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Henning May über "Fridays for Future": "Das ist für mich eine seltsame Situation"

INTERVIEWHenning May  

Wer ist der Mann, der die Klima-Hymne singt?

Von Rebekka Wiese

29.11.2019, 12:51 Uhr
Henning May über "Fridays for Future": "Das ist für mich eine seltsame Situation". Henning May und Teilnehmer der "Fridays for Future"-Klimastreiks (Archivbild/Montage): Der 27-Jährige nahm selbst schon mehrmals an den Protesten teil. (Quelle: t-online.de/epd/Martin Müller)

Henning May und Teilnehmer der "Fridays for Future"-Klimastreiks (Archivbild/Montage): Der 27-Jährige nahm selbst schon mehrmals an den Protesten teil. (Quelle: epd/Martin Müller/t-online.de)

Der Hip-Hop-Song "Hurra die Welt geht unter" läuft bei jeder Klimademo, den Refrain singt Henning May. Im Interview spricht May über seine Rolle für die Bewegung – und hadert mit seiner Verantwortung.

Tausende Aktivisten ziehen am heutigen Freitag beim Fridays for Future-Klimastreik in ganz Deutschland durch die Straßen. Dabei wird sehr oft ein Lied zu hören sein, das längst zur inoffiziellen Hymne der Bewegung geworden ist: "Hurra die Welt geht unter", der Song erzählt von dem Leben nach der Apokalypse.

Neu ist das Lied nicht, die Hip-Hop-Band K.I.Z. brachte es bereits vor vier Jahren heraus. Für den Refrain suchte K.I.Z. damals nach einer besonderen Stimme – und entdeckte Henning May, den Sänger der Kölner Band AnnenMayKantereit. Mays Stimme ist unverkennbar: rau, tief, kraftvoll. Einem gestandenen Fünfzigjährigen traut man sie zu, einem langjährigen Trompeter oder Kettenraucher. Doch Henning May ist Mitte zwanzig, ein junger Mann mit verträumtem Blick. Man sieht ihm die Stimme nicht an.

"Hurra die Welt geht unter" hat mit den Fridays for Future im letzten Jahr ein unerwartetes Revival gefeiert, ist zum Lied der Bewegung geworden. Wie blickt der Sänger auf die Schülerproteste? Im Interview mit t-online.de erklärt May, weshalb er die Fridays for Future bewundert – und sich trotzdem nicht mit der Bewegung identifizieren kann. Ein Gespräch über Klimapolitik, Musik und Verantwortung.

t-online.de: Herr May, "Hurra die Welt geht unter" ist plötzlich zurück: Der Song ist zur Hymne der Fridays for Future geworden. Wie haben Sie mitbekommen, dass Ihr Lied bei den Demonstrationen läuft?

Henning May: Das haben mir Kinder von Freunden erzählt. Inzwischen war ich selbst ein paar Mal bei den Fridays for Future und habe den Song dort gehört. Wenn das läuft, ziehe ich meine Kapuze immer tief ins Gesicht.

Warum das? Sie könnten ja auch sagen: Super, dass die Leute hier das so feiern.

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die das können. Ich kann das nicht. Ich finde das Lied super und bin glücklich, dass ich das gemacht habe. Aber ich kann nicht über die Straße laufen, während meine eigene Stimme aus Boxen kommt. Mich selbst aufgenommen zu hören, das finde ich echt anstrengend.

In "Hurra die Welt geht unter" besingen Sie und K.I.Z. eine post-apokalyptische Welt: Das Land ist zerstört, der Kapitalismus auch. Ist das eine positive oder negative Vision?

Weder noch. Ich bin großer Demokratie-Fan. Natürlich fände ich es nicht gut, unsere Parlamente – wie in dem Lied – verrotten zu sehen. Aber ein Bürostuhl-Wettrennen im Reichstag, das ist schon ein lustiges Bild. In dem Song gibt es keine Polizei mehr, weil alle einer Meinung sind: Auch das ist Utopie und Dystopie zugleich. Ich mag an dem Lied, dass es den Kopf öffnet. Sich abstrakte Szenarien vorzustellen, kann vielleicht helfen, sich realistische Ideen auszudenken. Das Lied ist für mich ein satirischer Kopföffner.

