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Vor HSV gegen Kiel – Ralf Becker: "Angst vor nächstem Tiefschlag schwingt mit"

INTERVIEWEx-Manager Becker  

"Beim HSV schwingt Angst vor dem nächsten Tiefschlag mit"

08.06.2020, 18:11 Uhr
Vor HSV gegen Kiel – Ralf Becker: "Angst vor nächstem Tiefschlag schwingt mit". Timo Letschert am Boden: Der HSV-Verteidiger zittert mit seinem Klub um den Aufstieg. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Timo Letschert am Boden: Der HSV-Verteidiger zittert mit seinem Klub um den Aufstieg. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Im vergangenen Jahr verpasste Ralf Becker den Aufstieg mit dem HSV. Im Interview mit t-online.de spricht der 49-Jährige über die schwierige vergangene Saison und darüber, was er sich für die Zeit nach Corona wünscht. 

Am heutigen Montagabend empfängt der Hamburger SV zum Abschluss des 30. Spieltags Holstein Kiel. Ralf Becker kennt beide Vereine bestens. Von 2016 bis 2018 war der 49-Jährige verantwortlicher Geschäftsführer Sport bei Holstein Kiel, ehe er nach der verpassten Relegation mit den "Störchen" zum HSV wechselte. 

Ralf Becker: Der ehemalige Sportvorstand des HSV verpasste vergangenes Jahr den Aufstieg mit den Hamburgern. (Quelle: imago images/Sven Simon)Ralf Becker: Der ehemalige Sportvorstand des HSV verpasste vergangenes Jahr den Aufstieg mit den Hamburgern. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Dort erlebte er als Sportvorstand das erste Jahr des HSV in der zweiten Liga aus nächster Nähe. Es endete mit dem Verpassen des Aufstiegs und seiner eigenen Entlassung vor knapp einem Jahr jäh. 

Im Interview spricht Becker über die schwierige vergangene Spielzeit und verrät, wem er im Duell seiner Ex-Vereine die Daumen drückt. Doch auch über mögliche Folgen der Corona-Krise spricht Becker, äußert sich zu den Anti-Rassismus-Statements in der Bundesliga und schlägt nachdenkliche Töne an. 

t-online.de: Herr Becker, die Schere zwischen Bundesliga und zweiter Liga geht immer weiter auseinander. Wird sich daran nach der Corona-Krise etwas ändern? 

Ralf Becker (49): Ich würde es mir auf jeden Fall wünschen, bei der Krise aber nicht nur den Fußball allein betrachten. Wir sehen, was gesamtgesellschaftlich gerade los ist. Jeder von uns lebte vor der Corona-Krise quasi seinen Alltag in seiner Blase. Auf einmal macht es peng, und alles steht still. Da ist die Zeit da, gewisse Dinge zu hinterfragen. Ich frage mich schon manchmal, ob wir vielleicht auf dem falschen Weg sind.

Was meinen Sie damit konkret?

Mir geht es um das Miteinander, im Sport, in der Gesellschaft. Der persönliche Umgang beim Gewinnen und Verlieren. Der Sieg ist oft das Einzige, was zählt. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig vielleicht nicht immer alles schwarz-weiß gesehen wird. Aber ich weiß, dass man unter Umständen schnell wieder in alte Muster verfällt. Diese Gefahr besteht, auch bei mir.

Zuletzt haben sich in der Bundesliga Spieler wie Dortmunds Jadon Sancho oder auch Gladbachs Marcus Thuram öffentlich klar gegen Rassismus positioniert. Der DFB-Kontrollausschuss ermittelte trotzdem, was teilweise für Unverständnis sorgte.

Wir sind alle als mündige Bürger gefragt. Mein Eindruck ist: Die Menschen werden wieder politischer. Zuvor dominierte der Gedanke: "Es gibt schon jemanden, der sich um uns kümmert." Mittlerweile muss man selbst die Initiative ergreifen. Da sind wir alle im Sport gefordert und wir können etwas bewegen. Ich hoffe, dass sich jeder angesprochen fühlt, wieder mehr und stärker nicht nur seine Meinung zu sagen, sondern auch Haltung zu zeigen und sich zu positionieren. Insbesondere in einer Zeit, in der viel Aufruhr herrscht.

