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Wenn Papa und Mama Hass lehren

Von dpa
Aktualisiert am 03.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Eine verschleierte Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung verlÀsst eine Chartermaschine und betritt einen abgeschirmten Bereich der Bundespolizei am Flughafen (Symbolbild).
Eine verschleierte Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung verlÀsst eine Chartermaschine und betritt einen abgeschirmten Bereich der Bundespolizei am Flughafen (Symbolbild). (Quelle: Boris Roessler/dpa)
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Wer schon als Kind zum Hass auf vermeintlich "UnglĂ€ubige" erzogen wird, schĂŒttelt die dschihadistische Ideologie spĂ€ter nicht so einfach ab.

Die vor wenigen Tagen öffentlich verkĂŒndete Festnahme eines 20-jĂ€hrigen TerrorverdĂ€chtigen der zweiten Generation in Hamburg wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das Sicherheitsbehörden und Experten fĂŒr Deradikalisierung beschĂ€ftigt – auch mit Blick auf die Kinder von RĂŒckkehrerinnen aus dem frĂŒheren Herrschaftsgebiet der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Der Sohn eines bekannten radikalen Islamisten soll einen Anschlag in Deutschland vorbereitet haben. Der junge Mann soll versucht haben, eine Pistole, Munition und eine Handgranate zu kaufen. Bei der Durchsuchung der Wohnung eines Verwandten, die er nutzte, fanden Ermittler Chemikalien fĂŒr den Bau eines Sprengsatzes.

Der Vater kannte Mounir el Motassadeq sehr gut

Der bereits im August festgenommene Deutsch-Marokkaner aus Hamburg ist, soviel steht fest, schon frĂŒh mit dem gewaltbereiten Salafismus in Verbindung gekommen. Sein 2016 nach Marokko ausgereister Vater ging einst in der spĂ€ter geschlossenen Al-Quds-Moschee in Hamburg ein und aus. SpĂ€ter zĂ€hlte er zu den Besuchern der islamistischen Al-Taqwa-Moschee.

Der Vater kannte Mounir el Motassadeq sehr gut, ein Mitglied der sogenannten Hamburger Zelle um den Todespiloten Mohammed Atta, der 2001 eines der Flugzeuge in das World Trade Center in New York gesteuert hatte.

Eltern vor Gericht verurteilt

Das Hanseatische Oberlandesgericht hatte el Motassadeq wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 246 FÀllen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er wurde 2019, wenige Wochen vor dem Ende seiner regulÀren Haftzeit, nach Marokko abgeschoben.

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Von Safia S., die Anfang 2016 – damals war sie 15 Jahre alt – einen Polizisten im Hauptbahnhof Hannover mit einem KĂŒchenmesser niederstach, ist bekannt, dass sie als Kind zum Islamunterricht in eine von Salafisten dominierte Moschee geschickt wurde. Das Oberlandesgericht Celle hat sie wegen versuchten Mordes mit gefĂ€hrlicher Körperverletzung und UnterstĂŒtzung einer auslĂ€ndischen terroristischen Vereinigung zu einer sechsjĂ€hrigen Jugendstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof wies eine Revision gegen die Entscheidung im Jahr 2018 zurĂŒck.

Inwiefern die PrĂ€gung durch die Eltern bei gewaltbereiten Islamisten eine Rolle spielt, ist nicht immer klar. "In EinzelfĂ€llen ist so etwas bekannt", heißt es aus den Sicherheitsbehörden. Experten, die sich intensiv mit den Biografien von TerrorverdĂ€chtigen beschĂ€ftigen, werden sich vermutlich auch den Lebensweg des jungen Hamburgers, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, genauer anschauen. Bekannt ist auf jeden Fall, dass der Festgenommene im Herbst 2020 zurĂŒckgekehrt war, wohl um in Deutschland zu studieren. Einen Vorbereitungskurs bestand er jedoch nicht.

