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Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Beobachtern im Saal stockt der Atem

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach  

"Mama!", "Nein!": Staatsanwältin gibt verstörende Details bekannt

17.08.2020, 20:02 Uhr | AFP

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Beobachtern im Saal stockt der Atem. Der Angeklagte (r.) neben seinem Verteidiger (l.): Wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sitzt er vor dem Landesgericht. (Quelle: dpa/Oliver Berg)

Der Angeklagte (r.) neben seinem Verteidiger (l.): Wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sitzt er vor dem Landesgericht. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

Die juristische Aufarbeitung des Missbrauchsnetzwerks Bergisch Gladbach hat begonnen. Am Montag steht ein Tatverdächtiger vor Gericht – einer von mehreren Hundert. Den Beobachtern im Saal stockt der Atem. 

Als der Angeklagte den Saal 210 des Kölner Landgerichts betritt, zittert die Hand, mit der er sich einen roten Schnellhefter vor das Gesicht hält. Die Bühne, die ihn am Montagmorgen erwartet, ist ganz anders, als die Welt, in der er seine Taten begangen haben soll: Es herrscht maximale Öffentlichkeit.

Jörg L. steht stellvertretend für den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

Eine Traube aus Fotografen und Kameramännern erwartet Jörg L. – ein Andrang, den selbst das hartgesottene Kölner Gericht nicht oft erlebt. Was er getan haben soll, wird ihm in einer mehr als einstündigen Anklage referiert: dutzendhafter Missbrauch seiner erst 2017 geborenen Tochter. Im Geheimen. Dann, wenn seine Frau fort und er alleine mit dem Mädchen gewesen sei. Am Wickeltisch, auf dem Ehebett, im Planschbecken.

Jörg L. steht stellvertretend für den sogenannten "Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach", daher das große Interesse. Der Fall erstreckt sich mittlerweile auf ganz Deutschland - eine Durchsuchung bei dem Koch und Hotelfachmann im Herbst 2019 brachte ihn ins Rollen. Polizisten fanden riesige Mengen kinderpornografischen Materials. Und sie stießen auf digitale Kontakte zu anderen Männern, die in einer Parallelwelt im Netz Bilder und Videos von Kindesmissbrauch austauschen im Vertrauen darauf, unter sich zu bleiben. Mittlerweile gehen Ermittler Spuren zu tausenden Verdächtigen nach.

Vor dem Landgericht in Köln: Der Prozess beginnt am Montag. (Quelle: imago images/Horst Galuschka)Vor dem Landgericht in Köln: Der Prozess beginnt am Montag. (Quelle: Horst Galuschka/imago images)

Ein weiterer Grund für die Bedeutung des Prozesses sind die massiven Vorwürfe gegen den 43-Jährigen. Insgesamt 79 Taten werden ihm zur Last gelegt. Die meisten betreffen den Missbrauch seiner sehr kleinen Tochter im Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach, in dem die Familie gemeinsam lebte. Den Großteil der Taten soll er mit seinem Smartphone dokumentiert haben, um die Bilder und Videos später an gleichgesinnte Männer zu verschicken.

Bobachtern im Saal stockt der Atem

Staatsanwältin Clémence Bangert trägt Details vor, bei denen Beobachtern im Saal der Atem stockt. Etwa, wenn sie beschreibt, wie das Mädchen laut weinend die Worte "Mama! Nein!" und "Aua!" rief und sich wehrte, während der Vater ihre Gliedmaßen zurecht gedrückt habe, um den Missbrauch besser filmen zu können. Umso länger Bangert liest, desto verstörender wird es. Am Ende kommt sie zu Taten, die der Angeklagte gemeinsam mit einem seiner Chat-Partner begangen haben soll der gemeinsame Missbrauch von anvertrauten Kindern, etwa in einer angemieteten Suite mit Whirlpool und Sauna.

Der Deutsche kahl rasierter Kopf, gestutzter Bart verfolgt das Gesagte stumm. Im Herbst 2019 wurde er festgenommen, damit endet der Zeitstrahl von Vorwürfen, die im Säuglingsalter seiner Tochter begannen. Vor dem Gericht liegt nun viel Arbeit. Die Anordnung einer Sicherungsverwahrung steht im Raum. Der Angeklagte, dem bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe drohen, wird durch einen psychiatrischen Sachverständigen begutachtet. Am Montag kann endlich richtig verhandelt werden in der Vorwoche kam noch ein Brand dazwischen.

Polizist vor einem Haus in Alsdorf: In dem Fall wurden mehr als 30.000 Internetspuren ermittelt. (Quelle: dpa/Dagmar Meyer-Roeger)Polizist vor einem Haus in Alsdorf: In dem Fall wurden mehr als 30.000 Internetspuren ermittelt. (Quelle: Dagmar Meyer-Roeger/dpa)

Dass die Ermittler eine so umfassende Anklage verfassen konnten, liegt an dem umfangreichen Datenmaterial, das sie sicherstellen konnten - Bilder und Videos. "Es ist schon schwer erträglich", sagt der Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft, Ulrich Bremer. Aber es gelte, professionell zu bleiben. In Köln hat sich eine Ermittlergruppe unter großer Belastung tief in die Szene eingegraben.

Jörg L. soll bereits geholfen haben, Chat-Partner zu identifizieren. Am Montag erklärt er zudem, sich zu den Vorwürfen einlassen zu wollen. Dafür wird aber auf Antrag der Anwältin, die seine Frau und seine Tochter vertritt, die Öffentlichkeit aus dem Saal gebeten. Sie will das Mädchen schützen, wenn die vorgeworfenen Taten im Detail erörtert werden. Auch die Aussage der Mutter soll später ohne Presse erfolgen.

Draußen vor dem Gericht hat sich unterdessen Markus Diegmann mit seinem Wohnmobil positioniert. Er ist selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, wie er berichtet nun fährt er seit vier Jahren umher, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Er sagt, dass sei seine Strategie, mit dem "Fluchttrieb" umzugehen, den er nun in sich trage. Die Öffentlichkeit, die der Missbrauchsfall Bergisch Gladbach erlebt, Diegmann hätte sie sich schon länger gewünscht.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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