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Zülpicher Straße in Köln: "Seit Corona werden die Leute immer aggressiver"

Sorge um Zülpicher Straße  

"Seit Corona werden die Leute immer aggressiver"

Von Tim Hildebrandt

10.08.2021, 10:06 Uhr
Zülpicher Straße in Köln: "Seit Corona werden die Leute immer aggressiver". Vor dem "Späti" treffen sich hunderte Feiernde: Mit den Corona-Lockerungen hat sich die Situation auf der Zülpicher Straße zugespitzt. (Quelle: Tim Hildebrandt)

Vor dem "Späti" treffen sich hunderte Feiernde: Mit den Corona-Lockerungen hat sich die Situation auf der Zülpicher Straße zugespitzt. (Quelle: Tim Hildebrandt)

Auf der Zülpicher Straße in Köln wurde ein 18-Jähriger erstochen. Die Feiermeile gilt für manche als neuer Krisenherd der Stadt. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Samira El Bar steht gemeinsam mit zwei Freunden auf der Zülpicher Straße. Vor ihnen breitet sich die Gedenkstätte für den 18-jährigen Joel aus, der am 31. Juli an der Ecke Dasselstraße erstochen wurde. "Er war ein sehr guter Mensch", sagt sie, die ihn jahrelang persönlich kannte. "Er war beliebt und hatte echt was drauf. Er hatte solch ein großes Herz." Tränen steigen ihr in die Augen, selbst eine Woche nach der Tat kann sie die Situation nur schwerlich greifen.

"Es ist unglaublich, was hier passiert ist", meldet sich einer der zwei Freunde zu Wort, ein ehemaliger Klassenkamerad Joels. Auch er ringt um Worte – und doch sprudeln sie nur so aus ihm heraus. Wie es dazu kommen konnte? Das wisse er selbst nicht. "Es gibt viele Gerüchte, in alle Richtungen", sagt er. Ein Flaschenwurf soll bei der tödlichen Auseinandersetzung eine Rolle gespielt haben. Nachdem zunächst ein 16-Jähriger nach der Tat festgenommen worden war, gilt jetzt dessen 17-jähriger Cousin als der Hauptverdächtige, der das Messer gezückt haben soll.

Für den ehemaligen Klassenkameraden von Joel gilt eines als sicher: "Die Zülpicher Straße hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall ins Negative verändert. Freitags und samstags geht es hier immer ab. Das weiß jeder."

Die Gedenkstätte für den verstorbenen Joel bei Nacht: Hier war der 18-Jährige am vergangenen Wochenende erstochen worden. (Quelle: Tim Hildebrandt)Die Gedenkstätte für den verstorbenen Joel bei Nacht: Hier war der 18-Jährige am vergangenen Wochenende erstochen worden. (Quelle: Tim Hildebrandt)

Es ist Samstag, der 7. August – eine Woche nach der tödlichen Attacke. 23.32 Uhr. Von einer entspannten Lage auf der Feiermeile des Kwartier Latäng in Köln ist kaum zu sprechen. Der Platz vor dem "Späti" ist rappelvoll, Menschen drängen sich dicht an dicht und feiern ausgelassen. Der Alkohol fließt, besoffene Menschen taumeln über die Straße, tanzen auf ihr und hängen sich an vorbeifahrende Autos. Die Straßenbahn hat Schwierigkeiten, sich ihren Weg durch die Feierwütigen zu bahnen. Eineinhalb Jahre Stillstand liegen hinter den meisten Anwesenden. Das muss offensichtlich kompensiert werden.

Corona als Eskalationstreiber

Dass die Corona-Zeit an der vermeintlich eskalierenden Situation auf der Zülpicher Straße ihren Anteil trägt, darin sind sich die Gastronomen auf der Straße einstimmig einig. "Corona hat dazu geführt, dass die Menschen jetzt einfach ordentlich feiern möchten", analysiert der Chef des Ferkulum die Situation. Sein Imbiss liegt genau gegenüber des Ortes, an dem Joel vor einer Woche erstochen wurde. "Wenn man mich fragt, hat sich erst seit Corona die Lage zugespitzt. Vorher war alles normal, wie seit Jahren schon."

Ein Barkeeper des "Mojitos" sieht das etwas anders. Die lateinamerikanische Cocktailbar ist seit jeher ein beliebter Anlaufpunkt auf der Straße und vor Jahren selbst einmal Tatort einer Messerstecherei gewesen. "Die Situation hier auf der Straße wird seit Jahren immer schlimmer", sagt er. Namentlich möchte er nicht genannt werden.

