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  • Angriffe auf Synagogen in Deutschland: "Antisemitismus ist Alltagserfahrung"


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"In Berlin gibt es drei antisemitische Vorfälle am Tag"

Von Matti Hartmann

Aktualisiert am 13.05.2021Lesedauer: 4 Min.
Offene Hassparolen: Auf diesen Demos ist es zu antisemitischen Ausfällen gekommen. (Quelle: t-online)
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Im Gazastreifen und in Israel eskaliert die Gewalt, in Deutschland werden jüdische Institutionen in den Konflikt hineingezogen. Antisemitische Übergriffe nehmen gerade zu –

Vor Synagogen in Bonn und Münster verbrannten Antisemiten israelische Flaggen, warfen Steine. In Düsseldorf legten Unbekannte Feuer am Gedenkstein für eine ehemalige Synagoge.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach von einer "Schande" und forderte besseren Schutz für jüdische Einrichtungen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) versprach, diesen zu gewähren. "Nie wieder dürfen Jüdinnen und Juden in unserem Land in Angst leben", sagte Seehofer am Mittwoch.

Genau das aber tun sie, erklärt Alexander Rasumny vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) im Gespräch mit t-online. Antisemitismus sei eine Alltagserfahrung für jüdische Menschen in Deutschland. Und das nicht erst seit ein paar Tagen.

t-online: Herr Rasumny, fürchten Sie aufgrund der aktuellen Lage in Israel, dass antisemitische Übergriffe jetzt überall in Deutschland zunehmen?

Alexander Rasumny: Wir sehen auf jeden Fall, dass Personen, die sich antisemitisch äußern oder auch handeln, den Nahostkonflikt zum Anlass nehmen. Es ist ein komplizierter Konflikt, den man auf vielschichtige Weise auffassen und deuten kann. Und den benutzen einige zum Anstoß, jetzt antisemitische Positionen zu bekunden, Steine auf eine Synagoge zu schmeißen oder die Israel-Flagge zu verbrennen. Insofern sprechen wir von einer Gelegenheitsstruktur für antisemitische Handlungen, die sich durch die derzeitige Situation in Israel bietet.

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Werden jüdische Einrichtungen und Menschen in Deutschland derzeit ausreichend geschützt?

Das ist sicherlich nicht durchgehend der Fall. Wir beobachten eine Divergenz zwischen größeren und kleineren Gemeinden. In Städten wie Berlin gehört der Objektschutz seit Längerem dazu, das erhöht die Hemmschwelle für solche Vorfälle erheblich. Es gibt viele Gemeinden, die vielleicht eine dreistellige Anzahl an Mitgliedern haben, wo kein so großer Sicherheitsaufwand betrieben wird. Einige Gemeinden haben sich nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle kritisch geäußert. Und die jüdische Gemeinde Düsseldorf hat gerade eben erst festgestellt, dass eigentlich versprochene Verbesserungen bis heute nicht umgesetzt wurden.

Führen diese Versäumnisse jetzt dazu, dass jüdische Menschen in Deutschland wieder Angst haben müssen?

Jetzt, wo die Situation in Israel so angespannt ist, gibt es eine besondere Häufung der antisemitischen Vorfälle. Aber es ist nicht so, dass jüdische Menschen zuvor ein sehr viel entspannteres Leben gehabt hätten. Vor zwei Wochen gab es Schüsse auf die Synagoge in Bochum, das war bevor die Lage in Nahost eskalierte. Der Antisemitismus ist eine alltagsprägende Erfahrung. Jüdische Menschen müssen immer damit rechnen, in bedrohliche Situationen zu geraten, vor allem wenn sie auch als jüdisch erkennbar sind. Das ist seit sehr langer Zeit so, und insofern hat der Anschlag von Halle viele zwar schockiert, aber nicht überrascht.

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2020 verzeichnete die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus allein in Berlin Übergriffe auf 348 Einzelpersonen und 515 Institutionen.

