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GP in Saudi-Arabien: Sport zwischen Moral und Millionen

Von dpa
24.03.2022Lesedauer: 3 Min.
Auf der Rennstrecke in Dschidda wird zum zweiten Mal ein Formel-1-GP ausgetragen.
Auf der Rennstrecke in Dschidda wird zum zweiten Mal ein Formel-1-GP ausgetragen. (Quelle: Hasan Bratic/dpa./dpa)
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Dschidda (dpa) - Die Frage nach den Massen-Hinrichtungen im nÀchsten Gastgeberland pariert der Formel-1-Chef mit bewÀhrter Routine.

"Die Nachrichten sind natĂŒrlich ziemlich alarmierend. Ich glaube fest daran, dass der Sport die Menschenrechte ins Zentrum stellen sollte, wie auch das Land, in das wir gehen", beteuert Stefano Domenicali vor dem Rennen in Saudi-Arabien. Weiterfahren heißt dennoch die Devise fĂŒr die Rennserie, auch wenn das Königreich gerade erst binnen eines einzigen Tages 81 Menschen hingerichtet hat.

Der Umgang der Formel 1 mit Saudi-Arabien, das am Sonntag in Dschidda zum zweiten Mal einen Grand Prix erlebt, steht stellvertretend fĂŒr das Dilemma des Sports. Auf der Suche nach frischem Geld und neuen MĂ€rkten haben sich Sportbetrieb und Rechte-Inhaber lĂ€ngst reihenweise auch an zweifelhafte Partner gebunden. "In einer idealen Welt passen die eigenen Werte mit denen der Investoren und sponsernden Marken zusammen, in der RealitĂ€t spielt aber eben auch der Finanzbedarf eine gewichtige Rolle", sagt Mathias Bernhardt, GeschĂ€ftsfĂŒhrer beim Forschungs- und Beratungsunternehmen Nielsen Sports.

Russland-Deal aufgekĂŒndigt

Olympia in Peking, die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar, der Einstieg des saudischen Staatsfonds bei Newcastle United - bei der Auswahl von Gastgebern und Finanziers sind im Sport Moral und Menschenrechte nicht immer die Gewinner. "Was aber auch klar ist, dass alle am Ende mehr Geld brauchen, um das Entertainment zu finanzieren, das die Fans eben auch sehen wollen", erklĂ€rt Experte Bernhardt die heikle Motivlage.

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Den lukrativen Deal mit Russland hat die Formel 1 unter dem Druck des Ukraine-Krieges und der harten Sanktionen aufgekĂŒndigt. Weder dieses Jahr in Sotschi noch wie eigentlich vereinbart ab 2023 in Wladimir Putins Heimat St. Petersburg wird die Rennserie fahren. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass auch Saudi-Arabien seit Jahren einen Krieg im Jemen fĂŒhrt. Dieser hat eine der schlimmsten aktuellen humanitĂ€ren Katastrophen ausgelöst.

Kurz vor dem Grand Prix griffen jemenitische Huthi-Rebellen mehrere Ziele in Saudi-Arabien an, darunter eine Anlage von Aramco nahe Dschidda. Der Ölkonzern ist einer der grĂ¶ĂŸten Geldgeber der Formel 1. Bei Sebastian Vettels Team Aston Martin tritt der Energieriese, der weitgehend im staatlichen Besitz ist, als Titelsponsor auf.

"Man kann ganz klar an der Entwicklung der letzten Jahre sehen, dass gerade Staaten aus dem arabischen Raum das nicht nur als Sportengagement, sondern als politische Strategie verstehen. Sie wollen sich ĂŒber das positiv besetzte Thema Sport, die Emotionen, die Fans ein positiveres Image verschaffen", sagt Fachmann Bernhardt.

Auch gute GeschĂ€fte mit dem Fußball

Saudi-Arabien gab vor drei Monaten als vierter Gastgeber in dieser Weltregion sein Formel-1-DebĂŒt. Auch Abu Dhabi, Bahrain und Katar haben langfristige VertrĂ€ge mit der Rennserie geschlossen. Auch diesen LĂ€ndern werfen Organisationen wie Amnesty International VerstĂ¶ĂŸe gegen die Menschenrechte, die UnterdrĂŒckung Oppositioneller und die EinschrĂ€nkung der Meinungsfreiheit vor.

Aber auch König Fußball macht hier gute GeschĂ€fte. Abu Dhabi hat mit seinen Investitionen Manchester City laut Berechnungen der Beratungsgesellschaft Deloitte zum umsatzstĂ€rksten Club Europas gemacht. Katar leistet sich seit Jahren das Star-Ensemble von Paris Saint-Germain und lĂ€dt im Winter zur WĂŒsten-WM. Mit saudischem Geld will nun auch Newcastle United nach dĂŒrren Jahren in der Premier League wieder durchstarten.

Mit seinem Reformprogramm "Vision 2030" will sich Saudi-Arabien bis zu jenem Jahr unabhĂ€ngiger machen vom Öl - auch durch Investitionen im Ausland und eben im Sport. Die Formel 1 kassiert angeblich fĂŒr zehn Jahre 900 Millionen US-Dollar AntrittsprĂ€mie. Human Rights Watch kritisiert Engagements wie dieses scharf: "Saudi-Arabien hat in der Vergangenheit immer wieder prominente Persönlichkeiten und internationale Großveranstaltungen genutzt, um von seinen weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen abzulenken."

Top-Sportereignisse als TĂŒröffner

Saudi-Arabiens Sportminister hĂ€lt dieses Bild seines Landes fĂŒr verfĂ€lscht. Das islamisch-konservative Königreich wolle sich zu einer besseren Gesellschaft entwickeln, betont Prinz Abdulaziz Bin Turki Al-Faisal. "Wir sind nicht perfekt, aber das ist niemand. Wir bewegen uns in die richtige Richtung", sagt er. Top-Sportereignisse wĂŒrden dem Land auf seinem Weg der Öffnung helfen, lĂ€sst der Minister vor dem Rennen wissen.

SportfunktionĂ€re ihrerseits kontern Kritik oft mit dem Verweis, dass der Sport unpolitisch sei. Formel-1-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Domenicali versichert zudem: "Der Fakt, dass wir vor Ort sind, richtet das Scheinwerferlicht auf Themen, die sonst an anderer Stelle in den Nachrichten auftauchen wĂŒrden."

Rekord-Weltmeister Lewis Hamilton drĂ€ngt seine Fahrerkollegen, ihre Reichweite bei Fans zu nutzen, um auf MissstĂ€nde hinzuweisen. "Es muss unsere PrioritĂ€t sein, gemeinsam Druck fĂŒr einen langanhaltenden Wandel zu machen", sagt der Mercedes-Pilot. Wie so oft bleibt nur die Frage, inwiefern diese Stimmen das Motorengetöse in Dschidda ĂŒbertönen können.

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