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Wer erschlug die MĂŒnchner Parkhaus-MillionĂ€rin?

  • Dietmar Seher
Von Dietmar Seher

Aktualisiert am 03.11.2019Lesedauer: 6 Min.
Parkhaus in MĂŒnchen: Dort wurde Charlotte Böhringer (r.) getötet.
Parkhaus in MĂŒnchen: Dort wurde Charlotte Böhringer (r.) getötet. (Quelle: Michael Westermann/Falk Heller/imago-images-bilder)
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Mit Dutzenden SchlÀgen wurde die schwerreiche Charlotte Böhringer 2006 umgebracht. Die Richter verurteilten ihren Neffen. Doch die Familie glaubt an seine Unschuld. Eine DNA-Spur ist besonders mysteriös.

Charlotte Böhringer war reich. Sie lebte zurĂŒckgezogen, schien aber stark vernetzt unter den oberen Zehntausend ihrer Stadt. Die 59-JĂ€hrige war in kleinen VerhĂ€ltnissen in Ungarn groß geworden, mit Teilen der Verwandtschaft nach Bayern gezogen, kinderlos. 1995 wurde sie Witwe. Ihr Mann Oskar hatte ihr sein großes Vermögen vererbt.

Ein HerzstĂŒck war dabei das Parkhaus in der Baaderstraße nahe dem Isartor in der MĂŒnchner City. Eine Goldgrube. Neben dem oberen Parkdeck bewohnte sie ein Penthouse. So beschrieb der "Spiegel" ihre Lebenssituation.

Im FrĂŒhjahr 2006 stirbt sie in der Diele ihrer mehrere Hundert Quadratmeter umfassenden Wohnung nach einem brutalen Angriff. Der Tatort gleicht einem Schlachtfeld. Die UmstĂ€nde der Mordtat sind in MĂŒnchens Gesellschaft GesprĂ€ch bis heute – und Futter fĂŒr GerĂŒchte und Zweifel. War es wirklich das Familiendrama, von dem die Justiz ĂŒberzeugt ist?

Der Neffe gilt als TĂ€ter

Am Nachmittag des 16. Mai 2006 haben die Parkhaus-Angestellten ein ungutes GefĂŒhl. Der letzte Anruf von ihr stammt vom Vortag. Sie verstĂ€ndigen die Familie, Charlotte Böhringers Neffen Mate und Benedikt Toht, den alle Bence nennen. Mate, der am Abend des 15. gegen 19.10 Uhr vergeblich einen Telefonkontakt versucht hatte, fĂ€hrt zur Wohnung. Aber Charlotte Böhringer öffnet nicht.

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Er wĂ€hlt ihre Nummer vom Flur aus und hört, wie ihr Handy in der Wohnung klingelt. Das macht ihn besorgt. Bence kommt etwas spĂ€ter. Zusammen mit einem Mitarbeiter schließen sie auf. In der Diele liegt die tote Tante in einer großen Blutlache. In ihrem Kopf klaffen mindestens 24 Wunden, geschlagen von einem harten, kantigen Gegenstand. Die alarmierte Polizei trifft ein, wie die juristische Zeitschrift "justament.de" das Geschehen schildert.

Kurz nach dem Schock hat MĂŒnchen seine Sensation: Bence wird verhaftet. Fahnder und StaatsanwĂ€lte halten ihn fĂŒr den TĂ€ter, weil es in der Wohnung, im durchwĂŒhlten BĂŒro und an der Kleidung der Toten, nur so wimmelt von seinen DNA-Spuren und Benedikt Toht kein Alibi fĂŒr die errechnete Tatzeit hat. Sie rekonstruieren einen Tathergang. Sie glauben, Bence hat Böhringer in der WohnungstĂŒr zurĂŒckgedrĂ€ngt und unmittelbar dahinter, in der Diele, in einem Wutanfall erschlagen. So berichtet auch der "Spiegel".

Urteil basierte auf Indizien

Eine Beziehungstat mit Motiv: Die Tante habe erfahren, dass er gar nicht, wie behauptet, das erste Jura-Staatsexamen bestanden habe – aus ihrer Sicht die unbedingte Voraussetzung dafĂŒr, die Leitung des Parkhauses zu ĂŒbernehmen. Der TĂ€ter habe in der Folge um Job und Erbe gefĂŒrchtet.
Zwei Jahre spĂ€ter, nach quĂ€lend langen 93 Verhandlungstagen, erkennen die Richter des MĂŒnchner Landgerichts eine besonders schwere Schuld. Sie verurteilen den Mann, der die Tat heftig bestreitet, zu lebenslanger Haft. Nach dem Urteil kommt es zu Tumulten. Mit "Wurm" soll der Verurteilte den Richter beschimpft haben, wie die "Abendzeitung" berichtete.

