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Allgäu: Wer war der "Ölfleck-Attentäter"?

Täter unbekannt  

Wer war der "Ölfleck-Attentäter" vom Allgäu?

Von Dietmar Seher

06.10.2019, 13:13 Uhr
Allgäu: Wer war der "Ölfleck-Attentäter"?. Das Motorrad von Josef Deniffel: Er verunglückte wegen einer vorsätzlich gelegten Öllache. (Quelle: dpa/Polizeipräsidium Schwaben)

Das Motorrad von Josef Deniffel: Er verunglückte wegen einer vorsätzlich gelegten Öllache. (Quelle: Polizeipräsidium Schwaben/dpa)

Ölflecken auf der Fahrbahn sind der Albtraum aller Fahrer. Erst recht, wenn sie vorsätzlich angelegt werden, um zu töten. So starb 2011 ein Motorradfahrer. Bis heute sucht die Polizei nach dem Verantwortlichen.

Ein Kleinwagen steht auf der Staatsstraße 2013 zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren. Er ist an der Frontseite stark beschädigt. Einige Meter entfernt liegt ein schwarz-rotes Motorrad quer auf der Fahrbahn. Ein schwerer Unfall, so dokumentiert durch die Polizei.

Der 37-jährige Motorradfahrer, ein Vater von zwei Kindern, hat in einer Kurve seine Maschine nicht mehr halten können. Sie ist auf einer rutschigen Stelle ins Schleudern geraten, hat den Kontakt zur Fahrbahn verloren. Die Fliehkraft hat den Mann in die Gegenfahrbahn geschleudert – und in den Wagen einer 60-jährigen Fahrerin. Sie kann leicht verletzt aussteigen. Der 37-jährige Biker dagegen hat beim Aufprall keine Chance gehabt. Josef "Sepp" Deniffel ist tot.

Der Täter wollte verletzen

Es war der 17. April 2011, ein schöner Sonntag im Unterallgäu. Die Motorradsaison war ein paar Tage alt. Motorradfahrer werden da manchmal leichtsinnig. Doch weder die Autofahrerin noch der jüngere Biker begingen irgendwelche Fahrfehler. Sie waren weder betrunken noch bekifft. Ihre Fahrzeuge waren technisch einwandfrei. An diesem Palmsonntag 2011 ist Josef Deniffel stattdessen einem Verbrechen zum Opfer gefallen.

Gibt es, von der klassischen Raserei abgesehen, einen Tatort Straße? Gar nicht so selten. Steine und Betonplatten werden von Autobahnbrücken geworfen. Gullideckel sind bewusst mitten auf der Fahrbahn platziert. Es gab einen Trucker und Scharfschützen, der zwischen 2008 und 2013 mutmaßlich rund 700 Mal andere Lkw ins Visier genommen hat. Für mehr als 100 solcher Anschläge ist er angeklagt worden, einmal hatte er eine Frau schwer verletzt, bevor ihn das Bundeskriminalamt mit einem Abgleich von Kennzeichen der Lkw-Mauterfassung überführen konnte.

Die Gerichte urteilen mit der Zeit solche Vorgänge immer härter ab: Was früher als fahrlässige Tötung durchging, ist heute oft Mordversuch. Der betreffende Trucker und Scharfschütze Michael Harry K. wurde zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt.

Serie von Attentaten

Im Allgäu im April 2011 war Hans-Klaus von Keutz aus dem nahen Trunkelsberg der erste Zeuge am Unfallort, wie er der "Augsburger Allgemeinen" später berichtete: Von Keutz war demnach selbst ein erfahrener Motorradfahrer und bemerkte sofort, dass sich eine riesige Öllache auf dem Pflaster befand. Die Lache aus Altlöl blieb auch nicht der einzige Hinweis auf eine Fremdeinwirkung beim tödlichen Unfall von Markt Rettenbach.

Scherben lagen herum, Reste von Wein- und Sektflaschen mit Schraubverschluss. Und nicht nur hier. An anderen Stellen registrierten die Ermittler an diesem Tag noch neun weitere Würfe von Flaschen, voll mit Öl.

