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USA: John R. Brinkley – Ein Scharlatan, der Ziegenhoden implantierte

Kurioser Medizinbetrug  

Als ein Scharlatan den Amerikanern Ziegenhoden implantierte

Von Angelika Franz

18.08.2019, 12:42 Uhr
USA: John R. Brinkley – Ein Scharlatan, der Ziegenhoden implantierte. John R. Brinkley (r.): Mittels Ziegenhoden wollte der Quacksalber Patienten helfen. (Quelle: Dokumentarfilm

John R. Brinkley (r.): Mittels Ziegenhoden wollte der Quacksalber Patienten helfen. (Quelle: Dokumentarfilm "Nuts!"/Penny Lane)

Die Heilung zahlreicher Leiden versprach John R. Brinkley seinen Patienten – durch das Einpflanzen der Hoden und Eierstöcke von Ziegen. Es dauerte lange, bis dem Mann das Handwerk gelegt wurde.

Als John Romulus Brinkley noch ein junger Arzt in Milford, im US-Bundesstaat Kansas war, besuchte er seine Patienten oft zu Hause. Viele von ihnen waren Farmer auf den umliegenden Höfen und schafften es nicht zu ihm in die Stadt. Während eines dieser Besuche zog ein Patient ihn zur Seite. Seit einiger Zeit habe er Schwierigkeiten, seine Frau glücklich zu machen, vertraute er dem Doktor an.

Halb im Scherz zeigte Brinkley auf einen Ziegenbock, der neben dem Haus stand und den Besucher misstrauisch beäugte: "Du hättest keine Probleme mehr, wenn Du seine Eier hättest", witzelte der Mediziner. Die Ironie verfehlte ihr Ziel, der Farmer war begeistert von der Idee. "He, warum stopfst Du sie mir nicht rein?", fragte er mit leuchtenden Augen. "Warum gibst Du mir nicht ein Paar Ziegenhoden? Nähst sie mir einfach mit ein, so wie ich einen Wildapfelbaum mit dem Zweig eines süßen Apfels veredeln würde?" Eine Idee, skrupellos und gefährlich, war geboren, 2016 hat sie die Regisseurin Penny Lane in ihrer Dokumentation "Nuts!" verfilmt.

"Elektrische Medizin – Made in Germany"

Denn bis zu jenem Tag auf der Farm seines Patienten war das Leben von John R. Brinkley eher erfolglos verlaufen. Der uneheliche Sohn eines Landarztes, geboren im Jahr 1885, war früh zum Waisen geworden. Ab seinem 17. Lebensjahr schlug er sich als Postbote und Telegraf durch, während er versuchte, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und Arzt zu werden. Doch das Studium war kaum zu schaffen mit einem Vollzeitjob und bald auch einer wachsenden Familie.

Der Schuldenberg wurde immer höher, die Uni warf ihn raus und am Ende verließ seine Frau ihn, alle drei kleinen Töchter im Schlepptau. Warum also Medizin studieren, wenn sich das Geld auch anders verdienen ließ? Gemeinsam mit einem Kumpanen eröffnete Brinkley in Greenville, South Carolina, eine Praxis, in der sie Männern mit Potenzproblemen gefärbtes Wasser injizierten und erklärten, es handele sich dabei um "elektrische Medizin – Made in Germany".

John R. Brinkley in jungen Jahren: Der Besuch bei einem Farmer brachte ihn auf die Idee mit den Ziegenhoden. (Quelle: Dokumentarfilm John R. Brinkley in jungen Jahren: Der Besuch bei einem Farmer brachte ihn auf die Idee mit den Ziegenhoden. (Quelle: Dokumentarfilm "Nuts!"/Penny Lane)

Gerade einmal zwei Wochen nach der Eröffnung mussten Brinkley und sein Partner die Stadt Hals über Kopf verlassen. Sie flohen nach Memphis, Tennessee, wo der junge Möchtegern-Arzt die 21-jährige Minnie Jones kennenlernte – und sie auf der Stelle zu Minnie Brinkley machte, obwohl die Scheidung von seiner ersten Frau noch nicht einmal eingereicht war. Mit Minnie schien sich seine Situation zu wenden. Sein neuer Schwiegervater übernahm einen Teil der Schulden. Und den Schrecken des Ersten Weltkriegs entkam er durch einen Nervenzusammenbruch zum rechten Zeitpunkt.