"Vorher war die Stimmung schon angespannt, aber seit Corona werden die Leute immer aggressiver. Mittlerweile beschäftigen wir zwei Türsteher, das war vorher definitiv nicht nötig." Konsens besteht dahingehend in der Forderung nach einer erhöhten Polizeipräsenz. "Die Polizei muss öfters auf der Straße patrouillieren", fordern beide. Sie müsse zeigen, dass sie anwesend sei und keinerlei gewalttätigen Ausschweifungen toleriere.

Die Polizei fährt Streife – und wird nur ausgelacht

Das tut sie an jenem Abend. Vor der Kirche "Herz Jesu" am Zülpicher Platz stehen vier Einsatzwagen der Polizei, die die Feiermasse schon bei der Ankunft begrüßen. Streifenwagen fahren in regelmäßigen Intervallen die Straße rauf und runter und zeigen Präsenz. Auf Anfrage bestätigt ein Polizeisprecher, dass man die Präsenz an der Zülpicher Straße erhöht habe. An den Ringen hingegen sei zurzeit weniger Bedarf, die Clubs dort haben nicht geöffnet, weshalb es hier derzeit weniger Konfliktpotenzial gebe.

Die Polizei war mit zahlreichen Kräften vor Ort: Weil an den Ringen weniger los ist, haben auch die Beamten ihren Einsatzort verlagert. (Quelle: Tim Hildebrandt)Die Polizei war mit zahlreichen Kräften vor Ort: Weil an den Ringen weniger los ist, haben auch die Beamten ihren Einsatzort verlagert. (Quelle: Tim Hildebrandt)

Im Kwartier Latäng nehmen die Feiernden allerdings kaum von den Polizisten Kenntnis. "Die können sowieso nichts ändern", sagt einer zu seinem Freund. Beide lachen.

0:20 Uhr. Die Situation wird immer angespannter. Volltrunkene stützen sich an Häuserwänden und Tischen ab, Flaschen fliegen durch die Luft und zersplittern mit einem lauten Knall auf dem harten Asphalt. "So voll ist es sonst nicht", äußert sich ein Feiernder. "Ich hätte nie gedacht, dass so viele Leute hierhin kommen", eine andere. Vom entspannten Semestertrinken, mit dem ehemalige Studierende das Kwartier Latäng in liebevoller Erinnerung wähnen, ist keine Spur mehr.

Die Schlange zum "Hillebrands" wird immer länger statt kürzer, die Wortwahl auf der gesamten Straße immer deftiger. In den Seitenstraßen rollen sich vereinzelte Grüppchen ihre Joints, während laute Musik aus den Cocktail- und Shisha-Bars dröhnt.

Auseinandersetzungen wegen Nichtigkeiten

Die Polizei unterbindet eine Auseinandersetzung vor der "Flotte": Immer wieder kommt es zu Streitereien, am nächsten Tag werden die Beamten aber bilanzieren: "Keine besonderen Vorkommnisse" (Quelle: Tim Hildebrandt)Die Polizei unterbindet eine Auseinandersetzung vor der "Flotte": Immer wieder kommt es zu Streitereien, am nächsten Tag werden die Beamten aber bilanzieren: "Keine besonderen Vorkommnisse" (Quelle: Tim Hildebrandt)

Es ist auch die Uhrzeit, zu der sich an jenem Abend die erste Auseinandersetzung ergibt. Vor der "Flotte" gehen sich zwei Gruppen gegenseitig an die Gurgel und beleidigen sich mit Worten, die für die Nachwelt besser nicht niedergeschrieben werden. Der Streitpunkt: Eine verlorene Mütze. Minuten später löst die Polizei die Situation mit neun Einsatzkräften auf. Die Umherstehenden amüsieren sich derweil über das soeben gebotene Spektakel.

1:00 Uhr. Immer mehr Menschen pilgern auf die Zülpicher Straße zu. Eine Gruppe junger Männer trägt breitbeinig einen Ghettoblaster vor sich her, der die Musik aus den angrenzenden Läden übertönt. Frauen werden nach ihren Geschlechtsorganen benannt, billige Anmachsprüche scheinen Konjunktur zu haben. Die Polizei hat derweil alle Hände voll zu tun und hetzt über die Straße. Es sieht so aus, als würde sie in dieser Nacht noch öfter gebraucht. Wer die Zülpicher Straße von früher kennt, wird Probleme haben, sie wiederzuerkennen.

Verwendete Quellen:
  • Beobachtungen und Gespräche vor Ort
  • Anfrage bei der Polizei Köln

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