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Russlanddeutsche in Berlin: "Sie fühlen sich und ihre Heimat ungerecht behandelt"


"Sie fühlen sich und ihre Heimat ungerecht behandelt"

  • Anne-Sophie Schakat
Von Jannik Läkamp, Anne-Sophie Schakat

Aktualisiert am 22.02.2022Lesedauer: 3 Min.
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Ein russischer Supermarkt in Berlin und ukrainische Militärangehörige bei einer Übung: Der Russland-Ukraine-Konflikt beschäftigt viele Russlanddeutsche.
Ein russischer Supermarkt in Berlin und ukrainische Militärangehörige bei einer Übung: Der Russland-Ukraine-Konflikt beschäftigt viele Russlanddeutsche. (Quelle: Jannik Läkamp - ress service of the Ukrainian Armed Forces General Staff/Handout via REUTERS ATTENTION EDITORS - Montage t-online)
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Die Sorge um die sich zuspitzende Krise in der Ostukraine ist auch unter in Deutschland lebenden Russen groß. Doch viele fühlten sich und ihr Land falsch dargestellt, erklärt ein Experte im Gespräch mit t-online.

Der Himmel über Berlin-Marzahn ist wolkenverhangen. Nur mit Mühe schafft es die Sonne hin und wieder, die beige-orange-farbenen Plattenbauten des Viertels in ihr wärmendes Licht zu tauchen. Mitten zwischen den Betonblöcken liegt der Mix-Markt, ein russischer Supermarkt.


Ukraine-Krieg: Die Chronologie des Konflikts

Dezember 2013: Hunderttausende Ukrainer protestieren in der Hauptstadt Kiew gegen den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, weil seine Regierung das Partnerschaftsabkommen mit der EU kippte. Der Unabhängigkeitsplatz (Maidan) wird zum Symbol.
Februar 2014: Viktor Janukowitsch flieht nach Russland. Moskau besetzt militärisch die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim.
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In dicken Jacken vor dem beißenden Wind geschützt, kommen hier am Montagmittag vereinzelte Kunden her, um russische Lebensmittel und Spezialitäten einzukaufen. Wenige Stunden später wird Russlands Präsident Wladimir Putin die beiden abtrünnigen Gebiete in der Ostukraine offiziell als unabhängig anerkennen und ankündigen, sogenannte Friedenstruppen in die betroffenen Gebiete zu schicken. Eine neue Form der Eskalation.

Russlanddeutscher in Berlin: "Alles scheiße"

Im Berliner Ortsteil Marzahn leben laut dem Goethe-Institut besonders viele Russlanddeutsche, Tausende sollen es sein. Sie treffen hier auch im Mix-Markt um die Ecke aufeinander. Deutsch spricht kaum einer, dafür Russisch. Doch selbst die, die den Deutsch sprechenden Reporter verstehen: Mit der Presse will man nicht reden. Besonders nicht über die Ukraine.

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Blick auf den Mix-Markt in Berlin-Marzahn: Hier wollte sich niemand zur aktuellen Situation äußern.
Blick auf den Mix-Markt in Berlin-Marzahn: Hier wollte sich niemand zur aktuellen Situation äußern. (Quelle: Jannik Läkamp)

Die meisten blocken Fragen direkt ab. Eine Mitarbeiterin an der Fleischtheke wird sogar wütend: Über die Ukrainer wird sie nicht reden. Auch sonst niemand, der hier einkaufen geht. Nur ein älterer Mann, der vor dem Supermarkt steht und auf seine Frau wartet, lässt sich zu einem Kommentar mit schwerem Akzent überreden. "Alles scheiße", murmelt er. Doch mehr als das möchte auch er nicht sagen.

Experte: "Es gibt eine tiefe Beunruhigung"

Einer, der die Russlanddeutschen gut kennt, ist Martin Hoffmann. Der 61-Jährige ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums. Auch für die in Deutschland lebenden Russen und Deutschen mit russischen Wurzeln sei die Situation derzeit emotional sehr aufregend, erklärt er im Gespräch mit t-online. "Man kann diese Gruppe natürlich nicht über einen Kamm scheren, aber es gibt eine tiefe Beunruhigung. Die Menschen machen sich Sorgen."

Vor allem die westliche Berichterstattung über das Vorgehen des Kremls stoße aber vielen Russlanddeutschen und Deutschen mit russischen Wurzeln übel auf. "Sie fühlen sich ungerecht behandelt, ihre Heimat ungerecht behandelt. Sie finden, es wird ein schiefes Bild von Russland gezeichnet. Ein anderes, als sie kennen", meint Hoffmann. Ihre Wahrnehmung Russlands, zu dem sie häufig eine enge emotionale Verbindung haben, unterscheide sich deutlich von der hiesigen Darstellung.

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"Viele informieren sich über russische Medien, vor allem die Älteren. Nicht russische Medien sind für sie eine unangenehme Erfahrung, wegen der Darstellung Russlands", erklärt er. Dementsprechend hätten sie den russischen Standpunkt viel fester im Blick als die Deutschen. "Sie empfinden eine weit größere Berechtigung bei Sicherheitsinteressen Russlands, als das bei westlichen Gruppen der Fall ist."

Russlanddeutsche befürchten Anfeindungen

Einige würden fürchten, dass sich das negative Bild Russlands nun auch auf sie beziehe und die Feindlichkeit gegen Russlanddeutsche oder Deutsche mit russischen Wurzeln zunehme. Deshalb würden sich viele eine aus ihrer Sicht differenziertere Russland-Berichterstattung wünschen, so Hoffmann.

Auch wenn der Russland-Ukraine-Konflikt im Alltag der hier lebenden Menschen zumeist keine große Rolle spiele, wäre ein großer Krieg für alle Beteiligten schrecklich. "Sie haben Angst vor einer Eskalation, weil beide Seiten nicht mehr zurückkönnen und so eine Situation entsteht, die niemand gewollt hat."

Putin erkennt Separatistengebiete als unabhängig an

In seiner knapp einstündigen Rede hatte Putin am Montagabend die Unabhängigkeit der Separatistengebiete Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine anerkannt und die Entsendung von "Friedenstruppen" dorthin angekündigt. Zudem erhob er schwere Vorwürfe gegen die Nato und betonte zugleich, die Ukraine gehöre historisch zu Russland. Einen Faktencheck zu Putins Rede lesen Sie hier.

In den Außenbezirken der Stadt Donezk rollten am frühen Dienstagmorgen Militärfahrzeuge durch die Straßen. Darunter waren auch mehrere nicht gekennzeichnete Panzer, wie ein Reuters-Mitarbeiter berichtete. Am Dienstag waren an der sogenannten Kontaktlinie, die die Gebiete der prorussischen Separatisten von den ukrainischen Regierungstruppen trennt, wieder Gefechte zu hören, wie die Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) berichteten.

Der Westen verurteilte das Vorgehen Russlands als Verletzung des Völkerrechts und der territorialen Integrität der Ukraine. Als Reaktion zeigte er sich zu einer ersten Runde harter Sanktionen entschlossen. Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte etwa am Dienstag in Berlin an, die Inbetriebnahme der Ostseepipeline Nord Stream 2 auf Eis zu legen. Alle aktuellen Entwicklungen können Sie im Newsblog zur Russland-Krise nachlesen.

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Verwendete Quellen
  • Besuch in Berlin-Marzahn
  • Telefonat mit Martin Hoffmann
  • Eigene Recherche
  • Material der Nachrichtenagentur Reuters
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Von Katharina Weiß
DeutschlandLebensmittelRusslandUkraineWladimir Putin

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