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Nordsee und Ostsee: Geisternetze werden zur tödlichen Gefahr für Tiere

Nord- und Ostsee  

Geisternetze werden zur tödlichen Gefahr für Tiere

16.05.2019, 08:30 Uhr | André Klohn, dpa

 (Quelle: dpa)
Gefährliches Plastik: Aktivisten finden "Geisternetze" in der Ostsee

Umweltschützer haben drei sogenannte "Geisternetze" aus der Ostsee geborgen. Nach Schätzungen der Meeresbiologin Gabriele Dederer landen jedes Jahr alleine in der Ostsee 5.000 bis 10.000 Fischernetze oder Netzteile. Das ist gefährlich für Tiere und die Umwelt. (Quelle: dpa)

Unschöner Fund: Aktivisten haben in der Ostsee drei "Geisternetze" gefunden, die gefährlich für Tiere und die Umwelt sind. (Quelle: dpa)


Sie können zur tödlichen Falle für Meerestiere werden: Jedes Jahr landen Tausende Fischernetze in Nord- und Ostsee. Naturschützer haben den Geisternetzen den Kampf angesagt.

Meter um Meter zieht die Winde des Kutters das Fischernetz aus der Ostsee. Vor lauter Seetang, Rotalgen und Miesmuscheln ist das mehr als 80 Meter lange Geisternetz gut verborgen. Immer wieder knallen Steine und Muscheln auf das Deck der "Ann-Christin". Aktivisten der Umweltstiftung WWF fischen mit Hilfe von Tauchern und Fischern binnen weniger Stunden gleich drei Geisternetze aus dem Wasser. "Darin können sich Meerestiere verfangen und ertrinken oder ersticken", sagt Meeresbiologin Gabriele Dederer.

Das an Bord gehievte vermutlich mehrere Jahre alte Nylongeflecht erinnert mehr an eine 80 Meter lange Wurst mit Algen denn an ein Fischernetz. Darin haben sich unter anderem zwei weibliche Krebse verfangen. Mit einem Messer befreit die Meeresbiologin eines der trächtigen Tiere und wirft es über Bord. Nicht mehr zu helfen ist dagegen einem etwa 50 Zentimeter langen Dorsch. Der etwa vier Jahre alte Fisch war bereits in dem Geisternetz verendet.

Tausende Netze

"Schätzungen zufolge landen alleine in der Ostsee jedes Jahr 5.000 bis 10.000 Fischernetze oder Netzteile", sagt Dederer. Gründe dafür seien "illegale Fischerei, schlechte Seemannschaft oder einfach Pech", wenn Stellnetze im Herbst bei Sturm mitgerissen und am nächsten Tag nicht mehr gefunden werden.

Fünf Meter vom Sandstrand der Eckernförder Bucht entfernt schippert das rote Fischerboot von Lorenz Marckwardt. Weite Teile des Decks nehmen große weiße Säcke ein, in denen sich die Geisternetze sowie Algen türmen. Marckwardt hilft bei der Bergung. "Es kommt immer wieder vor, dass auch Netze verloren gehen bei Sturm", sagt der Vorsitzende des Landesfischereiverbands von Schleswig-Holstein. Er unterstützt die Aktion des WWF. "Denn wir brauchen vernünftige Gewässer, wo wir auch als Berufsfischer für die Zukunft vernünftig Fisch fangen können."

Seit den 1960er Jahren werden Fischernetze nicht mehr aus abbaubaren Naturstoffen wie Hanf oder Sisal hergestellt, sondern aus synthetischen Stoffen wie beispielsweise Nylon (Polyamid). Diese könnten sich auch in herrenlosem Zustand in der Wassersäule wieder aufstellen und weiter töten, sagt Stefanie Werner vom Umweltbundesamt. "Diese Kunststoffe sind in der Umwelt sehr persistent, sie verrotten nicht im eigentlichen Sinne, sondern werden durch mechanische Kräfte wie Wind, Wellen und UV-Licht zu immer kleineren Plastikpartikeln zerrieben." Negative Auswirkungen durch Kunststoffmüll seien für mehr als 800 Meerestierarten dokumentiert.

Jungvögel ersticken

Ein Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes zeigt: 98 Prozent der Nester in der Brutvogelkolonie von Basstölpeln auf Helgoland enthalten Kunststoffe und dabei insbesondere Netzreste, auch Teile vom Scheuerschutz von Grundschleppnetzen und Verpackungsmaterialien. Es sei auch ermittelt worden, wie viele der jungen Basstölpel sich in Müll verstricken und strangulieren, der durch die Elterntiere in die Nester eingetragen wird, sagt Winter. "Dadurch starben während der Brutsaisons 2014 und 2015 zwei- bis fünfmal so viele Jungvögel wie normalerweise."

Die Plastiknetze sind längst nicht nur eine Gefahr für Meeresbewohner. "Die Netze können zu Mikroplastik werden und dann im großen Zyklus irgendwann wieder auf unseren Teller landen im Fisch", sagt Meeresbiologin Dederer. Seit 2013 geht der WWF in der Ostsee aktiv gegen Geisternetze vor. Seitdem haben Umweltschützer mit verschiedenen Techniken mehr als sieben Tonnen Netzmaterial und Schrott geborgen. Als ergiebigste Methode hat sich die Zusammenarbeit mit Tauchern erwiesen. Sie nutzen detaillierte Aufnahmen, die ein Sonar fünf Meter über dem Meeresgrund gemacht hat.

In diesem Frühjahr ist die Technik vor Kiel und Eckernförde zum Einsatz gekommen. "Allein in der Eckernförder Bucht haben wir im Umkreis von zwei Quadratkilometern drei Geisternetze und drei Leinen gefunden", sagt Dederer. 2018 entdeckten Umweltschützer in einem 500 Meter langen Geisternetz vor Warnemünde zehn tote Kormorane. Außerdem starben darin Dutzende Flundern und andere Fischarten.

Netze gehen im Sturm verloren

Der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer räumt ein, dass der Verlust von Netzen auf See ein Problem ist. "Seit es GPS gibt, kommt es aber eigentlich nicht mehr vor, dass Schleppnetze verloren gehen, weil sie an Wracks hängen bleiben", sagt der Verbandsvorsitzende Dirk Sander. Die Fischer würden bekannte Wrackstellen umfahren. "Da mag aber durchaus noch altes Zeug an Wracks hängen."

Der 69-Jährige war selbst 45 Jahre lang Nordseefischer in Ostfriesland. Etwas anders ist die Situation aber beim Fischfang mit Hilfe von Stellnetzen. "Es ist möglich, dass Netze durch einen Sturm verloren gehen und anschließend von den Fischern nicht wiedergefunden werden", sagt Sander. 
 

 
Es kämen zudem weiterhin neue Hindernisse für Fischer hinzu, sagt Meeresbiologin Dederer. "Es gibt immer wieder neue Wracks, es gibt Container, die auf den Meeresgrund absinken." Mit dem Ergebnis des Bergungstörns vor Eckernförde ist sie sichtlich zufrieden. Die Gruppe bringt am Dienstag die drei – teilweise mehr als 100 Meter langen – Geisternetze mit an Land. Dort sollen sie nun als Sondermüll entsorgt werden. Denn das Recycling ist aufwendig. Sie enthalten giftiges Blei, das vor der Verwertung der Polyamidfasern entfernt werden muss.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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