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30 Jahre Mauerfall: Union- und Hertha-Fans einig: Es gibt nur ein geeintes Berlin

30 Jahre Mauerfall  

In den Köpfen der Fans gibt es kein Ost-West-Derby mehr

07.11.2019, 14:39 Uhr
30 Jahre Mauerfall: Union- und Hertha-Fans einig: Es gibt nur ein geeintes Berlin. Einig: Fans von Union Berlin und Hertha BSC auf einer gemeinsamen Dampferfahrt zum Derby. (Quelle: imago images/Matthias Koch)

Einig: Fans von Union Berlin und Hertha BSC auf einer gemeinsamen Dampferfahrt zum Derby. (Quelle: Matthias Koch/imago images)

Deutschland feiert 30 Jahre Mauerfall. Bereits eine Woche vor dem 9. November kam es im einst geteilten Berlin zum ersten Bundesliga-Derby zwischen Union und Hertha. Deren Fans halten nichts vom Ost-West-Denken.

Am 9. November ist es exakt 30 Jahre her, seitdem die Berliner Mauer sich öffnete und zusammenwuchs, was zusammengehört. Die Metropole an der Spree wurde wieder eins, auch wenn nicht wenige Menschen in der einst geteilten Stadt noch immer im teilenden Ost-West-Denken festzustecken scheinen. 

Dieses Denken befeuerte auch der Bundesliga-Aufstieg Union Berlins. Die Köpenicker schafften 2019 erstmals den Sprung in die deutsche Fußball-Elite und sind derzeit der einzige Vertreter, der auch in der ehemaligen DDR aktiv war. Schnell wurden die Eisernen zum Paradebeispiel Ost ernannt: Während andere DDR-Traditionsvereine wie Dynamo Dresden, Hansa Rostock und Energie Cottbus auch aufgrund finanzieller Instabilität und Fehlentscheidungen der Vergangenheit sich immer weiter von der Bundesliga entfernten, robbte sich Union durch Beharrlichkeit und gesundes Wirtschaften in die erste Liga – gerade pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Berlin-Derby als "Fußball-Klassenkampf"?

Es war abzusehen, dass es Stimmen geben würde, die die Verlegung des für den 2. November angesetzten Berliner Derbys auf das historische Datum 9. November fordern würden. Dass diese Stimme jedoch ausgerechnet die der Hertha sein werde, verwunderte insbesondere Union-Präsident Dirk Zingler. Der Boss der Köpenicker polterte daraufhin im Interview mit der "Berliner Zeitung": "Diesem Spiel eine Art Freundschaftsspielcharakter zu geben, nach dem Motto: Wir spielen jetzt hier einen auf deutsche Einheit, das finde ich absurd." Schließlich, so Zingler weiter, sei das Derby "Fußball-Klassenkampf".

Es waren nicht zuletzt Zinglers Aussagen, die dem Aufeinandertreffen der beiden so grundverschiedenen Berliner Vereine im Vorfeld weitere Schärfe verlieh. Das spürt man dann auch, als man sich am 2. November auf den Weg zum Stadion an der Alten Försterei macht. Bereits am Bahnhof Ostkreuz im Stadtteil Friedrichshain ist die Polizei in Kampfmontur präsent, Sonderzüge aus Charlottenburg mit Hertha-Anhängern rasen ohne Halt durch die Station, während Unioner das Gleis in ein einheitliches Rot färben. Ist Berlin etwa 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch eine geteilte Stadt? Wenn nicht im politischen System, dann im Fußball?

Berliner Bundesliga-Derby? "Längst überfällig"

Hannes Keller hält diesen Gedanken für Quatsch. Der gebürtige Ostberliner steigt am Ostkreuz um, auch er ist auf dem Weg ins Stadion an der Alten Försterei. Er sieht den heutigen Spieltag auch als Feiertag – unabhängig vom Datum. "Es ist schön und längst überfällig, dass es das Duell Union gegen Hertha in der Bundesliga gibt. Das ist nicht nur für die Liga, sondern vor allem für Berlin gut." 