Manche Kinder stellen sich aber auch gegen die Eltern

Dass sich die Kinder radikaler Salafisten von der Ideologie der Eltern abwenden, ist allerdings genauso möglich. Das zeigt etwa der ungewöhnliche Fall eines Deutschen, dessen Vater dem Vorstand des 2017 verbotenen "Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim" angehörte.

Der Sohn eines PalĂ€stinensers lieferte dem jordanischen Geheimdienst Informationen aus dem Umfeld der von IS-AnhĂ€ngern frequentierten Moschee, wie das ThĂŒringer Oberlandesgericht spĂ€ter feststellte. Der damals 34-JĂ€hrige wurde 2019 wegen geheimdienstlicher AgententĂ€tigkeit zu einer BewĂ€hrungsstrafe verurteilt.

Daten von MinderjÀhrigen nur schwer zu erfassen

Eine systematische Beobachtung der Kinder von radikalen Islamisten, etwa bei denjenigen, die von der Polizei als sogenannte GefÀhrder eingestuft werden, gibt es nicht. Der Verfassungsschutz schaut sich die AktivitÀten der Nachkommen dieser Salafisten erst an, wenn sie selbst als Islamisten auffÀllig werden.

Und selbst dann sind die Möglichkeiten des Inlandsgeheimdienstes, Informationen zu speichern, sehr eingeschrĂ€nkt, sofern es sich um MinderjĂ€hrige handelt. Voraussetzung dafĂŒr sind "tatsĂ€chliche Anhaltspunkte", dass er oder sie eine besonders schwere Straftat plant, die zum Beispiel den demokratischen Rechtsstaat gefĂ€hrdet.

Außerdem sind die Informationen ĂŒber mutmaßliche Extremisten aus dieser Altersgruppe bei einer normalen Datenbankabfrage nicht auffindbar. Das heißt, die Geheimdienstmitarbeiter mĂŒssen schon wissen, dass sie existieren und wo sie abgelegt wurden. FĂŒr Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren gelten bei einer Speicherung zudem spezielle Löschfristen.

Keine Nachteile fĂŒr Kinder wegen familiĂ€rer Vergangenheit

Die Koalition von Union und SPD hatte 2016 die Altersgrenze fĂŒr die Speicherung von Daten von 16 auf 14 Jahre gesenkt. Drei Jahre spĂ€ter wollte der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sie dann ganz aufheben. Die SPD, die mit Nancy Faeser nun seine Amtsnachfolgerin stellt, war dagegen.

Die Gegner einer Senkung der Mindestaltersgrenze sagen: Wer durch die Indoktrination der Eltern oder eigene Verirrungen in der Kindheit auf dem Radar des Verfassungsschutzes landet, soll spĂ€ter deshalb keine Nachteile haben. Etwa bei den AuslĂ€nderbehörden. Oder wenn er sich als Erwachsener um eine Stelle bewirbt, fĂŒr die eine SicherheitsprĂŒfung verlangt wird.

Kinder in FlĂŒchtlingslagern salafistischer Indoktrination ausgesetzt

Das Bundesamt hielt den Wegfall der AltersbeschrĂ€nkung 2019 dennoch fĂŒr vertretbar und notwendig. Auch wegen der damals schon erwarteten RĂŒckkehr von Kindern, deren "Dschihadisten-Eltern" sich dem IS im Irak oder in Syrien angeschlossen hatten. Einige von ihnen haben Grausamkeiten hautnah miterlebt. Teilweise waren sie auch nach der Vertreibung der Terroristen noch in FlĂŒchtlingslagern salafistischer Indoktrination ausgesetzt.

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Zwischen August 2019 und Oktober 2021 wurden nach Angaben der Bundesregierung zwölf MĂŒtter und 42 Kinder – darunter einige Waisen – aus Lagern in Nordost-Syrien nach Deutschland geholt. Weitere ehemalige IS-AnhĂ€nger kamen mit ihren Kindern auf anderen Wegen nach Deutschland zurĂŒck.

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Von Jannis Große
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