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Karneval in Norddeutschland: Warum viele nichts damit anfangen können – Experte nennt Gründe


Kulturwissenschaftler klärt auf
"Die Norddeutschen können überhaupt kein Karneval"

  • Claudia Zehrfeld
InterviewVon Claudia Zehrfeld

Aktualisiert am 12.02.2024Lesedauer: 5 Min.
Interview
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Zum journalistischen Leitbild von t-online.
Trauriger Clown (Symbolbild): Ein Großteil der Norddeutschen hat keinen Bezug zum Karneval.Vergrößern des Bildes
Ein Clown zieht eine Schnute (Symbolbild): Ein Großteil der Norddeutschen hat keinen Bezug zum Karneval. (Quelle: Bettina Strenske/imago-images-bilder)

Die Karnevalssaison läuft auf Hochtouren, in Norddeutschland interessiert das kaum jemanden. Woran das liegt, erklärt ein Kulturwissenschaftler im Interview.

Kamelle fliegen, Bützchen werden verteilt, Menschen laufen in Kostümen durch die Straßen: Die fünfte Jahreszeit ist im Westen und Teilen Süddeutschlands der Hit. In Norddeutschland hingegen können viele mit Karneval oder Fasching gar nichts anfangen. Warum ist das so? t-online hat bei Professor Dr. Gunther Hirschfelder nachgefragt. Er ist vergleichender Kulturwissenschaftler und Karnevalsexperte.

t-online: Haben Sie jemals in Norddeutschland Karneval gefeiert?

Gunther Hirschfelder: Ich war gelegentlich schon im Norden unterwegs zu der Zeit. Aber Karneval gefeiert habe ich nur im Rheinland.

Weil die Norddeutschen nicht so gut Karneval feiern können?

Die Norddeutschen können überhaupt kein Karneval.

Wie meinen Sie das?

Karneval findet in Norddeutschland in einer begrenzten Form statt: Es ist ein Event, das an bestimmten Orten zeitterminiert und choreografiert durchgeführt wird – also nicht so stark in die Alltagskultur eingelassen ist wie etwa im Rheinland. Es ist ein Hybrid, der irgendwo zwischen altem Brauch in neuem Gewand, Festival und Volksfest liegt: Karneval im Norden ist ein Festival mit dekorativen Karnevalselementen. Aber bestimmte Formen, die es im Rheinland gibt, die lassen sich kaum übertragen.

Welche zum Beispiel?

Das sind ganz feine Unterschiede, die man entdeckt, wenn man genau hinschaut. Wir haben bei unserer Forschung in den Nullerjahren Stadtteile in Köln während des Karnevalszugs miteinander verglichen. Da gibt es zum Beispiel einen Stadtteil, in dem sich überwiegend Zugezogene aufhalten. Dort herrscht im Karneval kulturelle Orientierungslosigkeit. Das Interagieren läuft nicht so richtig, die Leute, die da hinkommen, sind Zuschauer.

So wie es auch die Norddeutschen im Kölner Karneval wären?

Ja, es sei denn, sie wären studentisch gekleidet. Denn wenn man sich im Vergleich dazu etwa ein Studentenviertel anschaut, dann verändern sich diese Gruppierungen. Da haben sie eine niedrigschwellige Form der Anbahnung einer vorübergehenden Paarbeziehung – um es im Soziologendeutsch auszudrücken. Zum Beispiel steht eine Gruppe von Studierenden vor einer Kneipe. Und gegenüber auf der anderen Straßenseite eine weitere. Da kommt mal einer rüber und tanzt eine Runde mit. Oder man gibt sich ein Küsschen auf die Wange. Die Leute merken untereinander, wer sie sind und was läuft. Dieses Erkennen ist anders. Da habe ich in den letzten Jahren immer wieder beobachtet: Mischen sich Gruppen von jungen Leuten mit Migrationshintergrund unter, sind sie zwar mit dabei, sie werden aber sofort als Außenseiter erkannt.

Gunther Hirschfelder
Gunther Hirschfelder (Quelle: privat)

Zur Person

Gunther Hirschfelder, Jahrgang 1961, ist Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Als gebürtiger Gummersbacher ist er "gelernter Rheinländer", wie er selbst sagt. Zu seinen Forschungsgebieten zählt unter anderem der Karneval. Hirschfelder lebt in Bonn.

Was prägt den Karneval in Köln noch?

Da kann man mal hinübergehen und zu einem Mädchen sagen "Dein Glas ist ja noch ganz voll, ich nehme mal direkt die Hälfte." Das machen Fremde eher nicht. Zudem ist es total altersgemischt. Da werden die Leute mit dem Rollstuhl hingefahren und haben eine Pappnase auf. Die Leute tanzen herum und sagen "Trink doch eene mit" oder "Oma, willste Bützchen?" Das kann ich mir an der Alster nur schwer vorstellen.

Und warum können die Norddeutschen kein Karneval?