Laufen Sie denn bei den Fridays for Future mit?

Anfang des Jahres war ich zum ersten Mal dabei, beim Klimastreik am 20. September habe ich auch gespielt. Sonst bin ich drei oder vier Mal mitgelaufen. Ich finde die Proteste gut. Aber jede Woche kann ich das nicht machen, weil das für mich ein bisschen mehr Energie erfordert, zu so einer Veranstaltung zu gehen. Das klingt so blöd, aber: Ich werde halt als Person wahrgenommen und muss dann immer für Gespräche bereit sein.

In den letzten Monaten mussten die Fridays for Future auch Kritik aushalten. Nicht alle finden es gut, dass Schüler für die Proteste schwänzen.

Ich finde es super, dass die das machen. Ich bin Jahrgang 1992, ich bin als Schüler selber zu Schulstreiks gegangen. Aber ich habe damals auch oft geschwänzt, um zu kiffen – und eben nicht, um für unser Klima zu kämpfen. Ich finde, man sollte die jungen Menschen – das klingt komisch, ich bin selber noch jung – unterstützen. Meistens gehen die Leute am Freitag die ersten Stunden zur Schule und danach zu den Protesten. Dass sie dafür diffamiert werden, ist wirklich gruselig. Die ganze Bewegung entsteht ja dadurch, dass die lernen und neugierig sind – nicht aus Unwissenheit.

Identifizieren Sie sich mit der Bewegung?

Ich gehe nicht mehr zur Schule, es fällt mir schwer, mich mit den Fridays for Future zu identifizieren, weil die Leute dort zehn Jahre jünger sind als ich. Ich bewundere sie und ich unterstütze die Klimaproteste. Aber ich tue das als Individuum, nicht als Teil der Fridays for Future. Die Fridays for Future sind für mich Schülerinnen und Schüler, die für unseren Planeten auf die Straße gehen – und eben nicht alle Menschen, die das tun. Es gibt ja auch Scientists for Future, Parents for Future und so weiter... Da bin ich ja auch kein Teil von.

Sie könnten ja selbst eine Gruppe gründen: die Artists for Future.

Ich finde das schwierig. Ich möchte mich davon fernhalten, ungewählt Menschen zu repräsentieren. Wenn ich sage, ich mache mit zehn Künstlerinnen und Künstlern die Artists for Future auf, dann sind wir ein paar Nasen, die sich einen Namen geben, der repräsentiert, was sie eigentlich nicht sind. Ich mache gern "Henning for Future".

Wenn Sie als prominenter Mensch die Fridays for Future so gut finden, ergibt sich für Sie daraus eine Verantwortung gegenüber der Bewegung?

Ich finde nicht, dass sich aus Prominenz zwangsläufig eine Verantwortung ergibt. Ich habe als Mensch mit Privilegien eine Verantwortung, als prominenter Mensch habe ich natürlich ein paar mehr Privilegien. Aber meine Verantwortung sehe ich vor allem als Bürger – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überdemokratisch. Ich habe die Verantwortung, mich zu informieren, wählen zu gehen. Und ich habe die Verantwortung, meinen Privilegien Rechnung zu tragen.

Das ist doch genau der Punkt: Viele Leute hören Ihnen zu. Das ist das besondere Privileg, das die meisten anderen Leute nicht haben.

Das stimmt zwar, aber ich muss auch sagen: Ich bin ein Musiker, der nie etwas studiert hat. Deswegen möchte ich mich in allen Bereichen zurückhalten, von denen ich wenig Ahnung habe. Wenn man mir dann sagt: Ja, dir hören die Leute zu und daraus ergibt sich dann Verantwortung – was soll ich denen denn sagen? Lasst mal nicht homophob sein, lasst mal keine rassistischen Sprüche klopfen, lasst mal keine antisemitischen Witze machen. Sowas kann ich sagen.