Das erste "Ziegenhoden-Baby"

Als das junge Paar eine Anzeige in der Zeitung las, dass die Stadt Milford dringend einen Arzt suchte, schien das Glück perfekt. Tatsächlich waren die ersten Jahre in Milford die einzigen in Brinkleys Leben, in denen er auf ehrliche Weise Menschen helfen konnte. Die Spanische Grippe wütete unter der Bevölkerung – und der junge Arzt kümmerte sich aufopferungsvoll um die Erkrankten und rettete vielen von ihnen das Leben. Bis zu jenem Hausbesuch bei dem Farmer mit der Ziege.

Brinkley setzte den kühnen Plan des Bauern in die Tat um. Ein Jahr später brachte die Frau des Farmers tatsächlich einen gesunden Jungen zur Welt – Billy, das erste "Ziegenhoden-Baby". Eine geschickt platzierte Anzeigenkampagne mit einem Bild Brinkleys mit dem propperen Billy auf dem Arm tat ihr Übriges: Bald konnte der Arzt sich vor Anfragen kaum retten. Jeder wollte Ziegenhoden und bald auch Ziegeneierstöcke: Männer gegen Impotenz, Frauen gegen Schlaflosigkeit. Sogar Grippe, Krebsgeschwüre und Schizophrenie sollte die Operation angeblich heilen. Für ihr neues, vitaleres Leben blätterten die Patienten 750 US Dollar auf den Tisch – was heute etwa 10.000 US Dollar entsprechen würde, nicht einmal dem Preis eines Neuwagens.

Nur er könne die komplizierte Prozedur vornehmen, behauptete Brinkley stets. Dabei tat er nichts anderes, als den männlichen Hodensack oder den weiblichen Unterleib aufzuschneiden und den Hoden oder die Eierstöcke einer Toggenburger Ziege – einer äußerst robusten Schweizer Züchtung – neben die Hoden oder Eierstöcke hineinzustopfen. Blutgefäße oder Nerven verband er nicht. War der Körper eines Patienten kräftig genug, absorbierte er das fremde Gewebe oder kapselte es ab.

Brinkleys Todesklinik

Die Risikofaktoren aber waren enorm: Wundinfektionen oder Narkosefehler, begünstigt dadurch, dass Brinkley oft betrunken und auf einem verdreckten OP-Tisch operierte, führten allein in der Klinik zu 42 Todesfällen in den ersten zwölf Jahren seines Treibens – eine extrem hohe Zahl dafür, dass die Operation an sich ein sehr unkomplizierter Eingriff ist. Nicht mit eingerechnet sind dabei jene Patienten, die er noch entlassen konnte, bevor sie zu Hause oder anderswo an den Folgen des Eingriffes starben.

Bald wurde die American Medical Association (AMA) auf das tödliche Treiben in Milford aufmerksam und schickte inkognito einen Agenten in die Klinik. Der ergriff allerdings Hals über Kopf die Flucht, als ihm auf dem Gang eine Patientin entgegengehumpelt kam, der Brinkley gerade Ziegeneierstöcke zur Behandlung ihres Rückenmarkstumors eingesetzt hatte. Das war Beweis genug, die AMA erklärte Brinkley den Kampf.