Weil es dort nicht so verankert ist. Wenn wir uns das kulturhistorisch ansehen, ist die Sache ganz klar: Der Karneval – oder je nach Region Fasching oder Fastnacht – markiert eine vorgegebene Fastenzeit. Und die Fastenzeit und damit auch der Karneval sind katholische Angelegenheiten. In Norddeutschland befinden wir uns aber im protestantisch geprägten Raum. Dort ist man gegen das Fasten. Karnevalfeiern ergibt allerdings überhaupt keinen Sinn, wenn ich das vorösterliche Fasten nicht habe.

Wie hat sich der Karneval im Rheinland entwickelt?

Im späten 18. Jahrhundert ist der Karneval in katholischen Gegenden ein aussterbender Brauch, der auf einmal als altmodisch gilt. Als 1815 die preußische Besatzung kommt und das Rheinland preußisch wird, lehnen sich die Rheinländer auf. Und erfinden sozusagen den Straßenkarneval und den Sitzungskarneval – mit den Uniformen, die eine Persiflage auf die preußischen Besatzungstruppen und ihre Uniformen sind. Deshalb gibt es diese Tänze mit Stippeföttchen und diese Verballhornung des Militärischen.

Und dann?

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird Karneval zum Identifikationspunkt einer rheinischen, bürgerlichen und handwerklichen Gesellschaft. Im 20. Jahrhundert wird die Welt zunehmend globalisierter und digitalisierter. Als Gegenpol dazu erlangt das Regionale in den 1990ern erneut mehr Bedeutung. Heimat ist wieder angesagt. So nimmt der rheinische Karneval ab dem späten 20. Jahrhundert noch mal so richtig an Fahrt auf. Weite Teile Westdeutschlands und Südwestdeutschlands können sich mit ihm identifizieren. Er findet hier im Prinzip von der Säuglingsstation bis auf die Palliativstation statt.

Aber warum ist dieser Identifikationspunkt nicht weiter in den Norden geschwappt?

In Norddeutschland haben wir andere Siedlungsstrukturen. Dort galt lange das Anerbenrecht. Das heißt: Der Älteste erbt den Hof. Dadurch gab es dort viele große Höfe und eine immer stärkere gesellschaftliche Spaltung und Hierarchisierung. Stellen Sie sich einmal die Gegend zwischen Hannover, Bremen und Hamburg vor, mit diesen großen Hofanlagen. Wie wollen Sie da eine gemeinsame Feierkultur haben? Der Großbauer feierte wohl kaum mit dem Knecht. Das ist im Rheinland bei der großen Landzersplitterung seit fränkischer Zeit anders.

Und wenn wir im Norden versuchen, Karneval zu feiern: Ist das dann kulturelle Aneignung?

Ich finde den Begriff kulturelle Aneignung schwierig, das ist so ein Modebegriff. Ich würde es Diffusion nennen, eine Diffusion von Kulturelementen. Wir leben in einer überregulierten Gesellschaft, in der wir permanent dazu aufgefordert werden, uns korrekt zu verhalten und korrekt zu ernähren. Da bietet Karneval eine Art Ventil. Und es gibt eben auch im Norden ein Bedürfnis nach Gemeinschaftsstiftung, nach Sinngebung, nach gemeinsamem Musikhören.

Gibt es ebenso ein Bedürfnis, sich zu kostümieren?

Wir sehen bundesweit eine Tendenz, sich zu bestimmten Anlässen zu kostümieren. Nicht mehr nur an Karneval, auch etwa an Silvester. Oder denken Sie an den Ugly Christmas Sweater zu Weihnachten. Es gibt über das Jahr verteilt viele Verkleidungsmotive. Die haben wir auch in Norddeutschland – zum Beispiel im Fußballstadion, in Wacken oder bei den Reichen, die auf Sylt spazieren gehen. Schließlich ist auch das eine Art von Verkleidung. Mit Foucault gesprochen: Wir sehen die Welt als Bühne und auf dieser Bühne verkleiden wir uns in irgendeiner Form.


Quotation Mark

Es ist normal, dass Menschen versuchen, aus ihrem Alltag auszubrechen und in andere Rollen zu schlüpfen.


Prof. Dr. Gunther Hirschfelder


Sie haben sehr viel im Karneval geforscht. Was ist denn das Faszinierende daran – so für die Norddeutschen erklärt?

Die Fähigkeit eines Kulturmusters, sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg den Bedürfnissen der Bevölkerung anzupassen, mit der Zeit zu gehen. Es gibt viele Traditionen, die wir komplett verloren haben, aber der Karneval ist nach wie vor präsent.

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Und was noch?

Ich finde es ebenso faszinierend, wie sehr Menschen das Bedürfnis nach Vergemeinschaftung, nach Geselligkeit, nach Solidarität haben. Und das spiegelt sich eben im Rheinland vor allem im Karneval. Die Menschen wünschen sich Akzeptanz, weniger soziale Unterschiede. Sie möchten etwas zusammen machen, sie wollen nicht den ganzen Tag nur daddeln. Auch heute noch ist bei vielen im Bewusstsein: Jetzt machen wir einen drauf und danach wird gefastet.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hirschfelder.

Alaaf!

Verwendete Quellen
  • Telefoninterview mit Gunther Hirschfelder
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