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"Franz sagte: 'Berti, ich habe da großen Mist erzĂ€hlt'"

Eine Kolumne von Berti Vogts

Aktualisiert am 11.09.2020Lesedauer: 5 Min.
Franz Beckenbauer als DFB-Teamchef 1988. t-online.-Kolumnist Berti Vogts erinnert sich an die gemeinsame Zeit.
Franz Beckenbauer als DFB-Teamchef 1988. t-online.-Kolumnist Berti Vogts erinnert sich an die gemeinsame Zeit. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Zum Geburtstag der deutschen Fußball-Ikone erinnert sich t-online-Kolumnist Berti Vogts an einen Anruf bei Johan Cruyff, eine dreiste Ausrede – und an einen Pool-Bau in Italien.

Seinen 75. Geburtstag feiert Franz Beckenbauer an diesem Freitag. Ich kenne Franz seit meinem 17. Lebensjahr. Unsere jahrzehntelange Freundschaft bedeutet mir sehr viel. Mit ihm verbinde ich viele unschÀtzbare Erinnerungen.


Der "Kaiser" wird 75: Die große Karriere des Franz Beckenbauer

Welt- und Europameister, Europapokalsieger, Pop-Ikone: Franz Beckenbauer ist eines der grĂ¶ĂŸten Fußball-Idole Deutschlands. Nun wird der "Kaiser" 75 Jahre alt. t-online blickt auf sein bewegtes Leben zurĂŒck.
Als Sohn des PostobersekretĂ€rs Franz Beckenbauer Senior und dessen Frau Antonie wird der kleine Franz am 11. September 1945 in MĂŒnchen-Giesing geboren. Beckenbauer zeigt das Geburtshaus in der Zugspitzstraße 6.
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"Wer mich ĂŒberholt, ĂŒberlebt das nicht"

Wir haben zusammen in der Jugendauswahl des DFB gespielt – das war das erste Mal, dass wir einen Spieler sahen, der "falsch" Fußball gespielt hat. Wir Deutschen spielten den Ball ja immer mit der Innenseite oder dem Vollspann – und Franz war wie ein Brasilianer, der machte fast alles nur mit dem Außenrist. Das war sensationell. SpĂ€ter standen wir beide im vorlĂ€ufigen 40er-Kader fĂŒr die WM 1966 in England – er schaffte es ins endgĂŒltige Aufgebot, ich nicht –, und mein Gladbacher Trainer Hennes Weisweiler und ich schauten uns dann das Training an, und er sagte stĂ€ndig "Schau Dir den Franz an! Schau Dir den Franz an! Der ist nur ein Jahr Ă€lter als Du."

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Denn obwohl ihm immer alles so leicht von der Hand zu gehen schien: Es war harte Arbeit, er hat sich im Training immer unglaublich reingehĂ€ngt. Als wir nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR in der Gruppenphase bei der WM 1974 15 Extrarunden laufen mussten, setzte sich Franz an die Spitze. Er bestimmte von da an das Tempo und sagte in Richtung der jĂŒngeren Spieler, die auf ihre Chance lauerten: "Wer mich ĂŒberholt, ĂŒberlebt das nicht."

Cruyff fragte: "Warum rufst Du mich an?"

Franz ging immer vorneweg, aber er hat auch immer das Beste fĂŒr seine Mitspieler gewollt. Beim Finale 1974 dann sollte die Siegermannschaft 22 Autos von VW bekommen. Ich glaube, Wolfgang Overath war der erste, der das in der Mannschaft herumerzĂ€hlte und fragte: "Wer bekommt die denn eigentlich?" Irgendjemand sagte dann, die Autos seien nur fĂŒr den DFB, nicht fĂŒr die Spieler.

GrĂ¶ĂŸter Triumph als Spieler: Vogts und Beckenbauer nach dem gewonnenen WM-Finale 1974 in MĂŒnchen.
GrĂ¶ĂŸter Triumph als Spieler: Vogts und Beckenbauer nach dem gewonnenen WM-Finale 1974 in MĂŒnchen. (Quelle: /imago-images-bilder)

Das wollte Franz nicht auf sich sitzen lassen. Er sagte mir, ich solle Johan Cruyff von unserem Finalgegner Niederlande anrufen – wir kannten uns von unserem gemeinsamen Sponsor Puma. Er ging ans Telefon und fragte verwundert: "Warum rufst Du mich an?". Ich sagte: "Morgen im Finale sprichst Du sowieso nicht mit mir, deshalb. Sag mal, diese VWs, sind die fĂŒr den Verband?" Johan antwortete: "Uns wurde gesagt, die sind fĂŒr uns Spieler." Das erzĂ€hlte ich Franz, der telefonierte dann mit dem DFB und kam wenig spĂ€ter zu uns: "Wenn wir Weltmeister werden, bekommen wir die Autos." Das schwarz-grĂŒne Cabriolet war dann ein schönes Geschenk fĂŒr meinen Bruder.

Man hat Franz schon 1978 Unrecht getan

Man hat Franz nicht erst mit der Geschichte um das SommermĂ€rchen viel Unrecht getan in Deutschland, sondern schon viel frĂŒher. Ich denke an die WM 1978, bei der er fehlte. Franz war ja damals zu Cosmos New York gewechselt, und dadurch durfte er nicht mehr fĂŒr Deutschland spielen. Damals war es noch so, dass nur Bundesligaspieler nominiert wurden. So ein Blödsinn! Heute ist das unvorstellbar. Ich als KapitĂ€n sprach damals mit Bundestrainer Helmut Schön, und er zuckte mit den Schultern: "Berti, ich kann das nicht entscheiden, da sind der Verband und die Liga gefragt."