Zusätzlich gibt es Vorfälle, wo wir keine Betroffenen vermerkt haben, das sind zum Beispiel Schmierereien im öffentlichen Raum. Insgesamt macht das beinahe drei antisemitische Vorfälle am Tag in Berlin.

Was sind typische Beispiele für Übergriffe?

Der Antisemitismus kann sehr viele verschiedene Formen annehmen. Es gibt zum Beispiel eine private Initiative, die am Breitscheidplatz immer wieder Blumen und eine kleine israelische Fahne aufstellt für Dalia Elyakim, eine israelische Touristin, die zu den Opfern des islamistischen Anschlags von 2016 zählt. Die Israel-Flagge wird teilweise schon nach wenigen Minuten entfernt, das Foto von Dalia Elyakim wird zerbrochen – während Fotos der anderen Opfer unangetastet bleiben.

Wir haben 2020 außerdem sehr viele Fälle in Zusammenhang mit Covid-19 gehabt. Da wurden als jüdisch erkennbare Menschen angefeindet und verantwortlich für die Pandemie gemacht. Oder ein anderer Fall: Eine Frau mit einem Namen, durch den man schließen könnte, dass sie jüdisch ist, hat sich in eine Liste zur Nachbarschaftshilfe eingetragen – und dann wurde sie als "Dr. Corona" markiert.

Was wissen Sie über die Täterinnen und Täter?

Viele können wir nicht eindeutig zuordnen. Von denen, die wir zuordnen können, stammen die meisten aus dem rechtsextremistischen beziehungsweise rechtspopulistischen Milieu. Da findet viel im Internet statt, teilweise sehr gezielt. Aber es gibt auch Bedrohungen von Angesicht zu Angesicht. Aus der politischen Mitte werden häufig Vorwürfe an jüdische Institutionen in Deutschland gerichtet, die für vermeintliche oder auch tatsächliche Taten des Staates Israel verantwortlich gemacht werden. Viele dieser Personen treten ohne jede Scheu mit vollem Namen auf. Die Hemmschwelle ist sehr niedrig.

Natürlich gingen im vergangenen Jahr auch vom verschwörungsideologischen Milieu viele Vorfälle aus, gerade im Zusammenhang mit der Pandemie und den Schutzmaßnahmen. Das Milieu des antiisraelischen Aktivismus war 2020 weniger aktiv, mobilisiert aber gerade jetzt sehr stark zu Versammlungen, auf denen Israel immer wieder dämonisiert und delegitimiert wird.

Synagoge in Bonn
Die Synagoge in Bonn: Eine Scheibe über der Tür weist Sprünge auf. (Quelle: Oliver Berg/dpa-bilder)

Sie erfassen auch die Orte, an denen Übergriffe stattfinden. Die meisten passieren auf der Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Greift da niemand ein?

Wir beobachten immer wieder, dass antisemitische Übergriffe in Situationen stattfinden, wo sehr viele einschreiten könnten, es aber nur die wenigsten tun. Es gab etwa einen Vorfall, wo eine Frau in Prenzlauer Berg in einem Supermarkt einkaufte. Sie sprach mit ihren Kindern Hebräisch. Und dann beschimpfte sie ein anderer Kunde antisemitisch, er schrie sie anhaltend an, der Supermarkt war voll. Aber niemand gab ihm Kontra oder bot der Frau Unterstützung an.

Was kann ich tun, wenn ich einen antisemitischen Übergriff mitbekomme?

Wenn Täterinnen und Täter keinen Widerspruch bekommen, fühlen sie sich ermutigt. Ihnen entgegenzutreten, ist zwar nicht immer möglich, häufig sind es sehr aggressive, potenziell gewalttätige Menschen. Aber es gibt dann immer noch die Möglichkeit, die Betroffenen zu unterstützen, sie zu fragen, ob sie Hilfe brauchen. Das bedeutet einer Person, die gerade von einem antisemitischen Vorfall betroffen war, sehr viel.

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