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So ist die Lage auf Corona-Intensivstationen – Ärzte und Pfleger berichten

Lage auf Intensivstationen  

"Bei Corona ist alles wie in einem Zeitraffer"

15.11.2020, 12:51 Uhr
Deutscher Chefarzt äußert Corona-Befürchtung

Noch gibt es keine Engpässe bei der Versorgung von Covid-19 Intensivpatienten. Prof. Dr. Schmidt im Deutschen Roten Kreuz Krankenhaus in Berlin sorgt sich trotzdem, dass sich das bald ändern könnte. (Quelle: Reuters)

Berlin: Chefarzt Prof. Dr. Schmidt sorgt sich vor Engpässen bei der Versorgung von Covid-19-Intensivpatienten. (Quelle: Reuters)


Die Corona-Fallzahlen steigen – und auch die Zahl an Menschen, die schwer an dem Virus erkranken. Ärzte und Pfleger berichten, was sie in ihrem Alltag erleben – und vor welchen Problemen sie stehen.

Täglich Rekordwerte bei den Neuinfektionen, Reproduktionswerte über oder unter 1, die Sieben-Tage-Inzidenz: Der Corona-Herbst ist vor allem von abstraktem Zahlenwerk geprägt. Beim Corona-Gipfel von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten am Montag wird nun aber auch eine konkrete Gefahr in den Vordergrund der Gespräche rücken: die Lage auf den Intensivstationen in der Bundesrepublik.

Seit Wochen steigen die Corona-Fallzahlen – und mit ihnen die Anzahl an Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen: Mehr als 3.000 Corona-Infizierte sind das momentan. Zwar verfügt Deutschland über mehr als 28.000 Intensivbetten, dazu können noch einmal etwas mehr als 12.000 Betten kurzfristig als Reserve geschaffen werden. Weil aber auch Patienten mit anderen Erkrankungen diese Betten benötigen, wird die Situation langsam brenzlig.

Wie brenzlig, das wissen am besten die Menschen, die vor Ort die Schwerkranken behandeln müssen. t-online lässt daher Ärztinnen und Ärzte sowie Pfleger, die auf Intensivstationen arbeiten, zu Wort kommen – stellvertretend für das medizinische Fachpersonal in Deutschland.

 

 
Mit ihren Aussagen kann kein komplettes Lagebild zur Corona-Situation im Land aufgezeigt werden. Diese Schlaglichter sollen aber eine Vorstellung davon liefern, in welcher Situation sich Deutschland zwei Wochen nach dem Teil-Lockdown und kurz vor dem Treffen von Kanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten befindet.

Oberärztin Stegemann: "Jetzt sind die Folgen des Fachkräftemangels in der Berufsgruppe der Pflegekräfte sichtbar." (Quelle: Privat)Oberärztin Stegemann: "Jetzt sind die Folgen des Fachkräftemangels in der Berufsgruppe der Pflegekräfte sichtbar." (Quelle: Privat)

Miriam Stegemann ist Oberärztin in der Infektiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Covid-19 war nie komplett weg. Auch über den Sommer war Covid-19 Thema, wenn auch deutlich weniger intensiv als in den Vormonaten und jetzt. In der Klinik waren durchgehend Patienten in unserer stationären Behandlung. Einige hatten sich während des Sommers infiziert und erkrankten so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Es gab aber auch einzelne Patienten in unserer Behandlung, die wochen- bis monatelang mit schweren Komplikationen einer Corona-Erkrankung kämpften. Manche dieser Patienten konnten gerettet werden, man muss aber auch sagen, dass manche den Kampf trotz großer Anstrengung nicht überlebt haben.

Die Sommerzeit konnten wir auch nutzen, die etablierten Prozesse zum Pandemiemanagement im Krankenhaus zu reevaluieren und anzupassen. Es war wichtig, die Abläufe für den nicht ganz überraschenden Wiederanstieg der Fallzahlen vorzubereiten.
  