Franz Beckenbauer (l.) mit Teamkollege Pelé bei Cosmos New York 1977: Der Wechsel in die USA kostete den "Kaiser" die WM 1978.
Franz Beckenbauer (l.) mit Teamkollege Pelé bei Cosmos New York 1977: Der Wechsel in die USA kostete den "Kaiser" die WM 1978. (Quelle: /imago-images-bilder)

Ich unterhielt mich mit vielen Spielern, und alle stimmten mir zu: Es kann doch nicht sein, dass man auf so einen Spieler verzichtet, nur weil er im Ausland spielt. In der Zwischenrundengruppe gegen die sehr starken Österreicher bekamen wir dafĂŒr die Quittung (2:3, Anm. d. Red.). Ich sage: Mit Franz hĂ€tten wir das Spiel damals nicht verloren. Und so ist die Stimmung dann so weit gekippt, dass sich dort etwas beim DFB getan hat. Scherzhaft kann man sagen: In dieser Beziehung war es ein GlĂŒck, dass wir so frĂŒh ausgeschieden waren.

"Berti, mach Dir keine Sorgen"

Franz hatte auch als Teamchef immer seine eigene Art und blieb sich treu. Der klassische, akribische Fußballlehrer war er nie. Eines Nachts klingelte mal das Telefon, es war zwei Monate vor der WM 1990. Franz war dran und sagte mir: "Du fliegst Samstag mit Flavio Battisti (damaliger DFB-Teamkoordinator, Anm. d. Red.) nach Italien, es ist schon alles organisiert." Wir sollten unsere Gruppenspiele eigentlich in Verona austragen, aber Franz erzĂ€hlte mir, die Fifa habe die deutschen Spiele wegen des Mauerfalls in Deutschland in das grĂ¶ĂŸere Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand verlegt. Jetzt sollte ich also so kurz vor der WM dorthin und ein neues Quartier organisieren.

Trainerduo: Vogts (l.) und Beckenbauer im Vorfeld der WM 1990.
Trainerduo: Vogts (l.) und Beckenbauer im Vorfeld der WM 1990. (Quelle: /imago-images-bilder)

Nach langer Suche fanden wir ein Hotel, 30 bis 40 Kilometer von Mailand weg. Da waren aber schon die WM-Schiedsrichter untergekommen. Da sagte der Hotelier zu mir: "Mein Bruder hat auch noch ein Hotel" – und das wurde dann tatsĂ€chlich unser Quartier. Aber es hatte einen Haken: Franz wollte immer, dass wir zur Regeneration auch einen Swimming Pool bekommen – dieses Hotel hatte aber keinen. Und Franz sagte einfach: "Berti, mach Dir keine Sorgen. Wir bauen dort einen Pool." Der DFB finanzierte dort also wirklich den Bau eines Pools. Und als es fĂŒr uns dann spĂ€ter nach Rom weiterging, hat er dem Hotelier einfach den Pool geschenkt. So ist Franz.

Einen Satz nahm ich ihm ĂŒbel

FrĂŒher gab es jedes Jahr eine Trainertagung aller Bundesligatrainer mit dem Bundestrainer, die dann als Fortbildung angerechnet wurde. Franz aber zweifelte, was er auf so einer Tagung sollte: "Berti, ich bin doch kein Trainer." Ich antwortete: "Komm einfach zur BegrĂŒĂŸung, und danach hast Du dann noch irgendetwas Wichtiges zu tun oder musst irgendwohin fliegen." Franz wirkte dann ganz befreit: "Ja ja, genau!" Da saßen TrainergrĂ¶ĂŸen wie Udo Lattek, und Franz entschuldigte sich einfach so. Einmal kam er spĂ€ter zurĂŒck und lud die ganze Runde ein: "Was sollen wir hier weiter ĂŒber Fußball reden! Jetzt gehen wir schön zusammen essen." Das war die schönste Trainertagung, an die ich mich erinnern kann.

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Nur einen Spruch habe ich ihm – mit einem Augenzwinkern – ĂŒbelgenommen: 1990, nachdem er als Teamchef aufgehört hatte und ich neuer Bundestrainer wurde, da sagte er diesen Satz: "Die deutsche Mannschaft wird auf Jahre hinaus unschlagbar sein" – auch wegen der Spieler aus der ehemaligen DDR, die zu uns kommen wĂŒrden. Eine Stunde spĂ€ter rief er mich an und sagte: "Berti, ich glaube, ich habe da großen Mist erzĂ€hlt. Es tut mir so leid." Auf Jahre hinaus unschlagbar – und dann wurde ihm klar: Diese Spieler wĂŒrden eine gewisse Zeit brauchen, um sich einzufinden. Genauso kam es dann auch.

Vogts (r.) und Franz Beckenbauer bei einer Feier zum 20. JubilÀum des WM-Titels von 1990 im Jahr 2010: Die beiden verbindet eine lange Freundschaft.
Vogts (r.) und Franz Beckenbauer bei einer Feier zum 20. JubilÀum des WM-Titels von 1990 im Jahr 2010: Die beiden verbindet eine lange Freundschaft. (Quelle: /imago-images-bilder)

Es war wohl eines der wenigen Male, dass Franz falsch lag. Ich sage immer: Der Franz ist ein Geschenk vom lieben Herrgott. Dass Fußball-Deutschland auf der ganzen Welt so bekannt und beliebt ist, das ist auch sein Verdienst. Was Franz fĂŒr den DFB, fĂŒr Bayern MĂŒnchen und den Fußball ĂŒberhaupt gemacht hat – das ist sensationell. Genau wie der Mensch Franz Beckenbauer.

Und daran sollte man sich in Deutschland erinnern an seinem 75. Geburtstag.

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