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Sexueller Missbrauch in der Kindheit: "Ich schloss meistens die Augen, weil ich es nicht ertrug"

Sexueller Missbrauch in der Kindheit  

"Ich schloss meistens die Augen, weil ich es nicht ertrug"

Von Dietmar Seher

08.04.2019, 09:53 Uhr
Sexueller Missbrauch in der Kindheit: "Ich schloss meistens die Augen, weil ich es nicht ertrug". Kindesmissbrauch (Symbolbild): 1.700 Opfer haben sich bei der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs gemeldet, um von ihren Erfahrungen zu berichten. (Quelle: imago images)

Kindesmissbrauch (Symbolbild): 1.700 Opfer haben sich bei der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs gemeldet, um von ihren Erfahrungen zu berichten. (Quelle: imago images)

1.700 Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit schildern ihre Erfahrungen einer staatlichen Kommission. Es sind Dokumente des Leidens – und des Wegschauens vieler Verantwortlicher.

Die Tatorte: Meist vertraute Umgebungen. Schulen und Heime, Kliniken, Pfarrhäuser oder beim Sport. Vor allem geschieht es aber in der Familie und im sozialen Umfeld. In den letzten drei Jahren haben sich 1.700 Betroffene bei der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs gemeldet. Sie führte 900 vertrauliche Anhörungen und arbeitete 300 schriftliche Unterlagen durch. 30 Berichte hat die durch die Bundesregierung eingesetzte Kommission unter dem Titel "Geschichten, die zählen"  in dieser Woche als Teil ihres zweibändigen Tätigkeitsreports veröffentlicht. Die Opfer sind durch veränderte Vornamen anonymisiert.

Die unabhaengige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stellt ihren Bilanzbericht vor. Sexueller Kindesmissbrauch ist in der Vergangenheit in der grossen Mehrzahl aller Fälle weder verhindert noch bestraft worden. (Quelle: imago images)Die unabhaengige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stellt ihren Bilanzbericht vor. Sexueller Kindesmissbrauch ist in der Vergangenheit in der grossen Mehrzahl aller Fälle weder verhindert noch bestraft worden. (Quelle: imago images)

Es sind Dokumente der Vergewaltigung, des Missbrauchs und der Demütigung, aber auch der Hilflosigkeit, des lebenslangen Leidens – und der Anklage. "Das Schweigen der Anderen" müsse durchbrochen werden, sagt die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen: "Nahe Familienangehörige, Nachbarn, Lehrkräfte, Mitarbeitende des Jugendamtes und andere haben dazu beigetragen , dass der erlebte Missbrauch nicht beendet und später die Aufarbeitung verhindert wurde."

Was haben die Missbrauchten erzählt?

Leonie

"Der sexuelle Missbrauch fand zwischen meinem sechsten und neunten Lebensjahr und zwischen dem 11. und 16. Lebensjahr statt. Es waren zwei Täter innerhalb meiner Familie. Mein Opa und mein Vater." Für den Opa musste sich Leonie auf die Tapetenstreichunterlage legen. "Meine Mutter sagte mir damals, wenn was wäre, dürfte ich es ihr jeder Zeit sagen. Ich verstand damals gar nicht, dass sie genau so was meinte. Ich dachte, das alles sei ein Geheimnis, das jedes Kind mit seinem Opa teilt. So hat er es mir damals erklärt. Jedes Mal, wenn ich nach dem Missbrauch gehen durfte, gab er mir einen geknickten Fünf-Euro-Schein".

Erst beim Sexualkundeunterricht in der Schule begriff das Mädchen, "dass das, was mein Opa macht, nicht richtig ist". Sie erfährt: Schon ihre Mutter war von ihrem Vater, also dem Opa, missbraucht worden. "Als dann mein Vater anfing, dachte ich, dass sei nicht möglich. Ob alle so sind (...). Ich schloss meistens die Augen, weil ich es nicht ertrug, oder versuchte, mich weit weg zu denken."

Michael

"Liebe Mutti, in den Siebziger Jahren wurde ich immer wieder sexuell, emotional und körperlich von meinem Vater missbraucht. Selbst wenn du da warst suchte, fand und nutzte er Gelegenheiten, sich mir zu nähern und aktiv zu werden." Sein Vater habe erklärte, er liebe ihn, aber er habe ihn manchmal fast totgeprügelt. "Bestätigung bekam ich vom Vater nur im Bett. Ich wollte das aber mit dem Bett nicht, traute es mich jedoch nicht zu sagen. Bis ich das nicht mehr ertrug. Ich finde es heute noch ekelerregend, wenn ich daran denke, was ich sexuell mit meinem Vater anstellen musste. Wer so etwas tut, der ist ein Kinderschänder und dazu gehört auch Vati. (...) Das alles war das große Geheimnis zwischen meinem Vater und mir. Ich war Kind und bin noch heute deshalb traumatisiert. Heute lasse ich mir allerdings nicht mehr den Mund verbieten".

Vater und Opa als Täter, auch der Bruder. In mehr als der Hälfte der dokumentierten Fälle fand der Missbrauch in der eigenen Familie statt. 83 Prozent der Opfer, die sich meldeten, sind Frauen. Jedes vierte betroffene Kind war zu Beginn der Tatzeit zwischen vier und sechs Jahre alt, ein Fünftel jünger als drei Jahre. Neben der Familie und dem sozialen Nahbereich ragt ein weiterer relevanter Tatort heraus: die Kirchen oder kirchenähnliche Organisationen. Konkret genannt in den Erzählungen werden die katholische und die evangelische Kirche sowie die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas. Zahlreiche der 30 in dem Untersuchungsbericht berichtenden Opfer haben Missbrauch in diesem Umfeld erlebt.