Unglückliche Aussagen im Vorfeld der Partie: Union-Präsident Dirk Zingler. (Quelle: imago images/Bernd König)Unglückliche Aussagen im Vorfeld der Partie: Union-Präsident Dirk Zingler. (Quelle: Bernd König/imago images)

Zinglers Wortwahl kann der 31-jährige Union-Fan nichts abgewinnen. Natürlich würden die "Eisernen" immer der Underdog im Duell mit Hertha sein, erklärt Keller und schiebt nach: "Aber das ist noch lange kein Grund, diese Partie zum Duell zwischen Ost- und West-Berlin aufzubauschen. Es gibt nämlich nur ein einziges, geeintes Berlin – und darüber sollten wir alle froh sein."

"Unioner kommen aus Köpenick, Herthaner aus Berlin"

Verständnis für Zinglers Begriff "Fußball-Klassenkampf" hat derweil Julian. Der 20-Jährige steht vor der Union-Fankneipe "Abseitsfalle" im Schatten der Alten Försterei und sagt: "Hertha präsentiert sich als der Hauptstadtklub, als Großstädter, während Union sich vor allem über und mit Köpenick und den dort lebenden Arbeitern identifiziert. So ist der Fußball nun einmal. Man versucht jedem Duell ein Label aufzuerlegen", gibt Julian achselzuckend zu Protokoll und zieht weiter in Richtung Flutlicht.

Dieses Unions-Bild als "die Köpenicker" wird vom Hertha-Anhang mit Kusshand aufgegriffen. In der aufgeheizten und latent aggressiven Stimmung um die Alte Försterei ist es schwierig, mit Herthanern ins Gespräch zu kommen. Wird man nicht direkt abgewiesen, beschränkt sich die Reaktion auf die Frage, ob dieses Derby 30 Jahre nach dem Mauerfall tatsächlich ein "Fußball-Klassenkampf" und ein Duell zwischen Ost und West sei, auf einen bei Anhängern der "Alten Dame" beliebten Sprechchor: "Unioner kommen aus Köpenick, Herthaner aus Berlin."

"Sollten uns nicht gegenseitig unnötig emotionalisieren"

Dieser eine Satz beantwortet sogleich auch die Frage nach dem Selbstbewusstsein des Hertha-Anhangs. Sie sehen sich als weltgewandte Großstädter, während die Fans von Union Berlin für sie nichts weiter als Vorstädter sind. Eine solche Distinktion vom Lokalrivalen ist im Fußball nichts Außergewöhnliches, dass sie bei den Hertha-Fans jedoch zu keiner Zeit – weder vor noch während der Partie – über die historische Teilung Berlins funktioniert, ist mindestens bemerkenswert. Es scheint ganz so, als sähe der Hertha-Anhang, 30 Jahre nach dem Mauerfall, in Union tatsächlich nicht einen Ost-Klub, sondern einzig und allein einen Stadtrivalen.

"Es ist doch super, dass uns der Mauerfall so vereint hat", sagt Daniel Wendland. Der gebürtige Westberliner steht mit seinem Hertha-Fanschal vor der Haupttribüne der Alten Försterei und freut sich auf das erste Bundesliga-Derby der beiden Vereine aus seiner Heimatstadt. Auch in der einsetzenden Dämmerung in Köpenick erkennt man noch das Glänzen in seinen Augen, als er betont: "Wir sollten aufhören, uns gegenseitig unnötig zu emotionalisieren und uns noch viel mehr darüber freuen, dass wir endlich ein so tolles Stadtderby haben."

"Ich hoffe, dass diese Partie unserer Stadt und der gesamten Bundesliga noch viele Jahre erhalten bleibt", stellt Wendland klar, bevor er sich in Richtung Stadioninneres verabschiedet.

Das Derby endet mit einem 1:0 für Union. Einziger Wermutstropfen bei dem Aufeinandertreffen ist die Randale der Hertha-Ultras, die kurz vor Spielende Leuchtgeschosse in den Union-Block feuern. Auch die Union-Anhänger zündeln, einige versuchen nach dem Spiel sogar den Platz zu stürmen. Torwart Rafal Gikiewicz muss sie stoppen.

Doch nach den Gesprächen mit den Fans ist deutlich geworden, dass sich darin zwar die große Rivalität eines Stadtderbys zeigt – aber kein Ost-West-Denken. Entscheidend ist, dass es diese Partie, Union gegen Hertha, überhaupt gibt. In der Bundesliga. Im geeinten Berlin.

Verwendete Quellen:

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