz in Rom. Gläubige und Touristen drängen sich durch die Sicherheitsschranken und strömen in den Vatikan, hinein in das Herzstück der katholischen Kirche. Hier im Vatikan, im ehemaligen Kloster Mater Ecclesiae, ist heute Morgen das ehemalige Oberhaupt der Kirche, Benedikt der XVI. gestorben.

Der emeritierte Papst lebte seit Längerem zurückgezogen in einem Kloster in den vatikanischen Gärten. Sein Gesundheitszustand hatte sich in den vergangenen Tagen stetig verschlechtert. Nun ist er im Alter von 95 Jahren verstorben.

"Die Kirche hat heute einen wichtigen Mann verloren"

Zur Mittagszeit scheinen das noch nicht alle Besucher der Piazza di Pietro zu wissen. Es ist ein seltsames Treiben, wie immer stehen Touristen in langen Schlangen vor dem Petersdom an, andere posieren lächelnd mit Selfiestick vor der überlebensgroßen Weihnachtskrippe auf der Mitte des Platzes. Wieder andere schauen ratlos über den Platz, als ob sie nach irgendeinem Zeichen suchten, das den Tod des emeritierten Papstes bestätigt. Zeichen sieht man keine, am Vormittag hört man die Glocken eine Weile läuten, das Treiben geht weiter, wie immer eben.

Pater George aus Tansania, in schwarzer Robe gekleidet und mit rotem Rucksack, spitzt die Lippen: "Benedikt XVI. war ein viel größerer Theologe als der jetzige Papst. Die Kirche hat heute einen wichtigen Mann verloren". Pater George beobachtet, wie eine Gruppe amerikanischer Touristen Fotos vor einem Brunnen schießt und fügt hinzu: "Ich mochte die Denkpraxis von Benedikt. Er hat immer lange nachgedacht und gegrübelt, dann hat er sein Wort gesprochen, und dann hatten wir einen Leitsatz für die Kirche".

Kritik an Benedikt auf dem Petersplatz

Nicht alle blicken so positiv auf die Amtszeit Benedikts. Der deutsche Papst blieb nach seiner Wahl 2005 nur knapp acht Jahre im Amt. Dann verkündete Joseph Ratzinger unerwartet seinen Rücktritt. Eine denkwürdige Entscheidung, vor 700 Jahren war ein Papst das letzte Mal zurückgetreten. Benedikt war ein Vertreter der konservativen katholischen Kirche, deren Positionen er als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom schon lange vor seinem Pontifikat vertrat.

Er sprach er sich für die Einhaltung des Zölibats aus und plädierte gegen Abtreibung und Geburtenkontrolle. Sein Nachfolger, Papst Franziskus, steht für einen liberaleren Kurs der Kirche. Die schwerste Krise von Benedikts Pontifikat war wohl der Missbrauchsskandal, als bekannt wurde, dass Geistliche Jahrzehnte lang Kinder missbrauchten und systematisch von der Kirche geschützt wurden. Benedikt XVI. bekundete 2010 in einem sogenannten Hirtenbrief "im Namen der Kirche offen die Schande und Reue, die wir alle führen". Doch die Empörung darüber hält bis heute an.

"Ich bin nicht traurig, dass Benedikt tot ist, er war kein guter Papst – was hat er gegen den Missbrauch gemacht?", fragt die 21-jährige Italienerin Elena. Sie ist mit ihrer Partnerin gekommen, um die Architektur zu bestaunen, von der Institution Kirche hält sie nicht viel. "Für Italien, wo Kirche und Staat sehr eng verwoben sind, ist der neue Papst besser", sagt Elena achselzuckend.

"Ich bin stolz, diesen historischen Tag hier erleben zu können"

Etwas verwirrt steht daneben eine Familie aus Ohio in den Vereinigten Staaten auf dem Platz. Tochter Eve beschwert sich gerade bei ihrem Vater Sean: "Es ist respektlos, wie sich die Leute hier verhalten. Wer würde schon Selfies und Tik-Tok-Videos machen, wenn ein Vorsitzender einer anderen Weltreligion gestorben wäre?" Sean wiegt seinen Kopf hin und her. Er und seine Kinder seien nicht katholisch, sagt er. Aber wenn er gläubig wäre, dann wäre er enttäuscht von der Aufwartung hier.

Henrique Roisberg (25) aus Brasilien steht auf der Mitte des Platzes und strahlt. Er ist zufällig heute hier: "Ich bin nicht katholisch, aber ich habe riesigen Respekt vor Päpsten. Es ist traurig, dass er gestorben ist. Ich bin stolz, diesen historischen Tag hier erleben zu können".

Mittlerweile hat die Polizei angefangen, den Petersplatz zu räumen. Nicht wegen Benedikts Tod, es ist der letzte Tag im Jahr und der Platz schließt regulär.

"Ich werde sicher zur Beerdigung Benedikts gehen"

Philipp van Gels sticht mit seiner Sonnenbrille, schwarzem Anzug und einem Coleurband in rot, weiß und gelb aus den Touristengruppen hervor. Der Bremer Student ist Mitglied der Katholischen Akademischen Verbindung Capitolina zu Rom. Joseph Ratzinger hat die Verbindung als Bischof mitgegründet. Natürlich sei er traurig über den Tod des Papstes, sagt van Gels. "Auch wenn hier heute nichts mehr passiert, werde ich auf jeden Fall zur Beerdigung Benedikts gehen", sagt er.

Die Beisetzung soll am 5. Januar stattfinden, es müssen erst einmal Vertreter der Kirche aus der ganzen Welt anreisen. Benedikt XVI. soll sich in seinen letzten Tagen gewünscht haben, in der Grotte unter dem Petersdom begraben zu werden. Ab Montag wird der Leichnam Ratzingers im Petersdom aufgebahrt sein. "Es wird eine Beerdigung wie für jeden anderen Papst", sagt Pater George lächelnd – "Einmal Papst, immer Papst".

Und wie geht es jetzt weiter? Philipp van Gels denkt laut nach: "Vielleicht tritt Papst Franziskus jetzt doch auch zurück in den nächsten Monaten." Was dann kommt, müsse man sehen. Gegen 13 Uhr hat die Polizei den Petersplatz fast vollständig geräumt, die Menschen schlendern in die umliegenden Restaurants, bestellen Aperol Spritz und Eiscreme. Einige wenige verlassen mit gebeugtem Kopf den Platz, sie werden wohl zur Beerdigung wiederkommen

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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