Es fehlen Zeugen. Es fehlt ein GestĂ€ndnis. Die Mordwaffe? Wurde nie gefunden. Der Urteilsspruch beruht auf 14 Indizien, die nur alle zusammen fĂŒr den Schuldspruch reichen, wie die Richter selbst feststellen. Darunter sind die DNA-Spuren Tohts am Jackett der Ermordeten und auf dem Umschlag des Testaments im durchwĂŒhlten BĂŒro. DNA-Spuren Böhringers wurden an zwei 500-Euro-Scheinen gefunden, die Toht bei sich trug. Den Schock nach dem Auffinden der Tante, den Bence zu Protokoll gibt, glauben sie ihm nicht – wegen der "Staatsexamens-LĂŒge".

Parkhaus in der Baaderstraße: Der Tathergang ist bis heute umstritten.
Parkhaus in der Baaderstraße: Der Tathergang ist bis heute umstritten. (Quelle: Falk Heller)

Benedikt "Bence" Toht sitzt, Untersuchungshaft eingerechnet, seit 13 Jahren im Strafvollzug, derzeit in Straubing. Seine Familie bemĂŒht sich, ihn aus der Haft zu holen. Der Bayerische Rundfunk hat einen Film mit starkem, emotionalem Akzent aus der Sicht dieser Familie produziert: "Anklage Mord: Ein Freund vor Gericht", heißt der Titel.

Experte wurde hinzugezogen

Parallel hat Tohts Anwalt Peter Witting das Verfahren durch die Instanzen getrieben und selbst das Bundesverfassungsgericht angerufen. Ohne jeden Erfolg. Im FrĂŒhjahr 2019 hat er laut "Spiegel" gemeinsam mit dem Hamburger Star-Verteidiger Gerhard Strate die Wiederaufnahme beantragt. DafĂŒr mĂŒssen beide neue Beweise vorlegen. Sie setzen mit einem Gutachten des Kölner Rechtsmediziners Peter Schneider an der QualitĂ€t der DNA-Analysen an und an einer Spur speziell: Die auf einem Blutfleck auf Böhringers Jackett, die als "Mischspur" mehreren Menschen zugeordnet werden könnte.

Wiederaufnahmen sind eine juristisch schwierige Sache. Nur ein Bruchteil solcher AntrĂ€ge hat Erfolg. Das Landgericht Augsburg muss entscheiden, ob der Fall wieder aufgerollt wird. Es ist ein letzter Versuch. Ein weiterer erfahrener Experte steht auf der Seite Tohts. Rund 90 Prozent der mehr als 300 jĂ€hrlichen Morde in Deutschland werden aufgeklĂ€rt. "Was die Statistik nicht sagt: Wie viele dieser Ermittlungen haben tatsĂ€chlich den richtigen TĂ€ter identifiziert?" – Der Mann, der so kritisch die Justiz hinterfragt, hat lange schlohweiße Haare und einen ausgeprĂ€gten Oberlippenbart. Vielen Deutschen ist sein Bild bekannt. Von Buchtiteln. Aus dem Fernsehen. Axel Petermann, frĂŒher erfolgreicher Chefprofiler des Landeskriminalamtes Bremen, gilt als "Deutschlands Experte fĂŒr ungeklĂ€rte Morde". Er schreibt in seinem Buch ĂŒber sich selbst: "Ich begebe mich in die Rolle des Opfers. Ich stehe stundenlang an einem Tatort und warte darauf, dass er zu mir spricht."

Petermann hat sich auch mit dem Tatort Parkhaus Baaderstraße 6, MĂŒnchen, vierter Stock, unterhalten – und der hat offenbar geplaudert, wie der "Spiegel" berichtete. Gefundene AbdrĂŒcke in der Wohnung seien fĂ€lschlicherweise als Handschuhspuren ermittelt worden. Der Todeszeitpunkt sei falsch errechnet, Blutspritzer falsch interpretiert. Der Tatort liege nicht an der WohnungstĂŒr, sondern weiter innerhalb der Wohnung. Petermanns Schluss: "Die Grundannahmen des Gerichts sind meiner Ansicht nach nicht haltbar."

Spur in die Vergangenheit

Kommt wirklich ein anderer TĂ€ter in Frage? Auch Kritiker des Urteils von 2008, die eine angeblich mangelnde ÜberprĂŒfung des privaten Umfelds des Opfers stört, sind vorsichtig. Doch sie verweisen auf die geheimnisvolle Spur J73.03.3, ein mĂ€nnlicher DNA-Abdruck an Glas 11, das die Spurensicherung hinten in der SpĂŒlmaschine der Wohnung der toten Charlotte Böhringer gefunden hat. Es enthielt Rotweinreste.

