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"Horrorheim" in Cadiz: Weitere deutsche Rentner in Malaga betrogen?

"Horrorheim" von Cadiz kein Einzelfall  

Wie Unbekannte deutsche Senioren in Spanien ausplündern

Von Dietmar Seher

03.04.2019, 17:17 Uhr
"Horrorheim" in Cadiz: Weitere deutsche Rentner in Malaga betrogen? . Blick auf Malaga im Süden Spaniens: Der systematische Betrug hat für die Betroffenen oft lebensgefährliche Folgen. (Quelle: imago images/Artur Widak)

Blick auf Malaga im Süden Spaniens: Der systematische Betrug hat für die Betroffenen oft lebensgefährliche Folgen. (Quelle: Artur Widak/imago images)

Das "Horrorheim" von Cadiz ist offenbar kein Einzelfall. Laut Informationen von t-online.de werden in Andalusien deutsche Ruheständler brutal ausgenommen. Das Vorgehen ist in allen Fällen fast identisch.

Unbekannte plündern in Südspanien deutsche und andere ausländische Senioren aus. Ihre Methoden sind brutal. Sie misshandeln die Opfer, ketten sie mit Handschellen an Betten, setzen sie unter Drogen oder entziehen ihnen lebenswichtige Arznei. Sie ruinieren sie gesundheitlich und bringen sie dann um Bargeld und Immobilien, mutmaßlich in Millionenhöhe. Denn viele der rund 20.000 deutschen Rentner, die in Spanien ihren Lebensabend verbringen, sind vermögende Eigentümer ihrer Wohnungen und Häuser. 

Ermittlungen mussten eingestellt werden

Zuletzt schockte der Fall der "Villa Germania" in Cadiz die Öffentlichkeit, die von spanischen Medien nur noch "Haus des Schreckens" genannt wird. Die Polizei meldete vier Festnahmen – zwei Opfer seien befreit worden. Tatsächlich könnte die Polizeioperation "Teydea" in Cadiz die Spitze eines Eisbergs bloßgelegt haben. Laut Informationen von t-online.de gibt es mindestens drei ähnlich gelagerte Verdachtsfälle im ebenfalls in Südspanien gelegenen Malaga. 

Ob zwischen den Vorgängen bei Cadiz und bei Malaga Verbindungen bestehen, ist derzeit unklar. In allen Fällen gingen die mutmaßlichen Täter allerdings nach dem gleichen Muster vor. Deutsche Behörden wissen davon seit Längerem. Das Auswärtige Amt hat Betroffene konsularisch betreut. Staatsanwaltschaften im Ruhrgebiet haben in zwei Fällen ermittelt. Sie mussten nach eigenen Angaben die Ermittlungen allerdings aufgrund mangelnder Zuständigkeit oder Schwierigkeiten bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit einstellen. Opferangehörige haben jedoch Zivilprozesse geführt oder führen sie zum Teil noch immer.

Vermögen lockt Kriminelle an

Zum Leben in Andalusien sind spanische Sprachkenntnisse nicht zwingend. Dort gibt es ganze "deutsche Dörfer" für die Ruheständler. Man ist unter sich. Renten und Sozialleistungen wie Ansprüche aus der Pflegeversicherung werden überwiesen, deutsche Krankenversicherung kann in Anspruch genommen werden. Das Vermögen der Rentner lockt Kriminelle – möglicherweise schon seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die Festnahmen in Cadiz sind auf Ersuchen des Polizeipräsidiums Frankfurt am Main erfolgt. Die Guardia Civil konnte danach bei einem verdächtigen deutsch-kubanischen Paar nicht nur 1,8 Millionen Euro Beute sicherstellen. Sie ermittelt auch wegen Mordes an der 101-jährigen Deutschen Maria Babes, die entscheidende Hinweise auf die Täter gegeben hatte. Kurz vor ihrer geplanten Befreiung durch die Polizeieinheiten im Dezember 2017 verstarb sie auf bisher nicht geklärte Weise.

Vier Namen, vier Schicksale

Im Fall von Maria Babes hatte ihre Frankfurter Freundin Alarm geschlagen, nachdem sie die üblichen Lebenszeichen vermisste und außerdem nicht erklärbare Bewegungen auf dem Konto der 101-Jährigen feststellte. In den Fällen von Lothar G., Gerd Gustav Gronenberg und Franz Heuser sind es Angehörige und Betreuer, die vom Schicksal der Senioren berichtet haben.

Der Berliner Lothar G. lebt heute in seiner eigenen Wohnung in Dortmund. Ihm geht es wieder gut. 2015 war das anders. Anfang Oktober des Jahres hielt vor einem Dortmunder Altenpflegeheim ein schwarzer SUV. Eine blonde Frau mittleren Alters stieg aus und schob einen Rollstuhl mit einem alten Herrn in den Empfang: "Den will ich hier abgeben", soll sie gesagt haben. Der Mann sei "abgemagert und dehydriert" gewesen und verwirrt mit Ansätzen von Demenz, berichtete damals die stellvertretende Heimleiterin Tina Kroll. Er kannte seinen eigenen Namen nicht, wusste nicht, wo er sich aufhielt und wie er hingekommen war.

Die Dortmunder Kripo ermittelte, dass es sich um einen ehemaligen Berliner Telekom-Ingenieur handelte. Lothar G. war in Torre del Mar offenbar in die Fänge eines Immobilienmaklers geraten, der ihn nach dem Tod von G.'s Frau schlecht behandelt und schließlich so nach Deutschland abgeschoben hatte. Laut spanischem Grundbuchamt war G.'s Haus in Torre bereits seit 2005 auf den Makler überschrieben. Der Rentner hatte dort lediglich ein lebenslanges Wohnrecht behalten.