 
Jetzt sind wir mit einem rascheren und ausgeprägteren Anstieg von Covid-Patienten konfrontiert. Im Vergleich zur ersten Zeit im Frühjahr wurden die Testkapazitäten ausgebaut. Allerdings sehen wir im Krankenhausbereich einen jetzt schon höheren Anteil schwerkranker Patienten als in der Peak-Zeit im Frühjahr. Im Gegensatz zum Frühjahr stellen sich eindeutig mehr Patienten mit stationärer Aufnahmeindikation bei uns vor. Das betrifft nicht nur den Intensivmedizin-Bereich, sondern zuletzt auch sehr den Bereich jenseits der Intensivstationen.

Diese Menschen haben Luftnot und benötigen zusätzlich Sauerstoff, erleiden eine Lungenembolie im Rahmen der Infektion oder haben andere Gründe, warum sie aufgrund der Infektion im Krankenhaus versorgt müssen. Der Anteil der Intensivpatienten hat sich entsprechend erhöht und wir sehen eine Zunahme der schwersterkrankten, die invasiv beatmet sind und auf höchster Versorgungsstufe behandelt werden. 

Allerdings werden jetzt die Folgen des Fachkräftemangels in der Berufsgruppe der Pflegekräfte sichtbar. Auch die Ressource Infektionsexperte ist ein rares Gut, was in der aktuellen Situation mehr denn je gebraucht wird. Wir wollen die Versorgung von Patienten, die nicht aufgrund von Covid behandelt werden müssen, aufrecht erhalten. Damit ist insgesamt durch Covid ein erhöhtes Aufkommen von medizinischer Versorgung zu leisten.

Erik Thomsen arbeitet als Assistenzarzt im Friedrich Ebert Krankenhaus in Neumünster: 

Bei Corona kann es ganz schnell gehen. Wir hatten schon mit Influenza zu tun, mit bakteriellen Lungenentzündungen, die nach ein paar Tagen schwere Krankheitsverläufe auslösen können. Doch bei Corona ist alles wie in einem Zeitraffer. Da war eine Frau, 60 Jahre alt, die am Abend über Atemprobleme klagte. Sie hat noch selbst mit unserer Klinik telefoniert – völlig eigenständig. Als sie eine halbe Stunde später bei uns angekommen ist, musste sie sofort intubiert und mit Sauerstoff versorgt werden. Nur einen Tag später wurde sie an die künstliche Lunge angeschlossen. Kurz darauf war sie tot.  

Die Corona-Lage bei uns im Norden war lange Zeit entspannt. Wir hatten im März, April einige Patienten auf der Corona-Intensivstation, im Sommer hörte das dann aber auf. Erst seit ein paar Wochen sind bei uns die Patientenzahlen wieder deutlich gestiegen. Zwei Patienten liegen aktuell auf der Intensivstation und müssen auch beatmet werden, dazu sind weitere Corona-Erkrankte bei uns in stationärer Behandlung – momentan so fünf bis acht. Die brauchen zwar immer mal wieder Sauerstoff, können dann aber auch in der Regel irgendwann entlassen werden. Wir halten vier Betten ständig für Corona-Patienten frei, könnten bei Bedarf eine neue Intensivstation aufmachen und auf bis zu zehn Betten für Schwererkrankte erhöhen.

Das große Problem ist aber, dass es kein zusätzliches Personal gibt. Jedes zusätzliche Bett bedeutet für uns die Entscheidung, normale Operationen zu streichen oder gleich eine ganze Station zu schließen, um das Personal für die Corona-Patienten zu bekommen.


Die übrige Versorgung der Bevölkerung leidet dann. Wir sind ein kommunales Krankenhaus. Alles, was an planbaren Operationen gemacht werden kann, wird bei uns gemacht. Seien es Tumoroperationen, sei es die Gallenblasenentfernung. Alles, was nicht absolut dringlich ist, müssen wir verschieben, wenn der Corona-Ausbruch zu groß wird. Es sind nun mal hauptsächlich Fachkräfte aus der Anästhesie und aus dem OP, die auf den neuen Covid-Stationen eingesetzt werden. Nur die absolute Notversorgung läuft dann noch.