Demonstration 2017 in MĂŒnchen zugunsten von Benedikt Toth, rechts ist das Justizopfer Gustl Mollath zu sehen.
Demonstration 2017 in MĂŒnchen zugunsten von Benedikt Toth, rechts ist das Justizopfer Gustl Mollath zu sehen. (Quelle: Michael Westermann/imago-images-bilder)

Sie habe einen ungenannten Besucher erwartet, haben Zeugen ĂŒber Charlotte Böhringers Terminkalender am Tattag, dem 15.Mai 2006, berichtet. Stammen die genetischen Hinweise am Glas von diesem Unbekannten, der die MillionĂ€rin kurz vor ihrem Tod besucht haben könnte? Das Unheimliche: Die gleiche DNA ist bereits bei einem anderen Kapitalverbrechen gesichert worden – ein ganzes Vierteljahrhundert vor dem Böhringer-Mord, nicht weit weg von MĂŒnchen, am Ufer des Ammersees. Dort war 1981 die 10-jĂ€hrige, zuvor entfĂŒhrte Ursula Herrmann in einer Holzkiste erstickt. Die DNA stammte von einer Schraube dieser Kiste.

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Auch hier gibt es einen verurteilten Mörder. Seit 2010 bĂŒĂŸt Ursula Hermanns Nachbar Werner Mazurek mit lebenslanger Haft. Aber wie Toht verneint Mazurek strikt jede Schuld. Und es gibt BeweisstĂŒcke, die nach Ansicht des Bruders des MĂ€dchens die FĂ€hrte der EntfĂŒhrung in eine ganz andere Richtung lenken: In ein benachbartes Internat, auf das Bayerns MĂ€chtige und Betuchte ihre Söhne geschickt haben. In die Ermittlungen wurden diese Asservate nur am Rand einbezogen. Bayerns Staatsregierung hat dem Landtag eine harmlose ErklĂ€rung fĂŒr die doppelte DNA-Spur prĂ€sentiert. Die Kiste sei beim ZDF gewesen, zur Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst...“. "Ein bis heute nicht mehr feststellbarer Personenkreis könnte mit den GegenstĂ€nden in Kontakt gekommen sein“ – und die DNA wahrscheinlich irgendwo in den Ermittlungsbehörden durch ebensolchen Zufall auf das Weinglas.

Jahr 13 nach dem Mord, Jahr 11 nach dem Urteil. Ist Benedikt Toht Opfer eines Justizirrtums? Oder wurde er zu Recht verurteilt? Anfang 2019 veröffentlichte die "Abendzeitung" den Bericht: "War es ein Komplott?“ Danach erzĂ€hlt man sich seit langem in "gut vernetzten Kreisen" der Stadt von einem TĂ€ter, der dem Freundeskreis des Opfers angehört habe. Er habe – wie einige andere – von einer Million Euro in bar gewusst, die Charlotte Böhringer in TĂŒten in ihrem Penthouse aufbewahrt hĂ€tte, einen "Auftragskiller" angeheuert und stehe seither ohne Geldsorgen da.

Indizienprozesse bergen den Keim des Zweifels

Die Fachwelt gibt sich gespalten. Die Richter seien 2008 "jedenfalls mehrheitlich" von der Schuld des Angeklagten ĂŒberzeugt gewesen, schreibt die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen 2018 in der "Welt". Das Juristenportal "justament.de" findet Öffentlichkeitsarbeit, Aufwand und Internet-Inszenierungen verstörend, mit denen in letzter Zeit Angehörige Verurteilter Druck auf die Justiz machen wĂŒrden – und bezieht den Fall Böhringer ausdrĂŒcklich ein.


Der inzwischen pensionierte Vorsitzende Richter im Prozess von 2008, Manfred Götzl, der spĂ€ter noch den spektakulĂ€ren NSU-Prozess leiten sollte, schweigt. Die zahlreichen DNA-Spuren, ein durchaus nachvollziehbares Motiv: Das alles hat Götzl zur Überzeugung gebracht, dass Bence schuldig war. Es nagt aber – wie oft bei Indizienprozessen – ein beklemmender, beweisfreier Gedanke: Dass ein noch Unbekannter ein oder sogar zwei Mal in seinem Leben getötet haben könnte. Dass dafĂŒr ein oder auch zwei Unschuldige in Haft sitzen. Und dass der eigentliche TĂ€ter frei sein könnte.

Korrektur: In einer ersten Version des Textes hieß es, dass der Experte Petermann den Tatort 2,20 Meter vor der WohnungstĂŒr sehe. TatsĂ€chlich liege dieser laut Petermann aber weiter innerhalb der Wohnung. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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