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Uschi Glas zur Karl-May-Debatte: "Deutsche neigen zur Überempörung"


"Ich würde gerne wissen, was rassistisch war"

Von Reinhard Franke

Aktualisiert am 07.12.2022Lesedauer: 8 Min.
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Uschi Glas (Archivbild):
Uschi Glas (Archivbild): 1966 war die Schauspielerin als Apanatschi an der Seite von Winnetou zu sehen. (Quelle: IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON)
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Einst war eine Rolle bei "Winnetou" Uschi Glas' Durchbruch, dieses Jahr arbeiteten sich viele an dem Film ab. Im Interview bezieht sie Stellung – und erzählt von sexueller Gewalt.

Uschi Glas wurde 1966 als Apanatschi in "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" bekannt. Ihren endgültigen Durchbruch hatte sie dann 1968 als Barbara in der Filmkomödie "Zur Sache, Schätzchen".

Heute engagiert sich die 78-Jährige, die in München wohnt, neben der Schauspielerei für soziale Zwecke. Glas ist Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins BrotZeit e.V. Zudem macht sie sich für die Deutsche Hospiz Stiftung (heute Deutsche Stiftung Patientenschutz) stark, die sich für die betroffenen Menschen und ihre Rechte einsetzt.

Im Interview mit t-online spricht sie über die Aufregung um Karl May und die Winnetou-Filme, die #MeToo-Debatte, Altersdiskriminierung von Frauen in der Filmbranche – und verrät ihren Lieblingsplatz in München.

t-online: Frau Glas, Sie haben als junges Mädchen die Apanatschi in Karl Mays Winnetou gespielt. Im Herbst kam der neue Film "Der junge Häuptling Winnetou" in die Kinos, passend dazu sollten Bücher erscheinen, die jedoch vom Ravensburger-Verlag wieder vom Markt genommen wurden. Wie denken Sie über die Rassismuskritik an dem Klassiker, die dabei aufkam?

Uschi Glas: Das ist so lächerlich, dass dieses Thema gar keinen Platz einnehmen sollte. Ich finde es traurig, dass der Ravensburger-Verlag wegen einiger Leute seine Bücher zurücknehmen und einstampfen wird. Gerade Karl May hat für ein Miteinander gestanden. Winnetou und Old Shatterhand waren Blutsbrüder und haben versucht, die verschiedenen Gruppen zu einen. Ich finde es auch schade, wenn man heute nicht mehr sagen soll, wo man ursprünglich herkommt. Ich kann diesen Ärger wegen Karl May nicht nachvollziehen.

Was meinen Sie damit, dass man gar nicht mehr sagen darf, wo man herkommt?

Es ist leider oft so, dass man nicht fragen darf, wo jemand herkommt, weil das diskriminierend sein könnte. Ich würde nie im Leben darauf kommen, dass ich es in irgendeiner Form diskriminierend meine. Es interessiert mich einfach, wo mein Gegenüber herkommt und welche Tradition sie oder er gelebt hat. Wenn ich gefragt werde, wo ich ursprünglich herkomme, sage ich gerne: "Ich komme aus Niederbayern". Ich bin stolz auf meine Wurzeln. Wir sind so ein buntes Volk und ich finde es toll, dass wir so viele verschiedene Kulturen bei uns haben. Wenn ich für meinen Verein BrotZeit an die Schulen komme, da ist es schön zu sehen, wie wunderbar bunt gemischt diese Kinderschar ist.

Sie klingen verbittert, weil die Bücher eingestampft wurden.

Ich würde gerne mit einem der Verantwortlichen des Verlags sprechen und fragen, was in den Büchern so verwerflich war, dass man sie vom Markt genommen hat? Ich würde gerne wissen wollen, welche Stellen rassistisch oder skandalös waren. Es würde mich sehr freuen, wenn so ein Gespräch zustande käme.

"Deutsche neigen zur Überempörung"

Haben Sie in den vergangenen Jahren auch mal wieder die Karl-May-Filme angeschaut?

Als junges Mädchen habe ich natürlich Karl May gelesen, vor allem auch, weil mein Bruder die Bücher verschlungen hat. Ich habe mich riesig gefreut, dass ich die Probeaufnahmen für den Film "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" bestanden hatte und das Halbblut Apanatschi spielen durfte. Es war meine erste Hauptrolle und dann noch neben Pierre Brice, Lex Barker und Götz Georgedas war ein großes Abenteuer für mich. Ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück.

Sehen Sie Ihr Lebenswerk, Ihre Ehre durch die Karl-May-Debatte angekratzt?

Nein. Überhaupt nicht. Um Gottes Willen. Ich finde das einfach lächerlich. Ich will Karl May gar nicht verteidigen, er hatte eine blühende Fantasie, denn er war nie dort, worüber er geschrieben hat. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich finde es einfach nur traurig, dass die Deutschen oft zur Überempörung und zu voreiligen Reaktionen neigen.

Ist das ein generelles deutsches Problem?

Ich denke, wir sind oft geneigt, etwas Oberlehrerhaftes an den Tag zu legen. Das geht mir oft auf die Nerven. Wir wissen nicht immer alles besser.