Marcus Thuram: Der Gladbach-Stürmer zeigte mit seinem Jubel nach dem Treffer zum 2:0 gegen Union Berlin am 31. Mai Solidarität mit dem ermordeten Amerikaner George Floyd. (Quelle: AP/dpa/Martin Meissner)Marcus Thuram: Der Gladbach-Stürmer zeigte mit seinem Jubel nach dem Treffer zum 2:0 gegen Union Berlin am 31. Mai Solidarität mit dem ermordeten Amerikaner George Floyd. (Quelle: Martin Meissner/AP/dpa)

Sehen Sie sich in einer privilegierten Situation?

Dass wir hier in Deutschland so leben können, wie wir leben, ist nicht selbstverständlich. Der Wohlstand, die Demokratie, all das. Unsere Geschichte hat gezeigt, was für Entwicklungen es geben kann. Es ist unsere Aufgabe, alles dafür zu tun, Hass und Diskriminierung entschieden entgegenzutreten. 

Würden Sie sich wünschen, dass sich auch die Vereine geschlossener und klarer positionieren?

Ich habe aktuell den Vorteil, die Entwicklung von außen betrachten zu können und die Dinge aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu sehen – und nicht in der Position eines Vereinsfunktionärs zu sein. Als Vorstand bei einem Klub bist du in erster Linie auf deinen Klub konzentriert. Von außen ist der Blickwinkel auf diverse Themen deutlich breiter. 

Ihr letzter Klub war der HSV, der heute Abend auf Ihren anderen Ex-Verein Holstein Kiel trifft. Vor knapp zwei Jahren lautete so die erste Partie für den HSV in der Zweitliga-Geschichte – und die Premiere ging gewaltig schief. Was haben Sie für Erinnerungen an das 0:3 im Volkspark?

Vor Saisonbeginn der Spielzeit 18/19 herrschte beim HSV eine wahnsinnige Euphorie, trotz des ersten Abstiegs in der Geschichte. Unsere Vorbereitung lief auch ordentlich. Alle haben auf diese Partie hingefiebert. Spätestens nach den 90 Minuten sind wir dann aber auf dem Boden der Tatsachen der zweiten Liga angekommen.

Nach zehn Spielen folgte damals überraschend die Trennung von Trainer Christian Titz – obwohl der HSV nur einen Punkt hinter Platz drei und zwei Punkte hinter Tabellenführer Köln lag.

Es war unsere Aufgabe, die Situation kritisch zu bewerten. Wir sahen in der damaligen Lage unsere Saisonziele stark gefährdet. Daraufhin folgte dann die Trennung von Christian Titz und die Verpflichtung von Hannes Wolf. Das hat unter ihm dann temporär auch gut funktioniert.

Ex-HSV-Trainer Hannes Wolf (l.) mit Ex-HSV-Sportvorstand Ralf Becker: Für beide war zum Ende der Saison 2018/2019 Schluss in Hamburg.  (Quelle: imago images/Jan Huebner)Ex-HSV-Trainer Hannes Wolf (l.) mit Ex-HSV-Sportvorstand Ralf Becker: Für beide war zum Ende der Saison 2018/2019 Schluss in Hamburg. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Am Ende reichte es dennoch nicht für den Aufstieg. Auf den furiosen 4:0-Derbysieg beim FC St. Pauli im März des vergangenen Jahres folgten acht Spiele ohne Sieg – und nur Platz vier zum Saisonende.

Wir waren lange auf einem guten Weg, sind aber zum Saisonende brutal eingebrochen. Wir als handelnde Personen waren uns immer bewusst, wie eng es bis zum Schluss bleiben würde. Aber ehrlich gesagt: Die Siege, die wir zuvor eingefahren haben, waren auch nicht immer überzeugend. Dass wir den Aufstieg verpasst haben, war am Ende für alle wahnsinnig enttäuschend.