Toggenburger Ziege: Brinkley verwendete die Hoden und Eierstöcke von Exemplaren dieser Ziegenrasse. (Quelle: imago images/Nature Picture Library)Toggenburger Ziege: Brinkley verwendete die Hoden und Eierstöcke von Exemplaren dieser Ziegenrasse. (Quelle: Nature Picture Library/imago images)

Der aber hatte für sich mittlerweile eine ganz neue Waffe entdeckt, mit der er um seinen Ruf kämpfte: das Radio. Schon 1923 hatte er mit Eigenkapital seine erste eigene Radiostation finanziert: KFKB, besser bekannt als "Kansas first, Kansas best". Es war die Blütezeit des Radios. Am Abend oder bei Regenwetter versammelten sich die Familien im ländlichen Amerika um ihre Radioempfänger, um sich von Brinkley die Welt erklären zu lassen. Die Welt des Doktors war eine bunte.

Ein Radiosender erschütterte die USA

Er versorgte die Hörer mit Französischunterricht, Horoskopen, belehrenden Geschichten und einer Bandbreite an Musik von Hawaiianischen Gesängen über Militärmärsche bis hin zu frühem Countryfolk. Dazwischen kamen immer wieder Werbeblöcke. Stundenlang redete Brinkley über seine Ziegen-OPs. Er schwärmte von den Erfolgen und machte sich ausgiebig über diejenigen lustig, die sich noch nicht zu dieser OP getraut hatten und weiterhin unter Potenz- oder anderen Problemen litten.

Das Glück währte nicht ewig, 1930 wurde ein schlechtes Jahr für Brinkley. Erst entzog ihm das Kansas Medical Board die Lizenz als Arzt. Nur wenig später weigerte sich die Federal Radio Commission, seine Sendelizenz zu erneuern. Und auch sein Versuch, Gouverneur von Kansas zu werden, scheiterte. Aufgeben war allerdings keine Option für Brinkley. Er baute eine neue Radiostation, XER – in Villa Acuña, Mexiko. Es sollte die sendestärkste Radiostation werden, die Amerika jemals gehört hatte.

Mit einer Million Watt Sendeleistung konnte Brinkley nun an klaren Tagen selbst noch jene Amerikaner erreichen, die hoch oben im Norden an der kanadischen Grenze wohnten. Das Signal war mancherorts so stark, dass Autolichter sich von allein anschalteten, Bettfedern vibrierten oder Brinkleys Stimme plötzlich in Telefonleitungen zu hören war. Farmer aus der unmittelbaren Umgebung des Senders berichteten, dass XER sie unaufhörlich begleitete. Brinkley sprach zu ihnen aus den Metallzäunen ihrer Weiden und aus ihrem metallenen Zahnersatz.

Pleite in Texas

Doch die Schlinge zog sich zunehmend enger um den Hals des Doktors. Die Klagen gegen ihn häuften sich, auch wenn Brinkley vehement dagegen vorging. 1939 entschied ein Gericht, dass man ihn ganz offen als "einen Scharlatan und Quacksalber" bezeichnen dürfe. Die Behörden begannen eine Untersuchung wegen Steuerhinterziehung. 1941 schlossen die USA und Mexiko ein Abkommen und drehten XER den Saft ab – Brinkley war pleite. Kaum ein Jahr später verstarb er nach drei Herzinfarkten und einer Beinamputation ohne einen Cent in der Tasche in Texas.


Immerhin blieb ihm sein, wenn auch zweifelhafter, Ruhm. In einem Nachruf nannte die "New York Times" den einst so gefeierten Doktor einen "Quacksalber mit einer grellen Karriere". Der Autor des Nachrufs konnte es sich nicht verkneifen, in seinem Text vor dem Einfluss der neuen Massenmedien zu warnen, derer sich Brinkley so virtuos bedient hatte. "Wie mächtig kann Radio sein – im Schlechten wie im Guten" schrieb er. Es waren prophetische Worte, 64 Jahre vor Gründung des Kurznachrichtendienstes Twitter.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Dokumentarfilm "Nuts!" von Penny Lane über John R. Brinkley (2016)

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