Wie oft drehen Sie eigentlich noch?

Ich habe gerade einen Zweiteiler im Schwarzwald gedreht. Ich mache aber längst nicht alles, was ich angeboten bekomme. Aber was mir Spaß macht, das mache ich natürlich. "Max und die wilde 7" wollten wir schon vor zwei Jahren fortsetzen, das ging aber wegen Corona nicht. Wenn man mit Kindern dreht, kann man aber nicht riskieren, einfach länger eine Drehpause zu machen. Wir können nur in den Ferien drehen. Und "Fack ju Göhte" war für mich ein Glücksfall. Es ist so schön, jetzt auch von Kindern auf der Straße erkannt zu werden. Ich habe zuletzt eine kleine Episodenrolle für Netflix gedreht. Es freut mich, wenn Jungregisseure an mich herantreten.

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In der #MeToo-Frage "hat sich einiges getan"

Sind diese jungen Regisseure eigentlich anders drauf als einige ihrer Vorgänger, über die es in der #MeToo-Debatte viele skandalöse Geschichten gab?

Ich glaube tatsächlich, dass sich einiges getan hat. Wir sind auf einem guten Weg, die Gleichberechtigung hat Fortschritte gemacht, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Eine Schauspielerin muss heute nicht devot und dankbar sein, dass sie eine Rolle kriegt. Man geht auf Augenhöhe miteinander um. Man müsste aber junge Kolleginnen fragen, ob sich die Arbeit am Set geändert hat. Es gibt leider überall Menschen, die sich daneben benehmen. Wir haben schon einiges erreicht, aber der Weg ist noch lange nicht zu Ende.

Schade ist, dass solch schreckliche Taten wie Vergewaltigungen verjähren. Ich kenne viele Kolleginnen, die missbraucht wurden. Als die #MeToo-Debatte aufkam, waren diese Taten allerdings schon verjährt. Und sie fragten mich oft, was sie machen sollen. Ein Outing als Opfer hätte gar keinen Sinn ergeben, weil es nicht mehr relevant war. Vergewaltigung und sexueller Missbrauch dürfen nicht verjähren.

"Ich lasse mich nicht brechen"

Haben Sie in Ihrer Karriere auch so eine schlimme Erfahrung machen müssen, dass ein Regisseur Ihnen zu nahe kommen wollte?

Zum Glück nicht, ich hatte aber auch immer einen guten Instinkt. Als junge Schauspielerin sollte ich mal einen Regisseur treffen. Er wollte mich in seinem Hotelzimmer empfangen und meinte zu meiner Agentur, er wolle dort in Ruhe mit mir den Text durchgehen. Da gingen bei mir alle Alarmglocken an und ich meinte, es gebe doch sicher eine ruhige Ecke im Vierjahreszeiten (Hotel in München, d. Red.), wo man so etwas auch besprechen könne. Ich bin ganz bewusst nicht mit auf sein Zimmer. Ich habe seitdem mein Misstrauen geschärft.

Gab es eine andere unangenehme Situation?

Ein bekannter Regisseur, mit dem ich sehr gerne einen Film gemacht hätte, wollte mit mir zusammenarbeiten, sagte aber, er müsse mich vorher erst brechen, weil ich ihm vom Charakter zu stark war. Ich dachte mir: "Spinnt der?" Dann habe ich zu ihm gesagt: "Mach deinen Film ohne mich, ich lasse mich nicht brechen". Ich habe immer aufgepasst. Mein Job sollte sich nie so auf mich auswirken, dass meine Persönlichkeit darunter leidet. Ich wollte mich von meinem Beruf nie verschlingen lassen.

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Sie sind jetzt 78 Jahre alt. Haben Sie ein komisches Bauchgefühl, wenn es ums Älterwerden geht?

Nein. Ganz im Gegenteil. Ich sehe das anders als viele Menschen. Es ist ein großes Geschenk, dass ich 78 Jahre alt sein darf. Ich bin Gott sei Dank gesund. Wenn Leute mir sagen, "mir graut davor, 70 zu werden", dann sage ich oft mit einem Augenzwinkern: "Dann musst Du vorher sterben". Es ist doch super, dass man älter werden darf.

Sie haben beim deutschen Seniorentag 2021 einmal darüber gesprochen, wie man das Alter sinnvoll gestalten kann. Wie denken Sie aktuell darüber?

2009 haben mein Mann und ich mit Freunden den Verein BrotZeit gegründet und es uns da zur Aufgabe gemacht, Kindern zu helfen. Jeden Tag versorgen wir mit unseren Senioren in ganz Deutschland über 14.000 Kinder mit einem reichhaltigen Frühstück vor dem Schulbeginn. Man muss sich Aufgaben stellen, das glaube ich ganz fest. Einfach warten, bis der Tag vergeht, ist eine große Gefahr. Die Seniorinnen und Senioren, die wir aus ihrer Einsamkeit rausgeholt haben, freuen sich jetzt wieder über eine Struktur in ihrem Tag, wenn sie zu den Kindern in die Schulen gehen können. Sie sind nicht nur für die Kinder da, sondern aus dieser Arbeit entwickeln sich neue Freundschaften unter den Senioren.

