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Wie Sonnencreme Wasserlebewesen schaden kann

Von dpa
Aktualisiert am 09.06.2022Lesedauer: 4 Min.
Bis umweltfreundlichere Sonnenschutz-Alternativen marktreif sind, ist der ├Âkologisch beste Schutz vor der Sonne wohl einer, der auf weniger Eincremen setzt, ohne ganz darauf zu verzichten.
Bis umweltfreundlichere Sonnenschutz-Alternativen marktreif sind, ist der ├Âkologisch beste Schutz vor der Sonne wohl einer, der auf weniger Eincremen setzt, ohne ganz darauf zu verzichten. (Quelle: Bodo Marks/dpa./dpa)
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Stanford (dpa) - Sommer, Sonne, Badezeit: Die h├Âheren Temperaturen locken an Str├Ąnde und ins Wasser. Mit den Badenden gelangen allerdings gro├če Mengen Sonnenschutzmittel in Gew├Ąsser - und UV-Filter und Nanopartikel aus Cremes, Lotionen und Sprays k├Ânnen Korallen und anderen Wasserbewohnern schaden.

Immer mehr Studien zeigen solche Effekte. Ersatzl├Âsungen sind in Arbeit - bis dahin aber ist der Nutzer selbst gefragt. Jedes Jahr landen bis zu 14.000 Tonnen Sonnencreme im Meer, davon 4000 bis 6000 Tonnen an Korallenriffen, wie Forscher der US-Meeresbeh├Ârde NOAA berechneten. Wie sich das auf die maritime Umwelt auswirkt, ist noch nicht abschlie├čend gekl├Ąrt. Vor allem die enthaltenen UV-Filter scheinen aber Anlass zu Sorge zu geben.

So listet die NOAA auf, dass die Stoffe das Wachstum von Gr├╝nalgen beeintr├Ąchtigen, bei Muscheln zu Defekten der Jungtiere f├╝hren sowie das Immun- und Fortpflanzungssystem von Seeigeln sch├Ądigen k├Ânnten. Bei Delfinen k├Ânnten sich die Substanzen im Zellgewebe ansammeln und auf die Jungtiere ├╝bertragen werden, w├Ąhrend bei Fischen die Fruchtbarkeit reduziert und Ver├Ąnderungen im Erbgut ausgel├Âst werden k├Ânnten.

Gefahr f├╝r Korallen

Vor allem aber stellen UV-Filter demnach - neben Stressoren wie der steigenden Meerestemperatur - eine Gefahr f├╝r Korallen dar. Insbesondere der chemisch-organische Filter Oxybenzon k├Ânnte das Erbgut der empfindlichen Nesseltiere sch├Ądigen und dazu f├╝hren, dass sich deren Larven in ihrem Skelett einkapseln und sterben, wie eine US-Untersuchung von 2016 nahelegt.

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Studienergebnisse wie dieses veranlassten den US-Bundesstaat Hawaii, ein Gesetz zu beschlie├čen, das den Verkauf von Sonnencremes mit Oxybenzon und Octinoxat seit 2021 verbietet. ├ähnliche Regelungen gelten in Key West in Florida, auf den Jungferninseln, im Inselstaat Palau, in thail├Ąndischen marinen Nationalparks, auf der Karibikinsel Bonaire und in einigen Urlaubsgebieten Mexikos.

Wie genau Korallen durch Oxybenzon gesch├Ądigt werden, hat nun eine neue US-Studie herausgearbeitet, ├╝ber die im Fachblatt "Science" berichtet wird. Wissenschaftler der Universit├Ąt Stanford nutzten daf├╝r eine Korallen- und eine Seeanemonen-Art, denen sie in Aquarien Oxybenzon in hoher Konzentration zuf├╝hrten und sie dann unterschiedlichen Lichtbestrahlungen aussetzen. Der erstaunliche Effekt: Nur die Tiere, die mit dem simulierten Sonnenlicht bestrahlt wurden, starben.

"Oxybenzon macht das Sonnenlicht giftig"

"Es war seltsam zu sehen, dass Oxybenzon das Sonnenlicht f├╝r Korallen giftig macht - das Gegenteil von dem, was es eigentlich bewirken soll", sagte Hauptautor William Mitch. Eigentlich wird Oxybenzon wie andere chemische UV-Filter als Sonnenschutz genutzt, weil es ultraviolettes Licht, das auf die menschliche Haut trifft, absorbiert und die Lichtenergie in Form von ungef├Ąhrlicher W├Ąrme abgibt. Den Forschern zufolge verstoffwechseln die Anemonen und Korallen den Filter jedoch so, dass die entstehende Substanz sch├Ądliche Radikale bildet, wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt wird. Der Filter wird in ein Phototoxin umgewandelt.