Als Arzt bin ich mir der Gefahr bewusst, der ich mich jeden Tag im Krankenhaus aussetze. Natürlich habe ich Angst, mich anzustecken. Doch nicht meine Gesundheit ist da das größte Problem, sondern welche Auswirkungen das auf meine Familie hat. Ich habe Angst, meine Eltern und Großeltern zu besuchen. Immer ist im Hinterkopf der Gedanke, dass ich das Virus in mir tragen könnte und sie vielleicht infiziere. Auch mit Abstand und mit Maske – ein Besuch geht momentan nicht mehr.

Umso größer ist mein Unverständnis und auch meine Wut, wenn ich auf Szenen wie bei den Anti-Corona-Demos wie in Leipzig blicke. Ich sehe dort Menschenmassen, die die Gefahr des Virus völlig ignorieren. Sie spielen nicht nur mit ihrem eigenen Leben, sondern gefährden auch den Teil der Bevölkerung, der sich momentan an alle Spielregeln hält.

Alexander Jorde: "Die Versorgung solcher Patienten erfordert eine extrem hohe Aufmerksamkeit. In vielen Kliniken ist die Belastungsgrenze schon erreicht." (Quelle: imago images)Alexander Jorde: "Die Versorgung solcher Patienten erfordert eine extrem hohe Aufmerksamkeit. In vielen Kliniken ist die Belastungsgrenze schon erreicht." (Quelle: imago images)

Alexander Jorde ist Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Hannover:

Wir haben auch im Sommer durchgehend Covid-Patienten behandelt. Jedoch deutlich weniger als im April und aktuell. Das wäre eigentlich die Zeit gewesen, um sich auf die zweite Welle vorzubereiten. Diese Chance wurde von der Politik jedoch nicht genutzt und wir stehen teilweise noch schlechter da als zu Beginn des Jahres.

Alexander Jorde wurde 2017 durch seinen Auftritt in der "ARD"-Wahlarena bekannt, als er im Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machte. Auch jetzt kritisiert der Gesundheits- und Krankenpfleger die Zustände in seinem Beruf scharf.

In den letzten Wochen ist der Anteil an Covid-Patienten deutlich gestiegen und damit auch die Belastung beim Personal. Die Situation ist sehr angespannt. Die Arbeit mit Covid-Patienten ist äußerst anstrengend. Wir verbringen Stunden in voller Schutzkleidung in den Zimmern bei teilweise über 30 Grad. Für viele Patienten ist eine normale Beatmung nicht mehr ausreichend, sie benötigen eine ECMO, eine Lungen-Maschine, bei der das Blut über Schläuche aus dem Körper geführt wird und dort mit Sauerstoff angereichert wird. Die Versorgung solcher Patienten erfordert eine extrem hohe Aufmerksamkeit. In vielen Kliniken ist die Belastungsgrenze schon erreicht. Zu wenig Pflegefachpersonen müssen zu viele Patienten versorgen.

Ich habe keinerlei Verständnis für diese Corona-Demonstrationen. Covid-19 ist Realität und ich habe schon zu viele Menschen gesehen, die daran gestorben sind. Auch Menschen, die kaum älter sind als ich. Dass das manche immer noch nicht verstanden haben, ist unfassbar. Wir riskieren jeden Tag unsere eigene Gesundheit und arbeiten unter enormen Belastungen, um Menschen zu retten. Und andere behaupten, sie würden in einer Diktatur leben, weil sie beim Einkaufen eine Maske tragen sollen. Anstatt irgendwelchen Verschwörungstheorien bei Telegram zu folgen, sollten sie sich lieber mit den dramatischen Zuständen in unseren Krankenhäusern auseinandersetzen. Denn die gibt’s wirklich.

Verwendete Quellen:
  • Telefongespräche und E-Mails mit dem medizinischen Personal, geführt zwischen dem 12. und 15. November 2020 

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