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Experten: Klima-Anomalie "El Niño" wird 2015 wieder zuschlagen

Klimaexperten warnen  

"El Niño" wird 2015 wieder zuschlagen

14.05.2015, 08:22 Uhr | Ulrich Weih

Experten: Klima-Anomalie "El Niño" wird 2015 wieder zuschlagen. Die Verteilung der Ozeantemperaturen: Eine Störung dieses komplexen Gefüges hat meistens katastrophale Folgen. (Quelle: NOAA)

Die Verteilung der Ozeantemperaturen: Eine Störung dieses komplexen Gefüges hat meistens katastrophale Folgen. (Quelle: NOAA)

Hier sintflutartige Regenfälle mit katastrophalen Überschwemmungen, dort große Dürreperioden mit Hungersnöten - dazu verheerende Tornados. "El Niño" ist eine Klima-Anomalie, die den gesamten Temperatur- und Feuchtigkeitshaushalt unseres Planeten durcheinanderwirbelt. In diesem Jahr wird das gefürchtete Klimaphänomen wohl wieder zuschlagen, warnt ein Forscherteam um Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Schon seit Jahren rechnen Wissenschaftler mit "El Niño", doch bislang war es schwierig, exakte Prognosen zu liefern. Ein Team aus deutschen und israelischen Forschern hat einen Algorithmus entwickelt, der auf der Analyse der Lufttemperaturen im Pazifikraum beruht und relativ verlässliche Vorhersagen ermöglichen soll.

Das Wettersystem über dem Pazifik

Eine ausreichende Vorwarnzeit kann die Folgen der Katastrophen vermindern und möglicherweise Leben retten. Dazu muss man wissen, was hinter dem Phänomen "El Niño" steckt.

Normalerweise blasen über dem Pazifik gleichmäßige Passatwinde von Osten nach Westen. Sie treiben Oberflächenwasser von Südamerika nach Südostasien. Gleichzeitig strömt das kalte, nährstoffreiche Tiefenwasser des Humboldtstroms vor der südamerikanischen Küste an die Meeresoberfläche.

Komplexe Strömungssysteme

Parallel zu dieser Wasserzirkulation herrscht über dem Pazifik eine konstante Luftbewegung: Die Südostpassatwinde wehen in Richtung Südostasien. Über dem warmen Wasser vor Indonesien steigt die Luft auf und es entstehen immer wieder Tiefdruckgebiete in dieser Region. Dagegen befinden sich vor Südamerika regelmäßig stabile Hochdruckgebiete. Die enormen Luftdruckunterschiede werden durch die Passatwinde ausgeglichen.

Der Passat schiebt gewaltige Wassermassen vor sich her. Der Meeresspiegel vor Indonesien ist daher rund 60 Zentimeter höher als vor Peru, die Wassertemperatur liegt um etwa 10 Grad höher.

Kreislauf kommt zum Stillstand

"El Niño" stoppt dieses Strömungssystem. Das vorherrschende Windsystem über dem Pazifik kommt zum Erliegen, die Westwinde lassen nach. Die Meeresströmung wird erst schwächer, später dann sogar rückläufig - die Warmwassermassen schwappen von Indonesien zurück nach Südamerika. Vor Australien und Indonesien ist das kaltes Wasser, vor Ecuador und Peru dagegen sehr warmes Oberflächenwasser - eine Veränderung mit katastrophalen Folgen.

Der nährstoffreiche Humboldtstrom gelangt nicht mehr an die Meeresoberfläche, ein massives Algensterben setzt ein und in der Folge finden Fische keine Nahrung mehr. Durch den Fischrückgang wird die natürliche Nahrungskette durchbrochen, komplette Bestände an Seevögeln und Robben sterben. Die Fischer fangen nichts mehr.

Globale Folgen

Das Tiefdruckgebiet vor Ecuador, Chile und Peru schickt unablässig Wolkenformation über Südamerika: Es kommt zu ständigen und andauernden Regenfällen, Überschwemmungen und Erdrutschen. Wegen der warmen Wassertemperaturen bilden sich vor Mexiko häufig gewaltige Hurrikans.

Im Westpazifik passiert genau das Gegenteil: Langanhaltende Trockenheit und Dürre führen dort zu Missernten und Hungerkatastrophen. Es kommt immer wieder zu riesigen Wald- und Buschbränden, etwa in Australien und Indien.

Doch die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf den pazifischen Raum: Die ausgeprägte Trockenheit bekommen selbst Länder in Afrika zu spüren, beispielsweise Sambia und Südafrika.

Temperaturunterschiede als Vorhersage-Schlüssel

Für ihre Vorhersage haben die Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung atmosphärische Temperaturdaten über dem tropischen Pazifik zu einem Netzwerk verbunden. Es besteht aus 14 Gitterpunkten im "El Niño"-Kerngebiet am Äquator sowie aus 193 Punkten außerhalb dieses Kerngebietes.

Die Physiker hatten herausgefunden, dass schon im Jahr vor dem Eintreten des Klimaphänomens die Fernwirkung zwischen den Lufttemperaturen inner- und außerhalb des Kerngebiets deutlich stärker wird. Diesen Effekt nutzen sie für die Festlegung ihres Prognose-Algorithmus. 

Einblick in ein rätselhaftes Klimaphänomen

"Die Ursachen für die Entstehung von 'El Niño' waren bislang weitgehend unklar – unsere Methode könnte jetzt die Tür öffnen für einen Einblick in die Mechanismen dieses so wichtigen Klimaphänomens“, betont Schellnhuber. "In den Daten von mehr als 200 Stellen im Pazifik baut sich vor einem kommenden 'El Niño' ein Zusammenspiel auf, ähnlich wie in einem Orchester, und das benutzen wir zur Vorwarnung. Spielen verschiedene Regionen im Pazifik dagegen eher wie einzelne Solisten unabhängig vor sich hin, entwickelt sich kein 'El Niño'."

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