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Nach Amoktat bei Zeugen Jehovas: Was steckt hinter der Sekte?


Schüsse in "Königreichssaal" in Hamburg
Wer sind die Zeugen Jehovas und woran glauben sie?

Von t-online, sje

Aktualisiert am 10.03.2023Lesedauer: 5 Min.
imago 65220860Vergrößern des BildesEin Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Brandenburg (Symbolbild): Ihre Gottesdienste finden in "Königreichssälen" statt. (Quelle: imago stock&people)
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Nach den Schüssen in einem Hamburger Gebäude der Zeugen Jehovas mit mehreren Toten wird weiter zu einem Tatmotiv ermittelt. Wer ist die Gemeinschaft und woran glauben sie?

In Hamburg hat es am Donnerstagabend einen mutmaßlichen Amoklauf gegeben, bei dem mehrere Menschen erschossen wurden. Der Tatort ist ein sogenannter Königreichssaal der Zeugen Jehovas, laut Angaben der Religionsgemeinschaft sollen die Schüsse nach einem Gottesdienst gefallen sein. Nach Polizeiangaben war der Täter selbst ein ehemaliges Mitglied der Gemeinde, es soll Hinweise auf einen vorausgegangenen Streit gegeben haben. Hier können sie alle Entwicklungen zu der Tat verfolgen.

Viele Menschen kennen Zeugen Jehovas aus der Fußgängerzone oder von Besuchen an der Haustür. Doch woran glauben die Mitglieder eigentlich? Und warum ist die Glaubensgemeinschaft so umstritten?

Wer sind die Zeugen Jehovas?

Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Religionsgemeinschaft. Weltweit gibt es etwa acht Millionen Mitglieder, in Deutschland sind es etwa 176.000. Die deutsche Gemeinschaft zählt damit zu den größten in Europa.

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist von den "Zeugen Jehovas" die Rede. Die Eigenbezeichnung lautet "Jehovas Zeugen". Gegründet wurden sie als "Zion’s Watch Tower Tract Society" ("Zions Wachtturm-Traktatgesellschaft") 1881 von dem Geschäftsmann Charles Taze Russel in den USA. 1931 erfolgte die Umbenennung. Die Gemeinschaft diente von Beginn an auch der Produktion der Zeitschrift "Zion’s Watch Tower and Herald of Christ's Presence" ("Der Wachtturm Zions und der Herold der Gegenwart Christi"). 1897 erschien der erste "Wachtturm" in Deutschland.

Unter den Nationalsozialisten wurden die Zeugen Jehovas in Deutschland verboten und verfolgt. Schätzungsweise 1.400 Mitglieder der Gemeinschaft starben in Konzentrationslagern. Nach der Neugründung 1945 wurde sie 1950 in der DDR erneut verboten. Erst 1990 erfolgte dort unter der letzten DDR-Regierung die staatliche Anerkennung.

Woran glauben die Zeugen Jehovas?

Im Mittelpunkt des Glaubens der Zeugen Jehovas steht Jehova als "allmächtiger Gott und Schöpfer". Jesus gilt als dessen Sohn und als eigenständiges von Gott erschaffenes Wesen – anders als die Dreieinigkeit im katholischen und evangelischen Christentum vorsieht.

Zentral ist der Glaube an den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Im Gotteskrieg, genannt Harmagedon, entscheide sich das Schicksal: Die Zeugen Jehovas unterscheiden innerhalb ihrer Gemeinschaft zwei Klassen. 144.000 "wahre Zeugen Jehovas" sollen demnach nach ihrem Tod im Himmel leben und mit Jesus das Königreich Gottes regieren dürfen. Alle anderen würden für immer als Untertanen dieses Königreichs Gottes in einem 1.000-jährigen Friedensreich auf Erden leben. Dieses wird verstanden als Rückkehr des Paradieses.

Alle Nicht-Zeugen-Jehovas hingegen würden im Harmagedon vernichtet, ohne Aussicht auf Auferstehung. Daher müsse diesen Menschen gepredigt werden, damit sie sich den Zeugen Jehovas anschließen und so gerettet werden. Den Harmagedon sagten die Zeugen Jehovas schon mehrfach voraus. Da er zu den prophezeiten Daten nicht eintrat und Mitglieder verstärkt die Glaubensgemeinschaft verließen, wird mittlerweile kein Datum mehr genannt.

Wie sind die Zeugen Jehovas organisiert?

In der Hierarchie der Religionsgemeinschaft steht Christus an erster Stelle, der mittels des Heiligen Geistes die sogenannte "Leitende Körperschaft" führt. Diese oberste Instanz der Zeugen Jehovas besteht aus acht Männern und ist in New York angesiedelt, wo sich die "Weltzentrale" der Gemeinschaft befindet.

Der Weltzentrale untergeordnet sind die sogenannten Zweigbüros in den einzelnen Ländern. In Deutschland befindet sich das Zweigbüro in Selters im Taunus. Wiederum den Zweigbüros untergeordnet sind die örtlichen Gemeinden, genannt Versammlungen. Jede Versammlung betreibt einen "Königssaal", wo zweimal wöchentlich die Gottesdienste stattfinden. In Deutschland gibt es 884 solcher "Königssäle". Zweimal im Jahr kommen die Versammlungen zu Kongressen zusammen.

