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Die Coronakrise belastet die Psyche

Von dpa
Aktualisiert am 31.03.2020Lesedauer: 3 Min.
Mit rot-wei├čem Absperrband ist ein Spielger├Ąt in Th├╝ringen umwickelt, weil der Spielplatz gesperrt ist.
Mit rot-wei├čem Absperrband ist ein Spielger├Ąt in Th├╝ringen umwickelt, weil der Spielplatz gesperrt ist. (Quelle: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa./dpa)
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Berlin/T├╝bingen (dpa) - Kontaktverbote, Ausgehbeschr├Ąnkungen, geschlossene Kitas und Schulen: Die Corona-Pandemie hat den sozialen Alltag in Deutschland seit mehr als einer Woche drastisch ver├Ąndert.

F├╝r jeden Einzelnen bedeute das eine Belastung, die insbesondere f├╝r Menschen mit psychischen Erkrankungen auch gef├Ąhrlich werden k├Ânne, mahnen Experten. Der Begriff Corona-Ferien treffe die Lage nicht.

Die T├╝binger Psychologin Ursula Gasch, spezialisiert auf Notf├Ąlle, sieht die Lage f├╝r viele Menschen einengend: "Ich kann nicht mehr bestimmen, wie ich mich bewege, mit wem ich mich in einem Raum aufhalte. Das meiste ist jetzt vorbestimmt und geografisch limitiert."

Dazu bef├Ąnden sich Familien pl├Âtzlich in einem ungewohnten und erzwungenem 24/7-Modus. Zugleich fehlten t├Ągliche Routinen und Ausweichm├Âglichkeiten. Dazu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit - nach Umfragen besch├Ąftigt sie mehr als die H├Ąlfte der Bundesb├╝rger.

"Diese Lage birgt Konfliktpotenzial", urteilt auch Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft f├╝r Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die ├╝bliche Reaktion auf Angst in der menschlichen Entwicklung sei: wegrennen oder k├Ąmpfen. "Das funktioniert hier aber beides nicht." Solche Situationen habe es bisher kaum gegeben. "Da haben wir auch keine Bew├Ąltigungsstrategien."

In Krisenpl├Ąnen m├╝sse deshalb unbedingt auch die psychische Belastung der Bev├Âlkerung ber├╝cksichtigt werden, fordert Hauth. "Es geht um zeitnahe Angebote. Diese Pandemie ist nicht in drei Wochen abgehandelt." Erfahrungen aus der chinesische Stadt Wuhan zeigten, dass dabei Krisentelefone helfen k├Ânnen. Tausende h├Ątten dort angerufen.

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Die Berliner Seniorenhotline Silbernetz registriere jetzt schon viel mehr Anrufe, sagt Initiatorin Elke Schilling. An einzelnen Tagen wollten f├╝nfmal mehr Menschen reden als fr├╝her. Die Kapazit├Ąten w├╝rden nun aufgestockt.

Unter den Ratsuchenden seien mehr fitte und j├╝ngere Senioren und auch mehr M├Ąnner als zuvor. Die Hauptthemen? "Die Unberechenbarkeit der weiteren Entwicklung und die Angst, selbst mit dem Coronavirus infiziert zu sein", antwortet Schilling.

Fachleute m├╝ssten sich darauf einstellen, dass sowohl eine Welle von Gesunden kommen werde, die pl├Âtzlich behandlungsbed├╝rftige ├ängste habe, sagt Psychiaterin Hauth. Dazu komme die Verschlechterung der Symptomatik von bereits psychisch Erkrankten. Diese zweite Gruppe ben├Âtige ein noch fester gekn├╝pftes Hilfenetz.

Kurz und mittelfristig k├Ânne die Lage zu Angst und Schlafst├Ârungen, aber auch zu Langeweile, Einsamkeit und Depression mit Gef├╝hlen der Ausweglosigkeit f├╝hren, meint Psychologin Gasch. Wut, ├ärger, Frustration und Verunsicherung b├Âten Potenzial f├╝r Aggressionen und Suchtmittelmissbrauch - zu viel Alkohol oder Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel.

In der Berliner Gewaltschutzambulanz bef├╝rchten Rechtsmediziner einen starken Anstieg von Kindesmisshandlungen. "Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da - der Bereich, wo sonst h├Ąusliche Gewalt gegen Kinder auff├Ąllt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesm├╝ttern, ist ja gerade weggefallen", sagt Vizechefin Saskia Etzold. Bei eingeschr├Ąnkter ├ľffentlichkeit w├╝rden Verletzungen jetzt weniger bemerkt. "Wir m├╝ssen wohl davon ausgehen, dass innerfamili├Ąre Gewalt in den n├Ąchsten Wochen deutlich ansteigt", erg├Ąnzt die ├ärztin.

"Wir stellen uns in dieser Zeit darauf ein, dass Straftaten der h├Ąuslichen Gewalt deutlich zunehmen werden", sagt auch Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Gr├╝ne). Das zeigten auch Erfahrungen aus China und Italien. Psychologin Gasch h├Ąlt die Sorge f├╝r berechtigt. H├Ąusliche Gewalt werde zunehmen. "Da, wo dies ohnehin schon der Fall ist, kann es jetzt lebensbedrohlich werden f├╝r Betroffene", sagt sie. Sich Hilfe zu suchen, sei derzeit besonders schwierig.

F├╝r Menschen mit psychischen Problemen sei die momentane Anspannung schwerer zu bew├Ąltigen als f├╝r andere, betont Psychiaterin Hauth. "Sie sind stressempfindlicher und bekommen m├Âglicherweise mehr Symptome - also auch mehr Angst, mehr Panik und Depressionen." Auch im Sinne der Suizidpr├Ąvention sei derzeit viel Achtsamkeit gefragt.

Nach Zahlen der Fachgesellschaft DGPPN werden in Deutschland pro Quartal 2,5 Millionen gesetzlich Versicherte bei Fach├Ąrzten f├╝r Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde behandelt. Viele Kliniken und Praxen h├Ątten bereits alternative und innovative Behandlungsmethoden wie Telefon- und Videosprechstunden sowie Online-Interventionen in Behandlung und Therapie aufgenommen.

Auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe h├Ąlt ├ängste und Einschr├Ąnkungen, die mit dem Coronavirus verbundenen sind, f├╝r eine gro├če Herausforderung f├╝r Betroffene. Die Stiftung bietet digitale Hilfsangebote auf ihrer Homepage.

Mehr im Fokus w├╝nscht sich Psychologin Gasch auch Besch├Ąftigte im Gesundheitswesen. Die Corona-Krise k├Ânnte sie an Grenzen bringen. Reichen zum Beispiel Intensivbetten f├╝r Covid-19-Patienten in Deutschland nicht aus, kommen auf Mediziner Entscheidungen zu, die sie so kaum kennen. Im Hotspot Italien, wo zuletzt 1000 Menschen am Tag an Covid-19 starben, brauchten viele ├ärzte und das Pflegepersonal psychologische Unterst├╝tzung, um weiterarbeiten zu k├Ânnen.

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