Elke

"Es fing etwa im Alter von neun bis zehn Jahren an", berichtet Elke. "Ich wuchs in der Neuapostolischen Kirche auf, die damals noch als Sekte galt, heute leider nicht mehr. (...) Frauen werden Gehilfin genannt, man könnte auch Sklavin sagen. Mädchen haben kaum Rechte. Das Umfeld ist männerdominiert und Sexualität wird stark unterdrückt. Distanzlosigkeit, Übergriffe und Vertuschung sind die Regel. Ich wurde ständig von Glaubensgeschwistern oder Amtsträgerinnen angefasst. Noch als Erwachsene haben mir Mitglieder zur Begrüßung auf den Po geklopft oder mich einfach geküsst. Mir wurde bei Ausflügen Wasser über die Bluse gekippt, damit man meine Brüste besser sehen konnte. Es kam zu mehrfachem Missbrauch im Familienkreis und versuchter Vergewaltigung durch Amtsträger."

Elke, die vor drei Jahren aus der Kirche ausgestiegen ist, warnt: Die Neuapostolische Kirche sei eine Gemeinschaft des Öffentlichen Rechts, sie hält sie aber nach wie vor für eine Sekte und sie fordert den Staat zum Eingreifen auf: "Religionsfreiheit hört meiner Meinung da auf, wo Rechte und die Freiheiten anderer Menschen beschnitten werden." Die Jahre in der Kirche haben für sie Folgen gehabt: "Ich habe Alpträume mit Atemnot, soziale Ängste und Depressionen".

Holger

Holger war in den Achtziger Jahren in einer Einrichtung der katholischen Maristenbrüder. "Insgesamt hat das Internat viel Gutes für mich getan". Aber "nach dem Schlafengehen rief der Erzieher immer wieder einzelne Schüler, im Schlafanzug, in sein Zimmer". Dabei sei über die persönliche Entwicklung und religiöse Themen gesprochen worden. "Das Ritual, das dabei wiederholt durchgeführt wurde, war die Fußwaschung.

"Einmal führte er an mir eine so genannte Vertrauensprüfung durch. Ich sollte mich vor ihn hinstellen. Der Erzieher sagte mir: Ich könne jederzeit Stopp sagen. Er kniete sich vor mich hin. Dann begann er, mir die Schlafanzughose langsam herunterzuziehen. Ich ließ es zunächst geschehen, doch bevor mein Geschlechtsteil zum Vorschein kam sagte ich 'Stopp'. Der Erzieher hörte dann auf".

Mehrere Missbrauchte haben sich gegenüber der Kommission über das Verhalten der katholischen und evangelischen Kirche bei der Aufarbeitung beschwert.

Kirsten und Olaf

"Nach 2010, als die ganzen Skandale ans Licht gebracht wurden, habe ich mich an den Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums Bamberg gewandt, mir eine Anwältin gesucht und in einem außergerichtlichen Verfahren eine Zahlung von 20.000 Euro durch den Pfarrer erwirkt. Zunächst sollte die Zahlung an die Bedingung gebunden sein, dass ich nie wieder darüber spreche." Sie habe die Bedingung verweigert, die Zahlung sei dennoch erfolgt. Olaf kritisiert, dass er bei der Evangelischen Kirche Westfalens auf taube Ohren und leere Floskeln gestoßen ist.

Ein dritter, häufig genannter Komplex betrifft Vorgänge in Ostdeutschland. Zahlreiche gesellschaftliche, aber auch private Regelverstöße, waren in der DDR tabu. Mehrfach haben Menschen gegenüber der Kommission über ein Verschweigen von Missbrauchsfällen gesprochen – auch in staatlichen Heimen und Einrichtungen.

Jürgen

"Meine Großeltern wohnten um die Ecke vom ehemaligen Pionierpark in der Wuhlheide bei Berlin. Ich fand das als kleiner Junge total spannend, bei der Pioniereisenbahn mitzufahren, und war begeistert, dass da Kinder tätig sind. Irgendwann wurde ich Stellwerksmeister. Ich hatte nun auch die Aufgabe dem Bahnhofsleiter das Berichtsheft vorzulegen. Der Bahnhofsleiter, der mich dann drei Jahre missbrauchte, war Gottseidank nur dienstags und freitags da.

Nach dem ersten brutalen Missbrauch in seinem Büro, bei dem er mir mit einem Paketband den Mund zuklebte und die Hände fesselte, drohte er: 'Wenn du mit jemandem darüber sprichst oder jemandem davon erzählst, wird das nächste Mal noch viel schöner'. Ich konnte mit keinem sprechen. Ich bin raus und zum Bahnhof gelaufen. Hab mich einige Male auf dem Weg übergeben."


Die Arbeit der Kommission ist bis Ende 2023 verlängert worden. Erste Schwerpunkte der zweiten Laufzeit werden Missbrauch im Sport, von Menschen mit Behinderungen und die so genannte Pädosexuellenbewegung sein.

Wer sich als Betroffener gegenüber der Kommission äußern will, kann dies unter der kostenfreien Rufnummer (0800) 403 00 40 tun. Völlige Anonymität wird zugesagt. 

Verwendete Quellen:

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