Seit 2017 gelten die Zeugen Jehovas in ganz Deutschland als Körperschaft öffentlichen Rechts. Dem ging ein jahrelanger Rechtsstreit voraus, in dem ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2000 wegweisend wurde. Die Karlsruher Richter entschieden damals, dass die Zeugen Jehovas rechtstreu sind – eine wesentliche Voraussetzung für die staatliche Anerkennung. Damit hätten die sie das Recht, Kirchensteuer zu erheben und Beamte zu beschäftigen. Beides lehnt die Gemeinschaft jedoch ab, sie finanziert sich ausschließlich über Spenden.

Offiziell in die Gemeinschaft aufgenommen werden die Mitglieder mit der Taufe. Voraussetzungen sind ein Leben nach den Regeln der Zeugen Jehovas und ein Bibelstudium – oft erfolgt die Taufe daher erst im Erwachsenenalter.

Wie praktizieren die Zeugen Jehovas ihren Glauben?

Bei den Zeugen Jehovas gilt: Gottes Wort ist Gesetz. Als Grundlage dessen dient eine eigene Bibelübersetzung, die sogenannte "Neue-Welt-Übersetzung". Die Zeugen Jehovas glauben, dass sich diese besonders genau an den Urtext hält, aber zugleich in einer verständlicheren Sprache geschrieben ist.

Für die Zeugen Jehovas gilt dennoch: Nicht alles in der Bibel sei wörtlich zu verstehen. Die richtige Lesart vermitteln sollen die Zeitschriften "Der Wachtturm" und "Erwachet!". Autorität über deren Inhalte hat die "Leitende Körperschaft", die Mitglieder haben sich dem unterzuordnen. Eigene Überlegungen oder das Infragestellen der Ansichten der "Leitenden Körperschaft" sind nicht erwünscht.

Aus der Autorität Gottes geht nach Ansicht der Zeugen Jehovas hervor, dass der Staat abzulehnen ist. Nach eigenen Angaben respektiert die Gemeinschaft zwar die Regierung und die geltenden Gesetze – aber nur, "solange diese nicht im Widerspruch zu Gottes Geboten stehen", wie es auf der Webseite heißt. Offiziell steht den Mitgliedern die demokratische Wahl frei, da diese jedoch der aktiven Teilhabe am weltlichen System gleichkomme, wird sie abgelehnt.

Die Welt generell stehe unter dem Einfluss des Teufels, glauben die Zeugen Jehovas. Intensive Kontakte zu Nicht-Zeugen seien daher zu vermeiden. Zentral für das Leben ist daher die Familie, der der Mann vorsteht. Die Ehe gilt als von Gott gegeben, eine Scheidung ist nur nach Untreue des Partners möglich. Homosexualität wird abgelehnt.

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Zahlreiche weitere Regeln bestimmen das Leben der Zeugen Jehovas, am bekanntesten wohl die Ablehnung von Bluttransfusionen. Generell ist fremdes Blut verboten, auch beim Essen. Der Genuss von Tabak und Alkohol ist zwar erlaubt, übermäßiger Konsum wird dagegen abgelehnt.

Warum sind die Zeugen Jehovas so umstritten?

Totalitäres System, Manipulation der Mitglieder, Abschottung nach außen: Kritiker sehen die Zeugen Jehovas als autoritär geführte Sekte. Der Sektenbegriff ist nicht klar definiert, wird aber meist abwertend für Glaubensgemeinschaften verwendet, die sich von einer größeren Gemeinschaft, der "Mutterreligion", abgespalten haben und durch eben solche Strukturen auffallen.

In den vergangenen Jahren sind immer mehr problematische Vorfälle aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit gelangt. Dabei ging es häufig um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und den Umgang der Zeugen Jehovas damit. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs teilte im vergangenen Jahr mit, dass es bei den Zeugen Jehovas "spezifische Bedingungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen gibt, welche die Aufklärung und auch die Aufarbeitung erschweren".

Vorwürfe von sexuellem Missbrauch und Vertuschung

Der Kommission zufolge berichten Betroffene und Zeitzeugen so zum Beispiel von einer "Zwei-Zeugen-Regel", die bei den Gemeinschaften gelten soll: Neben dem Missbrauchsbetroffenen müsse so noch mindestens ein weiterer Zeuge die Tat bestätigen, argumentieren demnach Zeugen Jehovas – sonst werde der Fall nicht ernst genommen.

Da sexualisierte Gewalt jedoch fast immer ohne Zeugen stattfindet, komme es so nur in Ausnahmefällen zur Verfolgung der Täter, die Betroffenen und ihre Familien würden zum Schweigen verpflichtet. Bei Verstößen, zum Beispiel einer Strafanzeige, drohe der Ausschluss aus der Gemeinschaft – die Höchststrafe der Zeugen Jehovas.

Verwendete Quellen
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