"Mein Vater hat Angst vor dieser Frau gehabt"

Gerd Gustav Gronenberg aus dem westfälischen Witten hat Ähnliches durchgemacht. 2013 habe sich in Andalusien eine angebliche Wasserverkäuferin in sein Leben geschlichen, sagt sein Sohn Andreas. Sie gab sich bei der Wittener Familie als Gefährtin des Vaters aus und versprach: "Ich sorge für ihn." In Torrox bei Malaga lebte das Paar im Haus Gronenbergs, es gab auch eine gemeinsame Wohnung in Witten. Der Sohn stellte bei Telefonaten allerdings schnell einen gesundheitlichen Verfall des Vaters fest. "Mein Vater hat Angst vor dieser Frau gehabt."

Im Oktober 2013 stand der Vater vor der Tür des Sohnes, auf einen Rollator angewiesen. Er war zu diesem Zeitpunkt ein halbes Jahr ohne die notwendige Insulinmedikation gegen Diabetes geblieben. Die rasche Klinikeinlieferung rettete sein Leben. Schnell wurde aus Sicht der Familie der materielle Schaden klar: Das Haus in Torrox war auf die angebliche Freundin überschrieben, ähnlich wie im Dortmunder Fall. Am Ende fehlten zudem mehr als 80.000 Euro vom Konto des gesundheitlich geschädigten Mannes.

Wer ist diese "Freundin", die Gerd Gustav Gronenberg mutmaßlich ausnehmen wollte? Sie ist zwischen 60 und 70, wirkt aber jünger. Sie tritt bestimmend auf und verfügte zeitweise über Konten in Duisburg und Osnabrück. Vor allem: Ihr Name taucht in einem weiteren Fall auf. Dem von Franz Heuser aus Gifhorn in Niedersachsen.

Frau taucht auch in zweitem Fall auf

Heuser lebte seit 1986 in Benajarafe bei Velez Malaga. 2009 heiratete er dort eine Bekannte, die er dort kennengelernt hatte. "Kurz nach der Heirat baute mein Vater extrem ab und starb ein halbes Jahr später mit 72 Jahren", sagt seine Tochter Ursula Geestmann. Heuser hatte ein Testament zugunsten der Tochter gemacht. Doch Haus und Auto wurden von der neuen Ehefrau beansprucht mit der Begründung, Alleinerbin nach einer Testamentsänderung durch Heuser zu sein. Als diese Ehefrau 2016 selbst starb, stellte sich heraus, dass sie vor ihrem Tod wiederum eine angebliche Freundin als Erbin eingesetzt hatte – genau jene Gefährtin, die mit dem Wittener Gerd Gustav Gronenberg angebändelt hatte.

Seine Tochter sagt, sie sei von Anfang an von einer Testamentsfälschung ausgegangen. Der zivilrechtliche Streit darüber wurde nach langen Jahren vom Erbschaftsgericht in Berlin kürzlich zu ihren Gunsten entschieden. Bei einem Besuch in Benajarafe, wo sie die angebliche Freundin der Ex-Frau ihres Vaters zur Rede stellen wollte, befeuerte dann eine weitere Entdeckung ihr Misstrauen: Sie habe in dem Haus eine alte Dame gesehen. Ohne Kleidung. Reichlich verwirrt. Diese Frau sei kurz darauf verstorben.

In all diesen Fällen scheint das Vorgehen gleich: Männlichen Senioren wird eine Liebesbeziehung vorgetäuscht. Häuser, Konten und anderes Eigentum werden auf die neuen Freunde oder Partner freiwillig oder mutmaßlich unter Zwang überschrieben oder in einem gefälschten Testament übertragen. Unmittelbar nach einer Phase intensiver persönlicher Bekanntschaft und der Übertragung von Eigentum folgt eine massive Vernachlässigung bei der Gesundheitsvorsorge und der Pflege.

"Das spielt Kriminellen in die Hände"

Die spanische Polizei geht allein im Fall Cadiz davon aus, dass in dem "Haus des Schreckens" in Chiclana vier weitere Senioren auf verdächtige Weise verstorben sind, darunter eine Deutsche. Sind deutsche Rentner besonders anfällig gegenüber diesem Betrug? Bekommen sie besonderen Schutz durch deutsche Behörden?

Die Opferorganisation Weißer Ring glaubt: Auch wenn deutsche Senioren bereits im Ausland lebten und dort ihren Wohnsitz haben, hätten sie oft "keinen vergleichbaren Rückhalt in ihrem sozialen Umfeld". Kontakte in die Heimat brächen schnell ab. Mit der Entfernung wachse "der Abstand zur Familie und den Freunden aus der Zeit der Berufstätigkeit". Viele würden Behörden und Strukturen in Spanien nicht genug kennen. "Das spielt Kriminellen in die Hände."


Das Auswärtige Amt sieht es mit mehr Abstand. Es betonte auf eine Anfrage von t-online.de: "Vor der angesprochenen Form von Betrugsfällen bei Pflegeleistungen unter Aneignung von Eigentum warnt das Konsulat Malaga nicht explizit, da davon ausgegangen wird, dass es sich um Einzelfälle handelt". Es werde geraten, sich an die deutsche oder spanische Polizei zu wenden.

Verwendete Quellen:

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