Tatort zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren: Laut Polizei legte der Täter im April 2011 mit Absicht den tödlichen Ölfleck an. (Quelle: dpa/Polizeipräsidium Schwaben)Tatort zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren: Laut Polizei legte der Täter im April 2011 mit Absicht den tödlichen Ölfleck an. (Quelle: Polizeipräsidium Schwaben/dpa)

Schnell wurde ihnen klar, dass die letzten Stunden der tödliche Höhepunkt einer berüchtigten, brutalen Verbrechensserie sein könnten. Sie beschäftigte die Menschen hier seit 2007, wurde auch später Gegenstand eines Beitrags von "Spiegel TV". Acht Mal waren demnach in diesem Zeitraum Rutschbahnen in Bayern und Baden-Württemberg gezielt auf Straßen angelegt worden, um andere Verkehrsteilnehmer zu verletzen und zu töten.

"Spiegel TV" und "Augsburger Allgemeine" dokumentierten die Fälle, darunter etwa diese:

Landkreis Biberach bei Bad Schussenried, am 6. April 2007: Vier Ölflecken verunreinigen die Fahrbahn. Die Feuerwehr kommt, säubert die Straße. Der Vorfall wird erst nicht als Straftat erkannt. Aber es ist wohl der Auftakt.

Ende April 2007: Ein 48-jähriger Motorradfahrer stürzt auf der Staatsstraße 2214 im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Er wird verletzt. Ein Unbekannter hat zwei Öllachen gelegt. Zerbrochene Glasflaschen werden gefunden.

Herbst 2007: Am 28. Oktober kommt bei Wittislingen im Landkreis Dillingen ein Autofahrer auf einer absichtlich gelegten Ölspur ins Schleudern. Sein Fahrzeug überschlägt sich fünf Mal, der Mann wird eingeklemmt, erleidet schwere Verletzungen. Glassplitter und die Verschlusskappe einer Flasche werden sichergestellt.

Am 30. Oktober 2007 ist der Tatort erstmals eine Autobahn, die A92 bei Freising. Zwölf große Ölflecken sind auf mehr als 1,5 Kilometern Autobahn verteilt. Fahrer können ihnen knapp ausweichen. Es läuft ohne Unfälle ab, aber der Polizei dämmert: So etwas kann weit böser ausgehen.

Im Dezember 2009 meldet sich ein Zeuge, berichtet, dass er nachts gesehen hätte, wie aus einem Fahrzeug mit Anhänger bei Binswangen fünf Flaschen geworfen wurden – sechs Monate später tauchen die nächsten Ölfilme auf. Der Schauplatz: wie schon 2007 der Kreis Biberach. Dies sind nur Auszüge der betreffenden Taten.

Ist hier ein Täter am Werk? Oder sind es mehrere? Mischen Nachahmer mit? Und wenn nicht, wenn es wirklich nur einer ist: Was treibt ihn zum mörderischen Tun?

Der Täter war unvorsichtig

Mord. Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Das steht von nun an auch über dem Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft in Memmingen vorantreibt. Die bearbeitenden Beamten bilden die 14-köpfige "Ermittlungsgruppe Ölfleck". Zerstörte Flaschen werden für sie zu Beweismitteln. Es stellt sich heraus, dass hier Massenware geworfen wurde. Weinflaschen etwa von Aldi.

Um die genauere Herkunft zu vertuschen, hat der Täter sorgfältig alle Etiketten abgekratzt. Nur oben, beim Verschrauben der Verschlüsse, war er wohl fahrlässig. An den Scherben und unter den Verschraubungen entdecken die Fahnder übereinstimmend eine genetische Spur, wie "Spiegel TV" dokumentiert. Diese DNA wird zum Fingerprint des gesuchten Ölfleck-Mörders.