├ťberdies beobachteten die Wissenschaftler, dass die Algen, die in Symbiose mit den Korallen leben und ihnen ihr farbenpr├Ąchtiges ├äu├čeres verleihen, ihre Wirte anscheinend sch├╝tzen, indem sie die aus dem Oxybenzon produzierten Toxine einschlie├čen. Das sich ausbreitende Ph├Ąnomen der Korallenbleichen k├Ânnte daher zusammen mit Oxybenzon im Wasser noch fatalere Folgen haben. Von einer Bleiche spricht man, wenn gestresste Korallen ihre Algenpartner absto├čen, so dass ihr knochenwei├čes Skelett freigelegt ist. Solche gebleichten Korallen sind der Studie zufolge noch anf├Ąlliger f├╝r Oxybenzon.

Neben Oxybenzon steht mit Octocrylen ein weiterer chemisch-organischer Filter in der Diskussion. Er soll Studien zufolge Wasserfl├Âhen, Wimperntierchen und Zebrafischen zusetzen, indem er sich unter anderem auf deren Hormonhaushalt auswirkt. Zudem wird der wasserunl├Âsliche Stoff nur schwer abgebaut und k├Ânnte sich deshalb in Organismen anreichern.

UV-Filter in Gew├Ąssern weit vebreitet

Verschiedenen Untersuchungen zufolge finden sich UV-Filter mittlerweile sowohl in tropischen Korallenriffen wie auch im Arktischen Ozean - und auch in der Ostsee: Kathrin Fisch vom Leibniz-Institut f├╝r Ostseeforschung Warnem├╝nde f├╝hrte 2016 Messungen an der deutschen Ostseek├╝ste durch und wies hier 30 Nanogramm UV-Filter pro Liter Ostseewasser nach; in den Fl├╝ssen, die in die Ostsee m├╝nden, waren es zum Teil bis zu 836 Nanogramm pro Liter. Das seien zwar geringe Mengen, die sich aber langfristig auf Meeresorganismen auswirken k├Ânnten. Ein fl├Ąchendeckendes Monitoring zur Belastung von Gew├Ąssern durch UV-Filter gibt es in Deutschland nicht, ebenso wenig existieren definierte Obergrenzen f├╝r deren Mengen.

Als Reaktion auf die m├Âglichen Umweltrisiken chemischer UV-Filter bieten immer mehr Hersteller "korallensichere" oder "rifffreundliche" mineralische Sonnenschutzmittel an. Diese enthalten Zink- oder Titandioxid - auf der Haut wirken die Partikel wie kleine Spiegel, die das UV-Licht reflektieren. Um das st├Ârende "Wei├čeln" vieler dieser Produkte zu minimieren, versuchen einige Hersteller, die mineralischen Pigmente zu verkleinern und setzen auf Partikel in Nanogr├Â├če. Wie spanische Forscher aber 2014 zeigten, f├╝hren diese Nanopartikel als Katalysatoren dazu, dass Sonnenlicht aus Wasser das hochreaktive Wasserstoffperoxid erzeugt. Dieses k├Ânne Kleinstlebewesen sch├Ądigen.

Besser weniger eincremen

Mittlerweile wird an Alternativen geforscht, bei denen Verbindungen aus Algen, Seetang und anderen Meerestieren als UV-Filter fungieren. Bis diese marktreif sind, ist der ├Âkologisch beste Schutz vor der Sonne wohl einer, der auf weniger Eincremen setzt, ohne - mit Blick auf das Hautkrebsrisiko - ganz darauf zu verzichten.

So empfiehlt das Verbrauchermagazin "UMID" des Umweltbundesamts mineralische Filter in Nicht-Nano-Form und r├Ąt, sich lieber am Nachmittag oder fr├╝hen Abend in die Sonne zu legen, sich im Schatten aufzuhalten und durch entsprechende Kleidung zu sch├╝tzen sowie das Duschen zu Hause, damit weniger UV-Filter direkt in den Gew├Ąssern landen.

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