Sie könnten sich auch zu Diskussionen um die Klimakrise positionieren: Sollte man noch mit dem Flugzeug fliegen? Darf man ein eigenes Auto besitzen? Wie demokratisch sind die Aktionen von Extinction Rebellion? Zu solchen Fragen haben Sie bislang keine Stellung bezogen. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Nicht alles, was ich nicht mache, ist eine bewusste Entscheidung. Ich denke einfach nicht darüber nach, mich zu bestimmten Sachen zu äußern. Zu Extinction Rebellion zum Beispiel: Ich wüsste nicht, was ich genau dazu sagen sollte. Was ich zu Fridays for Future sagen kann, habe ich ja schon gesagt: Ich unterstütze die, ich gehe zur Demo, ich habe mein Profilbild geändert (Anm. d. Red.: auf Instagram, um auf den Streik hinzuweisen), ich spiele bei den Protesten. Das ist für mich eine seltsame Situation, weil ich gerade viel danach gefragt werde. Die Leute sagen mir: Ey, du hast doch so viel Kredibilität, man nimmt dich als nette Person wahr und das könnte viel verändern. Aber von meinem Selbstverständnis her bin ich Musiker und denke, ich sollte Lieder schreiben und gute Auftritte spielen und nur ab und zu mal was zur Welt sagen. Ich will die Dinge tun, die in meinen Möglichkeiten stehen, aber ich will weiter Musiker sein.

Die vier Mitglieder der Kölner Band: May (2. v. r.) plant nicht, das Thema Klimakrise in einem eigenen Song musikalisch zu verarbeiten. (Archivbild) (Quelle: Martin Lamberty)Die vier Mitglieder der Kölner Band: May (2. v. r.) plant nicht, das Thema Klimakrise in einem eigenen Song musikalisch zu verarbeiten. (Archivbild) (Quelle: Martin Lamberty)

Und als Musiker: Haben Sie vor, das Thema Klima oder Fridays For Future musikalisch zu verarbeiten? Und der Bewegung statt der inoffiziellen mal eine offizielle Hymne zu geben?

Ich habe natürlich Lust, alle Dinge musikalisch zu verarbeiten, die mich beschäftigen. Aber das geht mit vielen Themen nicht. Ich habe mal ein politisches Lied geschrieben, das ich spontan bei Instagram rausgehauen habe: für Pia, die Kapitänin der „SOS Méditerranée“. Aber da kam das einfach aus mir heraus, das kann ich nicht erzwingen. Es gibt ja auch viele gute Musikerinnen und Musiker, die sich mit der Klimakrise beschäftigen und darüber Lieder schreiben. Das Schwierige dabei ist, dass man nicht belehren sollte, wenn man gesellschaftskritische Lieder macht. Ich muss persönlich sagen: Wenn ein Lied ermahnt oder erklärt, törnt mich das ab. Ich habe zwar kein Problem damit, mal ein Lied zu machen, das nicht nach dem süßen, rotweintrinkenden jungen Mann klingt. Aber: Als 27-jähriger Musiker will ich niemandem sagen, was er tun soll.

Beschäftigen Sie sich denn sonst mit Klimapolitik?

Das ist für mich schon länger Thema. Wir nutzen als Band unseren Rahmen, um beispielsweise auf bestimmte Spendenaufrufe aufmerksam zu machen. Und ich überlege mir genau: Wann muss ich wirklich fliegen, wie neutralisiere ich das? Dann probiere ich, meinen Alltag besser zu gestalten. Aber ich muss sagen: Ich finde es zwar wichtig, auf individuellen Konsum zu achten, aber das wird oft überschätzt. Ich benutze weniger Plastiktüten, aber das rettet nicht die Welt. Ich habe gemerkt, dass ich mehr machen will. Deswegen bin ich zum Beispiel einer Partei beigetreten. Die eigene Stimme hat viel mehr Gewicht, wenn man Mitglied einer Partei ist.