Auch in der aktuellen Rückrunde kam der HSV nach der Corona-Pause nicht optimal zurück, gewann nur eine seiner vier Partien und droht erneut den Aufstieg zu verpassen. Könnte der HSV ein drittes Jahr zweite Liga überhaupt verkraften?

Wissen Sie, wenn ein Klub lange Zeit negative Phasen durchlebt, dann muss man sich irgendwann von dieser Negativität frei machen. Wenn das Umfeld ständig mit dem Misserfolg assoziiert wird, dann darf sich diese Mentalität aber nicht auf die handelnden Personen übertragen.

Was meinen Sie damit genau?

Es ist bei großen Traditionsvereinen allgemein so, dass es schnell unruhig wird. Bei anderen Vereinen herrscht in engen Situationen das Motto "Wir kriegen das schon hin". Bei Klubs wie dem HSV heißt es eher: "Das wird wieder nichts." Die Leute, die jetzt aktiv sind, können aber relativ wenig für die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Ich bin überzeugt davon, dass die handelnden Personen in der aktuellen Phase intern ruhig bleiben und weiter Optimismus verbreiten werden. Das ist auch richtig so.

Wie kann der HSV diese Negativspirale der vergangenen zehn Jahre stoppen?

Den HSV-Fans ist in den vergangenen Jahren wahnsinnig viel abverlangt worden, keine Frage. Umso beeindruckender, wie sie weiterhin hinter dem Klub stehen, auch wenn der Klub derzeit auf die Unterstützung im Stadion verzichten muss. Der Support ist und bleibt außergewöhnlich. Trotzdem sitzt die Enttäuschung der letzten Jahre natürlich tief. Da schwingt auch immer die Angst vor dem nächsten Tiefschlag mit. Das zu ändern, ist nicht einfach, wäre aber wichtig.

Geschäftsführer Ralf Becker: Im Mai 2018 scheiterte er mit Holstein Kiel in der Relegation am Hamburger SV.  (Quelle: imago images/Eibner)Geschäftsführer Ralf Becker: Im Mai 2018 scheiterte er mit Holstein Kiel in der Relegation am Hamburger SV. (Quelle: Eibner/imago images)

Dazu wäre ein Aufstieg sicher hilfreich. Was sagt Ihr Bauchgefühl?

Auch wenn ich nicht mehr dabei bin, drücke ich dem Verein weiterhin die Daumen und bin davon überzeugt, dass es am Ende reichen wird. Als Zweiter oder dann über die Relegation.

Apropos Relegation: In den vergangenen elf Jahren setzte sich neunmal der Bundesligist durch, Sie selbst scheiterten mit Kiel 2018 am VfL Wolfsburg. Sind Sie ein Befürworter der Relegation?

Ich sehe in der Relegation einen fairen sportlichen Wettbewerb. Auch in der zweiten Liga sind mit dem VfB und dem HSV finanzkräftige Teams dabei, die mit den Bundesligaklubs mithalten können. Lassen Sie uns die Relegationsspiele doch erst einmal abwarten. Die Aufstiegsregelung finde ich an sich absolut in Ordnung. Aber klar, man könnte überlegen, zum englischen Modell überzugehen und die Plätze drei bis sechs den Aufstieg ermitteln zu lassen.

So funktioniert der Aufstieg in die Premier League
Platz eins und zwei der Championship (zweite englische Liga) steigen direkt auf, die Dritt- bis Sechstplatzierten ermitteln den dritten Aufsteiger. In Play-offs mit Hin- und Rückspiel spielen der Dritte gegen den Sechsten und der Vierte gegen den Fünften. Das jeweils schwächere Team hat im ersten Spiel Heimrecht. Die Auswärtstorregel gibt es nicht. Die jeweiligen Gewinner der Partien ermitteln den Sieger und Aufsteiger in einem Endspiel im Wembley-Stadion.

Wem drücken Sie im Duell Ihrer Ex-Klubs heute Abend die Daumen?

Natürlich wünsche ich beiden Mannschaften immer das Beste. In der aktuellen Situation sind die drei Punkte für den HSV aber wichtiger.

Verwendete Quellen:

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