Beweisstück: Diesen Flaschenverschluss fanden Beamte bei der Unfallstelle, an der Josef Deniffel verunglückte. (Quelle: dpa/Polizeipräsidium Schwaben)Beweisstück: Diesen Flaschenverschluss fanden Beamte bei der Unfallstelle, an der Josef Deniffel verunglückte. (Quelle: Polizeipräsidium Schwaben/dpa)

DNA-Tests führen nur zum Erfolg, wenn der betreffende Täter schon einmal auffällig wurde. Wenn er also mit seinem genetischen Code in der riesigen Datei des Bundeskriminalamtes verewigt ist, die es seit 1998 gibt und die zum Tatzeitpunkt 2011 rund eine Million Spuren umfasste.

Polizei hat keine Erfolge vorzuweisen

In Deutschland war so etwa der Mörder des Münchner Modemachers Rudolph Moshammer überführt worden. Doch diesmal, beim Ölfleck-Täter, fehlt den Fahndern der ersehnte Treffer. Es findet sich keine passende Co-Eintragung – selbst nicht, als mit riesigem Aufwand 1.400 Männer der Region zu Hause aufgesucht werden und Speichelproben abgeben. Keiner von ihnen weigert sich. Und keiner von ihnen hat demnach wohl mit der Tat zu tun gehabt.

Heute, 2019, liegt der Mordfall auf der Staatsstraße 2013 acht Jahre zurück. Im zuständigen Kemptner Polizeipräsidium sind sie nicht wesentlich weitergekommen. Das ist oft ein Problem der Ermittler, wenn es keine direkte Beziehung zwischen Täter und Opfer gibt. "Vereinzelt gehen noch Hinweise ein, denen auch nachgegangen wird", sagte Polizeihauptkommissarin Johanna Graf zu t-online.de, "ein konkreter personenbezogener Tatverdacht besteht derzeit jedoch nicht."

Dabei haben die Profiler, die in der Fachsprache "Spezialisten der operativen Fallanalyse" heißen, durchaus eine konkrete Vorstellung von dem Gesuchten und seinem Motiv: Es ist demnach ein Mann, "der kontrolliert vorgeht und nur über ein eingeschränktes soziales Umfeld verfügt, der eigenbrötlerisch und zurückgezogen lebt", so Johanna Graf. Es sei vor allem jemand, der sein Selbstwertgefühl durch Machtausübung aufwerten wolle und deshalb für Angst und Verunsicherung sorge. Auch da sind sich die Experten einig; der mit dem Fall betraute Profiler Markus Hoga äußerte sich so auf "Spiegel Online".

Nachahmungstäter wurde gefasst

Aber ein Motorrad-Hasser? Jemand, den ein erlebter Konflikt im Straßenverkehr zu Gewaltanwendung treibt? Ein "Geisteskranker", wie ein Feuerwehrmann nach dem versuchten Anschlag auf der Autobahn A92 bei Freising bei "Spiegel TV" mutmaßte? Nicht alle anfänglichen Thesen haben die lange, intensive Polizeiarbeit überstanden.

Vielleicht sind wirklich noch Nachahmer aufgetreten. 2014, weit weg im Westen auf Landstraßen in der Eifel, legte ein 26-Jähriger vier Hydraulikölspuren, wie die "Aachener Nachrichten" schrieben. Ein Motorradfahrer rutschte weg und verletzte sich dabei schwer. Der Täter, laut Gutachten von "Wahn- und Verfolgungsideen" geprägt, gestand vor dem Schwurgericht seine Schuld und kam in eine geschlossene Klinik.


Und im Jahr zuvor, auf einer viel befahrenen Straße bei Dießen am Ammersee und damit dem Allgäu schon näher, hat irgendjemand Flaschen mit pflanzlichen Ölen abgeworfen. Doch die Tatumstände sind andere. "Nach derzeitigem Ermittlungsstand wird dieser Vorfall nicht dem gesuchten unbekannten Täter zugeordnet", heißt es dazu im Präsidium Kempten. Die Hoffnung dort ist nur, den Schuldigen im Fall des Todes von Josef Deniffel doch noch zu ermitteln. Denn bei Mord, so stellt Johanna Graf fest, "gibt es keine Verjährungsfrist".

Verwendete Quellen:

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