Welcher Partei sind Sie beigetreten?

Das möchte ich nicht sagen. Aber was ich sagen kann: Dass mir Mitglieder der SPD, der Linken, der Grünen, der CDU oder FDP sympathischer sind als Menschen aus einem anderen Parteienspektrum. Ich habe zwar andere Meinungen als jemand, der in der CDU oder in der FDP ist, aber auch die begeistern sich für demokratische Prozesse. Ich finde es gut, wenn Leute sich positionieren. Lieber jemand, der bei der CDU ist, als jemand, der sagt: Ich interessiere mich nicht für Politik.

In diesem Jahr waren die Fridays for Future sehr präsent in den Medien, es gab weltweite Klimaproteste und den Klimagipfel, dann kam Extinction Rebellion. Jetzt flacht das Interesse an dem Thema ab. Am 29. November findet eine große Demo statt, aber die mediale Aufmerksamkeit ist geringer als vor zwei Monaten. Sehen Sie das auch so?

Nein. Ich habe einen ganz anderen Eindruck: nämlich, dass die Fridays for Future und viele andere Organisationen in vielen Ebenen unserer Gesellschaft gerade Druck machen. Das Thema Klimakrise wird immer größer. Es erreicht immer mehr Menschen, vor allem auch Menschen, die eher aus der Generation unserer Eltern kommen. Was meine These übrigens untermauert: dass ich gerade mit t-online.de über dieses Thema spreche. Das werden viele Leute lesen, die tendenziell älter als 40 sind.

Wie beurteilen Sie das Klimapaket, auf das sich die Regierung geeinigt hat?

Ich finde es schade, dass die Forderungen von Fridays For Future, die sich ganz wesentlich auf eine Analyse der Scientists for Future stützen, nicht ernst genommen werden und dass man versucht, die Gemüter mit fadenscheinigen Angeboten zu besänftigen. Aber ich bin ja Optimist: Ich glaube, da wird noch ein anderes Klimapaket kommen.

Glauben Sie das wirklich?

Früher oder später bestimmt. Die Hälfte der CDU-Wählerinnen und Wähler sind älter als 50 Jahre. Und wenn die irgendwann nicht mehr da sind, werden viele junge Menschen wählen gehen, die anders auf die Welt blicken, die umweltbewusster sind. Dann wird die Bundesregierung deutlich härtere Klimaziele verfolgen. In neun der zehn größten deutschen Städte sind die Grünen bei der Europawahl die stärkste Partei geworden – als eine Partei, deren Profil für Umweltschutz steht. Dafür scheinen sich ziemlich viele Menschen unter 30 Jahren zu interessieren.

Stellen wir uns vor, die Fridays for Future hätte es zehn Jahre früher gegeben. Im Jahr 2009 waren Sie in der zehnten oder elften Klasse. Wäre Teenie-Henning bei den Klimaprotesten dabei gewesen?

Ich glaube, in der achten, neunten Klasse wäre ich bei den Fridays for Future dabei gewesen, in der zehnten, elften Klasse hätte ich mich anderen Dingen gewidmet. Damals war ich sehr damit beschäftigt, cool zu sein.
 

 
Und cool sind die Fridays for Future nicht?

Die Fridays for Future sind schon cool, aber ich war damals auf eine andere Art cool. Wenn ich das jetzt reflektiere: Sich für nichts zu interessieren, das war damals sehr cool. Das finde ich ja jetzt so verrückt: Dass Jugendliche zu den Protesten gehen, die gerade in einer Lebensphase sind, in der sie hormonell komplett weggeballert werden. Die sind 13, 14, 15 Jahre alt und trotzdem in der Lage, regelmäßig für unseren Planeten auf die Straße zu gehen.

Verwendete Quellen:
  • Persönliches Gespräch

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