Sie ärgern sich über Altersdiskriminierung von Frauen in der Filmbranche. Warum?

Es wird einfach nicht nachgedacht. Ein Mann wird auch dann noch gebucht, wenn er schon im gesetzteren Alter ist. Markante Gesichtszüge, graue Haare – da wirkt das immer cool. Bei einer Frau darf man das gar nicht sagen. Es ist einfach ungerecht. Warum kann ich nicht auch eine ältere Kommissarin spielen, die schon das eine oder andere Fältchen hat? Das ärgert mich schon.

Sie galten früher als Sexsymbol. Was finden Sie im Alter sexy?

Ich mag das Wort sexy nicht so sehr. Ich denke aber, dass ich mit mir selber sehr kritisch bin. Ich will fit und dynamisch sein und neugierig bleiben. Ich möchte einfach mittendrin sein und etwas erleben. Ich bin dreifache Oma und das hält mich total lebendig. Ich bin sehr dankbar und demütig. Und bin wirklich glücklich.

Das ist Uschi Glas' Lieblingsplatz in München

Reporter Reinhard Franke traf Uschi Glas zum Interview am Schloss Nymphenburg in München (Archivbild): Glas blickt auf eine lange Karriere zurück und auf viele Ereignisse in jüngster Vergangenheit.
Reporter Reinhard Franke traf Uschi Glas zum Interview am Schloss Nymphenburg in München: Glas blickt auf eine lange Karriere zurück und auf viele Ereignisse in jüngster Vergangenheit. (Quelle: Reinhard Franke)

Hängen Sie noch sehr an alten Drehorten, besuchen diese auch mal – oder haben Sie schnell mit der Rolle abgeschlossen?

Ich denke nicht zurück an die Rolle, aber die Erinnerungen kommen wie gesagt hoch. Mit Elmar (Wepper, Anm. d. Red.) haben wir "Unsere schönsten Jahre" in der Ismaninger Straße gedreht, da war auch unsere Filmwohnung. Es gibt dort immer noch ein kleines Café und ich erinnere mich daran, wie wir damals dort immer unsere Brotzeit gemacht haben. Der Eisbach ist auch so ein Ort, an den ich gerne zurückdenke. Da war der erste Wellenreiter für das Schätzchen.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in München?

Ich gehe gerne im Nymphenburger Schlosspark spazieren, genieße es dort, weil da noch richtig Natur pur ist. Ich setze mich dann gerne auf eine Bank und lasse die Seele baumeln. Ich liebe die Buchen über alles und freue mich, wenn die Farbe des Laubs wechselt. Das ist fantastisch. Und ich freue mich schon jetzt auf den Frühling, wenn alles hellgrün erblüht.

Würden Sie gerne noch mal eine Serie drehen wie "Unsere schönsten Jahre"?

Liebend gern. Auch gerne wieder mit Elmar. Ich habe so viel mit ihm gedreht und wir haben uns immer gut verstanden. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man viel Zeit miteinander verbringt. Elmar ist ein toller Kollege, er war immer top vorbereitet. Mit ihm würde ich sofort wieder drehen. Früher galt eine Serie immer als schwierig, weil da für viele immer wenig Qualität dahintersteckte. Heute ist das nicht nur wegen Netflix ganz anders. Serien sind mittlerweile sehr angesagt.

Gehen Sie heute eigentlich anders an Ihre Rollen heran als früher?

Ich mache es genauso wie früher. Erst mal lese ich nur und dann fange ich an, den Text zu lernen. Und dafür gehe ich am liebsten in den Wald, weil ich in der Bewegung am besten lernen kann. Da habe ich mein Textbuch dabei und es klappt mit dem Lernen besser als daheim. Am Schreibtisch werde ich schnell zappelig.

Und gibt es einen Fehler, den Sie bereuen?

Ich bereue nichts. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich mich nicht selber hintergehe, sondern bei mir bleibe. Ich wusste immer, was mir guttut und was nicht.

Sie waren im vergangenen Jahr im Video "Armin Laschet wird Kanzler" dabei. Wie kam es denn dazu?

Ich kenne Herrn Laschet von unserer Aktion BrotZeit, weil wir auch in NRW Schulen mit Frühstück beliefern. Ich habe ihn als sehr sympathischen, aufmerksamen und engagierten Menschen erlebt und nicht als jemanden, der nicht wahrnimmt, was um ihn herum passiert. Mir tat es leid, dass er nicht Kanzler wurde, aber wir leben nun mal in einer Demokratie. Ich war in Berlin eingeladen und da hat irgendeiner dieses Video gedreht. Das darf ja heutzutage leider jeder. Ich wurde nicht gefragt, ob das für mich okay ist. Das hat mich verletzt.

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Wie empört waren Sie wirklich, dass Sie in dem Video aufgetaucht sind?

Ich finde es unmöglich, dass jemand ein Video macht und dann ungefragt ins Netz stellt. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls habe ich mich über die Einladung gefreut und Herrn Laschet gerne unterstützt.

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Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Uschi Glas
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Von Christof Paulus
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